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Messer im Herz

ein Film von Yann Gonzalez

Frankreich 2018, 102 Minuten, französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln

FSK 16

Kinostart: 18. Juli 2019

mit Vanessa Paradis, Nicolas Maury, Kate Moran, Félix Maritaud u.a.

Messer im Herz

Paris, Sommer 1979. Filmemacherin Anne (Vanessa Paradis) verdient ihr Geld als Regisseurin und Produzentin drittklassiger Schwulenpornos. Als sie von ihrer Freundin Loïs (Kate Moran) verlassen wird, beschließt Anne die Geliebte, die zugleich die Cutterin ihrer Filme ist, mit einem ambitionierten Filmprojekt zurückzugewinnen. Doch eine brutale Mordserie überschattet den Dreh: Ein mysteriöser Killer dezimiert, bewaffnet mit einem Dildo mit Schnappklinge, Cast und Crew. Als die polizeilichen Ermittlungen nicht vorankommen, will Anne dem Mörder selbst eine Falle stellen. Doch ihr Plan bringt das verbleibende Team in größte Gefahr …

Nach seinem sinnlich-surrealen Debütfilm „Begegnungen nach Mitternacht“ (2013) entwirft der französische Regisseur Yann Gonzalez einen wilden und höchstreferentiellen Genre-Mix aus blutigem Giallo-Schlitzer, düsterem Psycho-Thriller und frivolem Erotik-Melodram, der zugleich liebevolle Hommage an das französische Schwulenporno- und Undergroundkino der 70er Jahre ist. In sein cinephiles Labyrinth der Lüste und Traumata schickt er zur betörenden Musik der Elektronikband M83 neben Superstar Vanessa Paradis einige der aufregendsten jungen Darsteller Frankreichs, darunter Nicolas Maury und Félix Maritaud („Sauvage“). Bei seiner Uraufführung im Wettbewerb von Cannes wurde Gonzalez‘ bildgewaltiger Filmrausch als radikales Meisterwerk gefeiert. Es folgten zahlreiche Preise, u.a. der renommierte Prix Jean Vigo, Frankreichs wichtigste Auszeichnung für junge visionäre Filmkunst.

Trailer

Interview
Regisseur Yann Gonzalez über seinen Film

Woher bekamen Sie die ersten Ideen zu MESSER IM HERZ?

In erster Linie von einer Figur. Aus der von Christophe Bier zusammengestellten „Dictionnaire de la pornographie“ erfuhr ich von einer französischen Pornoregisseurin aus den 1970er Jahren, einer leidenschaftlichen Frau, sie war Alkoholikerin, lesbisch und verliebt in ihre Cutterin. Sie stand in dem Ruf, grob und unberechenbar zu sein und ihre Schauspieler*innen bei den Castings zu demütigen. Kurz gesagt, sie war eine sehr farbenfrohe Gestalt. Ich wollte weg von der Zuckerwattensüße meines ersten Films, „Begegnungen nach Mitternacht“, und mich mit urbaneren Stoffen beschäftigen. Ich glaubte, für diesen Zweck sei jene Figur ein starker Vektor.

Haben Sie über sie recherchiert?

Ja. Und durch die Unterstützung von Hervé Joseph Lebrun, dem französischen Porno-Spezialisten, konnte ich auch mit Leuten reden, die sie gekannt haben (sie ist schon lange tot, ihre Cutterin ebenfalls): ehemaligen Konkurrent*innen, Kolleg*innen etc. Das half mir, eine umfangreiche Dokumentation zusammenzustellen. Das Material machte jedoch einen etwas zwielichtigen Eindruck, und in diese Richtung wollte ich nicht gehen. Im Gegenteil, ich suchte das Extravagante, Romantische. Also beschloss ich, sie neu zu erfinden und sie in eine fiktive Figur zu verwandeln. Ich behielt die Liebe zu ihrer Cutterin und die Hälfte ihres Vornamens als eine Art Referenz an diese Heldin des Undergrounds.

