SPK Komplex

ein Film von Gerd Kroske

Deutschland 2018, 111 Minuten, deutsch Originalfassung

FSK 6

SPK Komplex

1970 gründete der Arzt Wolfgang Huber in Heidelberg mit Patienten das „Sozialistische Patientenkollektiv“, kurz SPK. Die antipsychiatrisch ausgerichtete Gruppe kritisierte die damalige Behandlung von psychisch Kranken als „Verwahr-Psychiatrie“ und verknüpfte innovative Therapiemethoden mit politischen Forderungen. Hubers Experiment fand bald viele Anhänger, führte aber auch zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Uni Heidelberg und der baden-württembergischen Landesregierung. Im Zuspitzen des Konflikts radikalisierte sich das SPK, Gerüchte über latente Verbindungen zur RAF wurden laut. Huber, seine Frau und weitere Mitstreiter wurden verhaftet und vor Gericht gestellt.

Die SPK–Prozesse nahmen in der Härte, mit der sie von beiden Seiten geführt wurden, die späteren Stammheim-Prozesse vorweg. Am Ende wurde das SPK zur kriminellen Vereinigung erklärt; Huber und seine Frau wurden zu langen Haftstrafen verurteilt und verloren ihre Approbationen. Seither haftet dem SPK der Ruf an, die RAF unterstützt zu haben. Dieser Ruf überlagert, worum es Huber und dem SPK eigentlich ging: um die Rechte von Patienten und um Therapien zur Selbstermächtigung.

In SPK KOMPLEX erzählt Regisseur Gerd Kroske (u.a. „Kehraus-Trilogie“, „Der Boxprinz“, „Heino Jaeger – Look before you kuck“, „Striche ziehen.“) über Interviews mit Hubers Weggefährten, mit Ermittlern, Richtern und Journalisten sowie über eine Fülle von unveröffentlichtem Archivmaterial die weitgehend unbekannte Geschichte des SPK und ihrer Folgen bis heute. Eine Geschichte vom Irresein und Irrewerden, von öffentlicher Wahrnehmung und den Mechanismen von Gewalt.

Trailer

Interview
Regisseur Gerd Kroske über seinen Film

Was hat Sie an dem Stoff gereizt und welche Fragen standen für Sie zu Beginn im Zentrum der Annäherung?

Mich reizen filmisch generell Situationen und Personen, an denen Umbrüche und Risse erlebbar sind – das Erfassen von Bruchstellen. Und die Bruchstellen bei diesem Filmstoff sind eklatant: die merkwürdige Symbiose des SPK zwischen sozialtherapeutischem Experiment und Agitation, die steten Verleumdungen und die später einsetzende Verfolgung ihrer Mitglieder und Patienten, die dann bis zur staatlichen Zerschlagung führte – und dies wiederrum offenbar zur Bereitschaft einiger Mitglieder, fortan im Untergrund zu leben und sich der RAF anzuschließen. Zu Beginn meiner Arbeit schien mir diese Konstellation undurchschaubar. Was konnte bei der Suche nach Selbstbestimmtheit von Psychiatriepatienten und Sympathisanten zu solch einer Radikalisierung beigetragen haben? Dabei ging es dem SPK doch vor allem um Selbstbestimmung und Partizipation. Und diese Themen sind natürlich nach wie vor sehr aktuell.
Der konkrete Impuls zu dem Projekt stammt aus der Lektüre eines Briefes von Gudrun Ensslin. Darin übt sie Kritik am SPK. Bezogen auf sich und andere RAF-Mitglieder heißt es darin: „Jeder von uns hatte nicht zu wenig, sondern zu viel SPK in sich, was die vergangenen Jahre betrifft.“ Gemeint war ein Scheitern. Den Brief schrieb sie 1972 in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim. Da war auch Wolfgang Huber bereits inhaftiert und saß im selben Gebäude, Zelle 109, in Erwartung seines Prozesses.

Wie kam es zur Entstehung des SPK? Und was kritisierte das SPK überhaupt an den herkömmlichen Therapieverfahren?

