Der Puppenjunge

von John Henry Mackay

Hardcover, 368 Seiten
Erscheinungstermin: August 2022

Zum Buch im Salzgeber.Shop

Der Puppenjunge

„Der Puppenjunge – Die Geschichte einer namenlosen Liebe aus der Friedrichstraße“, so der vollständige Titel von John Henry Mackays Roman aus dem Jahr 1926, schildert ein Jahr im Leben des 15-jährigen Ausreißers Günther, der beginnt, als Strichjunge zu arbeiten. Erzählt wird aus der Sicht des Buchhändlers Hermann Graff, der sich in Günther verliebt und sich durch die daraus erwachsenden Schwierigkeiten – für Günther ist er nicht mehr als ein Freier – zunehmend über seine sexuellen Neigungen klarer wird.

Der deutsche Dichter mit dem schottischen Namen John Henry Mackay (1864 –1933) wurde Ende des 19. Jahrhunderts als Biograf und Wiederentdecker von Max Stirner sowie als Autor des Romans „Die Anarchisten“ bekannt. Anfang des 20. Jahrhunderts verfasste er unter dem Pseudonym Sagitta eine Reihe kleinerer „Bücher der namenlosen Liebe“, auf die 1926 der Roman „Der Puppenjunge“ folgte, der durch seine lebendigen Beschreibungen der schwulen Halbwelt Berlins bestach, die Mackay, der ab 1892 in Berlin lebte, aus eigener Erfahrung kannte die Welt. Magnus Hirschfeld lobte an dem Roman die „formvollendete Sprache“ und den „tiefen psychologischen Gehalt“. Christopher Isherwood bekannte noch 1985 beim Erscheinen der englischen Übersetzung (The Hustler), er habe das Buch „immer sehr geliebt“ – es zeichne, wie er aus eigener Erfahrung wisse, trotz mancher melodramatischen Übersteigerung ein authentisches Bild der sexuellen Unterwelt Berlins.

BIOGRAFIE

John Henry Mackay wurde 1864 in Schottland geboren. Sein Vater starb früh, die Mutter, eine Deutsche, kehrte mit dem Sohn in die Heimat zurück. Mackay machte eine Ausbildung zum Verlagsbuchhändler, studierte, lebte zeitweilig in London, Paris, Rom und Saarbrücken und ließ sich 1892 in Berlin nieder. Mit einer Max-Stirner-Biographie, der Gedichtsammlung „Der Sturm“ und dem Roman „Der Schwimmer“ war er bereits ein bekannter Autor, als er im Jahr 1905 eine zweite literarische Karriere begann. Unter dem Pseudonym Sagitta publizierte er in der ersten Homosexuellenzeitschrift der Welt – „Der Eigene“ – und arbeitete an dem Projekt „Die Bücher der namenlosen Liebe“. 1906 erschienen die ersten beiden Bände, wurden von der Polizei verboten und vernichtet. 1913 erschienen das dritte und das vierte Buch im Rahmen einer Gesamtausgabe, es folgte eine Ausgabe von Gedichte und 1926 der Roman „Der Puppenjunge“.

LESEPROBE
Auszug aus „Der Puppenjunge“ von John Henry Mackay

Endlich bewegte sich der Junge, ließ die Hände fallen, reckte sich, sah sich um und dann, wie es Graff schien, auch hinüber zu ihm, dorthin, wo er saß, böse und verdrossen, wie aus dem Schlafe geweckt.

Er sah jetzt das Gesicht. In der Entfernung nicht ganz deutlich. Aber er erkannte es wieder. Er war es! – Und zugleich schien es ihm, als würde der Gegenübersitzende aufmerksam auch auf ihn. Als ob er ihn ansähe – wie prüfend. Täuschte er sich auch nicht? War es möglich, daß auch er ihn wiedererkannte? – Und würde er jetzt – und gleich – wieder aufspringen und wie gehetzt davonrennen? – Nein, er stand nur langsam, wie müde, auf und ging, ohne einen Blick zurück, ebenso langsam dem Tore zu.

Was sollte er tun? – Sollte er ihm folgen? – Die Angst, ihn nochmals zu verlieren, machte ihn vollends unschlüssig. Dann trieb dieselbe Angst ihn auf. Er stand auf und ging ihm langsam nach. Der Junge war stehen geblieben, jedoch ohne sich umzusehen. Als warte er.

