Felix

von Holger Brüns

Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 192 Seiten
Erscheinungstermin: September 2022

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Felix

1984. Tom und Felix sind Teil der autonomen Szene der Studentenstadt Göttingen. Sie planen Demos, Hausbesetzungen und politische Aktionen, hören Ton Steine Scherben und träumen von der Weltrevolution. Als sie sich ineinander verlieben und eine Beziehung beginnen, stehen sie vor der Herausforderung, Kollektives und Zweisamkeit zu vereinbaren. Es funktioniert. Mal besser, mal schlechter. Bis Felix eine erschütternde Diagnose bekommt.

„Felix“ verbindet ein literarisches Zeitporträt mit einer feinfühligen Erzählung über die Höhenflüge und Abgründe einer ersten großen Liebe. Indem Brüns die Handlung in der BRD der 1980er Jahre ansiedelt, schreibt er seiner Geschichte die Frage, wie politisch das Private ist, unmittelbar ein und macht überdies klar, wie sehr die Kämpfe von damals den Kämpfen von heute gleichen. Hausbesetzungen, Anti-AKW-Aktionen, Hamburger Kessel und die Anfänge der Aids-Krise werden zur Folie für aktuelle Wohnraum-Debatten, Fridays for Future, G20 und die Covid-Pandemie. Ein hochaktuelles Buch über die Vereinbarkeit von Gesellschaft und Individualität.

BIOGRAFIE

Holger Brüns wuchs in den Siebzigerjahren in Göttingen auf, wo er nach der Schule in der autonomen Szene aktiv war. Mitte der Achtzigerjahre zog er nach Berlin. Nach einer Schauspielausbildung gestaltete und leitete er diverse Bühnenprojekte als Darsteller, Dramaturg und Regisseur. Ab 2010 verlagerte sich sein Schwerpunkt zunehmend auf die Literatur. Zunächst mit eigenen Leseprogrammen, dann als Herausgeber des Sammelbandes „Olfen – Reisen ins internationale Freundschaftslager,“ schließlich als Autor von „Das Oderbruchbuch“ und der Sommernovelle „Vierzehn Tage“. Felix ist die autobiografisch geprägte Vorgeschichte des Ich-Erzählers, den Brüns schon in „Vierzehn Tage“ auftreten ließ.

LESEPROBE

6 – GÖTTINGEN: DEZEMBER 1984 BIS SEPTEMBER 1985

Winter 1984. Nach Helmut Schmidt regiert nun schon zwei Jahre Helmut Kohl. Die Gnade der späten Geburt hat es an die Spitze der Bundesrepublik gebracht. Eine Mischung aus Selbstzufriedenheit und Biedersinn hat das Land in grauen Dauerschlaf versetzt. Aussitzen statt Veränderungen. Ich finde es zum Kotzen und bin damit nicht allein. Wir haben unsere Glaubenssätze, die wir auf Transparente malen und auf Demos tragen: „Keine Macht für Niemand“ und „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, „Die Häuser denen, die drin wohnen“ oder „Atomkraft? Nein danke“. Wir sind uns nicht sicher, ob es ein richtiges Leben im falschen geben kann, wollen es zumindest nicht unversucht lassen. Sicher sind wir uns, dass es ein richtiges und ein falsches Leben gibt. Dass es unsere Entscheidung ist, ob wir Teil der Lösung oder Teil des Problems sein wollen. Die Lösung liegt in unserem Zusammenleben. In endlosen Diskussionen mühen wir uns damit ab, die Einflüsterungen der Gesellschaft zu analysieren. Wir suchen den Punkt, an dem es sich zu kämpfen lohnt. Wir wissen: Das Private ist politisch. Wir wissen: Wir sind nur eine Minderheit. Wir wissen: Kämpfen und leben, das gehört zusammen.

Auch Felix und ich gehören jetzt zusammen. Sachlich gehen wir an das Thema Beziehung heran. Romantische Liebe, Zweisamkeit, das Konzept von Ehe und Treue taugt für uns nicht als Vorbild. Sie sind der Konsens der bürgerlichen Gesellschaft. So wollen wir nicht sein. Autonomie und Kollektivität sind unsere Maxime. Gemeinsamkeit und Unabhängigkeit, den Ausgleich zwischen widerstreitenden Bedürfnissen zu suchen und zu leben, das ist unser tägliches Bemühen. Manchmal tut es weh.

