Im Kino

Räuberhände

ein Film von İlker Çatak

Deutschland 2020, 92 Minuten, deutsche Originalfassung

FSK 16

Kinostart: 2. September 2021

Räuberhände

Jungs mit Größe: Janik und Samuel haben das Abi geschafft und wollen zusammen nach Istanbul reisen – in ein neues, selbstbestimmtes Leben. Doch kurz vor dem Trip wird ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt. Die Reise der beiden verläuft anders als geplant…

Mit „Räuberhände“ hat İlker Çatak („Es gilt das gesprochene Wort“) den Erfolgsroman von Finn-Ole Heinrich verfilmt. Das Buch avancierte nach seiner Erstveröffentlichung 2007 zum Beststeller, gilt heute in vielen deutschen Schulen als Pflichtlektüre und wurde in seiner Bühnenfassung am Hamburger Thalia Theater bereits über 100 mal aufgeführt. Wahrhaftig und einfühlsam erzählt Çatak von einer tiefen, prägenden Freundschaft und vom einzigartigen Lebensgefühl mit 18 – jener Zeit des Aufbruchs, in der alle Möglichkeiten offen scheinen. Emil von Schönfels und Mekyas Mulugeta glänzen als Freundespaar, das sich auf eine länderüberspannende Suche nach Freiheit, Heimat und Identität macht.

Trailer

Jetzt im Kino

Berlin

16.-22.09., Do, 20:15 Uhr, Mo, 17:00 Uhr, Di, 18:00 Uhr

21.09., 16:30 Uhr

16.-22.09., täglich 18:00 Uhr

Bonn

21.09., 18:00 Uhr

Dresden

16.-22.09., Do, Mi, 16:30 Uhr, Sa, 15:00 Uhr

17.09., 23:30 Uhr

Frankfurt

16.-22.09., täglich 22:00 Uhr

Hamburg

16.-22.09., Fr, Sa, 16:45 Uhr, Di, 16:30 Uhr

17.+21.09., 17:45 Uhr

Husum

19.09., 16:30 Uhr

Köln

16.-22.09., So, Mo, Mi, 21:30 Uhr

Lich

16.-22.09., täglich 18:30 Uhr

Interview 1
Acht Fragen an Emil von Schönfels (Janik) und Mekyas Mulugeta (Samuel)

Interview 2
Sechs Fragen an Regisseur İlker Çatak

Langinhalt

Janik und Samuel sind beste Freunde und machen gerade Abi. Während sich Janik an seinen liberalen Vorzeige-Eltern abarbeitet, kommt Samuel aus zerrütteten Verhältnissen und hütet seine alkoholkranke Mutter wie ein Geheimnis. Janik sehnt sich nach Chaos, Samuel nach Ordnung. In ihrer gemeinsamen Gartenlaube schmieden die Jungs Zukunftspläne: Nach dem Abi wollen sie einen Road Trip nach Istanbul machen, wo Samuels unbekannter Vater leben soll. Doch als Janik etwas macht, das Samuel für unverzeihlich hält, scheint alles, was die beiden zuvor verbunden hat, schlagartig in Frage gestellt. Die Reise in die Türkei starten sie trotzdem gemeinsam – aber sie verläuft anders, als geplant.

