
Alec Scouffi
Übersetzt aus dem Französischen von Karl Blanck, Helene Schauer und JJ Schlegel
Hardcover, 260 Seiten
Veröffentlichung: Juni 2026
Paris in den 1920er Jahren – Place Pigalle, Montmartre, Bois de Boulogne, Orte, an denen Liebe zu kaufen ist, von richtigen und falschen Damen ebenso wie von jungen Burschen wie Pierre Durand mit den rosa Bäckchen, genannt Chouchou. Chouchou stolpert durch Bars und Absteigen, geheime Treffs und Bälle, die „Teebüchsen“ und Dampfbäder. Er gerät in die Fänge der Polizei und wird zu mehreren Monaten Haft verurteilt, danach landet er wieder im alten Teufelskreis. In Verzweiflung und Wahn tötet er am Ende, was er liebt …
Der Autor Scouffi lebte viele Jahre in dem Milieu, das er in diesem Roman beschreibt. Dabei flüchtet er sich nicht in Romantisierungen, sondern zeigt ungeschönt das Elend, aber auch die sexuellen Ausschweifungen. Die explizite Schilderung schwuler Sexualität verlieh „Hotel zum Goldfisch“ Pionierstatus. Nachdem bisherige deutschsprachige Ausgaben diese Passagen unterdrückt haben, bringen wir in dieser Neuausgabe erstmals die unzensierte Fassung des Romans. Alec Scouffi wurde drei Jahre nach der Veröffentlichung dieses Romans von einem Mörder aus dem Rotlichtmilieu getötet.
Alec (Alexandre) Scouffi, griechisch-ägyptischer Herkunft, geboren 1886 in Alexandria, hatte sich bereits als Dichter (und als Bariton) einen Namen gemacht, als er 1929 mit „Hotel zum Goldfisch“ („Au Poiss’ d’Or. Hôtel meublé“) seinen ersten Roman veröffentlichte, der schon ein Jahr darauf auf Deutsch erschien. Seine Leidenschaft für die Pariser Szene scheint Scouffi später zum Verhängnis geworden zu sein: Im März 1932 wurde er ermordet. Wie seinerzeit die Presse ist auch der Nobelpreisträger Patrick Modiano, der den Mordfall in seinen Romanen wiederholt thematisiert, davon überzeugt, dass der Mörder aus dem „Milieu“ stammte.
Große Bestürzung … Julot flüsterte Chouchou leise zu: „Diesmal haben sie uns geklappt. Da sind sie.“
Die „Mondschein-Bar“ war umstellt. Eine Gruppe von Beamten versperrte die Tür. Von der Schwelle her donnerte die Stimme des Kommissars: „Hände hoch!“
Seine bis dahin geschickt verborgenen Spitzel sprangen sofort auf und visitierten ihre Tischnachbarn, während andere mit hinterhältiger Höflichkeit die Legitimationspapiere verlangten.
Große Bestürzung … Niemand leistete Widerstand. Über alle diese Gesichter, die eben noch von Leben und Frohsinn sprühten, breitete sich plötzlich eine trübe Gleichgültigkeit aus – die bittere Gewißheit, daß doch irgendwann einmal an solch einem Abend die Stunde des Verhängnisses schlagen würde. Einige schienen sie fast wie eine Erlösung erwartet zu haben.
Ein Engländer mit rosigen Wangen nippte kaltblütig, mit belustigter Miene an seinem Whisky. Lächelnd meinte er zu seinem jugendlichen Gefährten: „Das ist very ulkig, my boy! In England es gibt das nicht, daß man einfach so arretiert die „Gentlemenpäderasten.“
„Bitte, Ihre Papiere, Mylord.“
„Aoh yes, Sir.“
Ein schöner Paß mit Goldschnitt in einem Rahmen von duftendem mattrotem Leder kam zum Vorschein. Der Kommissar warf nur einen flüchtigen Blick darauf und rief mit nachsichtigem Lächeln: „Der Nächste!“
Draußen hatten sich die Neugierigen angesammelt, den ganzen Boulevard Rochechouart entlang standen sie in Gruppen lebhaft diskutierend. Einzelne Gaffer drückten sich die Nasen an den Fensterscheiben platt. Manche von ihnen waren gewiß heilfroh, daß sie diesmal noch nicht mit dabei waren. Sie machten den Kameraden, die sich hatten erwischen lassen, spöttische Zeichen. Wie auf einen Hieb hörten die Zecher auf zu trinken. Einige Gäste nahmen unter dem Vorwand, sich zu schnäuzen, noch eine letzte Prise „Koks“ aus ihrem Taschentuch. Flatternde Hände hielten zerknitterte Papiere und zerfetzte Militärpässe umklammert. Vom Schanktisch aus schauten die Kassiererin und der Kellner, die schon an allerhand Überraschungen gewöhnt waren, stumpfsinnig zu, während ein junger Geschirrwäscher die schmutzigen Gläser klirrend ineinander setzte.
