Verrückt nach Vincent / Reise nach Marokko

von Hervé Guibert

Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 264 Seiten
Erscheinungstermin: Oktober 2021

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Verrückt nach Vincent / Reise nach Marokko

In Deutschland wurde Hervé Guibert (1955 – 1991) durch das Protokoll seiner Aids-Erkrankung berühmt, das den provokanten Titel trägt: Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat (1991, NA 2021). Doch seine literarische Karriere hatte bereits zehn Jahre zuvor begonnen, mit kleinen, intensiven Erzählungen, die von der Poetik Roland Barthes’ und Thomas Bernhards geprägt waren. Zwei dieser Texte verarbeiten Guiberts Beziehung zu Vincent, einem jungen Mann, den er 1981 auf einer Reise durch Marokko kennenlernte und dem er bis kurz vor seinem Tod in einer Art Hassliebe verbunden blieb. Aus Anlass von Guiberts 30. Todestag erscheinen beide Erzählungen nun erstmals zusammengefasst in einem Band.

Reise nach Marokko (1982) ist eine experimentelle Tour de force, eine wilde Collage aus fantasierten Orient-Klischees und realen Machtspielchen innerhalb einer kleinen französischen Reisegruppe. Auch wenn dem Bericht eine wirkliche Reise zugrunde liegt, verwebt Guibert beide Textebenen und verwischt damit die Grenze zwischen Erfindung und realem Geschehen. Der Intensität der Amour fou mit Vincent scheint er nur mit dem literarischen Mittel der Autofiktion beizukommen – ein Verfahren, das auch Verrückt nach Vincent (1989) zugrunde liegt. Dort lässt Guibert den titelgebenden Protagonisten bei einem Sprung aus dem Fenster sterben, um dann in rückläufiger Chronologie zu erzählen, wie sich die obsessive Urlaubsbekanntschaft in Paris fortsetzt. Das Prinzip der Rückwärtserzählung aufgreifend, steht in dieser Ausgabe der jüngere Text vor dem älteren. So wird Reise nach Marokko zur zweifachen Rückkehr – zum Beginn einer verhängnisvollen Affäre und zu den Anfängen einer Schriftstellerkarriere.

BIOGRAFIE

Hervé Guibert (1955 – 1991) war Fotograf, Schriftsteller und Filmemacher sowie von 1977 bis 1985 der erste Fotografie-Kritiker von Le Monde. Sein Drehbuch zu Patrice Chéreaus Film „L’Homme Blessé“ wurde 1984 mit dem französischen Filmpreis César ausgezeichnet. In Deutschland wurde der mit dem Philosophen Michel Foucault befreundete Künstler vor allem durch seine Erzählung Blinde und den Roman „Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat“ bekannt. Er starb 1991 an den Folgen eines Suizidversuchs. Die letzten Tage seines Lebens filmte er mit einer fest installierten Videokamera – der „La Pudeur ou L’impudeur“ getitelte Film erregte damals die Gemüter.

LESEPROBE
Auszug aus „Verrückt nach Vincent“ von Hervé Guibert

In der Nacht des 25. auf den 26. November fiel Vincent drei Etagen tief, weil er mit einem Bademantel Fallschirmspringen spielen wollte. Er hatte einen Liter Tequila getrunken, irgendein kongolesisches Kraut geraucht, Kokain gesnifft. Als sie ihn leblos vorfanden, riefen seine Kumpel die Feuerwehr. Vincent stand plötzlich auf, lief bis zu seinem Wagen, fuhr los. Die Feuerwehrleute setzen ihm nach, stürmen in das Mietshaus, das er bewohnt, fahren mit ihm im Fahrstuhl hoch, dringen in sein Zimmer ein, Vincent beschimpft sie. Er sagt: „Lasst mich gefälligst ausruhen!“, sie: „Du riskierst, dass du nicht mehr aufwachst, Blödmann!“ Im Nebenzimmer schlafen die Eltern ruhig weiter. Vincent warf die Feuerwehrler hinaus. Er schlief ein wie eine Eins. Um Viertel vor neun schüttelt ihn seine Mutter, will ihn zur Arbeit schicken, er kann nicht einmal mehr einen Finger bewegen, sie bringt ihn ins Krankenhaus. Am 27. November, benachrichtigt von Pierre, besuchte ich Vincent im Hospital Notre-Dame du-Perpetuel-Secours. Zwei Tage später verstarb er an den Folgen eines Milzrisses.

Ich hatte Vincent 1982 kennengelernt, er war damals noch ein Kind. Er war es in meinen Träumereien geblieben, ich hatte zu akzeptieren, dass er ein Mann geworden war, liebte ihn aber weiter als das, was er nicht mehr war. Seit sechs Jahren okkupierte er mein Tagebuch. Einige Monate nach seinem Tod beschloss ich, ihn in meinen Notizen – in umgekehrter Zeitfolge – wiederzufinden.