Director’s Statement
İlker Çatak über seinen Film

Janik und Samuel – Jungs mit Größe
Als ich Finn-Ole Heinrichs Roman „Räuberhände“ das erste Mal gelesen habe, wusste ich auf Anhieb, dass ich diesen Stoff machen muss. Das hat zum einen damit zu tun, dass mich das Buch zu einer Zeit erwischt hat, als ich gerade einen Kurzfilm gedreht hatte, der eine ähnliche Mutter-Kind-Beziehung verhandelte, wie sie Irene und Samuel führen, „Wo wir sind“ (2013). Ein Kind muss Verantwortung für die drogenabhängige Mutter übernehmen. Das tut weh, hat gleichzeitig Größe und ist psychologisch spannend, was meiner Einschätzung nach immer das wichtigste Kriterium bei der Auseinandersetzung mit einem Stoff und seinen Figuren sein sollte.
„Räuberhände“ bietet eine Vielzahl solcher Spannungsfelder, und im Zentrum steht ganz klar das Verhältnis von Janik und Samuel. Maximaler Kontrast: Lehrerkind hier, „Pennerkind“ da. Eine tolle Freundschaft, die sich von etwaigen sozialen Barrieren freigemacht hat und die Leichtigkeit des Jungseins in all seinen Facetten lebt. Gepaart mit dem überschwänglichen, einzigartigen Gefühl, das man kennt, aus der Zeit kurz nach dem Abitur: Die Welt liegt uns zu Füßen und wir erobern sie jetzt!
Und darin liegt vielleicht die Essenz dessen, warum ich diesen Stoff so liebe: Es sind Figuren, die wahrhaftig sind. Sie haben ihre Eigenarten, ihre Macken und sie machen Fehler. Und genau das macht die große Kraft dieser Geschichte aus: In der Unvollkommenheit liegt tiefe Menschlichkeit.
Am Ende gehen Janik und Samuel getrennte Wege. Aber sie wissen, dass dies die einzige Möglichkeit auf ein Weiterbestehen ihrer Freundschaft ist. Das ist der Moment, wo die beiden über sich hinauswachsen. Sie müssen jetzt voneinander loslassen, um sich in Zukunft wiedersehen zu können. Das schmerzt. Aber darin liegt auch Erhabenheit. Und jedes Ende ist der Anfang von etwas Neuem.

Istanbul – eine große Hassliebe
Istanbul ist ein Sehnsuchtsort, schon immer gewesen. Eine Stadt, die wild und schön ist. Aber wie so häufig mit besonderen Orten: auch ein hart umkämpftes Pflaster. Istanbul kann anstrengen. Die Stadt kann einen in den Wahnsinn treiben. Acht Jahre lang habe ich dort gelebt, von zwölf bis zwanzig, zu einer Zeit, in der Istanbul noch anders war: zur Jahrtausendwende herrschte dort eine andere Stimmung als heute. Es war liberal, westlich, und wir fühlten den Aufbruch. Es war eine Zeit wie sie auch Janik und Samuel erleben. Ich hatte gerade Abitur gemacht. Und mit Freunden haben wir uns einfach treiben lassen: Schule schwänzen, sich am Ufer des Bosporus betrinken, auf einer Bank einschlafen und vom Simit-Verkäufer geweckt und heimgeschickt werden. Die unvollendete Romantik – jene, die immer die schönste bleiben wird. Dafür steht Istanbul. Es ist eine Stadt, die Du entweder liebst oder hasst. Oftmals beides gleichzeitig. Eine ewige Hassliebe. Gute Filme sind ambivalent. Istanbul ist ein Sinnbild für Ambivalenz.
Es gilt, das Lebensgefühl mit 18 aufleben zu lassen: jene Aufbruchszeit kurz nach dem Abitur, die ungebremste Euphorie, die Abenteuerlust einzufangen. Neue Grenzen zu erkunden – inhaltlich,
erzählerisch, gestalterisch. Es ist auch die Suche nach Identität, nach Familie, Freiheit und Glück. Eine Suche, die wir wohl alle kennen. Und für mich persönlich ist der Film eine Suche nach dem Istanbul, wie ich es zuletzt nicht vorfinden konnte. Viele Menschen kehren der Stadt und dem Land den Rücken zu. Die Stimmung ist bedrückt. Nachvollziehbar nach dem, was dort in den letzten Jahren geschehen ist. Doch genau deswegen halte ich es für wichtig, weiterhin Geschichten zu erzählen, die dort angesiedelt sind. Geschichten, die nicht zwanghaft politisch sind, und einfach nur von Menschlichkeit handeln. Geschichten, die ganz schlicht von zwei deutschen Jungs erzählen können, die furchtlos dahin reisen, und sich von keiner Angstmacherei abhalten lassen.

Mut, daran glaube ich ganz fest, wird belohnt!