Die Entstehung hat seine Vorgeschichte in den Verwicklungen der deutschen Psychiatrie in dem Euthanasieprogramm T4 der Nazis, an dem auch Ärzte der Heidelberger Universität beteiligt waren, und im Westdeutschland der Nachkriegszeit. In den 60er Jahren formierte sich die Kritik an der nicht vorhandenen inhaltlichen und auch personellen Auseinandersetzung in der deutschen Psychiatrie mit diesen Themen. Hinzu kam, dass sich Widerstand gegen die klassische Verwahr-Psychiatrie formierte und die Forderung nach der Abschaffung der Zwangs-Psychiatrie lauter wurde. Dazu gab es auch in anderen Ländern Bestrebungen und Alternativangebote, etwa in England von R. D. Laing, in Italien von Franco Basaglia, in den USA von D. G. Cooper. In Frankreich hatte Foucault bereits 1961 mit „Wahnsinn und Gesellschaft“ ein Schlüsselbuch veröffentlicht, das sich damit beschäftigt, wann in der Zivilisation eine Trennung von Kriminellen und geistig Kranken vollzogen wurde und wann dann bestimmte psychische Verhaltensweisen als Abweichung markiert wurden. Vor diesem Hintergrund begann Wolfgang Huber in Heidelberg mit seinen Patienten neue Therapiemethoden zu erproben. Er nahm seine Patienten umfassend wahr und machte ihnen gruppentherapeutische Angebote.
Um Antworten auf die Frage zu finden, warum ein so spannendes und progressives therapeutisches Experiment wie das SPK gescheitert ist, muss man äußerst gründlich arbeiten, um nicht die gängigen und oft kolportierten Plattheiten über das SPK zu reproduzieren, die sich mitunter sogar in Standardwerken zur RAF und dem Deutschen Herbst finden. Wir hatten während der Dreharbeiten für das Team immer eine Handbibliothek mit im Gepäck: Bücher von Foucault, Basaglia und Laing waren dabei, die auch innerhalb des SPK gelesen wurden, und natürlich auch die von der Therapiegruppe selbst publizierten Info-Bände.

Wie kann man sich das Besondere der therapeutischen Arbeit des SPK vorstellen?

Neben den Publikationen sind mir am wichtigsten die Beschreibungen von ehemaligen Patienten und Unterstützern des SPK. Sie beschreiben: Es ging Huber vor allem um die Aufhebung des klassischen Arzt-Patientenverhältnisses. Zugleich hat sich das SPK – das übrigens aufgrund der universitären Konflikte anfangs den Namen „Hass-und Aggressionskollektiv“ trug und sich dann im Zuge der weiteren Beschäftigung mit dem Marxismus in „sozialistisch“ umtaufte – mit Marx‘ Entfremdungsbegriff beschäftigt und hier heraus geschlussfolgert, dass die kapitalistische Gesellschaft die Individuen krank mache. Ursachen hierfür gäbe es viele, also nannte das SPK die Verhältnisse mit Marx‘ Begrifflichkeit umfassend „depravierend“. Was die Gruppe letztendlich zur Schlussfolgerung führte, dass diese krankmachenden Verhältnisse verändert, ja zerstört werden müssten. Diese Haltung summiert sich in dem berühmten Slogan, der auch zum Buchtitel wurde: „Aus der Krankheit eine Waffe machen“.
Das wirklich Revolutionäre am SPK war aus meiner Sicht, dass Patienten sich gegenseitig in ihrer Betreuung halfen, dass ein Gruppenleben geführt wurde, das sich als hoch-solidarisch beschreiben lässt. Das Ganze verlief parallel zu einer ernsthaften Theoriebeschäftigung, also dem Studium von Hegel, Marx und Spinoza in verschiedenen Arbeitskreisen.
Medizingeschichtlich ist das SPK eigentlich eine Erfolgsgeschichte, denn vieles von dem, was damals im Ansatz entwickelt wurde, ist heute gängige Praxis, etwa die Idee der Patientenbetreuung auch durch Laien, die Gruppenwohnsituation von psychisch Kranken, der systemische Ansatz bei der Analyse von Krankheiten, die Auseinandersetzung mit dem Nazi-Erbe der deutschen Psychiatrie usw.
Es gibt einige Psychiater in Deutschland, die die SPK-Schriften kennen und den Ansatz des SPK noch heute für wertvoll halten. Man wünschte sich in den politischen Diskussionen um eine Bürgerversicherung und die medizinische Versorgung der Bevölkerung lautere Stimmen gerade von Psychiatern, Therapeuten und Medizinern. Die sind leider im öffentlichen Diskurs nicht mehr wirklich wahrnehmbar. Das war beim SPK anders. Die mischten sich ein!

