Mala Visión

Mala Visión

von Armin Wühle

Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 296 Seiten

Veröffentlichung: März 2026

Mala Visión

Rafa und Hannes führen seit sechs Jahren eine stabile Beziehung. Doch dann, gerade als die beiden zusammenziehen wollen, verschwindet Hannes von einem Tag auf den anderen. Bald darauf tauchen bei Instagram Fotos von ihm in Mexiko auf. Kurzentschlossen reist Rafa hinterher, um den Freund zur Rede zu stellen. Noch ahnt er nicht, dass die Spurensuche im dichten Wald vor Texcaltitla ihr jähes Ende finden wird: mit Knochenbrüchen und dem Verlust seiner Brille, ohne die er aufgrund einer starken Sehschwäche so gut wie blind ist. Ein lebensgefährlicher Irrweg zurück in die Zivilisation beginnt.

Anhand des Zeitgeist-Phänomens Ghosting verhandelt Armin Wühle in „Mala Visión“ grundlegende Fragen über Beziehungen und Identität: Was bedeutet Treue? Wie gut kennen wir die Menschen, die uns nahestehen, wirklich? Und wie gut kennen wir uns selbst? Diese Themen lässt Wühle im Roman mit archaischer Wucht auf die ungezähmten Kräfte der Natur prallen. Aus Flashbacks und inneren Dialogen erwächst das literarische Vermächtnis einer Selbstbefreiung. Die „Mala Visión“ im Urwald wird zum Pfad der Erkenntnis – poetisch, abgründig, fesselnd.

BIOGRAFIE

Armin Wühle, geboren 1991, studierte Kreatives Schreiben, Geschichte und Soziologie. Sein Debütroman „Getriebene“ erschien 2021. Im gleichen Jahr wurde sein Theaterstück „Die Ungetrösteten“ in Bregenz uraufgeführt. 2025 gewann er den Dramatikpreis für Politik und Menschenrechte für sein Stück „Rue d’Armenie“. Neben seiner literarischen Tätigkeit arbeitet Wühle für eine Organisation, die traumatisierte Geflüchtete versorgt. Er lebt in Hannover.

LESEPROBE
Auszug aus „Mala Visión“ von Armin Wühle

Zwei Tage später saß ich im Foyer des Metropolis und wartete auf Hannes. Meine Wohnung war bereits vollständig in Kisten verstaut, der Umzugswagen für den nächsten Tag gebucht. Ich freute mich auf den gemeinsamen Abend, der ein neues Kapitel in unserem Leben einläutete.

Weil noch etwas Zeit war, telefonierte ich mit meinen Eltern. Sie wünschten uns alles Gute für den Umzug und erkundigten sich nach dem Geschirrspüler, den wir anschaffen wollten. Ich rollte innerlich mit den Augen, aber konnte zum Glück Herstellername und Lieferdatum nennen. Sobald ich mein Geschirr nicht mehr mit der Hand abwusch, glaubte vielleicht auch meine Mutter, dass ich etwas aus meinem Leben gemacht hatte.

Als ich auflegte, war Hannes immer noch nicht da. Auf die Frage, ob wir vor dem Film noch etwas essen wollten und welchen Zug er nehmen würde, hatte er nicht reagiert. Bei WhatsApp war die Nachricht auch nur mit einem Haken markiert, er hatte sie also gar nicht gelesen. Wahrscheinlich war sein Akku leer.

Ein Mitarbeiter stand bereits vor dem Kinosaal und kontrollierte die Tickets. Ich wurde etwas nervös, denn eigentlich saß Hannes gern früh im Kino und sah sich die Trailer an.

Ich rief ihn an – das Freizeichen ertönte. Akku hatte er also noch. Es klingelte, bis sich die Mobilbox einschaltete. Dass er den Weg nicht fand, war ausgeschlossen, wir waren schon oft in diesem Kino gewesen. Ich überprüfte die Züge aus Oldenburg, aber alle Verbindungen waren pünktlich. Ich griff mir eine Zeitschrift, blätterte von Billie Eilish über Olaf Scholz zu den Taliban, aber ich konnte mich nicht konzentrieren. Irgendwann schloss der Mitarbeiter die Tür und verschwand. Der Film fing ohne uns an.