Biografien

İlker Çatak wird 1984 in Berlin geboren. Später lebt er in Istanbul, macht dort Abitur und studiert dann Film & Fernsehregie in Berlin & Hamburg. Sein Abschlussfilm „Sadakat“ wird international mit vielen Preisen bedacht, bevor er 2015 den Studenten-Oscar in Gold gewinnt. 2016 das Langspiel-Debüt: Çatak verfilmt den preisgekrönten Jugendroman „Es war einmal Indianerland“. 2019 folgt „Es gilt das gesprochene Wort“, Çataks zweiter Kinofilm, der beim Filmfest München mehrere Preise gewinnt, fünfmal für den Deutschen Filmpreis nominiert und dort mit der Lola in Bronze für den Besten Spielfilm ausgezeichnet wird. „Räuberhände“ basiert auf Finn-Ole Heinrichs ebenfalls preisgekröntem Roman und ist der dritte Kinospielfilm von Çatak und die erste Zusammenarbeit mit Autorin und Produzentin Gabriele Simon.

  • 2013

    „Wo wir sind“ (KF), Auszeichnungen (Auswahl): Student Academy Awards – Finalist bester ausländischer Film; Filmfestival Max Ophüls Preis – Bester Kurzfilm; Friedrich-Wilhelm-Murnau-Kurzfilmpreis

  • 2014

    „Sadakat“ (KF), Auszeichnungen (Auswahl): Student Academy Awards – Goldmedaille/Bester ausländischer Film; First Steps Award – Bester Kurzfilm; Studio Hamburg Nachwuchspreis – Beste Produktion; Filmfestival Max Ophüls Preis – Bester Kurzfilm

  • 2016

    „Es war einmal Indianerland“, Auszeichnungen: Deutscher Filmpreis 2018 – Beste Montage (nominiert); Filmfestival Bozen – Publikumspreis

  • 2019

    „Es gilt das gesprochene Wort“, Auszeichnungen: Deutscher Filmpreis 2020 – Deutscher Filmpreis in Bronze, Beste Regie (nominiert), Bestes Drehbuch (nominiert), Beste Hauptdarstellerin (nominiert), Beste Nebendarsteller (nominiert); Bayerischer Filmpreis 2020 – Beste Schauspielerin (Anne Ratte-Polle); Filmfest München 2019 – Bestes Drehbuch, Bester Schauspieler (Oğulcan Arman Uslu)

  • 2020

    „Räuberhände“, Auszeichnungen: Thomas-Strittmatter-Preis 2018 – Bestes Drehbuch (Gabriele Simon & Finn-Ole Heinrich)

  • 2020

    „Tatort – Borowski und der stille Gast III“

Emil von Schönfels (Janik), geboren 2002, lebt in Berlin. Er hat bereits an mehreren Film- und Fernsehproduktionen mitgewirkt und war unter anderem in „Babylon Berlin“, „Dogs of Berlin“ und „Soko Leipzig“ zu sehen. Seit 2010 steht Emil auch für mehrere Theaterproduktionen des Deutschen Theaters auf der Bühne. Neben dem Schauspiel ist Emil ein leidenschaftlicher Musiker.

Mekyas Mulugeta (Samuel) wurde 2000 in Rostock geboren und lebt derzeit in Potsdam. In seiner Freizeit begeistert er sich für Sport und ist handwerklich in einer Tischlerei tätig. Erste schauspielerische Erfahrungen sammelte Mekyas im Jugendclub des Deutschen Theaters Berlin. In „Räuberhände“ feiert er sein Filmdebüt.

Die Romanvorlage
Finn-Ole Heinrich und sein Roman „Räuberhände“

Finn-Ole Heinrich wurde 1982 bei Hamburg geboren und wuchs in Cuxhaven auf. Er studierte Film und Bildende Kunst in Hannover und trat während seines Studiums bei Poetry Slams auf. 2005 veröffentlichte er den Erzählband „die taschen voll wasser“. 2007 erschien im Hamburger mairisch Verlag sein Debütroman „Räuberhände“.

