
von Magnus Hirschfeld
Mit Nachworten von Manfred Herzer-Wigglesworth und Dino Heicker
Hardcover, 160 Seiten
Veröffentlichung: Januar 2026
Der Arzt Magnus Hirschfeld (1868 – 1935) widmete sein Leben der Sexualerziehung breiter Bevölkerungsschichten und der Aufklärung über die vielfältigen Formen menschlichen Sexualverhaltens, darunter vor allem der Homosexualität. Für die populäre Buchreihe „Großstadt-Dokumente“ verfasste Hirschfeld 1904 eine Schilderung des Lebens homosexueller Männer und Frauen in der Reichshauptstadt Berlin, die er mit „Berlins Drittes Geschlecht“ betitelte. Auch wenn Hirschfeld recht allgemein bleibt und keine Lokale etc. beim Namen nennt, ist dieser Bericht die älteste zeitgenössische Beschreibung einer „Homosexuellen-Szene“.
Für diese Neuausgabe des ursprünglich 1991 veröffentlichten Nachdrucks von „Berlins Drittes Geschlecht“ verfasste Hirschfeld-Experte Manfred Herzer-Wigglesworth eine unter Berücksichtigung neuer Forschungsergebnisse überarbeitete Fassung seines Nachworts.
Weiterhin ist dem Band ein Text des Psychiaters und Kriminologen Paul Näcke (1851 – 1913) beigefügt, in dem dieser einen Streifzug mit Hirschfeld durch das homosexuelle Berlin Revue passieren lässt. Literaturhistoriker Dino Heicker ordnet Näckes Aufsatz „Besuch bei den Homosexuellen in Berlin” in einem zweiten Nachwort ein.
Magnus Hirschfeld (1868 – 1935) widmete sein Leben der Sexualerziehung breiter Bevölkerungsschichten und der Aufklärung über die vielfältigen Formen menschlichen Sexualverhaltens, darunter vor allem der Homosexualität. 1897 war er Mitgründer des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK), das sich als erste Organisation weltweit für die Entkriminalisierung sexueller Handlungen zwischen Männern einsetzte. 1918 richtete er die Dr. Magnus-Hirschfeld-Stiftung ein, ein Jahr später eröffnete er in Berlin das Institut für Sexualwissenschaft. 1931 wanderte Hirschfeld infolge zunehmender Anfeindungen der Nationalsozialisten erst in die USA aus, ging dann in die Schweiz und nach Frankreich. Er starb 1935 in Nizza.
Manfred Herzer-Wigglesworth, geboren 1949 in Berlin-Neukölln, hat als Schriftsteller zahlreiche Texte zur Geschichte der Sexologie, zur schwulesbischen Emanzipationsgeschichte und zu kulturphilosophischen Aspekten der Sexualitäten im Kapitalismus publiziert. Von 1987 bis 2019 war er Herausgeber von „Capri. Zeitschrift für schwule Geschichte“. Zu seinen Veröffentlichungen zählen u. a. die Aufsätze „Magnus Hirschfeld und seine Zeit“ (2017) und „Arnold Zweig und Magnus Hirschfeld (Berlin und Palästina)“ (2023). Im März 2026 erscheint von ihm „Ulrichs und Hirschfeld“.
Dino Heicker, geboren 1965, ist Autor und Verlagslektor. Seit 2005 arbeitet der promovierte Literaturhistoriker auch als wissenschaftlicher Mitarbeiter für LGBTIQ*-Projekte und für das britische National Holocaust Centre and Museum. Er verfasste zahlreiche Bücher, etwa über Francis Bacon, Édouard Manet, Hermann von Pückler-Muskau oder den Maler und Fotografen Wols, und ist Herausgeber des Briefwechsels von Paul Cézanne und Émile Zola. 2025 veröffentlichte er den Band „Die Weltgeschichte der Queerness“. Er lebt in Berlin.