Haben Sie das Projekt allein entwickelt?

Ich habe Probleme damit, allein voranzukommen. Ich befand mich im Stillstand. Ich sprach mit Cristiano Mangione über das Thema, denn er hat mich bei den meisten meiner Filme beraten. Er ist ein äußerst begabter Autor und Regisseur, dessen Projekte seine große Liebe zu allem, was mit Gender und Trans zu tun hat, zeigen. Wir fingen an zu reden, einfach so, und es kamen so verrückte, schräge Dinge dabei heraus, dass wir schnell beschlossen, das Drehbuch gemeinsam zu schreiben. Wir setzten uns keinerlei Grenzen, nichts war verboten, es war das reine Vergnügen. Wir folgten der Figur durch ein frivoles und manchmal grausames Labyrinth. Doch zugleich sollte es zu jedem Zeitpunkt lustig sein. Und auch verrückt.

Der Film ist auf sehr erfrischende Weise verrückt: Er ist frei, radikal, exzessiv.

Ich beschreibe MESSER IM HERZ gern als das Porträt einer verliebten Frau, die auf einen Geisterzug aufspringt. Das gefällt mir am Konzept des Rummelplatz-Films: Man beginnt eine Reise, ohne zu wissen, wohin sie führt.

Das Rummelplatz-Element findet sich auch in der Familie wieder, die Sie beschreiben: lauter Figuren, die in der Pornowelt zusammenarbeiten – Schauspieler*innen, Kameraleute, Regisseur*innen und Assistent*innen. Eine echte Crew.

Ja, dieser Crew-Aspekt war mir sehr wichtig, wie schon in meinen ersten Filmen. Er ist wichtig für die Handlung, zum Beispiel für die Freundschaften, die manche der Figuren miteinander verbinden, besonders die Regisseurin Anne (Vanessa Paradis) und ihre rechte Hand Archibald (Nicolas Maury); wir sehen hier eine Freundschaft, die wichtiger und beständiger ist als Liebe. Aber er ist auch im wirklichen Leben wichtig. Mit manchen dieser Schauspieler arbeite ich seit meinen ersten Kurzfilmen zusammen. Mir gefällt es sehr, dass wir gemeinsam diese Filme und den Alltag erleben. Ich denke besonders an Kate Moran, die vor zwölf Jahren in meinem ersten Kurzfilm gespielt hat und jetzt die Cutterin Loïs spielt, die ehemalige Liebhaberin der Heldin. Das Band, das Kate und mich verbindet, ist kostbar, es ist wie eine Geschwisterbeziehung. Und sie hat mich noch nie so in Erstaunen versetzt wie bei den Dreharbeiten für diesen Film. Ich bringe in jedem Film aber auch frisches Blut in diesen Kreis der festen Mitarbeiter. Das erzeugt viel Energie und elektrifizierende Momente. Für mich ist das Casting der aufregendste Teil der Filmarbeit; hier wird der Fiktion echtes Leben eingehaucht.

Die Kunst, im Casting einen explosiven Cocktail zu mixen, hat sich schon in „Begegnungen nach Mitternacht“ gezeigt, aber hier ist das Resultat noch erstaunlicher, weil sehr viel mehr Schauspieler*innen mitwirken.