„Räuberhände“ wurde von der Literaturkritik für seinen eigenen Ton, sein Einfühlungsvermögen und den raffinierten Aufbau gelobt. Bis heute wurden circa 100.000 Exemplare verkauft. In Hamburg war der Roman bereits Abiturprüfungsthema, in vielen anderen deutschen Orten ist das Buch schulische Pflichtlektüre. Seit Jahren stellt Heinrich „Räuberhände“ vor Schulklassen in multimedial gestalteten Lesungen vor. Insgesamt nahm er an über 700 solcher Termine in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Tschechien, Schweden, Island und den Niederlanden teil. Eine Bearbeitung des Romans für die Theaterbühne durch Michael Müller wurde in über 100 Vorstellungen am Thalia-Theater Hamburg sowie in Hagen, Oberhausen und St. Gallen gezeigt.

Heinrich ist zudem Autor des Erzählbands „Gestern war auch schon ein Tag“ (2009) sowie zahlreicher preisgekrönter Kinder- und Jugendbücher wie „Frerk, du Zwerg!“ (2011), der „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt“- Trilogie (2013-14), „Die Reise zum Mittelpunkt des Waldes“ (2018) oder jüngst „Schlafen wie die Rüben“ (2021). Er lebt und arbeitet in Hamburg und Südfrankreich.

Interview
Finn-Ole Heinrich über „Räuberhände“

Der Roman „Räuberhände“ erschien vor mehr als zehn Jahren. Kannst du dich erinnern, was dich damals zur Geschichte inspirierte?

Ich habe zu der Zeit in Hannover Film studiert und war plötzlich von meinen Freunden getrennt. Ich habe deshalb viel über das Thema Freundschaft nachgedacht: Welche Rolle Freundschaft in meinem Leben gespielt hatte und spielen sollte. Was ich von Freundschaft erwarte und mir wünsche, aber auch, was sie in Gefahr bringen kann, wo ihre Grenzen liegen. Was Freundschaft nicht leisten, nicht aushalten kann. Dazu kam eine andere konkrete Erinnerung: In Cuxhaven, wo ich zur Schule gegangen bin, bin ich oft einer Frau begegnet, der man ansehen konnte, dass sie eine Alkoholikerin war, ich sah sie auch oft bei den Obdachlosen sitzen. Ich habe mich damals schon gefragt, wie das wohl wäre, ihr Sohn zu sein. Daran kann ich mich noch heute gut erinnern, ich habe das oft im Kopf durchgespielt, die Fragen, wie ich mich verhalten würde, ob ich extra, ausgestellt, stolz wäre, verschämt, ob ich sie verstecken, beschützen oder hassen würde, wie man mit mir umgehen, ob man mich ausgrenzen, hänseln, benachteiligen oder bemitleiden würde. Wie sich das anfühlen würde. Da war ich vielleicht zehn. Warum das irgendwann mit Anfang zwanzig plötzlich als Erinnerung und Frage wieder in mir auftauchte, keine Ahnung. Ich musste plötzlich und ohne ersichtlichen Grund an eine viel spätere Begegnung mit dieser Frau denken, als sie mich auf einem Cuxhavener Stadtfest taumelnd in die Arme nahm, offenbar mit mir tanzen wollte – sie hat mir dann wirklich den Halbsatz „mein schöner Junge“ ins Ohr gesäuselt, der es genauso ins Buch geschafft hat. Wir kannten uns kein bisschen, ich habe sofort Reißaus genommen. Und dann habe ich mich Jahre später, an meinem Schreibtisch sitzend, plötzlich gefragt, was passiert wäre, wenn ich nicht weggelaufen wäre. Dann fingen die Gedanken an: Was, wenn ich ihr Sohn wäre? Oder: Was, wenn ich der Freund ihres Sohnes wäre? Da hatte ich schon meinen Plot. Samuel mit seinen zerbissenen Fingern war sofort da, aus dem Kontrast zu ihm ist langsam Janik erwachsen.
Die Fragen von Migration und Heimat kamen übrigens erst etwas später hinzu und haben auch mit der Auseinandersetzung mit einer türkischen Kommilitonin zu tun. Wir haben viel und intensiv miteinander gesprochen und gearbeitet. Mich haben ihre Fragen und Wirren fasziniert, das Hin-und-Hergerissensein zwischen zwei Kulturen, die Unklarheit, ob man woanders ein anderer geworden wäre. Fragen, die man sich mit einer relativ eindeutigen Herkunft (wie meiner oder Janiks) wohl nicht oder wenigstens nicht in dieser Intensität stellt.