Magnus Hirschfeld wurde am 14. Mai 1868 in der hinterpommerschen Kleinstadt Kolberg (heute Kołobrzeg) geboren. Wie sein Vater studierte er Medizin und eröffnete bald nach seiner Promotion an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität und einer Reise in die USA eine Arztpraxis, zunächst in Magdeburg-Neustadt und ab 1896 in Charlottenburg bei Berlin. Im gleichen Jahr begann er sein irgendwie messianisches Projekt der Befreiung gleichgeschlechtlich Liebender von gesellschaftlicher Ächtung und staatlicher Repression. „Berlins Drittes Geschlecht“ dürfen wir als Beitrag zur Aufklärung der Bevölkerung über diese verfolgte, wenn auch in der Anonymität einer Weltstadt in relativer Sicherheit lebende Minderheit lesen (er schätzt, eine urnische Bevölkerung von 50.000 Seelen lebe in Berlin). Am 14. Mai 2025 gedachten wir Hirschfelds 90. Todestag.
Tertium datur
Großen Raum im Leben des Berliner dritten Geschlechts nehmen, wenn man darin Hirschfeld folgen will, die Urningsbälle und die für Männer verbotenen Urnindenbälle ein. Er hält sie für „eine Spezialität von Berlin“ (S. 64). Bei den Beschreibungen dieser Tanzveranstaltungen geht es vor allem um die Kostümierung der Teilnehmenden und Hirschfeld gibt sich empört: „Am geschmacklosesten und abstoßendsten wirken auf den Bällen der Homosexuellen die ebenfalls nicht vereinzelten Herren, die trotz eines stattlichen Schnurrbartes oder gar Vollbartes ‚als Weib‘ kommen.“ (S. 65)
Schwer zu entscheiden, ob er hier ehrlich entrüstet ist, oder ob er sich nur den Heterosexuellen, für die er dieses „Großstadtdokument“ ja eigentlich geschrieben hat, opportunistisch anbiedern will. Jedenfalls widerspricht diese Stilkritik an dem, was später Gender Fucking genannt wurde, seiner damals schon voll ausformulierten Lehre von den sexuellen Zwischenstufen, die alle Kombinationen männlicher und weiblicher Eigenschaften im einzigartigen unwiederholbaren Individuum für möglich hielt.
Die Buchausgabe seines vor der 76. Naturforscherversammlung 1904 in Breslau gehaltenen Vortrags über „Geschlechts-Übergänge“ enthält eine stark verdichtete Formulierung dieser Lehre: „Sehr streng wissenschaftlich genommen, dürfte man in diesem Sinne gar nicht von Mann und Weib sprechen, sondern nur von Menschen, die größtenteils männlich oder größtenteils weiblich sind.“ Es geht um eine Typologie und nicht um kausale Erklärungen. Seine spekulative Annahme, die sexuelle Orientierung sei angeboren, ist damals wie heute nicht bewiesen und ist bloß mehr oder weniger plausibel. Daher schlägt Hirschfeld ein dreiteiliges Schema vor: „Bezeichnet man aber diejenigen, die vorwiegend männliche Qualitäten besitzen, kurzweg als genus masculinum, und alle, die vorwiegend weibliche Eigenschaften haben, einfach als genus femininum, so wäre man wohl berechtigt, diejenigen, bei denen die Summe des männlichen und weiblichen Anteils zwischen 33⅓ und 66⅓ liegt, als eine Art genus tertium aufzufassen.“
Hirschfeld hat sich „in wissenschaftlichen Veröffentlichungen des Ausdrucks ‚Drittes Geschlecht‘ nicht bedient“, sondern ihn nur in den populären Aufklärungsschriften „Was muss das Volk vom dritten Geschlecht wissen!“ und „Berlins Drittes Geschlecht“ verwendet. Dennoch wurde er seither von seinen wissenschaftlichen Gegnern – prominentestes Beispiel war Sigmund Freud – polemisch gegen ihn gerichtet. Eine Autorin aus neuerer Zeit, die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin Eve Kosofsky Sedgwick bezeichnete Hirschfeld abfällig als „a believer in the ‚third sex‘“ und ihr Berliner Kollege Andreas Kraß beruft sich auf sie, wenn er behauptet, für Hirschfeld sei „angeborene Homosexualität eine ‚sexuelle Zwischenstufe‘, ein ‚drittes Geschlecht‘“ gewesen und außerdem habe Hirschfeld „pathologisch« argumentiert. Erst der Kulturphilosoph J. Edgar Bauer stellte das Klischee von Hirschfeld als Apostel des dritten Geschlechts radikal infrage, indem er darauf hinwies, „dass Hirschfeld in der fiktionalen Hypostasierung einer dritten Sexualalternative eigentlich nur einen unentbehrlichen ‚Notbehelf‘ sah, der aber ‚niemals als etwas Vollständiges oder auch nur Abgeschlossenes dastehen kann‘ und dessen Sinn darin besteht, über das ‚leider nur allzu oberflächliche Einteilungsschema in Mann und Weib‘ hinauszuführen.“