Der Umgang mit Huber von Seiten der Universitätsleitung war sehr ambivalent: Zuerst wurde er als Assistenzarzt entlassen, bekam dann aber nach massiven Protesten nicht nur sein Gehalt weitergezahlt, sondern auch Räume zur Verfügung gestellt, um seine Patienten weiterbehandeln zu können. Wie lässt sich dieser widersprüchliche Umgang mit Huber und dem SPK erklären?

Der Fokus auf den nur universitären Konflikt greift eigentlich zu kurz. Als der liberale Theologe Rolf Rendtorff 1967 zum Rektor der Uni Heidelberg gewählt wurde, war das ein Zeichen einer neuen, progressiveren Hochschulpolitik. Doch schon Rendtorff wurde von vielen der alten Ordinarien gehasst und bekämpft. In einer seiner ersten Amtshandlungen sollte er der Entlassung des Assistenzarztes Huber zustimmen. Das tat er aber nicht und handelte mit Huber und seinen Patienten stattdessen den Kompromiss aus, dass die therapeutische Behandlung in den Räumen der Rohrbacher Straße weitergeführt werden kann, aber auch zum Abschluss kommen muss. An letztes hielt sich die Gruppe um Huber jedoch nicht. Ganz im Gegenteil wuchsen die Zahl der Patienten und unterstützenden Sympathisanten auf beinahe 500 Personen an. Durch gezielte Denunziationen beim Kultus- und Innenministerium in Baden-Württemberg, die von den Altordinarien ausgingen, wurde der „Fall Huber“ zum Politikum. Das heißt: Die Schließung des SPK und die drohende Räumung, sprich Beendigung des Experiments war spätestens ab September 1970 eine politische Entscheidung gegen ein linkes Projekt. In der als besonders konservativ geltenden Universität Heidelberg wollten die Alt-Ordinarien keinen Umbau der Universität erlauben, wie sie das neue Hochschulgesetz Ende der 60er Jahre eigentlich für ganz West-Deutschland vorgesehen hatte. Darin verankert war auch ein Macht- und Privilegien-Abbau der Ordinarien und die Einführung der studentischen Mitbestimmung. Huber ist mit seinem psychiatrischen Ansatz in Heidelberg auch in einen Stellvertreterkonflikt gezogen worden, der all diese progressiven Veränderungen spiegelte. Er wurde zum Hassobjekt seiner erzkonservativen Psychiatriekollegen.

Wie würden Sie den Verlauf der Radikalisierung des SPK beschreiben, und welche Rolle spielte Wolfgang Huber dabei?

