
Mit einem Text von Thomas Mann im Anhang
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 96 Seiten
Veröffentlichung: März 2026
August Graf von Platen Hallermünde (1797 – 1835) verkörpert wie kaum ein Zweiter in Leben und Werk den Übergang von alter Tradition zu modernen Lebensund Ausdrucksformen. Seine Ballade „Das Grab im Busento“ kennen viele Schüler aus ihren Deutsch-Lesebüchern, was den Lesern des 21. Jahrhunderts den Zugang zu diesem großen Dichter nicht gerade erleichterte.
Im Männerschwarm Verlag wurden, den Schaffensperioden Platens entsprechend, bereits die Bände „Ghaselen“ und „Die Sonette“ veröffentlicht. Dieser dritte Band rundet unsere Edition ab mit Platens Jugendliedern einerseits und den späten Oden andererseits, ergänzt um eine kleine Auswahl der Balladen. Vor allem in den Oden führt Platen seine Vorliebe für antikisierende, ostasiatisch geprägte Rhythmen zur Meisterschaft, was aufgrund der komplizierten Syntax noch bei Thomas Mann zu Irritationen geführt hat. Wer sich jedoch auf die verblüffenden Stauungs- und Entstauungseffekte in Platens Versen einlässt, wird reichlich belohnt.
Wir fügen diesem Band Thomas Manns Rede vor der Platengesellschaft aus dem Jahr 1930 bei. Auch wenn sie heute in manchen Teilen nicht mehr unwidersprochen ist, so gelingt ihr doch über weite Strecken eine schlüssige Gesamtsicht auf die Person und das lyrische Werk August von Platens.
August Graf von Platen Hallermünde (1796 – 1835) wurde in Ansbach geboren. Die Familie war nicht vermögend, gehörte jedoch zum Hochadel, und der junge Platen durchlief ganz standesgemäß Kadettenanstalt und Pagendienst am königlichen Hof. Im Alter von 18 Jahren nahm er als Leutnant am Feldzug gegen Napoleon teil. Neben seinem lyrischen Werk schuf Platen mehrere Versdramen; seine Tagebücher und Briefe sind wesentlicher Bestandteil seines literarischen Nachlasses. Platen starb 1835 in Syrakus. Er gilt als erster deutscher Dichter, der seine Liebe zu Männern in Leben und Werk stets offen zum Ausdruck brachte.
Platen, der Lyriker, gilt für einen Mann der Strenge, des kalten Ebenmaßes, des klassizistischen Formalismus. Es ist wahr, er hat den Zerfall der Form bekämpft, die Zeit gegeißelt, weil sie sich romantischer Zerweichung überließ, und dem, was er als das Schlechte empfand, der Auflösung, das kunstrein Gestaltete, die heilige Form als das Wahre und Unverlierbare entgegengestellt. „Ich schwöre», sagte er in der unsterblichen ‚Morgenklage‘:
Ich schwöre den schönen Schwur, getreu stets zu sein
Dem hohen Gesetz, und will, in Andacht vertieft,
Voll Priestergefühl verwalten
Dein groß Prophetenamt.
Wie hätte er dies Pathos missen mögen? Es hielt ihn aufrecht in den Schmerzen und Demütigungen seines kurzen, zugleich erhabenen und kummervollen, um nicht zu sagen: kümmerlichen Lebens.
Ein Trost nur bleibt mir, dass ich jeder Bürde
Vielleicht ein Gleichgewicht vermag zu halten
Durch meiner Seele ganze Kraft und Würde.
Der Ausdruck dieser Kraft und Würde, durch die seine Seele über das Ungemach, die Beleidigungen des Lebens triumphierte, war die Form, und in einem Sonett hat er es in dem eigentümlich kunstgeläuterten Parlando, das den Stil dieser Gattung ausmacht und das er wie kein anderer beherrschte, vollendet ausgesprochen:
Wem Kraft und Fülle tief im Busen keimen,
Die Form beherrscht er mit gerechtem Stolze,
Bewegt sich leicht, wenn auch in schweren Reimen.
