
von Klaus Sator
Hardcover, 288 Seiten
Veröffentlichung: Januar 2026
John Olday (1905 – 1977) war ein typischer Repräsentant des frühen 20. Jahrhunderts: Begabt, mit vielen Talenten, den Kopf voller Ideen und auf der ganzen Welt zuhause. Als uneheliches Kind von der Mutter verlassen und bei der Großmutter aufgewachsen, begeistert er sich für die anarchistischen Denker aus Russland und Frankreich und widmet sein ganzes Leben den Idealen eines antikapitalistischen, staatsfreien Gemeinwesens. Auch seine Kunst als Maler und Musiker soll diesem Gemeinwesen dienen. Während des Nationalsozialismus flieht er nach England; von dort lädt ihn ein Freund nach Australien ein, wo er die große Liebe seines Lebens kennenlernt. Nach dem Krieg avanciert er zum ersten liebevollen Karikaturisten schwulen Lebens, dessen Arbeiten international veröffentlicht werden.
Auf der Grundlage zweier autobiografischer Texte sowie des endlich aufgetauchten Nachlasses Oldays zeichnet Klaus Sator das Bild eines Menschen, dessen große Ziele immer wieder an der Wirklichkeit scheitern und der doch niemals den Mut verliert, nach seinen Idealen zu leben. In Oldays Selbstreflexion vermischt sich offenbar gelegentlich Wunsch und Wirklichkeit. Durch eigene Rercherchen und Interviews mit Freunden und Bekannten Oldays versucht Sator die Spreu vom Weizen zu trennen; herausgekommen ist das Porträt eines unkonventionellen, liebenswürdigen Menschen – cum grano salis.
Der schwule Aktivist, Künstler, Schriftsteller und Publizist John Olday, einer der führenden Repräsentanten des deutschen und des internationalen Anarchismus, ist hierzulande weitgehend in Vergessenheit geraten. Über das abenteuerliche und faszinierende Leben und Wirken dieses exzentrischen Deutsch-Briten, der in Deutschland, in England, den USA und in Australien gelebt hat, ist bisher nur wenig bekannt. Das gilt vor allem für Deutschland, wo Olday die letzten Jahre seiner Kindheit und seine Jugend verbracht hat und aus dem er von den Nationalsozialisten vertrieben wurde.
Im Gegensatz zu Großbritannien, wo der Anarchismus eine größere Tradition hat und Olday in der „Encyclopædia Britannica“ in dem Beitrag über Anarchismus in der Kunst als bedeutender Karikaturist Erwähnung findet, sucht man in den in Deutschland etablierten Nachschlagewerken vergeblich nach seinem Namen. In der „Deutschen Biographie“ ist Olday zwar gelistet. Dort werden zu seiner Person aber lediglich das Geburts- und das Sterbejahr angeführt und als Beruf „Maler“. In der „Hamburgischen Biographie“ und den vor einigen Jahren erschienenen Überblicksdarstellungen zur Kulturgeschichte Hamburgs in den 1920er Jahren („Himmel auf Zeit“) und zur Geschichte des schwulen Lebens Hamburgs („Hamburg auf anderen Wegen“) wird er nicht erwähnt. Lediglich in dem kaum bekannten, in Frankreich erschienenen „Lexikon des deutschen Rätekommunismus“ ist er mit einem umfangreichen Porträt vertreten. Die im Internet auffindbaren Beiträge zu seiner Person behandeln vor allem seine Rolle innerhalb des deutschen und des internationalen Anarchismus und enthalten zu seinen zentralen Lebensdaten häufig Fehler. Oldays künstlerisches Schaffen und seine Bedeutung für die Emanzipationsbewegung gleichgeschlechtlich liebender Männer sind dagegen bisher kaum untersucht und gewürdigt worden.
Die Gründe dafür sind vielfältig. Ein Hauptgrund dürfte darin zu sehen sein, dass Oldays Leben in außergewöhnlichen Bahnen verlaufen ist und sich grundlegend von einem bürgerlichen Lebenslauf unterschieden und abgegrenzt hat. Olday verkehrte in mehreren Subkulturen und gehörte verschiedenen Randgruppen an, die gesellschaftlich nicht anerkannt oder sogar verachtet waren. Sein politisches Engagement sowie sein künstlerisches Schaffen galten von Anfang an den sozial Schwächsten und von der Gesellschaft Ausgegrenzten.