Was fasziniert Janik an Irene?

Ich glaube, Janik ist ein sehr wacher und interessierter Mensch. Man kann ihm sicherlich eine Menge vorwerfen, aber nicht, dass er blind durch die Gegend läuft. Er ist interessiert am Leben, seiner Funktionsweise, er interessiert sich ganz einfach für die Bandbreite des Lebens, zweifelt am Entwurf seiner Eltern. Er will wissen, welche Möglichkeiten das Leben bereithält und ist nicht bereit zu glauben, dass das scheinbar Gute, nur weil es sich direkt vor seiner Nase abspielt, auch das richtige für ihn ist. Perfektion ist nicht die Kategorie, die Janik anzieht, davon hat er genug gehabt in seinem Leben. Zumindest für den Moment scheint ihn erstmal das Gegenteil anzuziehen.
Irene ist ein Mensch mit vielen Seiten. Vieles in ihrem Leben ist nicht so gelaufen, wie man es sich für sich selbst wünscht. Sie kämpft, sie verliert, sie steht auf. Sie probiert, sie ist stark, sie ist schwach. Sie lebt ihr Leben, so gut es ihr eben gelingt. Es gibt viele Dinge, die ich an Janik nicht so sympathisch finde, aber was ich an ihm mag: dass er Irene auf Augenhöhe begegnet, dass er ihr ihre Würde lässt.

Janiks und Samuels Freundschaft beinhaltet auch körperliche Nähe, die vielleicht vor einiger Zeit noch als homoerotisch gelesen werden könnte.

Von den ungefähr 500 Lesungen, die ich mit „Räuberhände“ in Schulen gemacht habe, gab es genau zwei, bei denen ich nicht gefragt wurde: Ist Janik schwul? Das Thema ist also offenbar da. Jetzt und immer. Mich überrascht ehrlich gesagt, dass das so wichtig ist… Aber erstmal möchte ich festhalten, dass ich da nicht die Deutungshoheit an mich reißen möchte. Wenn man beim Lesen das Gefühl hatte, dass Janik schwul ist und dass das möglicherweise ein Thema in diesem Text ist, dann ist das so. Wenn man dadurch irgendwelche Fragen diesbezüglich in den Kopf bekommt, dann ist das ja toll. Für mich war das beim Schreiben allerdings kein Thema, oder jedenfalls nicht so richtig.
Die körperliche Nähe, die die beiden miteinander haben, ist relativ normal unter zwei Jungs um die zwanzig, die sich schon jahrelang kennen und so eng miteinander sind. Da hat man sich schon tausendmal gegenseitig umgeruppt, im Schwitzkasten gehabt, in die Eier gehauen, ist nebeneinander eingepennt, hat nach dem Sport unter der Dusche gestanden. Auch wenn Kuscheln unter den meisten Jungs wohl noch verpönt ist (leider! Da haben Mädchen/Frauen es wirklich besser. Körperlichkeit, Zärtlichkeit ist – auch ohne jede erotische Absicht – wunderschön), gibt es eine Menge körperlicher Nähe, die völlig normal und nicht der Rede wert ist. Warum es plötzlich so bedeutsam wird: weil Janik die Selbstverständlichkeit dieser Körperlichkeit vermisst. Er weiß nicht mehr, ob ihm die zuvor völlig normalen Berührungen jetzt noch zustehen. Und je länger es dauert, bis sie Worte finden für das Vorgefallene, desto größer wird der Wunsch, sich auf körperlicher Ebene ihrer Freundschaft zu versichern. Was er sich ja plötzlich nicht mehr traut – das ist ein Teufelskreis. Eigentlich nur deshalb kommt das Thema immer wieder zur Sprache: Etwas ist kaputt gegangen zwischen ihnen und es wird an dieser Stelle besonders deutlich. Bei jeder Berührung zuckt man zusammen, weil man nicht weiß, ob der andere das noch erträgt.
Als ich den Text im Ganzen nochmal gelesen habe, ist mir schon aufgefallen, dass sich das stellenweise ein bisschen „schwul“ liest. Ich fand es interessant, dass das dem ein oder anderen Leser (dachte ich so heimlich bei mir) vielleicht im Hinterkopf als Frage rumspuken könnte: Warum Zärtlichkeit unter Männern noch so häufig stigmatisiert und sanktioniert wird. Freundinnen können kuscheln, sich umarmen, streicheln und so weiter. Warum sind Jungs im gleichen Falle schwul? Die Frage, was daran und warum das ein Problem sein sollte sei mal dahingestellt. Ich war überrascht, wie viel Aufhebens es um diese Frage gab und schockiert von einigen Mails und Facebook-Nachrichten, die ich bekommen hab. Da wurde ich echt beschimpft für das „scheiß schwule Buch“ und noch viel schlimmer. Damit habe ich nicht gerechnet, aber das zeigt ja nur, dass die Entscheidung richtig war, das als Thema anklingen zu lassen: da gibt’s noch eine Menge zu reden und zu kämpfen.

