
von Simon Chevrier
Aus dem Französischen übersetzt von Christian Ruzicska
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 160 Seiten
Veröffentlichung: März 2026
Toulouse, im Jahr 2020. Während das Leben in der Stadt an der Garonne allmählich durch Maßnahmen gegen die Pandemie eingefroren wird, protokolliert ein namenloser Ich-Erzähler seinen unsteten Alltag zwischen Jobsuche, Grindr-Dates, Wohnungs-Hopping und gelegentlichen Rendezvous als Escort. Als er im Schlafzimmer seines Ex-Freunds die Schwarz-Weiß-Fotografie „Daniel Schook Sucking Toe“ von Peter Hujar an der Wand entdeckt, lässt ihn der eindringliche Blick des Modells nicht mehr los. Dessen Identität herauszufinden, wird zur neuen Obsession im ohnehin rastlosen Alltag des Protagonisten. Erst der Tod des geliebten Vaters lässt ihn für ein paar nachdenkliche Tage innehalten. Ist die fieberhafte Recherche über Daniel Schook am Ende eine Suche nach ihm selbst?
Simon Chevrier erhielt für „Foto auf Anfrage“ den renommierten „Goncourt du Premier Roman 2025“, Frankreichs höchste Ehrung für einen Debütroman. Ohne Pathos und Zurückhaltung lässt der Erzähler die Lesenden an seinem prekären Dasein in der digitalen Gegenwart teilhaben. Nebenbei skizziert er, ausgehend vom Hujar-Foto, die Chelsea-Hotel-Bohème im New York der 1970er und 1980er Jahre. David Wojnarowicz, Hervé Guibert und Nan Goldin sind ebenso präsent wie Billie Eilish, Annie Ernaux und Netflix. „Foto auf Anfrage“ ist ein schonungsloses und berührendes Porträt einer queeren Generation Z, die durch die Verbrüderung mit dem Gestern Halt im Heute zu finden sucht.
Simon Chevrier, Jahrgang 1992, studierte Anglistik und Literatur in Le Havre, London und Galway. In seiner Heimat Frankreich wurde sein Debütroman vielfach mit Annie Ernaux verglichen. Im Mai 2025 wurde das Buch mit dem „Goncourt du Premier Roman“ ausgezeichnet.
Als ich Thibaut mein schiefgelaufenes Treffen mit Alexis anvertraue, fallen mir in seinem Zimmer ein paar Neuigkeiten ins Auge: eine Pflanze auf seinem Schreibtisch, ein blau übermaltes Möbelstück und einige über seinem Bett mit Tesa befestigte Fotos. Darunter ein Schwarz-Weiß-Abzug eines jungen Mannes mit vornübergebeugtem Körper, der an seinem rechten Zeh lutscht. Ein Junge mit feinen Gesichtszügen und markantem Kiefer, ohne Bartwuchs, von androgynem Charme, wie man ihn in den Modezeitschriften findet, von der Statur her eine Mischung aus Tänzer und Model, ein wenig wie Bowie. Er hat eine gerade Nase, ist unbestreitbar fotogen und fängt das Licht auf eine Weise ein, wie es nur wenigen Models gelingt. Es liegt eine Tiefe in seinen Zügen, in seinem Blick, eine leichte Spannung zwischen seinen Augen und dem Objektiv. Dann dieser Akt, diese Position. Auf einem Stuhl in einem leeren Raum mit kahlen Wänden sitzend, beugt er sich nach vorn und winkelt sein Bein an, den großen Zeh zum Mund geführt wie den Daumen eines Kindes.
Für Thibaut ist es nur der Geliebte, den er begehrt. Sein Blick, der den Rahmen durchdringt, der Pagenschnitt, die hervortretenden Adern und die Muskulatur, die sich erahnen lässt, spiegeln den körperlichen Aspekt eines Ideals wider, das hautnah zu spüren er sich nicht zu erträumen wagt. Wenn ich ihn betrachte, stelle ich mir Fragen zur Inszenierung, zur Spontanität des Moments, zum Thema, zur Person, die in ihrem Spiel gefangen ist. Die Kluft zwischen dem Darsteller und seinen eigenen Begierden. Ich frage mich, wie sehr diese Pose gewollt war. Ob er Anweisungen befolgte oder sich frei bewegen durfte. Ich frage mich, ob diese Provokation nur mir gilt oder all jenen, die ihren Blick zu lange auf ihm ruhen lassen.
*
Aus dem Stegreif heraus konnte Thibaut mir nicht sagen, wer das Foto aufgenommen hatte, nach einer kurzen Suche im Internet aber habe ich es gefunden. Im Reich der Bilder mischt es sich unter die von Mapplethorpe und Keith Haring. Die nackten Körper verschmelzen miteinander. Das Foto trägt den Titel „Daniel Schook Sucking Toe“. Es wurde 1981 von Peter Hujar aufgenommen, einem 1987 an Aids gestorbenen New Yorker Fotografen.