Jetzt war Graff neben ihm, stand vor ihm, trat beiseite und suchte mit ungeheurer Anstrengung nach den ersten Worten. Erst als der Junge zu ihm aufsah, brachte er mühsam heraus: „Verzeihen Sie, wenn ich Sie anspreche. Aber haben wir uns nicht schon einmal gesehen?“

Die seltsamen Augen sahen ihn an, aber nicht, wie er geglaubt, furchtsam oder ängstlich, auch nicht erschrocken oder neugierig, sondern völlig gleichgültig.
„Wo denn?“ – hörte er zurückfragen. Die junge Stimme war hell und deutlich.
„In – in der Passage. Vor etwa vier Wochen … “

Vor vier Wochen, dachte Günther. So lange bin ich ja noch gar nicht hier. Doch, es konnte doch schon so lange her sein. Für ihn gab es keine Zeit mehr und er rechnete längst nicht mehr mit den Tagen und Wochen.

Dann mußte es wohl Einer von Denen aus der ersten Zeit gewesen sein. Er sah ihn an. Er hatte keine Ahnung. Gegangen war er doch nicht mit ihm? – Dann hätte er ihn doch wohl wiedererkennen müssen. Aber das waren doch meist Ältere gewesen, keine solchen jungen Männer, wie dieser einer war. Er hatte nicht den Schimmer einer Ahnung. Vielleicht hatte er ihn auch nur so angesprochen und es war Nichts daraus geworden. Das hatten ja so Viele getan. Übrigens war es ja ganz egal. Am Besten, er tat schon so, als erinnere er sich.

Er sah ihn nochmals von der Seite an. Er sah ganz anständig gekleidet aus. Ob er wohl Geld hatte? – Diese jungen Leute hatten meistens selbst nicht Viel. Und wie aufgeregt er war! – Der konnte es wohl gar nicht erwarten! – Er konnte ja kaum sprechen. Und wie er ihn ansah!

Doch hier konnten sie nicht stehen bleiben. Die Leute sahen sich schon nach ihnen um. Sie fühlten es beide. Sie gingen nun nebeneinander her und weiter. Graff überlegte und überlegte. Was sollte er nur sagen, um ihn nicht wieder zu verlieren! Er brachte endlich hervor: „Haben sie wohl noch Zeit? – Wir könnten doch Etwas spazieren gehen. In den Tiergarten vielleicht, wenn es Ihnen recht ist …“

Er dachte an sein Gartenlokal in den Zelten. Da würden sie ungestört zusammen sprechen können. In dem Jungen stieg wieder die Wut auf. In den Tiergarten, natürlich wieder in den Tiergarten! – Geld für ein Zimmer in einem Hotel hatte er also nicht oder wollte es sparen. Da würde also wohl nicht Viel abfallen. Und warum sagte er denn immer Sie zu ihm? – Keinem Menschen war es noch eingefallen, ihn mit Sie anzureden. Entweder war der doof oder nicht von hier.

Also meinetwegen denn in den Tiergarten. Aber das stand fest, mit schönen Worten, wie es ganz den Anschein hatte, ließ er sich nicht mehr fangen; und wenn er sich schon, müde und hungrig wie er war, in den Tiergarten schleppen ließ, Geld wollte er sehen, und zwar vorher. Zum zweiten Male sich neppen lassen und noch dazu an demselben Tage, das gab es einfach nicht!

Sein Begleiter dachte unterdessen: Natürlich hat er mich wiedererkannt! – Wenn er es auch nicht sagt. Er wäre doch sonst nicht aufgestanden, stehen geblieben und hätte gewartet, bis ich ihn ansprach. Aber warum war er so still? – Vielleicht war er müde und wollte lieber sitzen. Es ging ihm gewiß nicht gut. Wie mochte es ihm überhaupt gegangen sein in diesen Wochen? – Ob er wohl Beschäftigung hatte? – Doch wohl nicht, denn wie wäre er sonst um diese Tagesstunde schon frei. Vielleicht hatte er gar keine Arbeit. Aber er durfte ihn doch nicht so ohne Weiteres darnach fragen. Das wäre doch zudringlich gewesen. Er sah auch so abweisend aus in seinem Schweigen. Jedenfalls war er müde und hatte keine Lust zum Spazierengehen.

Behutsam fragte er daher nach einer langen Pause, während welcher sie dem Pariser Platz nahegekommen waren: „Aber vielleicht sind Sie müde und mögen nicht gerne weiter gehen? – Wollen wir uns auch lieber in ein Café setzen und etwas genießen? –“

Der Junge nickte nur als Antwort. Das war wenigstens vernünftig gesprochen. Erst essen und dann …

Auszug aus „Der Puppenjunge“ – Zweiter Teil, Kapitel 2