Mit der Zeit wurde der politische Außendruck auf die Therapiegruppe immer größer. Und man darf nicht vergessen, dass es in der Mehrzahl psychiatrische Patienten waren, die sich um das SPK scharrten – Menschen, die therapeutische Hilfe außerhalb der Zwangspsychiatrie suchten. Neben der ökonomischen Bedrohung und der anstehenden Zwangsräumung erlebten sie eine permanente Bespitzelung durch die Polizei und den Verfassungsschutz. Eine Radikalisierung – wenn man das so nennen möchte – ist vor diesem Hintergrund durchaus nachvollziehbar. Interessant finde ich aber auch, dass es sich bei den Konfliktgegnern eigentlich um Psychiater und Mediziner handelte, also um Leute, die durch ihre Profession von Haus aus eigentlich mit Konfliktauflösung vertraut sein müssten. In Bezug auf das SPK schafften sie das aber überhaupt nicht. Das Scheitern des SPK war also umfassender und ging – und das ist das eigentlich Tragische – zu Lasten der Patienten.
Dass Huber um sich herum Leute versammelte, die ihm bei seiner therapeutischen Arbeit unterstützen und das Projekt SPK schützten, ist sehr nachvollziehbar. Das spätere Konstrukt von der vermeintlichen großen Verschwörung, bei dem auch der berühmte Paragraf 129 („Bildung einer kriminellen Vereinigung“) herangezogen wurde, sehe ich hingegen als eine staatsanwaltliche Narration. Erstaunlich an der Verfolgung und der publizistischen Kolportage über das SPK erscheint mir vor allem, dass „krank“ und „kriminell“ wieder zusammengeführt wurden. Da lohnt es Foucault neu zu lesen!

Im Film kommen Protagonisten zu Wort, die für sich einen Übergang vom SPK zur RAF beschreiben – und diesen mit der zunehmenden Kriminalisierung ihrer Arbeit und den sehr angespannten Zeitereignissen in Zusammenhang bringen.

Ganz sicher war der Hungertod von Holger Meins in der Haft für einige die Initialzündung für die persönliche Entscheidung in den Untergrund zu gehen. Dass das SPK zur Rekrutierungsstelle der RAF wurde, ist hingegen eine schlechte Kolportage von Wolfgang Kraushaar und Stefan Aust. Bei solchen Gerüchten hilft es, wenn man dem Ursprung der Behauptung nachgeht. Tatsächlich basiert der Begriff „Rekrutierungsstelle“ auf einer umfangreichen Aussage des BKA-Kronzeugen Gerhard Müller aus den Stammheim-Prozessen, der im Zuge dessen eine neue Identität erhielt. Der Wahrheitsgehalt seiner Aussagen ist später selbst vom BKA in Teilen in Frage gestellt worden. Ernstzunehmender sind Beschreibungen von Beteiligten, die auf ein sehr ambivalentes, ja auch abwertendes und kritisches Verhältnis zwischen SPK und der RAF verweisen. Schnittstellen und „Überschneidungen“, wie das einer meiner Protagonisten ausdrückt, gab es aber sehr wohl. Und natürlich lohnt es sich der Frage nachzugehen, inwieweit der Außendruck auf das SPK auch zu seiner inneren Dogmatisierung beigetragen hat.

War es schwierig, die Zeitzeugen von damals für Interviews zu gewinnen? Immerhin sind einerseits verurteilte RAF-Mitglieder wie Carmen Roll und Karl-Heinz Dellwo dabei; anderseits Ermittler und Richter von damals.

Das war in der Tat nicht ganz einfach. Bei diesem Film brauchte ich viel Geduld und Beharrlichkeit. Ich musste lernen, dass dieser Stoff bei vielen noch immer extrem angstbesetzt ist. Man stößt an Grenzen des Erzählbaren, weil entweder Materialien in Archiven weiterhin unzugänglich, da gesperrt, sind oder sich Mitbeteiligte gar nicht äußern möchten. Hinzu kommt: Einige Zeitzeugen leben inzwischen nicht mehr. Ich bin froh, dass einige ehemalige SPKler bereit waren, sich für den Film vor der Kamera zu äußern. Die größte Ablehnung habe ich bei den Alt-Ordinarien der Heidelberger Universität erfahren – Leute, die zu hohen Titeln und Ruhm gelangt sind. Vielleicht ist inzwischen bei einigen von diesen, die mittlerweile im hohen Alten sind, auch so etwas wie Scham für das eigene frühere Tun aufgekommen. Aus dieser Regung heraus wird die Verweigerung im Film selbst aufzutreten auch verständlich. Schließlich hatte die ganze Auseinandersetzung um die Verfolgung und martialische Auflösung des SPK weitreichende Folgen: Es gab Suizide, Berufsverbote, Verhaftungen und langjährige Haftstrafen. Und es gibt eine Nachschwingung dieses Themas, an dem ich bemerke: Es ist in keiner Weise aufgearbeitet, weder unter den Beteiligten noch unter den Verantwortlichen.
Tatsache ist: Wolfgang Huber und das SPK haben eine sehr wichtige therapeutische Arbeit geleistet. Das ist unbestreitbar, trotz aller Anfeindungen. Manche Errungenschaften finden sich heute wie selbstverständlich in der therapeutischen Praxis wieder. Viele von Hubers Kollegen haben ihn aber damals schlichtweg im Stich gelassen bzw. die Themen, die er mit dem SPK aufgriff (z.B. die Verantwortlichkeit der Psychiatrie in der Nazizeit) erst dann angefasst, als die schlimmsten Vertreter emeritiert waren, es also ungefährlich für die eigene Karriere war. Ein anderes Beispiel: 1975 wurde der Bericht der Enquete-Kommission zur Lage der Psychiatrie in Deutschland vorgelegt. Ein über 500-seitiger Bericht, in dem grauenhafte Psychiatrie-Zustände in der BRD beschrieben wurden. In diesem Dokument findet sich kein einziger Verweis auf die Therapiepraxis des SPK. Das verwundert einen aber nur solange, bis man herausfindet, dass der bestellte stellvertretende Kommissionsvorsitzende der Enquetekommission ein früherer Kollege Hubers war – und einer seiner größten Widersacher.