Er schneidet sich des Liedes flücht’ge Bolze
Gewandt und sicher, ohne je zu leimen,
Und was er fertigt, ist aus ganzem Holze.
Dennoch kann nur Unkenntnis diesen Dichter auf das rational Formale und Rhetorische festlegen wollen und in der Vorstellung verharren, ihm fehle Weichheit, Beschwingtheit, Liedzauber, Musik, jener Hauch und Farbenstaub, jener Tonfall magischer Innigkeit, den vorzüglich der Deutsche als eigentlich lyrisch ehrt.
Es ist wahr, dass Gesang ihm je länger je mehr das hoch und kultisch Gesagte bedeutete. Aber das Einfältige und Melodische, auch das Geheimnisvolle und seltsam Inspirative ist da, und ich könnte es aufzeigen, wenn die Zeit es erlaubte. Nur ein Gedicht aus dieser weicheren, wenn man will: romantischeren Sphäre will ich Ihnen ganz vorsagen, das Sie alle kennen, das gewiss viele von Ihnen auswendig wissen, wie ich es von früh an auswendig weiß, und dessen Ruhm auf seinem unendlichen Reichtum an seelischen Beziehungen beruht. Platen schrieb es mit neunundzwanzig Jahren, als er Kadettenhaus und Pageninstitut, das verfehlte Leutnantsleben, die Studienzeit in Würzburg und Erlangen und die erste italienische Reise hinter sich hatte, die die Venezianischen Sonette zeitigte, schrieb es zehn Jahre vor seinem Tode, und so viel sagt es von ihm – so ganz sagt es ihn aus, dass man mit diesem Gedicht den Dichter identifizieren mag, mit ihm und mit seinem Titel. Es lautet:
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ist dem Tode schon anheimgegeben,
Wird für keinen Dienst der Erde taugen,
Und doch wird er vor dem Tode beben,
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen!
Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe,
Denn ein Tor nur kann auf Erden hoffen,
Zu genügen einem solchen Triebe:
Wen der Pfeil des Schönen je getroffen,
Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe!
Ach, er möchte wie ein Quell versiechen,
Jedem Hauch der Luft ein Gift entsaugen,
Und den Tod aus jeder Blume riechen:
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ach, er möchte wie ein Quell versiechen!
„Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe!“ Von dem, der dies gestand, hat Goethe geurteilt, er habe der Liebe nicht. Der große Mann irrte. Er mochte auf Platen – und auf wen nicht! – mit hochväterlichem Lobe und Tadel herabsehen, denn zum Schöpfertum großen Stils fehlte dem Ansbacher Aristokratenspross der Segen mächtiger und ausdauernder Vitalität, und seine selbstbefeuernden Ankündigungen von Dichtertaten, die er in sich zu tragen inbrünstig wähnte, mussten ihm den Vorwurf leerer Prahlerei eintragen. Was aber der glücklich Große ihm absprechen zu sollen meinte, die Liebe, eben sie hatte er: die Liebe nämlich, die jenes Gedicht durchtränkt und sein ganzes schwermütig-lobpreisendes, zu höchsten Flügen immer wieder begeistert ansetzendes Werk erfüllt, die unendliche und unstillbare Liebe, die in den Tod einmündet, die der Tod ist, weil sie auf Erden nicht Genüge findet, und die er, ein früh und unheilbar Getroffener, den „Pfeil des Schönen“ nennt.
