Ab 5. Mai 2022 im Kino

Köy

ein Film von Serpil Turhan

Deutschland 2021, 90 Minuten, deutsche Originalfassung

Köy

Neno, Saniye und Hêvîn sind Kurdinnen aus drei Generationen. Neno ist die Großmutter der Regisseurin. Sie ist Mutter von elf Kindern und pendelt zwischen Deutschland und der Türkei. Das politische Geschehen in der Heimat verfolgt sie mit einer klaren Haltung. Saniye betreibt ein kleines Kiez-Café in Berlin und träumt davon, eines Tages in ihrem Geburtsort in der Türkei zu leben. Sie erkennt, dass sie bereit sein muss Risiken einzugehen, wenn sie in ein Land der politischen Unruhen und Krisen zurückkehren möchte. Hêvîn, die jüngste Protagonistin, will Schauspielerin werden und ist politisch aktiv. Doch während ihres Studiums hat sie nicht mehr viel Zeit für den Kampf gegen die Unterdrückung der kurdischen Minderheit.

Filmemacherin Serpil Turhan hat über drei Jahre hinweg intensive Gespräche mit Neno, Saniye und Hêvîn geführt, die tiefe Einblicke in deren Gefühle und Gedanken geben. Vor dem Hintergrund der politischen Veränderungen in der Türkei erzählt „Köy“, welche Entscheidungen die drei Frauen für sich treffen und wie das Leben darauf antwortet. Neno, Saniye und Hêvîn begegnen sich im Film nicht, doch in ihren gemeinsamen Fragen nach Selbstbestimmung und Zugehörigkeit verknüpfen sich ihre Geschichten. Ein vielschichtiger Film über die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Heimat und Sicherheit – und über die Freiheit des Ichs.

Director's Statement
SERPIL TURHAN ÜBER IHREN FILM

In den letzten Jahren verfolgte ich intensiv die politische Entwicklung in der Türkei, und meine Ambivalenz zum Herkunftsland meiner Familie wuchs. Die zunehmende Unterdrückung von Andersdenkenden und ethnischen Minderheiten berührte mich und ich konnte mich nicht distanzieren von dem, wie sich das Land gesellschaftlich und politisch entwickelte. Ich versuchte eine Haltung zu finden und realisierte, dass es mir alleine nicht gelang. Es war für mich notwendig mit Menschen zu sprechen, die eine Verbindung wie ich zur Türkei hatten und die politische Entwicklung aus der Ferne beobachteten. Durch die vielen Gespräche ist die Idee gereift, einen Film zu machen über dieses Erleben aus der Distanz.

In „Köy“ erzählen drei kurdischstämmige Frauen von ihren Gedanken und Erfahrungen.
Ausgehend davon, welche Wirkung die Veränderung in der Türkei auf sie hatte, ging es in unseren langen Gesprächen immer mehr um allgemeine Fragen zur kurdischen Identität und Zugehörigkeit. Bei allen spürte ich eine Sehnsucht, die ich selber in mir trug. Ich fragte mich, worin die Suche nach Identität besteht und worin sie ihren Ursprung hat? Auch die Frage nach Selbstbestimmung war in unseren Gesprächen ein zentrales Thema, denn jede traf wichtige Entscheidungen, die ihr Leben innerhalb der Drehzeit veränderte.

Lange Gesprächssituationen spielen, wie in vorherigen Arbeiten von mir, eine große Rolle. Mir war es wichtig, einen Raum für Begegnung und Reflexion zu schaffen. Einen intimen Raum, in dem wir uns lange und ehrlich über unsere Sehnsüchte, Ängste, Erlebnisse, Bedürfnisse und Hoffnungen austauschten. Es war, als würde ich mich in jeder dieser Frauen wiederfinden, auf eine Art spiegeln, obwohl wir so unterschiedliche Lebensentwürfe hatten.

Das Gemeinsame, das Verbindende, das Universelle war das überraschende Geschenk dieser filmischen Reise.

Hintergrund
SERPIL TURHAN ÜBER DIE PROTAGONISTINNEN

NENO (Kurdisch für „Großmutter“) ist meine Großmutter mütterlicherseits. Sie ist in einem kleinen Dorf in den Bergen Ostanatoliens in der Provinz Erzincan geboren. Als sie 13 Jahre alt war, wurde sie mit meinem Großvater verheiratet, der ein Verwandter väterlicherseits war und den sie zuvor nicht kannte. Mit 16 Jahren hat sie ihren ersten Sohn geboren. Ein Jahr später brachte sie meine Mutter zur Welt, dann folgten neun weitere Kinder. 1972 zog Neno wegen ihrer schlechten finanziellen Verhältnisse mit den Kindern nach Istanbul. Dort musste sie Türkisch lernen, da ihre Muttersprache Kurmancî war. 1974 ging mein Großvater ohne sie als sogenannter Gastarbeiter nach Deutschland. Meine Eltern, die im selben Jahr heirateten, folgten ihm, und nach und nach auch die restliche Familie.
Neno war „die Chefin“ unserer Großfamilie. Alle hatten großen Respekt vor ihr und versammelten sich regelmäßig bei ihr zu Hause. Sie war selbstbewusst, stark und die einzige Person in meiner Familie, die sich kritisch und klar zur aktuellen politischen Situation positionierte. Sie umging es aber, sich als Kurdin zu definieren. Im Frühsommer 2019 ist Neno nach kurzer Krankheit in einem Berliner Krankenhaus gestorben. Sie wurde von neun ihrer Kinder und zwei ihrer Enkelkinder von Deutschland nach Erzincan überführt, in ihr Heimatdorf. Dort wurde sie neben meinem Großvater begraben, der bereits sieben Jahre zuvor gestorben war.