Wolfgang Huber kommt über alte Tonbandaufnahmen im Film zu Wort. Wieso hat es nicht geklappt, ihn für ein neues Interview vor die Kamera zu holen? Auf der Schlusstafel heißt es, er sei in Deutschland nicht mehr auffindbar …

Wolfgang Huber hat generell – bis auf die Ausnahme eines Zeitungsinterviews 1973 – prinzipiell nie Interviews gegeben. Die Bandaufnahmen sind ein Mitschnitt eines Teach-Ins an der Heidelberger Universität im Herbst 1970, als das SPK schon von der Schließung bedroht war. Auch wenn ich kein Porträt über Huber drehen wollte, war es wichtig, diese Aufnahmen zu haben. Sie machen die aufgeladenen Stimmung dieser Zeit spürbar.
Ich wollte statt eines Porträts die Ereignisse um das SPK erzählen, weil sie bislang weitgehend unbekannt sind. Da diese aber auch in eine Zeit hineinspielen, die man als den „Deutschen Vorherbst“ beschreiben kann, gibt es offenbar die Erwartung, jeden zentralen Mitbeteiligen vor die Kamera zu holen. Mir fehlt Huber als Person nicht im Film. Gerne hätte ich ihn dennoch persönlich kennengelernt. Er ist über die aufgefundenen Materialien präsent, die sehr viel über seine Person, das SPK und die Zeitumständen beschreiben. Nach seiner Haftverbüßung ist Huber aus der Öffentlichkeit verschwunden. Es gab und gibt Spekulationen über seine Befindlichkeit und den Aufenthaltsort. Diesen Spuren bin ich auch akribisch nachgegangen, bin aber in Deutschland nicht fündig geworden. Vielleicht meldet er sich ja noch von selbst. Das wäre doch ein guter Ausgang.

Biografien
Die Protagonist_innen

Lutz Taufer Aufgewachsen im Nachkriegsdeutschland. Mitte der 60er Jahre Studium. Ab Juni 1967 in der Studentenbewegung und dem SPK aktiv, danach Komitees gegen Isolationsfolter. 1975 mit dem „Kommando Holger Meins“ Überfall auf die Deutsche Botschaft in Stockholm. Zwei Botschaftsmitarbeiter und zwei Terroristen sterben. Taufer wird festgenommen und zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. 1995 Entlassung aus der Haft. Ab 2000 Arbeit in brasilianischen Favelas mit den Schwerpunkten Solidarökonomie und Theater der Unterdrückten. Seit 2012 lebt er in Berlin und ist im Vorstand des Berliner Weltfriedensdienstes tätig. Unlängst erschien seine Autobiografie „Über Grenzen – Vom Untergrund in die Favela“ (2017, Verlag: Assoziation A).