Ja, es sind ungefähr 40! Ich liebe die großartige Kettenreaktion, die dadurch ausgelöst wird, sowohl aus der Perspektive des Filmliebhabers als auch aus der Perspektive des Filmregisseurs. Bertrand Mondico zum Beispiel, der Regisseur von „The Wild Boys“ (2017), war eine neue und entscheidende Bekanntschaft für mich, er spielt in diesem Film die Rolle des Kameramanns François Tabou, dessen Name an Franςçois About denken lässt, den Kameramann der meisten schwulen Pornofilme der 70er Jahre. Doch jede Figur hat seine oder ihre eigene Geschichte: Bei Romane Bohringer hat sie mit meiner grenzenlosen Verehrung für „Wilde Nächte“ (1992) zu tun, einen Film, den wahrscheinlich jeder schwule Junge aus der Provinz verehrt. Ich nahm zu Romane schon sehr frühzeitig Kontakt auf, mindestens zwei Jahre vor Beginn der Dreharbeiten. Es war sehr aufregend, sie zu treffen, als wäre ich in meine Zeit als Teenager zurückversetzt. Ingrid Bourgoin, die die Barkeeperin im lesbischen Cabaret spielt, war die Heldin in einem meiner Lieblingsfilme aus der Vecchiali-Galaxis der Siebziger, „Simone Barbès oder die Tugend“ (1980) von Marie-Claude Treilhou. Dort spielt sie eine junge Lesbe, die in einem Pornokino arbeitet und eine ganze Nacht der hoffnungslosen Liebe und Melancholie durchlebt. Es ist ein absolut großartiger Film. Das alles entstammt ganz verschiedenen Orten meines Lebens und verschmilzt in meiner großen Liebe zu allen Filmgenres.
Manchmal trifft man beim Casting auch inkongruente Entscheidungen: In einem bestimmten Stadium der Finanzierung bekamen wir Unterstützung aus Mexiko, deshalb musste ich einen mexikanischen Schauspieler aufnehmen. So kam es dazu, dass Noé Hernandez, den ich in Emiliano Rocha Minters Film „Wa Are the Flesh“ (2016) bewundert habe, sich Vanessa Paradis‘ Trupp von Pornodarstellern anschließt. Er sprach kein Wort Französisch und lernte seine Dialoge phonetisch. Er brachte enorme Energie, Euphorie und Farbigkeit in den Film. Diese Synergien sind faszinierend, beinahe magisch, weil sie so viele Zufallstreffer hervorbringen, Wünsche, die kollidieren oder auch nicht.

Und dann ist da natürlich noch Vanessa Paradis, der Sie ihre bisher wohl größte Rolle in einem Kinofilm angeboten haben – als willensstarke Frau, die ihre kleine Männerwelt mit starker Hand zusammenhält, während sie insgeheim an gebrochenem Herzen zu Grunde geht.

Anne ist eine sehr starke Frau, aber angeschlagen, unfair und überbordend. Der Film ist eine Ode an alles Weibliche, selbst in seinen negativsten Aspekten. Er ist eine Art liebevolles Porträt der Figur, ebenso wie von Vanessa Paradis selbst. Die unglaubliche Faszination, die wir in professioneller Hinsicht füreinander gespürt haben, als wir uns das erste Mal trafen, war von entscheidender Bedeutung für die Entstehung des Films. Vanessa war für uns alle eine treibende Kraft, und das von Anfang an. Drei Tage, nachdem sie das Drehbuch gelesen hatte, sagte sie zu. Sie ist verliebt in die Liebe, und das gilt auch für die Liebe zum Kino. Sie hat eine immer lebendige, liebevolle Ausstrahlung, und eine sehr enge Beziehung zum Kino. Sie ist jederzeit äußerst empfindsam. Sie versteckt sich nicht hinter einer Maske, und das ist eine Seltenheit bei bekannten Schauspielerinnen, vor allem in Frankreich. Man merkt, dass sie äußerst großzügig und freundlich ist, ihr Gesicht erinnert mich an die großen Schauspielerinnen der Stummfilmzeit wie zum Beispiel Janet Gaynor, die Lieblingsschauspielerin von Frank Borzage. Sie hat diese besondere Art von Präsenz auch dann, wenn nicht gedreht wird, und die ungekünstelte, überwältigende Unschuld einer Person, die zum allerersten Mal in einem Film mitwirkt.
Welcher Aspekt des Projekts war Ihrer Meinung nach dafür ausschlaggebend, dass sie sich mit Leib und Seele hineingestürzt hat?
Ich glaube, es war die Tatsache, dass Gefühle stets voll ausgereizt werden. Das trifft auf alles zu, was Gefühle hervorbringt: Katastrophen, Gewalt und Leidenschaft. Für eine Schauspielerin heißt das, permanent ein Feuerwerk abzubrennen, was sehr aufregend sein kann. Doch auch ein wenig beängstigend, selbst für jemanden mit einer so reichen und bunten Karriere. Nach zwei oder drei Tagen am Dreh habe ich zu ihr gesagt: „Versuch nicht, eine Figur darzustellen. Hab keine Angst, einfach du selbst zu sein. Denn auch dich möchte ich durch diese Figur darstellen.“ Ich glaube, das brachte uns beide dorthin, wohin wir gelangen mussten. Wenn ich sage, dass sie eine treibende Kraft für uns alle war, ist das nicht nur eine Redensart: Einen Film zu drehen kann sehr anstrengend sein, Ambitionen kollidieren mit der Realität, mit dem Budget, mit Zeitmangel etc. Trotzdem waren diese Dreharbeiten von Euphorie geprägt, ich war umgeben von Leuten, die das Projekt liebten. Es war Vanessa, die mit ihrer Lust, diesen Film zu machen, den Rest des Teams angesteckt hat.