SANIYE wurde 1974 in einem kleinen Dorf im Osten der Türkei geboren. 1975 immigrierten ihre Eltern mit den beiden älteren Geschwistern Saniyes nach Berlin. Ein Jahr später wurde Saniye nach Deutschland geholt. Mit 13 begann sie, sich Türkisch beizubringen. Ihre Eltern behaupteten lange, dass sie Türken seien, obwohl sie die türkische Sprache nicht sprechen konnten. Sie leugneten ihre kurdische Identität, was Saniye in ihrer Jugendzeit sehr verstörte. Saniyes ursprünglicher Name ist Zûrê, ihr Onkel väterlicherseits änderte jedoch ihren Namen bei der Erstellung ihres türkischen Personalausweises in der Türkei in „Saniye“ um. Sie hatte lange Zeit ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Thema Identität und fühlte sich weder der türkischen noch der deutschen Gesellschaft zugehörig. Als sie 20 Jahre alt war, zog sie nach Edinburgh und lebte dort zehn Jahre lang. Als sie realisierte, dass ihre Eltern älter werden und die Zeit mit ihnen begrenzt ist, kehrte sie nach Berlin zurück und eröffnete ein kleines Café in Schöneberg.
Saniye ist sehr verwurzelt in ihrer kurdischen Herkunft und spricht nach wie vor fließend Kurdisch. Immer wieder spricht sie von der Sehnsucht, in ihrem Geburtsort in Varto zu leben und sich dort ein neues Leben aufzubauen. Sie möchte zurück zur Natur und empfindet das Leben in der Großstadt als bedrückend. Die politischen Veränderungen in der Türkei bezeichnet sie zwar als instabil und bedrohlich, aber sie hat Hoffnung, dass sich etwas verändert. Im Mai 2019 reist sie in die Türkei.

HÊVÎN kenne ich seit ihrer Geburt. Sie ist die Tochter einer Freundin meiner Schwester. Hêvîn wurde 1996 in Berlin-Kreuzberg geboren und ist dort auch aufgewachsen. Sie hat Kurmancî als erste Muttersprache gelernt – beide Elternteile sind politisch aktiv und haben Hêvîn bewusst die kurdische Sprache beigebracht. Ihr Vater konnte viele Jahre aus politischen Gründen nicht in die Türkei einreisen. Heute kann Hêvîn nicht mehr einreisen, weil sie gefährdet ist, verhaftet zu werden. Mit 17 Jahren begann Hêvîn, politisch aktiv zu werden. Auslöser waren die Angriffe auf Sengal und Kobanê an der syrisch-türkischen Grenze. Die Ereignisse belasteten sie so sehr, dass sie sich politisch organisieren wollte. Sie schrieb dem Verband der Studierenden aus Kurdistan und traf sich mit anderen Aktivist*innen. Gemeinsam mit einer jungen Frau baute sie eine Gruppe innerhalb des Verbandes in Berlin auf, mit der sie in den letzten Jahren politisch aktiv war. Sie nahm an Workshops teil und organisierte Demonstrationen und Veranstaltungen innerhalb Deutschlands. Nach dem Abitur begann sie, sich immer mehr für die Schauspielerei zu interessieren. Im Sommer 2018 begann sie ihr Schauspielstudium an der UdK in Berlin.
Hêvîn befindet sich in einer Orientierungsphase. Ihre politische Tätigkeit war in den letzten Jahren sehr intensiv, in den letzten Monaten veränderte sich ihr Fokus. Nun möchte sie eine politische Schauspielerin werden, die Kunst nutzt, um den Menschen aktuelle Themen auf einer emotionalen Ebene näherzubringen. Sie möchte ihren politischen Aktivismus mit ihrer Leidenschaft für die Schauspielerei verbinden. Im Herbst 2020 begleiteten wir Hêvîn bei den Vorbereitungen an der Schaubühne, wo sie noch während ihres Studiums ein Engagement erhalten hat.

Biografie

SERPIL TURHAN (Regie & Co-Buch) wurde 1979 in Berlin geboren. Zwischen 1997 bis 2005 spielte sie als Hauptdarstellerin in mehreren Kinofilmen von Thomas Arslan und Rudolf Thome. Von 2001 bis 2004 studierte sie Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin und arbeitete anschließend als Regieassistentin für verschiedene Regisseure. Parallel begann sie, selbst Dokumentarfilme zu drehen, und studierte bei Thomas Heise im Studiengang Medienkunst/Film an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. 2013 legte sie mit dem Dokumentarfilm „Dilim Dönmüyor – Meine Zunge dreht sich nicht“ ihr Diplom ab. Ihr erster abendfüllender Dokumentarfilm nach dem Studium „Rudolf Thome – Überall Blumen“ feierte seine Premiere 2016 in der Sektion Forum der Berlinale. Seit 2019 ist sie Gastprofessorin an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Serpil Turhan lebt und arbeitet in Berlin.

  • 2010

    „Herr Berner und die Wolokolamsker Chaussee“ (Dok., mittellang)

  • 2013

    „Dilim Dönmüyor – Meine Zunge dreht sich nicht“ (Dok.)

  • 2016

    „Rudolf Thome – Überall Blumen“ (Dok.)

  • 2021

    „Köy“ (Dok.)

Credits

Crew

Regie

Serpil Turhan

Buch

Eva Hartmann & Serpil Turhan

Kamera

Ute Freund

Montage

Simon Quack & Eva Hartmann

Tongestaltung & Mischung

Cornelia „Nelly“ Böhm

Coloristin

Christine Hiam

Zusätzliche Kamera

Serpil Turhan & Simon Quack

Produzentin

Barbara Groben

eine Produktion der LUZID FILM GmbH

im Verleih von Salzgeber