Neben der Arbeiterschaft und den sogenannten einfachen Leuten galt es Minderheiten wie Vagabunden, Landstreichern und Bettlern, Juden, „Zigeunern“, Homosexuellen, Prostituierten und Zuhältern sowie Kriminellen und Häftlingen. Als anarchistischer Freigeist, der keine Berührungsängste gegenüber dem sogenannten „Lumpenproletariat“ hatte, war Oldays Wirken auch innerhalb der Parteien und Organisationen der deutschen Arbeiterbewegung umstritten. Hinzu kommen sein ausgefallener Lebensstil und seine Neigung zur Selbstinszenierung und Selbstüberhöhung, die es ihm erschwert haben dürften, im deutschen Kulturkreis Interesse und Anerkennung zu finden. Olday verstand sich immer als Sprachrohr der von der Gesellschaft Vernachlässigten, Verachteten, Ausgegrenzten und Entrechteten. Durch sein Leben, sein politisches Handeln sowie sein künstlerisches und publizistisches Schaffen wollte er denjenigen eine Stimme geben, für die sich die Gesellschaft kaum interessierte und zu deren Alltag und Lebensverhältnissen nur wenig überliefert ist.
Als Kind erlebte Olday die Leiden des Ersten Weltkrieges und die Hungersnöte in Kiel und Hamburg. Er war jugendlicher Zeitzeuge und Teilnehmer der Novemberrevolution in Hamburg. Und er war Widerstandskämpfer, der sich zunächst in Hamburg und nach seiner Flucht aus dem englischen Exil heraus gegen die Hitlerdiktatur engagierte und zu ihrem Sturz beitragen wollte.
Doch Olday war nicht nur politischer Aktivist, sondern auch Künstler, Schriftsteller und Journalist. Abschnitte in seinem Leben, in denen für ihn die Politik im Vordergrund stand, wechselten sich ab mit solchen, in denen sein künstlerisches und publizistisches Schaffen einen größeren Raum einnahm. Als bildender Künstler wirkte er als Maler, Zeichner und Karikaturist. Er war Musiker und Schauspieler. Als Musiker fühlte er sich in besonderem Maße dem Volkslied verbunden. Sein Interesse galt nicht nur dem deutschen Volkslied, sondern auch dem Liedgut anderer Länder und Volksgruppen. Er sah sich selbst in der Tradition des Bänkelsängers und trug bei seinen Auftritten traditionelle wie auch eigene Lieder vor. Dabei begleitete er sich selbst mit der Gitarre, am Klavier oder dem Akkordeon. In Australien wurde eine Schallplatte von Olday veröffentlicht. Dort war er zeitweise für den Rundfunk tätig, am Theater engagiert und gestaltete als Solist sein eigenes Kabarettprogramm.
Während seiner Zeit in Australien hat Olday einen bisher kaum gewürdigten Beitrag zur Geschichte der deutsch-australischen Kulturbeziehungen geleistet. Zu den Besuchern seiner dortigen Aufführungen zählten deutsche und österreichische Diplomaten. In manchen seiner in Australien veröffentlichten und ausgestellten Karikaturen setzte er sich mit dem Alltag der dortigen Migranten auseinander. Ab Ende der 1960er Jahre waren es vor allem schwule Männer, ihr Leben, ihr Begehren und ihre sexuellen Fantasien, denen Olday mit spitzer Feder zu Leibe rückte und die er humoristisch überzeichnete. Über diese Karikaturen ist der Verfasser dieser Biografie erstmals auf John Olday aufmerksam geworden.
Als Schriftsteller verfasste Olday biografische Romane, Theaterstücke, Lieder und Gedichte, als Journalist Aufsätze und Kommentare zu Politik und Kultur für unterschiedliche Tageszeitungen und Wochenzeitschriften. Seine literarischen, kulturgeschichtlichen und philosophischen Texte sind größtenteils unveröffentlicht geblieben. 1939 erschien in England sein Buch „Kingdom of Rags“, das als eine literarisch aufbereitete Biografie seines Lebens bis zu seiner Flucht aus Hitlerdeutschland angesehen werden kann. Nach seinem Tod veröffentlichte der Londoner Verlag Freedom Press 1996 Oldays 50 Jahre zuvor entstandenes anarchistisches Bilderbuch für Kinder und Erwachsene „The Blue Cow and her Fantastic Exploits“.
Oldays Biografie ist nicht zuletzt interessant und aufschlussreich im Hinblick auf das Leben und das Selbstverständnis eines im letzten Jahrhundert lebenden Schwulen. In Zusammenhang mit der Arbeit an seiner unvollendet gebliebenen Altersbiografie hat Olday eine Liste derjenigen Menschen erstellt, denen er sich im Laufe seines Lebens eng verbunden fühlte, mit denen er eine Liebesbeziehung hatte oder es sexuelle Kontakte gab. Und er hat gegen Lebensende unter dem Titel „This thing called LOVE“ einen Rückblick über die Entwicklung seiner Identität als schwuler Mann verfasst. Er ist damit einer der wenigen Personen seiner Zeit, die der Nachwelt Informationen über ihr Liebes- und Sexleben hinterlassen haben.
Auszug aus dem Vorwort zu „John Olday – Anarchist und Künstler“ von Klaus Sator