Man kennt die spielerisch makabre und pointenhafte Verkopplung der Begriffe Liebe und Tod, wie die Romantik und wie noch Heine in seinen romantisierenden Liedchen und Romanzen sie dichterisch praktizierte. Hier, in Platens Gedicht, sind diese Ideen auf eine Weise aneinandergebunden, die weit über das äußerlich und sentimental Romantische hinausführt in eine Seelenwelt, für die ebendiese geheimnisvollen Verse „Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem Tode schon anheimgegeben“ die Ur- und Grundformel bilden, eine Welt, in welcher der Lebensbefehl, die Gesetze des Lebens, Vernunft und Sittlichkeit nichts gelten, eine Welt trunken hoffnungsloser Libertinage, die zugleich eine Welt der stolzesten Form und der Todesstrenge ist und die den Adepten lehrt, dass das Prinzip der Schönheit und Form nicht der Sphäre des Lebens entstammt, dass seine Beziehung zu ihm höchstens die eines rigorosen und melancholischen Kritizismus ist: es ist die Beziehung des Geistes zum Leben. Liebe und Tod, diese Zusammenziehung romantischen Witzes, ist es noch nicht, was die Welt, von der ich spreche, bestimmt. Schönheit und Tod, und dass der Pfeil des Schönen der des Todes und ewigen Sehnsuchtsschmerzes ist, erst darin vollendet sich’s. Tod, Schönheit, Liebe, Ewigkeit sind die Sprachsymbole dieses zugleich platonischen und rauschvoll musikalischen Seelenwunders voll Faszination und Verführung, von welchem unser Gedicht, ein monoton und hoffnungslos in sich selbst zurückkehrendes Zauberritornell, raunend zu künden versucht; und die auf Erden das Zeichen seiner Ritterschaft tragen, die Ritter der Schönheit, sind Todesritter.
‚Tristan‘ – so hat Platen jenes Gedicht überschrieben. Wie sonderbar! Es muss ein eigentümlich vertiefter und traumwandlerischer, in weite Zusammenhänge verwobener Augenblick gewesen sein, als seine Hand über das Lied diesen Titel schrieb. „Bedeutungsvoll und fast hellseherisch“ hat ein heutiger Betrachter, Ernst Bertram, ihn genannt – und zwar in dem Venedigkapitel seiner Nietzschelegende, das von solchen Zusammenhängen und venezianischen Verwandtschaften auch sonst wohl zu reden weiß. Sagte ich zu viel, als ich von dem unendlichen seelischen Beziehungsreichtum des Gedichtes sprach? Und als ich meinte, mit ihm und seinem Titel könnte man den Dichter identifizieren?
Platen – Tristan: in diesem Bilde eines dunklen Rittertums todverfallener und todbeheimateter Liebe mag man ihn, ernsten Auges, sehen und ehren. Aber wir wollen der Wahrheit das Ihre geben, der Schönheit irdischer Schwester, die, ein Lebenskind, sich auch auf die komische Seite der Dinge versteht und diese auf eine Weise hervorzukehren weiß, dass Liebe und Ehrfurcht nicht nur dadurch nicht verletzt, sondern menschlich vervollständigt und gesteigert werden.
Platens Rittertum hat nicht nur Tristantraurigkeit, nicht nur in diesem Sinne ist er ein trauriger Ritter. Er ist es auch in einer grotesken, ergreifend lächerlichen Bedeutung, ein Don Quijote, ein Ritter von der traurigen Gestalt.
Platen – Don Quijote! Eine fahrende Seele, begeistert und getrieben von sublimer Narrheit, von einem unbedankten, unzeitigen, unmöglichen, verbitterten, jeden Augenblick geschändeten und verprügelten, zu Tode gelachten Hochsinn und Kampfesmut, der bis zum letzten Atemzuge schwört, dass Dulzinea von Toboso die schönste Dame unter der Sonne sei, obgleich sie eine Bauernmagd, besser gesagt aber irgendein törichter Student namens Schmidtlein oder German ist: wollen wir ihn nicht so sehen, diesen Dichter in des Wortes hoffnungslos-edelmütigstem Sinn, und dabei nicht aufhören, ihn zu lieben und zu ehren, wie wir den skurrilen Helden des Cervantes lieben?`
Der vollständige Text ist „Oden, Hymnen, Jugendlieder“ als Anhang angefügt.