Im Juli in der queerfilmnacht & ab 22. Juli im Kino

Glück

ein Film von Henrika Kull

Deutschland 2021, 90 Minuten, deutsch-englisch-italienische Originalfassung, teilweise mit deutschen Untertiteln

mit Katharina Behrens, Adam Hoya u.a.

Glück

Sascha arbeitet schon seit Jahren im Berliner Bordell Queens. Maria ist die Neue, unangepasst, autark, queer. Sascha fühlt sich sofort von dieser Andersartigkeit angezogen, Maria wiederum ist fasziniert von Saschas Souveränität. Aus der Anziehung wird eine Liebe, die anders funktioniert, als alles, was beide bisher kannten. Es ist die Verheißung auf das große Glück. Doch dann droht ihre Verbindung zu zerbrechen – an der Angst, sich einander wirklich zu zeigen und sich den eigenen Abgründen zu stellen.

In „Glück“ erzählt Henrika Kull von zwei Frauen, die sich in einer Welt begegnen, in der weibliche Körper Waren sind. In authentischen, kraftvollen Bildern folgt sie ihren beiden Hauptfiguren, die sich erst umschleichen, dann umtanzen, bald nicht mehr ohne einander können, aber auch nicht wirklich miteinander. Ein mitreißender Liebesfilm, der keine Grenzen kennt.

Trailer

Langinhalt

Sascha ist 42, lebt in Berlin und arbeitet schon seit Jahren im Bordell Queens. Sie ist beliebt bei Kolleginnen und Gästen und spürt doch immer mehr eine schwer greifbare Leere in sich. Auf die Beziehung mit ihrem aktuellen Lover Stefan kann sich Sascha – trotz dessen Bemühungen – emotional nicht weiter einlassen. Zu ihrem elfjährigen Sohn Max, der beim Vater in Brandenburg lebt, konnte sie nie ein mütterliches Verhältnis aufbauen. Die Besuche bei ihm versucht sie möglichst kurz zu halten.

Da beginnt eines Tages die 25-jährige Italienerin Maria im Queens zu arbeiten. Sie will in Berlin als Sexarbeiterin viel Geld verdienen, um frei und unabhängig leben zu können. Maria ist anders: seltsam autark, unangepasst, queer. Sascha fühlt sich sofort von der Neuen angezogen, bewundert Maria für ihre Entschlossenheit und Andersartigkeit – und wird gleichzeitig von ihr herausgefordert. Maria ist fasziniert von Saschas Sonderstellung im Bordell und ihrem Charisma. Sie will Sascha erobern.

Die beiden schleichen umeinander herum, flirten heimlich, kommen sich immer näher. Aus der Anziehung wird eine Liebe, die anders funktioniert, als alles, was sie bisher kannten. Es ist die Verheißung auf das große Glück.

Sascha und Maria sind unzertrennlich, da nimmt Sascha ihre Freundin mit in ihren Heimatort in Brandenburg, um das jährliche Dorffest mit Sohn Max nicht alleine durchstehen zu müssen. Hier sind sie wieder: die verzweifelten Männlichkeitsposen, vor denen Sascha einst geflohen ist. Maria scheinen sie aber nichts auszumachen, sie findet sie eher lustig.

Maria will Max gefallen, will vor allem Sascha gefallen, will alles richtig machen. Und wird dabei von Saschas Komplizin ungewollt zur Verräterin. Das Glück bekommt Risse. Sascha ist wütend – auf sich, aber auch auf Maria. Sie glaubt, dass diese sich instrumentalisieren lässt.

Sascha verliert den Halt, überschreitet Grenzen, im Bordell aber auch im Umgang mit Maria. Sie spürt sich selbst nicht mehr. Um die Kontrolle zurückzugewinnen, beendet sie die Beziehung. Die Abgründe, in die Sascha jetzt blickt, sind bedrohlich. Und doch fühlt sie sich im Schmerz lebendiger als in einem Leben ohne Liebe. Nun bekommt sie eine Idee davon, was Glück wirklich sein könnte.

Director's Statement
Henrika Kull über ihren Film

Sehnsucht und Körperlichkeit, aber auch Orte sozialer Grenzerfahrung und Stigmatisierung sind Themen, die mich schon immer faszinieren. Eine Recherche führte mich 2010 erstmals in ein Bordell. Ich wollte erfahren, wie dieser Ort funktioniert: Wie würden die Frauen dort mit ihrer Weiblichkeit, wie würden sie miteinander, aber auch mit ihren Kunden umgehen?