Janiks Eltern nehmen Samuel bei sich zu Hause auf. Sie geben sich offen und interessiert. Das wünschen sich viele Kinder. Was aber fehlt, ist eine gewisse Reibefläche – denn Eltern können nicht zugleich die besten Freunde sein.

Für Janik ist das ein kleines Drama. In der Pubertät geht es eben auch darum, sich abzugrenzen und den eigenen Weg zu finden. Er hat den Wunsch, sich abzugrenzen. Auch mit dem Erfahren und der Wertschätzung der „Gegenwelt“ von Irene. Janik weiß ja darum, dass er seinen Eltern kaum etwas vorhalten kann, er sagt es selbst: sie machen ja alles richtig, und ich würde es genauso tun wie sie, aber sie machen es ja schon. Das ist sein Dilemma. Wenn er nicht alles anders macht als sie, wenn er einfach so lebt, wie sie es ihm vorleben, woher soll er dann wissen, ob das Leben wirklich seines ist? Janik nimmt, wie gesagt, das Leben ernst und er will wissen, was das ist: Leben. Er will es verstehen, will seinen eigenen Weg finden. Und der erste Schritt ist dabei eben die Abgrenzung.

Wie fühltest Du Dich, nachdem Du gehört hattest, dass „Räuberhände“ an Schulen gelesen wird?

Super erstmal. Ist natürlich total spannend. Eine riesengroße Sache. Kann sich sicher jeder vorstellen: Das bedeutet viele sehr aufmerksame Leser. Und das wünscht man sich doch als Autor! Viele Menschen lesen dieses Buch, sie denken viel darüber nach und diskutieren, sie kommen zu meinen Lesungen und haben Fragen, das ist toll und aufregend. Am Ende wurde sogar ein Film daraus! Aber klar, ich hatte schon auch ein bisschen Angst, ob der Text vielleicht „zerlesen“ wird im Unterricht, ob da die Lust, der Sound, die eigenen Fragen auf der Strecke bleiben. Ich weiß selbst noch genau, dass Bücher, über die ich Prüfungen schreiben musste, es nicht unbedingt leicht hatten, von mir gemocht zu werden. Auch wird das Buch im Unterricht unter ganz bestimmten Fragestellungen gelesen, da gehen ganze Bereiche des Buches völlig unter. Und den eigenen Flow, den Sound des Buches, den verliert man leicht, wenn man eine Doppelstunde lang auf zwei, drei Sätzen herumkaut und bis ins kleinste Detail analysiert. Das ist was komplett anderes, als wenn man ein Buch von seinem besten Freund in die Hand gedrückt bekommt.