Was war ihnen beim Umgang mit den Geschlechtern wichtig, vor allem in Hinblick auf die blutrünstige Seite des Films?

Ich wollte mit Fantasy-, Horror- und Giallo-Codes Spaß haben, aber respektvoll damit umgehen. Vor allem wollte ich nicht klüger sein als das Genre, sondern es annehmen und ihm gerecht werden. Ich wollte wirklich einen emotionalen Aspekt mit dem Genre verbinden, denn die meiner Meinung nach besten Thriller und Horrorfilme berühren auch unsere Gefühle: „Der Exorzist“ (1973) ist auch ein Melodram über eine Mutter, die ihr Kind verliert; „American Werewolf“ (1981) von John Landis ist ein großartiger Film über eine gescheiterte Freundschaft. Diese Filme erzeugen Angst und Schrecken, aber zuerst und vor allem bringen sie mich zum Weinen.

Bestimmte Szenen sind wirklich furchteinflößend, und die Verzweiflung über die Morde ist greifbar. Wie gelingt es Ihnen, durch die Mise-en-scene Angst auszulösen?

Ich kam sehr schnell auf die Idee, Jonathan Genet, der den Mörder spielt, darum zu bitten, am Set seine Maske immer aufzubehalten. Deshalb wusste außer ein oder zwei Mitgliedern des Teams niemand, wer er war. Das erzeugte an den Tagen, an denen er da war, am Set eine eigenartige Atmosphäre. Und er gab wirklich alles und erkundete die dunkle Seite seiner Figur. Für mich sind es die Schauspieler, die den Tonfall eines Films ausmachen, und Jonathan gab ihm einen gewaltsamen und beunruhigenden Ton, weil seine Figur ein tragisches Schicksal hat. Er sollte ein bewegendes, erschreckendes Monster darstellen.
In der Galaxis der Einflüsse, von denen Sie sich leiten lassen und die Sie oft anführen – dazu gehören Werner Schroeter, Paul Vecchiali und Rainer Werner Fassbinder – leuchtet mit diesem Film eine neue Gestalt auf: Brian De Palma.
Mein Ko-Autor und ich teilen eine große Leidenschaft für De Palma; sie war ein roter Faden, dem wir beide gefolgt sind. In Sachen emotionaler Thriller ist De Palma der Größte, durch Filme wie „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“ (1976), „Dressed to Kill“ (1980) und „Blow Out“ (1981). Dies waren auch die ersten Filme, die ich meinem Produzenten Charles Gillibert gezeigt habe, um zu verdeutlichen, in welche Richtung ich mit MESSER IM HERZ wollte. De Palma hat eine unverfrorene, verspielte Seite, er verknüpft immerzu Fiktion, Wirklichkeit, Kino, Fantasie und Voyeurismus. Und er hat eine absolute Liebe zum Kino. MESSER IM HERZ beginnt mit einem 16mm-Schneidetisch und endet mit einer Art stellarer „Projektion“. Die Liebe zum Material, das Kino ausmacht, ist sehr präsent. Ein Schrei aus Liebe und Wut ist mit dem Messer in diesen Film gekratzt; er wird erst sichtbar, nachdem er durch die Zuschauer*innen hindurchgegangen ist. Die Idee, dass die verzweifelte Liebe einer Frau sich auf dem Film selbst niederschlägt, hat mir sehr gefallen.

