Ryuichi Sakamoto – Coda

ein Film von Stephen Nomura Schible

US/JP 2017, 102 Minuten, japanisch-englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln

FSK 6

Ryuichi Sakamoto

Ryuichi Sakamoto – Coda

Ryuichi Sakamoto ist einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit. Seine sagenhafte Karriere umspannt über vier Jahrzehnte. In den späten 70ern erfindet er mit seiner Band Yellow Magic Orchestra den japanischen Techno-Pop, veröffentlicht als Solo-Künstler erste Alben zwischen elektronischer, klassischer und Weltmusik und wird als Shooting Star gefeiert. In den 80er und 90er Jahren komponiert er legendäre Soundtracks für „Merry Christmas, Mr. Lawrence“, „Der Himmel über der Wüste“ und „Little Buddha“. Für die Filmmusik zu „Der letzte Kaiser“ wird er 1987 mit dem Oscar ausgezeichnet. Bis heute gibt Sakamoto seiner Musik über Kollaborationen mit anderen wegweisenden Komponisten, Regisseuren und Konzeptkünstlern immer wieder neue Impulse. Seit der Atomkatastrophe von Fukushima engagiert er sich zudem stark als Umweltaktivist und gilt als einer der Wortführer der Anti-Atomkraft-Bewegung in Japan.

Regisseur Stephen Nomura Schible hat den Komponisten ab 2012 mit der Kamera begleitet. 2014 wird bei Sakamoto Mundrachenkrebs diagnostiziert, und der Musiker bricht alle Projekte ab. Als die Dreharbeiten weitergehen können, zieht Sakamoto vor dem Hintergrund der ökologischen Situation seines Heimatlandes und seiner persönlichen Lebenskrise Resümee. Archivmaterial aus dem vielgestaltigem Künstlerleben stellt der Film neben aktuelle Bilder, in denen der Komponist mit neuen Kräften wieder zurück zu seiner Arbeit findet, zurück zu seiner Suche nach Klängen, die der Wahrnehmung unserer Welt neue Wege eröffnen und zu einem neuen musikalischen Ausdruck führen. RYUICHI SAKAMOTO: CODA ist nicht nur das tief berührende Porträt eines einzigartigen Künstlers, sondern auch ein faszinierender Film über den kreativen Prozess. Kein Ausklang, sondern ein Neubeginn.

Trailer

Director’s Statement
Regisseur Stephen Nomura Schible über seinen Film

Ich will mit meinem Film zeigen, wie Ryuichi Sakamotos Bewusstsein für die ökologische und soziale Krise seines Heimatlandes sowie die ganz persönliche Lebenskrise seine musikalische Ausdrucksweise beeinflusst haben. Ich habe den Film CODA genannt, weil ich wollte, dass er musikalisch endet – mit der Geburt eines neuen Stücks. Ich hoffe dass die Zuschauer_innen den Film als Möglichkeit zur Öffnung der eigenen Wahrnehmung erleben – und sich vorstellen können, wie Ryuichi die Welt hört.

Als ich 2012 begann, an dem Film zu arbeiten, waren die Wunden, die das Erdbeben, der Tsunami und die Atomkatastrophe von Fukushima in Japan gerissen haben, noch relativ frisch. Kurz zuvor hatte ich erfahren, dass Sakamoto ein Wortführer der Anti-Atomkraft-Bewegung in Japan geworden ist. Irgendwie hatte ich gefühlt, dass es da eine Geschichte gibt, die man erzählen muss. Mit dem Dreh habe ich ziemlich spontan begonnen.

In Japan mag man es nicht besonders, wenn populäre Künstler_innen sich politisch positionieren oder gar über Themen sprechen, die mit Tabus belegt sind, wie die nukleare Belastung der Umwelt. Ryuichis Engagement war also nicht ohne Risiko und Reibung. Die japanischen Mainstream-Medien, die seine Karriere bis zu diesem Zeitpunkt begeistert verfolgt hatten, reagierten sehr zurückhaltend und scheuten davor zurück, detailliert zu berichten. Ich wollte diese Leerstelle füllen.

Zu meiner Überraschung hat mir Ryuichi umfangreich Zugang gewährt – es war der Beginn eines fünfjährigen Arbeitsprozesses. Fukushima hat mir das Gefühl gegeben, dass sich meine Welt komplett verkehrt hat, dass nichts mehr jemals so sein wird wie zuvor. Ich habe gespürt, dass Ryuichi das ähnlich empfand. Ich wollte nie einen politischen Film machen. Mehr als alles andere interessierte es mich, wie diese Veränderung sich in seiner Kunst manifestieren würde.

Ich bin im Tokyo der 70er und 80er aufgewachsen. Ich wusste also, dass Ryuichi einst während des japanischen Wirtschaftsbooms mit seiner Techno-Pop-Band Yellow Magic Orchestra einen bestimmten, von technologischer Entwicklung angetriebenen Ethos verkörperte. Ich fand es spannend, wie er nun Haltung gegen das Establishment einnahm und angetrieben wurde von einer reuevollen Besorgtheit gegenüber Technologie, insbesondere in Zusammenhang mit der Zerstörung unserer Umwelt.

Während des Drehprozesses gab es einige unerwartete Wendungen der Ereignisse; manchmal schien es fast so, als müssten wir die Dreharbeiten komplett abbrechen. Die größte Herausforderung war natürlich Ryuichis Erkrankung. Als wir erfuhren, dass er an Krebs erkrankt ist, wurde unser Arbeitsprozess zu seiner Reise ohne Karte und Kompass. Alle, die an dem Film beteiligt waren, mussten sich durch den Film hindurchtasten, wir konnten uns nur behutsam nach vorne improvisieren. Letztlich hat uns Ryuichis Kompositionsprozess geführt, er brachte organisch die Form unseres Films hervor.