Kam Dir beim Schreiben des Romans zugute, dass Du ohnehin Film studiert hast?

Keine Ahnung. Jedenfalls habe ich zu der Zeit ständig in wechselnden kleinen Gruppen Filme gemacht. Wir waren eine Handvoll Studenten und haben uns immer gegenseitig bei den Projekten geholfen. Ich habe nicht so richtig Drehbuchschreiben gelernt, aber ich habe halt Drehbücher geschrieben. Und dann habe ich das gedrehte Material später geschnitten. Und wenn ich mir beim Schreiben des Romans so rückblickend auf die Finger gucke, dann habe ich das so ähnlich gemacht. Ich habe den Roman geplant und gebaut, wie ich das auch bei meinen Drehbüchern gemacht habe. Ich habe die Figuren entwickelt, Biographien geschrieben. Die Storylines grob entworfen, auf Karteikarten an meiner Wand zu einer Handlung verbaut. Dann habe ich die einzelnen Storylines „gedreht“ und später habe ich das Rohmaterial wieder montiert, so wie ich das damals in der Uni am Steenbeck mit Tesa und Schere oder zu Hause am Rechner mit Adobe Premiere gemacht hab. Also: ja, kam mir zugute, denke ich, auch wenn ich das alles nie „gelernt“ habe. Ich habe das immer mehr gemacht und dabei abgecheckt, wie das wohl so ungefähr funktioniert.

Welchen Anteil hast Du am Drehbuch?

Ich durfte die erste Drehbuchfassung komplett allein schreiben. Sozusagen einmal zeigen, wie ich mir diesen Film vorstelle. Danach habe ich die Arbeit an die tolle Gabriele Simon übergeben, die den Film liebevoll und ausdauernd produziert und das Drehbuch von der zweiten Fassung bis zur Produktionsreife gebracht hat. Vielen Dank an dieser Stelle, das war wirklich eine außerordentlich schöne und vertrauensvolle Zusammenarbeit!

Wie nah bist zu am Drehgeschehen gewesen?

Ich habe zum Drehzeitpunkt in Südwest-Frankreich gelebt und wurde gerade Vater, ich konnte also leider gar nicht am Set sein. Gabriele Simon und Regisseur Ilker Çatak haben aber versucht, mich ein bisschen teilhaben zu lassen, das war wirklich nett! War ja auch für mich eine Riesensache. Die erste echte Kinoverfilmung eines Buches von mir! Traum! Ich wäre gern dabei gewesen… Ich bin sehr, sehr froh, dass es diesen Film nun wirklich gibt und ich danke allen Beteiligten für ihre Arbeit, ihre Leidenschaft und die Ausdauer. Ich finde, da ist ein eigenes, kleines Kunstwerk geglückt. Der Film hat eine ganz eigenständige Qualität und das ist ein großes Kompliment für eine Literaturverfilmung, finde ich, denn das gelingt nicht so oft. Ich glaube, es liegt, neben der starken Regie von Ilker, auch an der richtigen Entscheidung, sich vom Roman ein Stückweit zu befreien und sich nicht sklavisch an die Vorlage zu halten. Und natürlich an den Jungs, Mekyas und Emil.

Hat sich beim Schreiben des Drehbuchs dein Blick auf die Figuren verändert?

Weniger auf die Figuren als viel mehr auf die Geschichte. Bei so einer Adaption in ein anderes Medium mit seinen anderen Erzählmöglichkeiten, fragt man sich ja als Autor eher, wie man dem erzähltechnisch gerecht wird. Also, man könnte sagen: ich schicke dieselben Figuren in leicht veränderte Szenen und Umstände. Natürlich verändert das die Figuren immer auch ein bisschen beziehungsweise zeigt andere Seiten an ihnen und natürlich verändert das dann meinen Blick auf sie. Aber wirklich: das ist nicht so groß, mir kommt es eher so vor, dass die Figuren und mein Blick auf sie, die Übersetzung zusammenhalten. Wir haben uns ein bisschen erzählerische Freiheit geschaffen, dadurch, dass wir wussten, was und von wem wir erzählen wollten.