Auf den Schanktisch gestützt und mit möglichst unbefangenen Mienen tasteten allerlei zweifelhafte Jünglinge in ihren Taschen nach schmutzig-fettigen Ausweiskarten, während sie darauf warteten, daß die Reihe an sie käme. Andere hatten überhaupt keine Papiere. Sie waren in erbärmlicher Stimmung. Der kleine Dédé zum Beispiel beteuerte, seine Papiere im Hotel gelassen zu haben. Firmin, ein Badediener, hielt statt dessen stolz ein Sparkassenbuch hin, das der Polizist durchblätterte.
Ein kleiner blonder Knirps jedoch, mit rosa Porzellanbäckchen, pistaziengrünen Augen, der aussah wie ein Schuljunge, der den Unterricht schwänzt, hatte nur einen recht kuriosen Geburtsschein aufzuweisen, der ihm ein Alter von gut vierzig Jahren verlieh …
„Der gehört doch nicht dir?“
„Nein, aber meinem Stiefvater“, brachte der Junge stammelnd heraus.
Unterdrücktes Gelächter erscholl durch die ganze Bar. Verwirrt senkte der kleine Pierre, genannt Chouchou, den Kopf, bereit, loszuweinen.
„Also vorwärts! Du wirst dich nachher zu verantworten haben“, sagte der Kommissar.
Die Ausländer überwogen unter den Gästen. Die meisten – und das waren natürlich gerade die alten Stammgäste des Lokals hatten ihre Vorsichtsmaßregeln getroffen und konnten sich als durchaus unverdächtig ausweisen. Im Erdgeschoß blieben nur noch ein paar finster aussehende Individuen übrig, wahre Galgengesichter, Zuhälter oder Mondscheinkavaliere, Maulhelden und berufsmäßige Schwindler, ohne Ausweis, ohne Papiere und ohne Kragen.
Die sollten nichts zu lachen haben. Sie würden für die anderen bezahlen müssen, für das ganze Pack von weichen Jungens und hübschen Milchbärten, den Backfischchen dieser Umwelt, die von Barbès heruntergestiegen oder vom Boulevard Sebastopol gekommen waren, mit Leinwandschuhen, die Mütze bis tief über die vom Augenbrauenstift klebrigen Augen gezogen, mit rosigen Wangen, die mit zartem Flaum bedeckt waren, und hochroten Lippen.
In der Zwischenzeit hatten die „Bullen“ das Kellergeschoß und den Vorsaal des ersten Stockes durchsucht, wo sich die Waschtoiletten befanden. Wie ein aufgescheuchtes Wild raste Julot, den man in einem der Kabinetts niedergekauert fand, die Treppe hinunter, immer vier Stufen auf einmal.
„Was hast du denn da oben gemacht?“
„Na, er hat sich jedenfalls mal die Hände gewaschen.“
„Deine Papiere!“
„Ich habe keine.“
„Wo kommst du her?“
„Von La Roquette.“
„Das glaube ich“, brummte einer von den Beamten, „zum dritten Mal wird er schon erwischt.“
Der Kommissar schielte spöttisch zu einer Frau hinüber, augenscheinlich die einzige ihres Geschlechts in der ganzen Kneipe.
„Geht’s immer gut, Bijou?“
Bijou nickte lächelnd. Ihre welken Finger, die mit Ringen überladen waren, spielten mit einer Kette aus falschem Schmuck, deren Glasperlen nur spärlich ein paar ungeheure Brüste bedeckten. Ihre Hände steckten in alten weißen Halbhandschuhen aus Baumwolle. Auf ihrem Haupt thronte in stolzer Höhe ein unmöglicher, vorsintflutlicher Strohhut, auf dem in lieblichem Durcheinander gleichzeitig Federn, Blumen und Früchte vertreten waren. Sie trug eine schäbige Bluse aus malvenfarbener Seide über einem schwarzen Tuchrock, der einmal lang gewesen, aber der Mode entsprechend verkürzt worden war, sehr zum Nachteil der Beine, die in ungefärbte Baumwollstrümpfe gezwängt waren, und in komischen Männerknöpfstiefeln aus längst vergangenen Zeiten endigten.