Ich setzte meine Recherche über die Jahre in unterschiedlichen Bordellen fort, arbeitete in einigen hinter der Bar oder assistierte den Hausdamen. Dabei führte ich Gespräche mit den Sexarbeiterinnen aber auch mit deren Gästen. So sehr sich die Orte, an die ich kam, unterschieden, nahm ich die Frauen doch meist sehr selbstbestimmt in ihrer Berufsausübung wahr. Ich stellte fest, dass sie ihren Job vor allem als Möglichkeit sahen, besser an Geld zu kommen als in anderen Berufen oder Lebensoptionen. Da sie sich Mechanismen angeeignet hatten, Übergriffe zu antizipieren und bewusst mit diesen umzugehen bzw. sie erst gar nicht
zuzulassen, erlebte ich sie immer als Akteurinnen, die ihre Grenzen selbst definierten.

In meinem zweiten Spielfilm wollte ich eine fiktive Liebesgeschichte erzählen, die an einem solchen Ort spielt, an dem Liebe ganz körperlich zur Ware wird. Dabei wollte ich nicht nur meine Erfahrungen möglichst „echt“ in die Geschichte integrieren, sondern vor allem auch während des Drehs offen sein für neue Erkenntnisse. Deshalb suchte ich nach einem Bordell, in dem die Sexarbeiterinnen Lust darauf hatten, sich auf das gemeinsame Experiment einzulassen, mit und bei ihnen einen Film zu drehen.

Ich kehrte in ein Bordell zurück, das ich schon aus meinen Recherchen kannte, hier hatte ich der Hausdame assistiert und kannte viele der Frauen, die dort arbeiteten. Die große Herausforderung an meiner Idee war, dass die Frauen sich zwar in ihrem gewohnten Umfeld selbst spielen sollten, ich aber die von Schauspieler*innen verkörperten Hauptfiguren in ihre Welt integrieren wollte. Wir verbrachten viel Zeit vor Ort, mit und ohne Kamera, was nicht immer unproblematisch war, da wir natürlich durch unsere Anwesenheit die Abläufe störten und nicht alle Frauen im Film vorkommen wollten. Dennoch bewegten sich die Schauspieler*innen durch diese Vorgehensweise immer natürlicher vor Ort, und die Sexarbeiterinnen nahmen uns bald nicht mehr als Fremdkörper wahr.

Da der Beruf der Sexarbeiterin stark stigmatisiert ist und viele der Frauen ein Doppelleben führen, war es mir besonders wichtig, bereits während des Drehs zu vermitteln, dass unser Film den Frauen auf Augenhöhe begegnen und sie weder abwerten noch vorführen will, sondern den Arbeitsplatz Bordell in seiner alltäglichen Normalität zeigen will. Mir war es wichtig, Sexarbeit als Arbeit darzustellen, als Service, als Performance, als eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Dabei stellte ich mir immer wieder die Frage, ob denn selbstbestimmte Sexarbeit möglich ist.* Noch spannender finde ich aber die Frage, ob selbstbestimmte Arbeit im Kapitalismus überhaupt möglich ist.

Im Laufe meiner Recherchen und während der Dreharbeiten bekam ich immer mehr das Gefühl, dass die Sexarbeiterinnen sich durch ihre Tätigkeit die Deutungshoheit über ihre Körper zurückerobern und ihn zu einer Ware machen, aus der sie selbst Kapital schöpfen, statt die Ausbeutung dem Patriarchat zu überlassen. Nachdem die systematische Einhegung des weiblichen Körpers Jahrhunderte lang als Methode der Unterdrückung vom Patriarchat missbraucht wurde, erhält Sexarbeit so für mich eine subversive Konnotation. Sich in der Welt, in der wir leben, für eine sexuelle Performance bezahlen zu lassen, kommt mir als Reaktion konsequent und ehrlich vor.

„Glück“ soll aber vor allem ein Liebesfilm über zwei Frauen sein, die nicht – oder nicht mehr – an die Liebe glauben. Mich interessiert, wie sich Machtasymmetrien – gerade im Kapitalismus – auf Beziehungen auswirken können. Sascha hat gelernt, sich selbst zu beschützen, sie verletzt sich lieber, als verletzbar zu sein. Sie glaubt nicht, dass sie Talent hat, glücklich zu sein. Maria versucht fast zwanghaft, ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Das Ringen um die Chance auf tiefe Verbundenheit macht für mich den Kern der Erzählung aus.