Carmen Roll Geboren 1947 in Attendorf. Studium der Sozialpädagogik in Heidelberg. Ab 1971 im SPK aktiv. Mitangeklagte im SPK-Prozess. Nach gelungener Flucht tauchte sie unter, wechselt zur RAF und wird im März 1972 verhaftet. Verurteilt zu vier Jahren Haft wegen Zugehörigkeit zu zwei kriminellen Vereinigungen (SPK & RAF). Ihr wurde keine direkte Tatbeteiligung nachgewiesen. 1976 Entlassung aus der Haft. Umzug nach Triest (Italien). Arbeit als Krankenschwester und Sozialarbeiterin. Ist gemeinsam mit dem italienischen Psychiater Franco Basaglia und seinem Team an der Auflösung von Großpsychiatrien in Italien beteiligt. Weltweite Tätigkeit im Auftrag der WHO. Beratung von Kooperativen und kommunalen Gesundheitszentren bei der Bildung von Makrostrukturen.

Karl-Heinz Dellwo Geboren 1952 in Oppeln. Kaufmännischer Lehrling. Tätigkeiten als Seemann und Aushilfsfahrer. 1973 Hausbesetzer in Hamburg, dafür ein Jahr in Haft. Danach aktiv in Komitees gegen Isolationsfolter. Als Mitglied der RAF („Kommando Holger Meins“) 1975 Beteiligung an der Besetzung der Deutschen Botschaft in Stockholm. Entlassung nach 20 Jahren Haft. Lebt und arbeitet als kaufmännischer Berater eines Start-ups und Verlagsleiter (Laika-Verlag) in Hamburg. Autor des Buchs „Das Projektil sind wir“ (2007, Verlag: Edition Nautilus), einer kritischen Analyse zum „Konzept Stadtguerilla“.

Ewald Goerlich Geboren in 1949 in Reutlingen. Studium der Physik und Mathematik in Heidelberg und Stuttgart, später Medizin in Algier und Paris. Übernimmt im SPK Therapeutenfunktion in Einzel- und Gruppenagitation. Aktive Beteiligung an der Flugblatt- und Agitationsarbeit des SPK. Nach zehnmonatiger Untersuchungshaft (Verdacht auf Beteiligung an einer kriminelle Vereinigung) Flucht nach Algerien, wo man ihm politisches Asyl gewährt. Anschließend lebt er im Frankreich im Untergrund. Er stellt sich 1979 in Paris der Polizei. Sein Prozess wird Ende der 70er Jahre in Karlsruhe nachgeholt, seine Strafe für die Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung (SPK) gilt am Ende mit der U-Haft als abgegolten.

Marieluise Becker-Busche Jurastudium in Heidelberg. Gemeinsam mit ihrem früheren Ehemann Gründung der Anwaltssozietät „Laubscher-Becker-Becker“ in Heidelberg, die frühzeitig politische Mandate, später dann Strafverfahren übernehmen. Nach Ausschluss ihres Ehemannes aus dem SPK-Verfahren Übernahme der Vertretung von einigen angeklagten SPK-Mandanten. Ihr Ehemann geht innerhalb des Stammheim-Verfahrens in die Illegalität und schließt sich der RAF an. Später ist sie in Stammheim die einzige Frau im Rechtsanwälte-Team der Bader-Meinhof Gruppe. Seither Strafverteidigerin, später Anwältin für Familienrecht.

Hans Bachus Geboren 1942 in Königsberg. Studium der Medizin, ab 1967 der Jura in Heidelberg. 1970 Beitritt zum SPK, Aktivität im Arbeitskreis Fototechnik. Verlässt das SPK im Frühjahr 1971 und stellt sich als Kronzeuge für die Bundesanwaltschaft zur Verfügung. Seine Aussagen führen zu Großrazzien, Anklagen und Verhaftungen von elf SPK-Mitgliedern. Im Anschluss Fotoausbildung bei Porst und Arbeit als Fotofachberater, später als selbständiger Fotograf.