(…)
Editorisches
Hirschfelds „Drittes Geschlecht“ erschien 1904 als dritter Band in der von Hans Ostwald herausgegebenen Reihe „Großstadt-Dokumente“ und brachte es bis ungefähr 1909 auf 28 Auflagen. Mit stets dem gleichen von Paul Haase entworfenen Titeldesign wurde in den Großstadt-Dokumenten, die zum Preis von einer Mark (gebunden zwei Mark) zu haben waren, Metropolenforschung betrieben. In insgesamt 51 Bänden wurden zwischen 1904 und 1908 eine Vielzahl von Feldern bearbeitet, so zum Beispiel der Wiener Adel und Der Hamburger Hafen, aber auch Uneheliche Mütter oder Sittlichkeitsdelikte in der Großstadt. Trotz der manchmal heiklen Themen sprach die Zensur nur einmal ein Verbot aus, nämlich 1907 für Wilhelm Hammers Beitrag Die Tribadie Berlins (Band 20), die durch den bei Weitem unverfänglicheren Titel Berliner Lehrer von Johannes Tews ersetzt wurde. Hirschfeld sollte noch eine weitere Publikation für diese Reihe beisteuern. 1907 befasste er sich in Die Gurgel Berlins (Band 41) mit den Folgen des Alkoholkonsums in der Großstadt; leider geriet ihm dieser Text etwas trocken.
„Berlins drittes Geschlecht“ wurde 1908 in Paris als „Le troisième Sexe. Les homosexuels de Berlin“ in französischer und als „Tret’ij pol Berlina. Dokumenty bol’šogo stoličnago gorada“ in Sankt Petersburg in russischer Übersetzung publiziert. Erstere ohne Nennung des Übersetzers, die zweite von einem gewissen V. N. Pirogov übertragen. Eine von James J. Conway besorgte englische Übersetzung erschien erst 2015 in Berlin.
Immer mehr Bibliotheken stellen elektronische Reproduktionen ihrer Exemplare gratis zugänglich ins Netz. Auf der kostenlosen Plattform LibriVox.org steht seit 2024 eine Hörbuchversion, gesprochen von Alice Stein, zur Verfügung.
James Steakley hatte 1975 in seinen „Documents of the Homosexual Rights Movement in Germany 1836–1927“ ein Reprint der sechsten Auflage erschienen lassen. Danach erschienen immer mal wieder Auszüge des Textes in Anthologien, so 1982 in dem von Matthias Frings und Elmar Kraushaar herausgegebenem Band „Männer. Liebe“ oder 1988 in Joachim Campes „Andere Lieben“, um nur zwei zu nennen.
Egmont Fassbinder hat 1991 in seinem Verlag rosa Winkel die erste Neuausgabe von „Berlins Drittes Geschlecht“ seit 1904 herausgegeben und mich beauftragt, ein Nachwort zu schreiben. Ich kannte das Buch seit meinen Aktivitäten in der Homosexuellen Aktion Westberlin und hatte als Mitglied der Redaktion des HAW-Infos dafür gesorgt, dass darin im Dezember 1973 das Weihnachtskapitel (S. 39–43) abgedruckt wurde. Die Neuauflage von 1991 war der fünfte Band der Schriftenreihe der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft und bildete zugleich den ersten Band der von Wolfram Setz betreuten Reihe Bibliothek rosa Winkel, entsprach aber noch nicht den später dort gepflegten Editionsprinzipien. So wurden Zeichensetzung und Rechtschreibung modernisiert, Fußnoten in den Text integriert und dieser wurde mit Abbildungen aus anderen Büchern Hirschfelds versehen. Die hiermit vorlegte Neuausgabe bietet den Text nun wieder in der Gestalt, in der er 1904 veröffentlicht wurde.
Auszüge aus „Die Sinfonie einer Großstadt“ – Nachwort zur Neuauflage von „Berlins Drittes Geschlecht“ von Manfred Herzer-Wigglesworth