Wie sind Sie an die Zeit der 70er Jahre herangegangen? Der Film verfällt nie dem Klischee des Historienfilms, er ist viel subtiler.

Ich hatte mir wirklich Sorgen gemacht, dass er wie eine akademische Rekonstruktion wirken könnte. Mein Kameramann Simon Beaufils und ich hatten sehr schnell die Idee, die Periode durch den Einsatz von Licht zu markieren. Heute sind alle Straßen in Paris mit Natriumdampf-Lampen beleuchtet, die ein schreckliches gelblich-oranges Licht erzeugen. Also bemühten wir uns, den blau-grünen Neonglanz der französischen Filme der späten 70er und frühen 80er zu erzeugen. Natürlich haben wir uns viel Mühe bei den Kostümen und Szenenbildern gegeben, aber der Film sollte auf keinen Fall altmodisch wirken. Er sollte auch von der heutigen Welt erzählen und Gesichter und Körper von heute zeigen. Aus dem Grund habe ich Ikonen des heutigen Nachtlebens einbezogen, wie Simon Thiébaut, der Dominique spielt, den Kopf der Transgender-Gang. Oder den Choreographen der Klub-Szene, Ari De B, der mit allen seinen Tänzern ans Set kam. Durch unsere Fantasie eines Paris des Jahres 1979 scheint etwas sehr Gegenwärtiges hindurch.

Farbe hat in Ihrem Filme eine besonders starke Präsenz …

Der Film zeigt verkorkste und euphorische Figuren. Ich wollte ein visuelles Porträt der inneren Dilemmata, mit denen sie kämpfen. Ich wollte nicht davor zurückschrecken, tief in ihren Geist einzudringen und Bilder zu extrahieren. Ich mag die Idee, sich experimentelle Praktiken anzueignen und in ein etwas mainstreamigeres Kino einzubringen, obwohl ich mir bewusst bin, dass ich nicht gerade die zugänglichsten Filme der Welt mache! (lacht) Es gibt weite „Randzonen“, die meine Liebe zum Kino genährt haben, und ich möchte sie in mein Universum bringen, sichtbarer machen. Ich denke zum Beispiel an Paul Sharits’ Filme, die Stroboskoplicht verwenden, um den Bildern einen flackernden Effekt zu verleihen; das habe ich aufgegriffen, um den negativen Charakter der „Erinnerungen“ des Mörders zu veranschaulichen.

Wie sind sie, zusammen mit Ihrem Bruder Anthony Gonzalez, bei der Arbeit an der Filmmusik vorgegangen?