Alfred „Shorty“ Mährländer Geboren 1942 in Berlin. Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten im Lehrmittelvertrieb. Ende der 60er Jahre Anschluss an den „Zentralrat der Umherstreifenden Hasch­rebellen“ zusammen mit Bommi Baumann (†). Wird nach einer „Logistikfahrt“ am Wohnort Hubers im Juni 1971 in Wiesenbach und einem Schusswechsel mit einem Polizisten festgenommen. Verurteilt wird er wegen des Besitzes gefälschter Ausweisdokumente. Seitdem unterschiedliche Tätigkeiten, u.a. im Backstage-Bereich der Berliner Konzertveranstalter und als Tournee-Betreuer von Musikbands.

Edgar Seitz Ehemaliger Kripo-Chef der Polizeidirektion Heidelberg und Leiter des Staatsschutzes in Heidelberg. Beteiligung am Einsatz der SoKo Wiesenbach. Heute pensioniert.

Kurt Groenewold Seit 1965 Rechtsanwalt, Verteidiger, Spezialgebiet politisches Strafrecht. Vertritt einige SPK-Mandanten, später dann die Angeklagten im Baader-Meinhof-Prozess. Erlebt Verfahrensausschluss und Berufsverbot wegen der mutmaßlichen Beteiligung an einem „Infosystem“ zwischen den Haftanstalten der in Haft befindlichen RAF-Mitglieder. Später Aufhebung des Urteils und des Berufsverbots. Begründer der Zeitschrift „Strafverteidiger“. Arbeitet aktuell an einem Lexikon der politischen Strafprozesse.

Wilhelm Gohl Federführender Richter im ersten (1972) und zweiten (1973) SPK-Prozess. Seine Gerichtsentscheidungen, besonders jene in politischen Strafverfahren, wurden u.a. in dem Buch „Die Gefahr geht vom Menschen aus“ (1976, Verlag: Rotbuch) dokumentiert, dessen Titel sich auf ein Zitat Gohls bezieht. Nach seiner erfolgreichen Karriere als Landgerichtspräsident ist Dr. Gohl heute pensioniert.

Jürgen Schreiber Autor und Journalist u.a. für die Stuttgarter Zeitung, die Frankfurter Rundschau, GEO, Merian und das Zeit-Magazin. Zusammen mit seinem Kollegen Reiner Wochele Autor des 1972 in der Stuttgarter Zeitung veröffentlichen Artikels „Aus dem sprachlosen Gefängnisalltag des Dr. Huber“. Autor des Buchs „Ein Maler aus Deutschland“ über die tragischen Familienverstrickungen in der NS-Zeit des Künstlers Gerhard Richter.

Dagmar Welker Geboren 1943 in Heidelberg. Fotografin, hauptsächlich in der Redaktion der Rhein-Neckar-Zeitung. Dokumentierte die Ereignisse rund um das SPK.

Antonella Pizzamiglio Fotografin in Italien, bekannt vor allem durch Mode- und Werbefotografie. Dokumentierte für das Umfeld Basaglias die Auflösung und Umwandlung früherer Großpsychiatrien in Italien, Griechenland und Albanien. Auf dem früheren Klinikgelände in San Giovanni, Triest, ist eine Dauerausstellung mit ihren Bildern von der Schließung der Psychiatrieeinrichtung auf der griechischen Insel Leros zu sehen, die sie ab 1989 begleitete.

Wolfgang Huber Geboren 1935 in Frankfurt am Main. Studium der Medizin und Philosophie. Ab August 1961 Medizinalassistent in die Psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg. 1962 Promotion zum Dr. med. Ab August 1964 Assistenzarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, ab 1966 Arbeit er an der dortigen Poliklinik. Februar 1970: Gründung des SPK und Entlassung von der Uni Heidelberg. Dezember 1972: Huber und seine Frau werden wegen „Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung, Sprengstoffherstellung und Urkundenfälschung“ zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt und verlieren ihre Approbationen. Haftentlassung 1976. Ursel Huber verstarb inzwischen, Wolfgang Huber ist heute nicht mehr in Deutschland auffindbar.