Für Google scheint Daniel Schook nur im Zusammenhang mit dieser Fotografie zu existieren. Jede Verbindung, jeder Klick führt ihn wieder zurück zu ihr. Wenn ich auf Englisch eingebe „Who is Daniel Schook?“, lehren mich die Suchergebnisse seine Inexistenz. Auf einer zufällig aufgerufenen Seite fragt ein Nutzer, selbst unbedingter Fan des Fotografen, nach der Identität des Jungen und bittet Zeugen, sich zu melden.
Von den anderen Fotografien Peter Hujars verblüfft mich insbesondere eine. Sie trägt den Titel Man on chair (Richard Weinroth), 1979. Sie zeigt einen jungen Mann auf einem Stuhl, nach vorn gebeugt, im Profil, das Gesicht verdeckt von seinem lockigen Haar. Er trägt ein helles T-Shirt, eine dunkle Hose. Sein linker Fuß steckt in einem Stiefel, einer Art Treter. Der zweite Schuh ein paar Zentimeter entfernt. Seine Pose erinnert mich an die eines Jungen, der eben erst aus einer zu kurzen Nacht erwacht ist.
Wenn man „Richard Weinroth“ bei Facebook in die Suchleiste eintippt, werden nur vier gleichlautende Namen angezeigt. Der erste entspricht vom Alter her dem, das der junge Mann heute haben dürfte. Ohne lange nachzudenken, klicke ich „Als Freund hinzufügen“. Ich schreibe ihm eine Nachricht und erwähne die von Peter Hujar aufgenommene Fotografie sowie die von Daniel Schook. Ich frage, ob das wirklich er sei, und ob sie sich kannten.
*
Bei ihm angekommen, klingele ich nicht, ich hole mein Handy raus und schreibe ihm, dass ich da bin, dass niemand gafft. Er öffnet, misstrauisch, wendet den Kopf nach links, dann nach rechts und lässt mich rein. Ich gehe um die Treppe herum ins Wohnzimmer, setze mich in einen Sessel ihm gegenüber, es ist derselbe, auf dem für gewöhnlich sein Vater Platz nimmt, wenn er fernsieht. Er bietet mir einen Obstsaft an. Orange oder Apfel, nach Belieben. Er geht in die Küche und kommt mit zwei vollen Gläsern zurück.
Valentin ist neunundfünfzig Jahre alt. Er lebt bei seinem alten Vater in einem großen Haus aus rotem Backstein und arbeitet nachts in einem Hotel. Seit über zehn Jahren macht er das jetzt. Er sagt, er fühle sich von Männern ebenso angezogen wie von Frauen. Er begleitet seinen Vater bei dessen Arztbesuchen und kümmert sich um ihn. Er zahlt keine Miete, spart, was er kann, wartet ungeduldig darauf, dass das Haus auf ihn übergeht. Die Erholung. Dass sein Vater keine Last mehr darstelle, sondern eine Bürde, die leichter wird. Selbst das Haus ist schwer von alldem. Der Fernseher im Wohnzimmer ist veraltet. Nachdem die Mutter gegangen war, wollte der Vater nichts verändern. Seit Jahren schlagen die Dinge Wurzeln. Inzwischen schmort alles im eigenen Saft. Valentin gibt mir zu verstehen, dass er das nicht mehr aushält, dass er den Eindruck habe, er ließe sein eigenes Sterben zu. Seit Jahren fickt er nicht mehr, ohne es vorab zu planen. Schämt sich der zusätzlichen Kilos an Bauch und Hüfte. Immer wieder sagt er zu mir, dass er früher schön war. Dass er ein Verführer war. Vor allem der Frauen, sagt er. Er wurde noch richtig hart und geriet kaum außer Atem. Heute weiß er, dass es vorbei ist. Die gemeinsame Lust. Die Sinnlichkeit, die Anziehung. Einfach alles. Er weiß, dass er von dem, was ihn erregt, nichts mehr zu erwarten hat, vom Fleisch etwa, das sich fest anfühlt, wenn man es berührt. Oder von all jenen Dingen, die seinen Schwanz noch härter werden lassen, wenn er sie nur sieht.
Sein Vater geht mehrmals pro Woche zur Physio, und in diesen Zeitfenstern verabredet er sich mit Jungs. Er empfängt sie immer und geht selbst nie raus. In seinem Beruf ist die Welt klein, auf keinen Fall könnte er sich vorstellen, für seine Treffen ein Hotelzimmer zu buchen. Und einhundertfünfzig Euro für eine Nummer auszugeben ist ein Luxus, den er sich selten erlaubt. Er ist häufig enttäuscht von der Umgangsform. Wie es abläuft und wie wenig Zeit dem Gespräch gewidmet wird, den freundlichen Worten. Dem Vertrauen, das zwischen Anbieter und Kunde entstehen und die emotionale Leere des Handels erträglich machen könnte.