Wenn man an diesem grotesken Körpergebilde langsam bergauf kletterte, so entdeckte man schließlich ein gutmütiges Frauengesicht unbestimmten Alters, von zwei großen weichen Tieraugen überstrahlt, die, nachgemalt, schwarz umrandet und leuchtend waren wie das Aushängeschild eines altrömischen Freudenhauses.
Im Augenblick richtete Bijou diese Augen auf den Kleinen, der sich schluchzend über den Tisch geworfen hatte, den Kopf in die Ellenbogen vergraben. Mit versoffener Stimme fuhr sie ihn an: „Heule nicht so, – hörst du?“
Er schüttelte verzweifelt die beiden langen hellblonden Korkzieherlocken über seinen blassen Backen, die nur durch Schminke etwas gerötet waren:
„Wird man mich wohl ins Kittchen stecken, Fräul’n Bijou?“
„Na, und wenn schon! Schließlich ist es eine Bleibe wie jede andere. Der Kommissar frißt dich nicht auf. Und schlimmsten Falles werde ich mitkommen.“
„Wirklich?“
„Aber ja doch, geh nur.“
Der Kleine beruhigte sich ein wenig und trocknete seine Tränen, während die Polizisten ihn mit den anderen wegzerrten. An der Tür bildeten die Schutzleute Spalier und ließen jeden einzeln auf die Straße hinaus, wo aus dem eisigen Nebel plötzlich der mächtige Umriß der „grünen Minna“ auftauchte.
Bijou beschloß den Zug, aber als sie mit der ganzen Bande einsteigen wollte, stieß man sie schroff zurück.
„Du bist ja gar nicht eingeladen“, sagte einer von den Beamten. Kurz entschlossen folgte sie dem Wagen zu Fuß, wie eine tiefbetrübte Anverwandte bei einem Armenbegräbnis.
*
Und die „Eingeladenen“? Sie torkelten in der Dunkelheit wie Kraut und Rüben im Wagen herum. Die Bänke waren fast alle besetzt. Man hatte schon andere Nachtlokale ausgehoben, und die Fuhre war schwer geladen. Beim Aufglühen der Zigarrenstummel oder im Schein der Gaslaternen konnte man unbestimmte Gestalten unterscheiden: feine Herren im Smoking und zerlumpte Strolche, Damen in Abendkleidern und ein paar nebenbei aufgelesene Gassendirnen.
Ein dekolletiertes Dämchen griff fieberhaft nach dem Schloß einer Perlenkette und preßte sich eng an ihren Begleiter, angeekelt von der Berührung mit ihrer Umgebung.
„Um Gotteswillen, hier wird man aber gut durchgeschüttelt“, sagte sie, denn der Wagen war ein altes Pferdevehikel. Die Autobusse wurden von der Verwaltung für die gefährlicheren „Eingeladenen“ von Rang reserviert. Es war noch nicht einmal sicher, ob man diese Gesellschaft überhaupt behalten würde.
Vom allzuvielen Gebrauch knarrten die ausgefahrenen Räder zum Steinerweichen. Die Luft drinnen war zum Ersticken. Das Parfüm der Frauen vermischte sich mit dem Geruch der Männer, mit dem Wein- und Tabakdunst, mit dem Fuß- und Achselschweiß. Es war, als ob das Innere des Wagens sich im Lauf langer Jahre ganz von Laster und Elend, von Schuld und Erniedrigung vollgesogen hätte. Und während solcher Razzianächte sind diese rollenden Vorzimmer des Gefängnisses noch durchsetzt von dem üblen, ätzenden Nachgeschmack der Schwelgerei, der Wollust, der Trunkenheit und des Todes.
Durch ein Guckloch sah Chouchou die alte Bijou, die nebenher trabte. Ermüdet und von Aufregung erschöpft, schlossen sich schließlich seine Augen. Er glaubte zu träumen …
Plötzlich jedoch tastete eine feste, doch behutsame Hand im Dunkeln seine Formen ab, betatschte seine vollen Schenkel und begab sich bis hoch an die Hosenknöpfe, wo sie lustvoll verweilte. Ohne genau zu wissen, warum, ließ Chouchou es geschehen. …
*
„Das Kittchen ist eine Bleibe, wie jede andere“, hatte Bijou gesagt. Es war ein großer viereckiger Raum, in den sie alle zusammen wie Vieh hineingepfercht wurden. Rings herum waren Holzbretter fest in die Wände eingelassen; darauf ließen sie sich nieder. Ein großer Ofen, der in der Mitte stand, strahlte eine unerträgliche Hitze aus; an der Tür hielt ein Schutzmann Wache.