Ich malte mir bereits unseren Streit aus, meine gerechtfertigte Wut gegenüber einem kleinlauten Hannes. Ich hatte mir wirklich Mühe gegeben, heute pünktlich zu sein, um uns einen schönen Start in ein anstrengendes Wochenende zu verschaffen. Und überhaupt hätte er ja Bescheid geben können, wenn ihm etwas dazwischengekommen war.

Ich rief Hannes ein zweites Mal an, und weil er wieder nicht abhob, öffnete ich Instagram, um zu sehen, ob er sich dort herumtrieb, was mir erst recht Munition für einen Streit geliefert hätte. Als ich sein Profil suchte, erschien jedoch kein Treffer. Jetzt spinnt auch noch Instagram, dachte ich und rief Almas und Joppes Profile auf, die aber ganz normal angezeigt wurden. Mir kam ein Gedanke in den Sinn, der mich amüsierte, aber gleichzeitig ängstigte, so verrückt er auch war.

Ich ging zurück zu WhatsApp, betrachtete den einfachen Haken. Erst jetzt fiel mir auf, dass Hannes sein Profilbild gelöscht hatte. Zumindest wurde es mir nicht angezeigt, ebenso wenig sein Online-Status. Ein Verdacht sickerte in meinen Kopf wie Tinte in ein Wasserglas.

„Zwick mich, ich glaube, ich träume“, das hatte meine Mutter gelegentlich gesagt. Ich hatte diesen Satz immer gehasst, weil ich ihn so übertrieben dramatisch fand. Alles daran klang falsch und unaufrichtig, und trotzdem dachte ich in diesem Moment genau das. Mir wurde ein wenig schwindlig. Ich rief dreimal, viermal, fünfmal an, jedes Mal hörte ich Hannes’ Stimme auf der Mobilbox, bis ich beim sechsten Mal gar kein Freizeichen mehr bekam, sondern direkt die Mobilbox dranging.

Ich ließ das Telefon sinken. Roter Teppich, verstreutes Popcorn, Menschen, die sich in der Ferne unterhielten. Mir kam es vor, als könnte ich nur noch einzelne Bildbestandteile wahrnehmen, einzelne Stimmen, aber nichts ergab ein Gesamtbild – als befände ich mich nicht an einem dreidimensionalen Ort mit einer fortlaufenden Zeitachse, sondern in einer Kulisse, in der sich jedes Detail beliebig verschieben oder abbauen ließ. Ich suchte nach dem Fehler in der Schlussfolgerung, dass Hannes mich auf allen Kanälen blockiert hatte, denn wenn das Ergebnis nicht stimmen konnte, musste etwas in der Berechnung schiefgegangen sein.

Während ich versuchte, mir einen Reim auf das Ganze zu machen, erhielt ich eine Nachricht von Hannes’ bester Freundin. Simone hatte mir seit zwei Jahren nicht mehr geschrieben. Die Situation wurde immer absurder.

„Er möchte nicht mit dir sprechen. Ich misch mich da nicht ein. Bitte lass ihn in Ruhe.“

Ein Stromschlag jagte durch meinen Körper – ich fühlte mich wie gelähmt, als hätte ich einen Schlaganfall. Hier lief etwas ganz massiv falsch.

„Was ist denn los?“, schrieb ich zurück.

Simone tippte.

„Ich misch mich da nicht ein“, wiederholte sie, und auf meine weiteren Nachfragen erschienen nur noch einfache Haken. Ich blickte auf unseren Chatverlauf. Das ist ein Witz, dachte ich, aber die Tatsachen sprachen für sich. Ich musste an die frische Luft.