*
Thibaut ruft an und schlägt mir vor, ihn abends ins Theater zu begleiten. Sein neuer Liebhaber, Louis, will sich mit einigen Freunden dort treffen und lädt ihn ein, sich ihnen anzuschließen. Allerdings vertraut Thibaut mir an, dass er Angst hat, es könnte mit Louis’ Bekannten schwierig werden. Ich treffe ihn etwas früher vor den Toren des Grand Rond und nutze die Wartezeit, um ihn über den Jungen auszufragen. Thibaut erzählt mir, dass er an der Uni studiert, fragt mich, ob ich ihm auf dem Campus begegnet sei, ob ich wisse, um wen es sich handle, und ob ich ihn schon mal gesehen habe. Louis hat ihn vor ein paar Wochen auf Grindr kontaktiert. Seither können sie nicht mehr voneinander lassen. Etwas Großes spielt sich ab. Es ist lange her, dass ihm so etwas passiert ist.
Nachdem sie sich geküsst haben, stellt Thibaut uns einander vor. Louis zögert, bevor er mir seine Wange hinhält. Seine Freunde sind bereits da, irgendwo in der Eingangshalle. Er entdeckt sie, entfernt sich für einen Moment und kommt mit ihnen im Schlepptau zurück. Louis meint, mich zu kennen, er flüstert es mir ins Ohr. Ich lächle.
Das Stück ist vorbei und Thibaut macht den Vorschlag, im Viertel noch etwas trinken zu gehen. Louis nennt ein Lokal. Die Bar ist voll, aber hinten im Raum wird gerade ein Tisch frei. Weißwein für ihn, Bier für uns. Louis würde im Garonne gern noch ein anderes Stück sehen, das für Samstagabend auf dem Programm steht. Für dieses Wochenende mit seiner Familie verplant, wird Thibaut klar, dass er nicht kann. Thibaut sagt nichts, redet wenig. Das Gespräch findet zwischen Louis und mir statt.
Wieder bei mir zu Hause, spielt mein Mitbewohner Batman auf der Playstation. Er bietet mir ein Stück Pizza an und gießt mir Whisky ein. Adèle, eine Flasche Cola in der Hand, setzt sich zwischen uns aufs Sofa. Whisky-Cola. Wir trinken, wir lachen. Batman fliegt durch die Straßen von Gotham. Seine Flügel entfalten sich. Er stirbt und wird wiedergeboren, stirbt wieder, lebt wieder auf.
*
Er öffnet mir seine Haustür. Wirkt jung, um die dreißig. Wir gehen über einen langen Flur, der zu einer weiteren Tür führt, einer Glastür, die ihrerseits auf einen kleinen Innenhof geht, den Hof eines großen, in drei Wohneinheiten unterteilten bürgerlichen Hauses. Er lebt in der Einzimmerwohnung im Erdgeschoss, die Toilette befindet sich draußen, unterhalb der Treppe. Bei ihm ist es dunkel, die Rollläden sind runtergelassen. Er gibt mir das Geld in einem Umschlag und bittet mich, Platz zu nehmen. Er legt Musik auf, redet, als wäre er allein. Ich sehe ihn an und höre ihm zu. Er berührt sich und zieht sich langsam aus. Ich scanne die Spuren auf seinem Körper, die Narben auf seinen Beinen. Ich stelle mir vor, er sei krank, ohne jemanden, der ihn liebt. Ich lasse meine Jeans runter, stehe aufrecht da, beuge mich hinunter zu seinen Lippen.
*
Richard Weinroth hat meine Freundschaftsanfrage nicht angenommen. Er hat auch auf die Nachricht, die ich ihm geschickt habe, nicht reagiert. Auf der Internetseite Ancestry.com, von der ich nicht weiß, wie vertrauenswürdig sie ist, wird behauptet, der Name Schook sei in den Vereinigten Staaten, in Kanada und im Vereinigten Königreich registriert. Gibt man hingegen den vollständigen Namen „Daniel Schook“ in der Suchleiste ein, tauchen keine stichhaltigen Ergebnisse auf. Abgesehen von gleichlautenden Namen. Ich hätte nicht gedacht, dass ein bekanntes Foto so viele Rätsel bergen könnte. Ich bin auch nicht fähig, die richtigen Worte zu finden, um die Gründe meines Interesses zu benennen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als weiterzusuchen. Richtig zu suchen. Informationen dazu in der Presse zu finden, irgendwo im Internet oder in Museumsbroschüren.
Auszug aus „Foto auf Anfrage“ von Simon Chevrier