Sprechen war verboten. Durch eine niedrige Seitentür wurden die vom Herrn Kommissar „Eingeladenen“ der Reihe nach zu ihm hineingelassen. Immer wieder wanderten Chouchous Blicke zu der verhängnisvollen Pforte.
Er wog seine Schuld ab und grübelte über den Grad seiner Verfehlung nach. Seit der Flucht aus der elterlichen Wohnung fühlte er zum ersten Mal auf seinen schwachen Schultern die eherne Hand des Gesetzes, die richten und strafen kann.Was war denn eigentlich so Schlimmes dabei, wenn er mit Julot bei einem Gläschen Johannisbeerschnaps mit Selters oder bei einer Grenadine beisammensaß?
Unwillkürlich blickte er zu Julot hinüber, der auf der anderen Seite des Raumes ihm gerade gegenüber saß. Der junge Bursche schien die verstörte Frage in den Augen Chouchous zu verstehen, er blickte ihn drohend an und gab ihm durch ein stummes Zeichen zu verstehen, daß er den Mund halten solle und ihn nicht verpfeifen dürfe. Da fiel dem Kleinen ein, wie ihn Julot halb verhungert und halb verfroren auf einem Untergrundbahnhof der Nord-Südlinie aufgelesen hatte.
In seinem Kindergehirn nahmen alle Geschehnisse, die seinem Dummenjungenstreich gefolgt waren, jetzt wahre Riesendimensionen an. Seine eigenen Erlebnisse vermischten sich mit allerlei Kinoerinnerungen, die sich in sein Gedächtnis eingegraben hatten. Seine Phantasie wuchs ins Uferlose. War er, Chouchou, nicht auch so etwas wie ein kleiner Jackie Coogan, dessen Abenteuer ihm so gefallen hatten? In seinen Träumen hatte er nur gar zu gern die Stelle dieses Wunderkindes eingenommen.
Ja, die Filme sind schön. Man sieht Banditen mit blinkenden Waffen, Autos auf der Flucht und Eisenbahnzüge, die überfallen werden; Cowboys fliegen flink wie der Wind auf schnellen Pferden dahin. Und dann, ja dann die fremden Länder mit den seltsamen Namen: Madras, Kalkutta, Singapur … Sie sind voller Urwälder mit Schlangen und wilden Tieren, auf die man des Nachts mit wirklichen Gewehren und in großen Stiefeln Jagd macht …
Eines Tages war im Walde von Saint-Germain ein Flugzeug abgestürzt. Da riß der kleine Pierre aus der Backstube seines Stiefvaters in der Rue au Pain aus und lief in den Park bis zu der Waldstelle, wo der Körper des unglücklichen Piloten unter dem rauchenden Haufen eines verkohlten Etwas begraben war. Das verdarb ihm zwar den Geschmack an der Luftschiffahrt, aber es reizte sein Verlangen nach Gefahr, nach Abenteuern.
Oft verspätete er sich beim Herumbummeln in den Straßen, immer auf der Suche nach etwas Aufregendem. Statt nach Hause zu kommen, spielte er mit gleichaltrigen Straßenjungen Knippkugeln oder „Räuber und Gendarm“. Wenn er dann nach Hause kam, schalt ihn die Mutter, und vom Stiefvater bekam er Schläge. Bald gab man ihm zum Sonntag kein Taschengeld mehr, weil er das Geld für Schundromane hinauswarf, die er des Nachts heimlich verschlang, statt seine schriftlichen Aufgaben zu machen und sich für die Schule vorzubereiten.
Außerdem verbrauchte er dabei zu viel Licht. So wurde er gegen die Schule, gegen Herrn Jourdan, den Lehrer, und besonders gegen seinen Stiefvater aufgebracht. O der! Der sollte ihn gewiß nicht klein kriegen!