Wir wollten die Giallo-Stimmung der 70er aufgreifen, diesen finsteren und zugleich gefühlvollen Ton. Doch wir mussten uns auch davon distanzieren, um etwas Gegenwärtiges zu erschaffen und uns nicht in einem Pastiche dieses Genres und seiner Musik wiederzufinden. Wir wollten treu und untreu zugleich sein. Wir haben beide poetische, ja sogar sentimentale Gemüter. Wir wollten kopfüber eintauchen, vor allem weil Melancholie und Poesie in zahlreichen Horrorfilm-Soundtracks der 70ern zu finden sind, von den Filmen Lucio Fulcis oder Mario Bravas – ich denke hier besonders an die quälenden Soundtracks von „Quäle nie ein Kind zum Scherz“ (1972) oder „Im Blutrausch des Satans“ (1971). Und auch hier setzte sich das Lustprinzip durch: Ich bat Anthony, sich einige alte Soundtracks von heterosexuellen und schwulen Pornofilmen anzuhören. Er begriff schnell die musikalischen Codes, und ich glaube, die schönsten Tracks in MESSER IM HERZ, die lustvollsten, sind wahrscheinlich diejenigen, die er für die nachgestellten Pornofilme geschrieben hat. An diesem Soundtrack arbeitete Anthony wieder einmal mit Nicolas Fromageau zusammen, mit dem er schon an den ersten beiden M83-Alben gearbeitet hat, einem Freund aus der Kindheit. Wir drei sehen etwas in MESSER IM HERZ, das uns stark an unsere Jugendzeit und die Filme erinnert, die unsere Liebe zum Kino geweckt haben. Die Filme, die ich als Teenager mochte, waren ziemlich „strange“. Mein Bruder ist vier Jahre jünger als ich und er erzählte mir, dass er und Nicolas in Antibes in mein Zimmer geschlichen sind, um sich meine Videos von Alejandro Jodorowsky, Richard Kern und Jean Rollin anzuschauen. Das hat sie stark geprägt! Der Soundtrack von MESSER IM HERZ war für Nicolas, Anthony und mich ein Weg, uns an unsere ersten Lieben zu erinnern, unsere ersten kraftvollen Bilder und Gefühle im Kino.

Wie sind Sie beim Drehen der Pornoszenen vorgegangen? Sie sind sehr anregend, auch wenn nichts direkt zu sehen ist.

Ich wollte nicht, dass jene Sexualität Annes Tragödie überlagert, ihr Abenteuer, das für mich das Rückgrat des Films darstellt. Es ist zunächst und vor allem das Porträt einer Frau, die zufälligerweise Pornofilme produziert. Wir hielten an der Bildsprache und dem Aufbau fest und hatten viel Spaß damit, ohne drastische Bilder zu zeigen, denn die sind nicht das, was ich von den Pornofilmen dieser Zeit im Gedächtnis behalten habe. Ich wollte zu dieser Unschuld und Naivität zurück, die man in den ersten Pornofilmen erlebt hat. Es war vor der Ausbreitung von Aids; man hatte offensichtlich Spaß daran, zusammen zu spielen und Lust zu empfinden, manche Filme mischten sogar heterosexuelle und homosexuelle Sexszenen. Nicolas Maury ist mit diesem verspielten Aspekt sehr gut umgegangen, in der fantastischen Art, wie er mit Gender, Identitäten und sogar seiner eigenen Weiblichkeit spielt, wenn er in mehreren Szenen eine Transgender-Version von Vanessa porträtiert. Es war wichtig, diese Szenen als komische Momente anzulegen und ein gewisses Maß von Spaß in den Sex zu bringen. Das Ziel war, dass die Zuschauer*innen sich wünschten, in der Szene mitzuspielen. Ich glaube, dass ein junger heterosexueller Mann durchaus Lust haben könnte, in diesem Film zu leben. Für mich ist es eine sehr viel wichtigere Geste und viel wichtiger, als Sexszenen zu zeigen, um die Mittelschicht zu erschrecken, die nicht leicht zu schockieren ist und sehr lange nicht mehr schockiert wurde!

Auf jeden Fall ist Ihr Kino mehr von einem erotischen Element erfüllt als von einem tatsächlich pornographischen.

Für mich ist Kino per se erotisch. Wir haben eben von De Palma gesprochen. Wir könnten auch Verhoeven, Argento, Fulci und ein Dutzend andere größere oder kleinere Meister erwähnen. Mir fehlt im heutigen Kino das Subversive. Sexualität durchtrennt Gefühle; sie ist Teil dessen, was eine Person ausmacht, ein Teil ihrer Geschichte. Anne wird gequält von ihrer Sexualität, ihrer Arbeit, aber auch von der Art ihrer Liebe. Während der ganzen Geschichte kehrt immer wieder der von De Palma geerbte Voyeurismus zurück: Anne spioniert ihrer Cutterin durch ein Guckloch hinterher; zwei Jungen werden heimlich von ihrem Vater beim Sex beobachtet … Das wiederholt sich mehrmals im Film. Ein erotisches Begehren ist immer zu spüren. Es ist nicht meins, es ist das des Films selbst, seiner reinen Essenz. Wir leben in einer Zeit der Regression und des Puritanismus, dem ich entgegentreten wollte, indem ich die Lebenssäfte des Kinos zurückerobere.