Ich wollte im Film zeigen, wie sich Ryuichis Bewusstsein für Krisen entwickelt und wie dieses Bewusstsein seinen musikalischen Ausdruck verändert hat. Ich wollte dazu eine musikalische Filmsprache aufbauen – mit Klängen als Strukturelementen, bis zu jenem Punkt, an dem die Zuschauer_innen die Geschichte nicht nur mit ihren Augen sehen, sondern auch durch ihre Ohren fühlen können. Meine Hoffnung ist, dass alle, die sich auf die filmische Reise einlassen, den Film wie die Öffnung der Wahrnehmung erleben und die Chance bekommen, die Welt wie Ryuichi zu hören und mitzuerleben, wie er letztlich einen neuen musikalischen Ausdruck findet.

Ryuichi ist davon überzeugt, dass alle Klänge Musik sind – auch Umweltklänge, die gewöhnlicherweise nicht als Musik betrachtet werden. Diese Philosophie hat seine jüngsten Kompositionen ebenso inspiriert wie unseren filmischen Montageprozess. Der Klang eines zerbrochenen Klaviers, das Heulen eines Geiger-Zählers, die Geräusche vom brechendem Eis der Arktis, Ryuichis wunderschöne melodische Skizzen – alles wurde als musikalischer Ausdruck verstanden und zusammengelegt. Die Klänge wurden als Artefakte unserer Zeit behandelt, aus denen wir behutsam unseren Film modellierten.

Biografie

Stephen Nomura Schible wuchs in Tokio auf und studierte Film an der NYU in New York. Er arbeitete zunächst als Regieassistent von Kazuo Hara („Emperor’s Naked Army Marches On“, 1987), später als Vertreter von Produzenten im internationalen Vertrieb japanischer Filme wie Shinji Aoyamas „Eureka“ (2000) und Naomi Kawases „Firefly“ (2000) und betreute internationale Co-Produktionen wie „H-Story“ (2001) von Nobuhiro Suwa. Er war einer der Produzenten von Sofia Coppolas „Lost in Translation“ (2003) und war zuständig für alle Produktionsaspekte, die Japan betrafen. Stephen Nomura Schible drehte und produzierte die Dokumentation „Eric Clapton: Sessions for Robert J“ (2004), die auf PBS und von der BBC ausgestrahlt wurde. RYUICHI SAKAMOTO: CODA ist sein Langfilmdebüt. Auch bei dem Konzert-Dokumentarfilm „Ryuichi Sakamoto: async – Live at the Park Avenue Armory“ (2018) führte er Regie.

Nur wenige Künstler haben ein ähnlich vielgestaltiges Œuvre wie der japanische Komponist, Musiker, Produzent und Umweltaktivist Ryuichi Sakamoto. Sein Werk umspannt weite musikalische Felder – von seiner Pionierarbeit im Bereich der elektronischen Musik als Mitglied des Yellow Magic Orchestra über eine Serie einflussreicher Rock-Alben, klassischer Kompositionen und wegweisender Minimal-/Ambient-Aufnahmen bis hin zu über 30 Filmscores. Seinen ersten Soundtrack komponierte er für Nagisa Oshimas „Merry Christmas, Mr. Lawrence“ (1983), in dem er an der Seite von David Bowie und Takeshi Kitano auch als Schauspieler zu sehen war. Sakamoto erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Oscar, den Golden Globe und den Grammy für den Soundtrack zu Bernardo Bertoluccis „Der letzte Kaiser“ (1987) sowie einen weiteren Golden Globe für Bertoluccis „Himmel über der Wüste“ (1990).
Musikalisch sucht Sakamoto immer wieder die Zusammenarbeit mit anderen wegweisenden Künstler_innen seiner Zeit: von David Byrne bis Towa Tei, von Iggy Pop und alva noto. Als Reaktion auf das Erdbeben von Tōhoku und der damit verbundenen Nuklear-Katastrophe von Fukushima im März 2011 engagiert sich Sakamoto für die Opfer der Region und organisiert Benefiz-Veranstaltungen wie das Musik-Event NO NUKES. Als politisch bewusster Künstler äußert sich Sakamoto immer wieder kritisch zum Konsumismus des 21. Jahrhunderts.
Im Jahr 2014 war Sakamoto, nachdem bei ihm Mundrachenkrebs diagnostiziert wurde, das erste Mal im Zuge seiner vier Jahrzehnte umspannenden Karriere zu einer längeren Schaffenspause gezwungen. Nach seiner Gesundung schrieb Sakamoto im Jahr 2015 zwei Filmscores: für Alejandro González Iñárritus „The Revenant – Der Rückkehrer“ (zusammen mit alva noto) und für Yoji Yamadas „Nagasaki: Memories Of My Son“. Im Jahr 2017 hat Sakamoto sein 16. Soloalbum „async“ veröffentlicht, das er als sein bisher persönlichstes Album ansieht.

Credits

Crew

Regie

Stephen Nomura Schible

Kamera

Neo S. Sora, Tom Richmond, ASC

Kadokawa, Avex Digital, Dentsu Music And Entertainment präsentieren eine Cineric/Borderland Media Produktion in Kooperation mit nhk, unterstützt durch Documentary Japan, in Koproduktion mit Avrotos