Und so kam es, daß der kleine Pierre nach und nach die Schule zu schwänzen begann …
Seine Eltern verloren schließlich die Geduld. Sie behielten ihn von nun an zu Hause und zogen ihn zu den leichteren Arbeiten in der Backstube heran. Er wusch den Laden aus, fuhr mit dem Dreirad herum und besorgte die Wege. Darüber war er nicht weiter unglücklich. Das machte ja viel mehr Spaß als die ganze Schule. Unterwegs schwatzte er mit den fliegenden Obst- und Gemüsehändlern, mit den Vagabunden und Wanderburschen, mit den Holzhackern und Zigeunern. An einem Donnerstag zogen die Schüler des Gymnasiums aus, um auf dem Spielplatz im Walde Fußball zu spielen. Pierre sah, daß sie in Uniform waren. Manche trugen Hosen nach amerikanischem Schnitt und kleidsam auf Taille gearbeitete Röcke. Da schämte er sich mit einem Male seiner alten Lumpen, besonders, als einer von den Schülern ihm im Vorbeigehen zurief: „Guten Tag, Pierre!“
Es war Rumir, der junge Ägypter, den ganz Saint-Germain wegen seiner Eleganz und seines guten Benehmens bewunderte. Chouchou kannte ihn gut. Er kam oft in den Laden, um sich an Kuchen und Schlagsahne zu delektieren.
Wenn er in seine rätselhaft tiefen und traurigen Augen sah, regte sich stärker als je in ihm der Wunsch nach fremden Ländern, nach dem lebendig bewegten Treiben in den Häfen, wo die Masten der Schiffe im Winde schaukeln wie schwankende Wälder. Eine unbestimmte Sehnsucht quälte ihn. Herr Bourdin, der Pfarrer, der das schließlich bemerkte, fragte ihn eines Tages nach der Messe: „Was hast du denn, mein Junge? Du bist ja rein wie vom Teufel besessen.“
An dieses Wort mußte der kleine Pierre oft denken. Was war das eigentlich für ein „Teufel“, von dem er besessen zu sein schien? Manchmal beunruhigte ihn sein Körper sehr. Heftige Schauer liefen ihm den Rücken hinunter. Sein junges Blut machte seine Haut prickeln, und er fühlte, wie es in starken Wallungen durch seine Adern rann.
Dann färbten sich seine Backen purpurrot, die Schläfen brannten ihm, und seine Augen lagen tief in den Höhlen. Eine wahnsinnige Lust überkam ihn, sich ganz auszuziehen, sich selbst zu liebkosen, in seine flache Hand die Fülle seiner Formen zu pressen. Dann fing er an zu laufen, soweit er konnte, um vor sich selbst zu entfliehen … Ein paarmal hatte man ihn schon suchen müssen, wenn er nicht rechtzeitig zu den Mahlzeiten zurückgekommen war.
*
Der Reihe nach ließ der wachthabende Beamte die »Herren Eingeladenen“ durch die Seitentür ein. Man bekam sie nicht wieder zu sehen. Nur verworrenes Stimmengewirr drang von innen heraus. Was mochte dort wohl vorgehen? Ob denn alle diese jungen Burschen auch von zu Haus ausgekniffen waren? Warum hatte man sie sonst festgenommen? Was war denn eigentlich mit der „Mondschein-Bar“ los? War sie etwa ein geheimer Schlupfwinkel, eine Räuberhöhle oder ein Ort für gefährliche Verschwörungen? Dann war also Julot nichts anderes als ein Verräter, ein Abgesandter der Hölle – vielleicht gar der Teufel, von dem der Herr Pfarrer gesprochen hatte?
Schnell ersann er nun seine Antworten, legte sich sein Alibi zurecht. Mein Gott, seit wieviel Tagen irrte er nun schon in diesem großen Paris wie in einem Labyrinth herum? Chouchou erinnerte sich nur noch dunkel daran, wie er gehungert und gefroren hatte und wie ein paar schlechte Kerle ihn seines Mantels beraubten, während er auf einer Bank schlief. Er zählte die Tage an seinen Fingern ab und kam bis zu zwanzig. Vor zwanzig Tagen hatte er seine Mutter verlassen, die ihn sehr liebte, und seinen Stiefvater, der ihn um so mehr haßte. In diesen zwanzig Tagen hatte er also die Welt herausgefordert und versucht, „sein eigenes Leben zu leben“, wie Julots Kameraden es ausdrückten.
Sofort nach seiner Flucht war ihm die Place Pigalle und der Montmartre eingefallen, die er als „Stätte der Freiheit“ hatte rühmen hören. Seine Eltern sprachen nur mit Abscheu davon. Das war doch die Stelle, wo sich das Weltall auftat; von dort aus betrat man jene ideale Welt, wo es weder Aufgaben, noch Schule, noch einen Herrn Pfarrer gibt, und vor allem keinen Stiefvater, der einem den Hosenboden stramm zieht!
Stätte der freien Geister! Dort wollte auch er sich niederlassen, dort wollte er hausen …
Auszug aus „Hotel zum Goldfisch“ von Alec Scouffi