Biografien

Yann Gonzalez wurde 1977 in Nizza geboren. Zwischen 2006 und 2012 drehte er sechs Kurzfilme, die auf zahlreichen internationalen Festivals gezeigt und ausgezeichnet wurden. 2013 folgte sein Langfilmdebüt „Begegnungen nach Mitternacht“, das in der Semaine de la Critique in Cannes uraufgeführt wurde und u.a. mit dem Hauptpreis des Internationalen Filmfestivals von Athen sowie des Internationalen Filmfestivals von Mailand ausgezeichnet wurde. 2017 präsentierte Gonzalez seinen Kurzfilm „Les îles“ in Cannes und gewann damit die Queer Palm und später auch den Preis für den Besten Kurzfilm beim Queer Lisboa. Sein neuer Film MESSER IM HERZ hatte im Mai 2018 Weltpremiere im Wettbewerb von Cannes.

Vanessa Paradis machte erstmals 1987 von sich Reden, als sie im Alter von nur 14 Jahren mit ihrem Hit „Joe Le Taxi“ elf Wochen lang die französischen Musikhitliste anführte. 1990 begann ihre Filmkarriere mit „Weiße Hochzeit“ (1989) von Jean-Claude Brisseau. Für ihre Rolle wurde sie 1990 mit dem César als Vielversprechendste neue Darstellerin ausgezeichnet. Im selben Jahr erhielt sie den Prix Romy Schneider, den wichtigsten Nachwuchspreis der französischen Filmindustrie, sowie ihren ersten „Victoire de la Musique“-Preis als Beste Sängerin des Jahres für ihr Album „Variations sur le même t’aime“, dessen Texte Serge Gainsbourg geschrieben hatte. Kurz darauf begann Paradis die Zusammenarbeit mit Karl Lagerfeld – und war in den 90er Jahren eines der wichtigsten Werbegesichter für Chanel. 1995 spielte sie an der Seite von Gérard Depardieu in Jean Beckers „Elisa”. Es folgten zwei Filme mit Patrice Leconte: „Alle meine Väter“ (1998) und „Die Frau auf der Brücke“ (1999), für den Paradis für einen César als Beste Darstellerin nominiert wurde. Sie spielte in Serge Frydmans „Mon Ange” (2004) und Guillaume Nicloux’ „Le Clef” (2007) sowie an der Seite von Romain Duris in „Der Auftragslover“ (2010) von Pascal Chaumeil. Zu den jüngeren Filmen gehören „Café de flore“ (2011) von Jean-Marc Vallée, „Plötzlich Gigolo” (2013) von John Turturro, „French Women“ (2014) von Audrey Dan und „Chien“ (2017) von Samuel Benchetrit. Paradis arbeitet auch kontinuierlich als Sängerin und veröffentlichte mit „Les Sources“ im vergangenen Jahr ihr siebtes Studioalbum.

Nicolas Maury studierte zunächst am Conservatoire National de Région in Bordeaux, dann am Conservatoire National Supérieur d’Art Dramatique in Paris. Für das Theater arbeitete er mehrfach mit Robert Cantarella und Guillaume Vincent zusammen; zudem spielte er auf der Bühne unter der Regie von Frédéric Fisbach, Galin Stoev und Catherine Hiegel. Im Kino sah man ihn in Filmen von Patrice Chéreau („Wer mich liebt, nimmt den Zug“, 1998), Philippe Garrel („Unruhestifter”, 2005), Riad Sattouf („Jungs bleiben Jungs”, 2009), Olivier Assayas („Paris, je t’aime”, 2006), Rebecca Zlotowski („Belle épine”, 2010), Eva Ionesco („I’m Not a F**king Princess”, 2011), Valéria Bruni Tedeschi („Ein Schloss in Italien“, 2013) Mikael Buch („Let My People Go!”, 2012) und Yann Gonzalez („Begegnungen nach Mitternacht”, 2013). Er spielte in der TV-Serie „Call my Agent!“ (seit 2015).