Erklärt sich so die Abweichung der Passage in Istanbul?

Zum Beispiel. Im Roman liegen die beiden halt viel im Zimmer und es spielt sich viel in Janiks Kopf ab. Das funktioniert im Film nicht. Film braucht immer Handlung, Probleme, Widerstände, du musst deine Figuren vor Entscheidungen stellen. Im Roman kann ich viel mehr Schleifen drehen, nachdenken, beobachten. Film ist einfach deutlich handlungsorientierter. Also mussten wir für Istanbul wenigstens ein bisschen mehr Handlung entwerfen.

Die Istanbul-Reise hat den Hintergrund, dass Samuel nach seinem Vater sucht. Er hat vor Kurzem von seiner Mutter erfahren, dass der Vater Türke ist.

Naja, nicht wirklich. Er sucht nicht wirklich und konkret seinen Vater. Eher das Bild von ihm und einen unbekannten, vermuteten Teil seiner selbst. Er sucht nach irgendwas, mit dem er sich verbinden kann. Er hat bestimmt den Wunsch, sich selbst erklären zu können. Und hier, in der Fremde, neu aufgehen zu können. Sich hier nochmal neu zu erfinden. Er hatte es schwer in Deutschland, ist trotzdem ein sehr guter Typ geworden. Jetzt soll seine Geschichte losgehen. Das will er sich nicht kaputt machen lassen von der Scheißgeschichte zwischen Irene und Janik. Er ist extrem gut darin, seine Ziele zu verfolgen, auch wenn ihm Knüppel in die Beine geworfen werden.

Neben der Suche nach dem Vater steht aber auch das Ausloten der eigenen Beziehung in Istanbul im Vordergrund?

Unbedingt. Die beiden haben sich auch auf den Weg gemacht, um ihre Freundschaft zu retten. Sie lieben sich und wollen sich nicht verlieren. Sie hatten und haben den Plan, ihr Leben zusammen zu bestreiten. Sie sind Freunde, die wie selbstgewählte Brüder aufgewachsen sind, klar geben die sich jetzt nicht auf. Das Problem ist nur: sie haben nicht das Handwerkzeug, diesen Konflikt tatsächlich zu bearbeiten. Sie finden die Worte nicht, die Momente verstreichen und unterschwellig bauen sich Spannungen auf. Sie finden nicht zueinander. Obwohl sie wollen.

Wo siehst Du die beiden in zehn Jahren?

Du meinst: wann erscheint der zweite Teil? Obwohl es mich interessieren würde, den beiden nochmal zu begegnen, Jahre später, und mir auszudenken beziehungsweise ihnen dabei zuzusehen, wie und wer sie geworden sind. Sorry, da muss ich passen. Ich werde keinen zweiten Teil schreiben.

Credits

Cast

Janik

Emil von Schönfels

Samuel

Mekyas Mulugeta

Irene

Katharina Behrens

Ella

Nicole Marischka

Jona

Godehard Giese

Crew

Regie

İlker Çatak

Buch

Gabriele Simon, Finn-Ole Heinrich

Kamera

Judith Kaufmann

Schnitt

Sascha Gerlach, Jan Ruschke

Szenenbild

Christian Strang

Kostümbild

Christian Roehrs, Juliane Maier

Maske

Nicolai Lißner

Sounddesign

Marco Schnebel, Tobias Scherer

Mischung

Tobias Scherer

Produzenten

Gabriele Simon, Martin Heisler

Redaktion

Jan Berning (SWR), Barbara Häbe (Arte), Jörg Himstedt (HR)

eine Flare Film Produktion in Ko-Produktion mit SWR, ARTE und HR
mit Unterstützung von BKM, MFG Baden-Württemberg, Medienboard Berlin-Brandenburg, DFFF und Kuratorium junger deutscher Film

im Verleih von Salzgeber