Was war es? Eine Leidenschaft? Eine Liebe? Eine erotische Zwangsvorstellung? Oder eine meiner Erfindungen? Sah im Schaufenster eines Ladens für Zaubereiartikel eine schwarze Bakelitschachtel, in Form einer fliegenden Untertasse, die über Lupen und Spiegel ein Hologramm erzeugt. Man muss ein Objekt hineinlegen, zum Beispiel ein Goldstück oder einen Ring, damit es sich auf einer transparenten Fläche im Deckel dreidimensional widerspiegelt. Man glaubt, es wegnehmen zu können, es ist aber ungreifbar. Ich komme in Versuchung, das Ding zu kaufen, um etwas darin einzuschließen, das Vincent gehört hat und das mich durch diese eigenartige Illusion an ihn erinnert, aber kein Einfall (eine Haarlocke, ein Foto) entspricht meiner Lust auf den Apparat. Allenfalls für sein Geschlechtsteil wäre dieser Reliquienschrein der rechte Platz.

Ich kämme mich nie. Ich reibe mein feuchtes Haar in einem Handtuch und fahre dann mit den Fingern hindurch, um es in Form zu bringen. Gestern, ich weiß nicht, warum, hab ich den kleinen Kamm bemerkt, den mir Vincent geschenkt hat, ganz vereinsamt auf dem Brett im Badezimmer (er hat mir so selten Geschenke gemacht), ich nahm ihn, kämmte mich damit, der Kamm wurde zum magischen Gegenstand. Vincent hatte in dem Kamm seine Zauberformel hinterlassen: „Wenn du mich eines Tages brauchst – nimm den Kamm, und ich komme!“ Ich spitze die Ohren, aber das Telefon klingelt nicht. Am nächsten Morgen: ich kämme mich wieder, vielleicht bekommt der Kamm seine Zauberkraft erst beim zweiten Gebrauch. Tags darauf kämme ich mich noch einmal: vielleicht wirkt er erst beim dritten Mal, usf.

Im hinteren Saal des Sélect, wo ich mehrmals den Platz gewechselt habe, bevor er kam, um so ungestört wie möglich zu sein, mache ich ihm eine Erklärung. Er senkt den Blick, lächelt ernst, ohne Verlegenheit, ohne Sarkasmus, mein Schmerz scheint ein Balsam für ihn zu sein in diesen Zeiten moralischer Verknappung.

Wenn doch der Heldenmut, ohne zu jammern und zu klagen, ohne ihn anzurufen, das mehr oder minder erträgliche Gefühl der Entbehrung seines Körpers und einer Umarmung in sich zu bändigen, beim Gegenüber ein absolut unerträgliches Gefühl der Entbehrung dieser Umarmung hervorbrächte, wie eine Verwünschung mit umgekehrten Vorzeichen, die ihn dann zu mir triebe.

Er ging, ich hatte Eile, hatte ihn satt. Ich hatte Hans Georg mit ihm im Bus zum Flughafen geschickt, um Hector abzuholen, hatte dafür gesorgt, dass dessen Ankunft mit Vincents Abreise zusammenfiel. Als ich in mein Atelier zurückkomme, finde ich ein paar Worte von ihm auf dem Schreibtisch, unglaublich liebevoll, mit einer Zeichnung, er nennt mich Guibertino und dankt mir, ihn ertragen zu haben. Er hat Farbe bekommen, sich ausgeschlafen, gut gegessen, kam gesundheitlich wieder auf den Damm, sagt mir, dass er Schluss machen will mit dem Koksen. Wir haben Hector zu einem Rameau-Konzert in Saint-Louisles-Français ausgeführt, ich langweile mich, stelle mir Vincent im Flugzeug vor, wir beschließen, in der Pause zu gehen. Vincent taucht hinter einer Säule auf. In der ersten Sekunde ist er ein Gespenst. In der zweiten hat er sich entschieden, nicht abzufliegen, um mit mir in Rom zu leben. In der dritten hat man ihn nicht mitfliegen lassen; ich hatte sein Ticket gestern bei der Reiseagentur bestätigen lassen. Er hat sein Gepäck auf dem Rücken, wir verlassen die Kirche. Das Flugzeug war überbucht gewesen, und der Pilot hatte ihn nicht in die Kabine nehmen wollen, als er sein Gesicht gesehen hatte. Vincent hat einen Angestellten der Chartergesellschaft bei sich, der ihn bis zur Kirche begleitet hat und ihm als Entschädigung eine Nacht in einem Luxushotel zahlen wollte, wir stecken ihn morgen früh in die erste Linienmaschine nach Paris, Vincent muss an dem Tag arbeiten, er weiß noch nicht, dass man ihn gefeuert hat. Hector fragt mich leise: „Wer ist das?“ Ich antworte: „Vincent.“ Er ruft aus: „Das ist Vincent?“ Sein Ton will sagen: „Der da ist Vincent?“

Der erste Satz, den ich über ihn geschrieben habe, am Ende des Abends, an dem ich ihn kennenlernte: „Unter den Kindern will ich zu demjenigen gehen, dessen Reiz der verborgenere ist, und ich will ihm den Flecken über dem Auge abküssen, sein rechtes Lid, das schlecht schließt, alle Male seiner Hüften und seines Nackens.“

Auszug aus dem Anfangskapitel von „Verrückt nach Vincent“