Kate Moran ließ sich an der New York University School of the Arts ausbilden und startete ihre Karriere als Schauspielerin auf US-amerikanischen Theaterbühnen. Ab 2000 spielte sie in einer ganzen Reihe von Stücken des Regisseurs Pascal Rambert. Im Jahr 2012 engagierten sie Robert Wilson and Philip Glass für die Wiederaufführung ihrer visionären Oper „Einstein on the Beach”, die sie zusammen in Avignon 1976 geschaffen hatten. Die sich anschließende Welt-Tournee lief bis ins Jahr 2015. Weitere Höhepunkte ihrer Theaterkarriere sind Zusammenarbeiten mit Bertrand Bonello („Rose poussiere”) und Rebecca Zlotowski („Contrechamp“). Im Jahr 2006 begegnete sie zum ersten Mal Yann Gonzalez und spielte die Hauptrolle in dessen ersten Kurzfilm „By the Kiss“, der prompt in die Director’s Fortnight in Cannes eingeladen wurde. Bereits im Jahr zuvor war Kate Morans Stimme bei zwei Songs des M83-Albums „Before the Dawn Heals Us“ zu hören. 2007 und 2008 setzte sie die Zusammenarbeit mit Yann Gonzalez in „Entracte“ und „Je vous hais petites filles“ fort, der wiederum in der Director’s Fortnight in Cannes gezeigt wurde. In Gonzalez‘ „Begegnungen nach Mitternacht“ spielte Moran die weibliche Hauptrolle. Sie war zudem in Filmen von Christophe Honoré („Die Liebenden“, 2011), Peter Greenaway („Goltzius and the Pelican Company”, 2012), Bertrand Bonnelo („Saint Laurent“, 2014), Pascale Ferran („Bird People“, 2014), und Armel Hostiou („Une histoire américaine“, 2015) zu sehen. 2016 spielte sie die weibliche Hauptrolle in Lucie Borleteaus TV-Serie „Cannabis”.

Musik

M83 ist ein 2000 in Antibes von Anthony Gonzalez (Yanns Bruder) und Nicolas Fromageau gegründetes Elektronik-Musik-Projekt. Bisher sind sechs Alben unter dem Bandnamen veröffentlicht worden, u.a. das für den Grammy nominierte „Hurry Up, We’re Dreaming“ (2011). An die Veröffentlichung schloss sich eine fast einjährige Welttournee an, die Anthony Gonzalez und sein Projekt bekannt machte (Fromageau stieg nach dem zweiten Album, „Dead Cities, Red Seas & Lost Ghosts“, aus). Gonzalez zog 2009 nach Los Angeles, um dort vor allem an Filmsoundtracks zu arbeiten. 2013 entstand der M83-Soundtrack zu „Oblivion“ von Joseph Kosinski, der für seinen vorigen Film „Tron Legacy“ auf die ebenfalls aus der französischen Elektro-Szene stammende Gruppe Daft Punk zurückgriff. 2016 veröffentlichten M83 das siebte und bisher letzte Studioalbum „Junk“ veröffentlicht.

Diskografie

  • 2002

    M83

  • 2003

    Dead Cities, Red Seas & Lost Ghosts

  • 2005

    Before the Dawn Heals Us

  • 2007

    Digital Shades Vol. 1

  • 2008

    Saturdays = Youth

  • 2011

    Hurry Up, We’re Dreaming

  • 2013

    Oblivion (Original Motion Picture Soundtrack)

  • 2013

    You & the Night (Original Motion Picture Soundtrack)

  • 2016

    Junk