*Prostitution als selbständige Dienstleistung ist die deutlich häufigere Form von Sexarbeit und ist im Folgenden klar abzugrenzen von Zwangsprostitution und Menschenhandel.

Biografien

Henrika Kull (Regie & Buch), 1984 in Süddeutschland geboren, studierte Sozialwissenschaften in Köln. Ihrer Diplomarbeit über die Deutsche Filmförderung (2012) schloss sie ein Produktionsstudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) an. Als sie dort in der Filmklasse von Isabelle Stever das erste Mal selbst Regie führen durfte, durchlitt sie schlimmste Qualen, empfand größtes Glück und merkte endlich, wo ihre wahre Leidenschaft liegt. Ab 2014 studierte sie Regie an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, unter anderem bei Angelina Maccarone und Barbara Albert, der sie bei deren Film „Licht“ (2017) assistierte.
Henrika Kulls Abschlussfilm „Jibril“ feierte 2018 seine Premiere im Panorama der Berlinale und gewann mehrere Preise, unter anderem den Studio Hamburg Nachwuchspreis als Bester Spielfilm. 2019 kam er deutschlandweit in die Kinos. Ihr Debütfilm „Glück“ wurde von Flare Film in Koproduktion mit ZDF – Das kleine Fernsehspiel produziert. Ihr drittes Spielfilmprojekt „Central Station“ befindet sich gerade in der Drehbuchentwicklung und wird vom Medienboard Berlin Brandenburg mit dem Artist-in-Residence-
Programm unterstützt.

Filmografie:

  • 2015

    „Absently Present“ (Kurzdok.)

  • 2018

    „Jibril“

  • 2021

    „Glück“


Katharina Behrens (Sascha), geboren 1981 in Meiningen. Schauspielstudium am Max-Reinhardt-Seminar in Wien bis 2007. Danach Engagements an diversen Theatern, u.a. am Thalia Theater Hamburg, Theater Osnabrück und Schauspiel Stuttgart. Für ihre Rolle im Kurzfilm „Wo wir sind“ (2015) von Ilker Çatak wurde sie auf dem Festival International du Film d‘Aubagne als Beste Schauspielerin ausgezeichnet. Neben Auftritten im Fernsehen spielte sie u.a.in Çataks „Es war einmal Indianerland“ (2017). 2021 wird sie in auch „Räuberhände“ zu sehen sein, dem neuen Film von Ilker Çatak. Die Rolle der Sascha in „Glück“ ist ihre erste Kinohauptrolle.

Adam Hoya (Maria), italienischer Künstler, lebt in Athen. Er dürfte einigen als Eva Collé bekannt sein – unter diesem Namen lebte er von 2012 bis 2019 in Berlin und performte im Film „Searching Eva“ (2018). Adam hat seit 1992 mindestens ein halbes Dutzend unterschiedlicher Namen für sich gewählt und hat über viele Jahre selbst von der Sexarbeit gelebt.

Credits

Cast

Sascha

Katharina Behrens

Maria

Adam Hoya

Scarlett

Nele Kayenberg

Mike

Jean-Luc Bubert

Petra

Petra Kauner

Crew

Regie & Buch

Henrika Kull

Kamera

Carolina Steinbrecher

Montage

Henrika Kull, Anna-Lena Engelhardt & Hannah Schwegel

Musik

Dascha Dauenhauer

Szenenbild

Theresa Bischof & Theresa Reiwer

Kostüm & Maske

Wiebke Christin Lebus

Ton

Manja Ebert

Sound Design

Thomas Neumann

Mischung

Dominik Rätz

Herstellungsleitung

Jule Terrey & Maxim Juretzka

Produktionsleitung

Simon B. Stein

Redaktion

Burkhard Althoff (ZDF – Das kleine Fernsehspiel)

Produzent

Martin Heisler

eine Produktion von Flare Film
in Koproduktion mit ZDF – Das kleine Fernsehspiel
gefördert von BKM, Medienboard Berlin-Brandenburg, Deutscher Filmförderfonds

im Verleih von Salzgeber