Draußen war es dunkel und kalt. Bürogebäude ragten in die Höhe, und vor dem Kino stand ein Leierkastenmann. Eine Menschentraube hatte sich um ihn gebildet, und weil dort zu stehen und dem Leierkastenmann zuzuhören anscheinend ein sozial akzeptiertes und der Situation angemessenes Verhalten war, stellte ich mich dazu. Die Melodie kam mir bekannt vor. Sie erinnerte mich an einen altmodischen Jahrmarkt, wie vermutlich alle hier; alle waren von diesen Klängen gerührt oder belustigt, vielleicht waren sie auch nur gelangweilt, jedenfalls hörten sie geduldig zu. Der Leierkastenmann stand an seiner Orgel, er tat eigentlich nicht viel, außer an der Kurbel zu drehen und mit Frack und Melone einen ausgefallenen Eindruck zu machen. Ich verfolgte das Schauspiel, bis die anderen Menschen aufbrachen, und dann stand ich allein vor dem Leierkastenmann, der mich freundlich anlächelte. Auch der Plüschaffe auf seiner Schulter wackelte fröhlich und klatschte die Schellen aneinander, und dann kam ich endlich darauf, welches Lied er spielte: „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“. Damit kriegte er sicher die Touris rum, die ihm eine Münze nach der anderen in den Hut warfen, und in Gedanken sang ich mit:

Ob du’n Mädel hast oder ob kein’s
Amüsierst du dich
Denn das findet sich
Auf der Reeperbahn nachts um halb eins.

Und ich wusste nicht, wie ich dort hinkam, aber irgendwann stand ich in meiner Wohnung, zwischen Umzugskartons und aufgerollten Teppichen, jene Wohnung, die ich morgen dem Vermieter übergeben würde, weil ich nach sechs Jahren Beziehung mit meinem Freund zusammenzog, und ich rief Hannes noch mal an, aber es ging wieder nur die Mobilbox ran, und ich rief Simone an, aber die ließ mein Klingeln verhallen.

Ich las unsere Chatverläufe, suchte nach einer Nachricht, die ich missverständlich oder ungewollt gemein formuliert hatte. Ich grub in den Tiefen meines Gedächtnisses, was ich angestellt hatte, und plötzlich erhielt ich eine SMS von Hannes, keine WhatsApp- oder Instagram-Nachricht, wo er mich ja blockiert hatte, sondern eine SMS:

„Es tut mir leid.“

Mehr stand da nicht, und ich rief ihn sofort zurück, aber wahrscheinlich war er direkt wieder in den Flugmodus gegangen, denn alles, was ich hörte, war: „Hallo, dies ist die Mailbox von …“

Einer plötzlichen Intuition folgend, ging ich zu einem Karton, den ich vergangenes Wochenende gepackt hatte und in dem sich der Inhalt aus Hannes’ Schublade befand, Klamotten, Bücher, solche Sachen. Der Karton stand ganz unten, ich stieß die darüberliegenden achtlos um und riss das Klebeband auf. Seine Sachen lagen noch drin, und dass dort ein verwaschener Adidas-Pulli und Boxershorts lagen, beruhigte mich, denn die brauchte Hannes ja. Sowieso fühlte ich mich, als würden jederzeit Bühnenarbeiter aus dem Flur kommen und beginnen, alles um mich herum abzubauen, wegzuschaffen, die Umzugskartons, die Wände, die Decke und auch das Stück Nachthimmel, das zwischen den Fenstergiebeln hereinschaute. Ich konnte das alles nicht wirklich ernst nehmen, also setzte ich mich auf den Boden und legte das Handy beiseite. Das Ganze war ein Irrtum, der sich bald aufklären würde. Wahrscheinlich war bei Hannes bloß eine Sicherung durchgebrannt, immerhin standen große Veränderungen in seinem Leben an, da waren Kurzschlussreaktionen normal – übertriebene, aber doch nachvollziehbare Reflexe, die wir später gemeinsam aufarbeiten konnten. Ich holte die Packung Zigaretten, die ich im Badezimmerschrank für den Notfall gelagert hatte, und setzte mich zurück auf den Boden. Das ist normal, dachte ich, platzierte das Handy gut sichtbar vor mir und wartete auf Hannes’ Anruf, in dem er sich für den ganzen Trubel entschuldigte …