PUNK IN DER JUZI

Es ist der zwanzigste Dezember, als Keule im Juzi-Büro steht. „Jetzt sag schon, was ist los?“ Er druckst herum. „Du willst mir doch nicht erzählen, dass Tin Can Army nicht auftreten kann? Seit Wochen reden die Punks von nichts anderem. Ein Konzert an Heiligabend, das hat es in Göttingen noch nie gegeben.“ „Na ja, also, Bimmel muss Weihnachten nach Frankfurt zu seinen Eltern.“ „Und das fällt ihm am zwanzigsten Dezember ein?“ „Die streichen ihm sonst das Geld fürs Studium.“ Da kann man nichts machen. Keule telefoniert, ich hänge im Probenraum und am Infobrett Zettel auf: „Bands gesucht!“ Zwei Tage später haben wir vier zusammen, die jeweils zwanzig Minuten spielen. Weihnachten kann kommen.

Vorher wird noch Malte krank, jetzt fehlt einer am Tresen. Karin sagt: „Können wir Felix nicht fragen?“ So treffen wir uns am Vierundzwanzigsten bei ihr zum Kochen und Essen. Karin, Sabine, Wolfgang, Felix und ich. In der Juzi ist allesvorbereitet, Anlage und Mikrofone sind aufgebaut, die Kühlschränke bis oben mit Bier gefüllt. Als wir um neun aufschließen, brauchen wir uns nur hinter den Tresen zu setzen und zu warten, bis die Gäste kommen. Schmunzelnd beobachten wir die kleinen Grüppchen in zerfetzten Hosen und Lederjacken, mit Sicherheitsnadeln im Ohr und Hundehalsbändern um den Hals, die nach und nach die ausgeräumte Teestube bevölkern. Um elf stehen sie bis in den Flur, weil drinnen kein Platz mehr ist, und wir stapeln neue Bierflaschen in die Kühlschränke. Um halb zwölf spielt die erste Band. Alles dröhnt und der Drummer haut aufs Schlagzeug, dass es scheppert. Das Publikum wird zu einer hüpfenden, wogenden Masse, bellende Hunde mittendrin. Sie machen es den Menschen nach und tanzen Pogo.

Um eins stehen die Bullen vor der Tür. Die beiden Beamten trauen sich nicht herein, und so verhandeln Karin und ich frierend am Eingang mit ihnen. Auf der Straße wartet eine Wanne mit laufendem Motor, um ihnen den Rücken zu stärken. „Das Konzert ist nicht angemeldet.“ „Das ist auch kein Konzert, sondern eine geschlossene Veranstaltung für die Mitglieder der Juzi.“ „Trotzdem hätten sie die Veranstaltung anmelden müssen.“ „Hat sich jemand beschwert?“ „Bis jetzt noch nicht. Aber wenn, kommen wir wieder und dann ist Schluss.“ Beruhigt gehen wir zurück hinter unseren Tresen. Um uns herum sind nur Verwaltungsgebäude und zwei Schulen, im Haus der Burschenschaftler schräg gegenüber ist alles dunkel, und der Stadtwall schützt die dahinter liegenden Häuser vor Lärm. Keiner wird sich beschweren.

Im Laufe des Abends wird das Publikum deutlich gemischter. Zwischen den bunten Iros und kahlrasierten Köpfen sieht man lange Haare und neben Nietenjacken und zerrissenen Netzstrumpfhosen selbstgestrickte bunte Pullover und Latzhosen. Die Hauptstraße ist fast vollständig erschienen, Roger und Angelika aus meiner WG sind auch da. Kurz nach Mitternacht kommt Katja. Ich habe sie seit unserem Urlaub ein oder zweimal in der Stadt gesehen. Wir begrüßen uns freundlich, wechseln belanglose Sätze. Sie setzt sich an den Tresen, und wenn er Pause macht, setzt Felix sich zu ihr.

Es ist zwei, die letzte Gruppe spielt ihre dritte Zugabe. Alle sind sich einig, dass es ein gelungenes Konzert war. Die ersten gehen nach Hause. Wolfgang ruft die letzte Runde aus, Karin und ich sammeln Flaschen ein, beginnen, hinter dem Tresen und in der Küche Ordnung zu machen. Ich wische gerade einen der großen Kühlschränke aus, als Felix neben mir steht. „Ist okay, wenn ich jetzt gehe?“ „Ja, klar. Wir sind auch gleich durch.“ „Hat Spaß gemacht. Ihr könnt mich gerne mal wieder für eine Tresenschicht einplanen.“ „Gehst du nach Hause?“ „Nee, ich gehe zu Katja.“ Nichts anmerken lassen. Nicht klammern, keine Besitzansprüche, weg mit der Scheiße. „Wir können ja morgen Abend mal telefonieren.“ „Ja, klar, machen wir.“ Ich küsse Felix flüchtig. Alles kein Problem.

Ich wische immer noch in dem Kühlschrank herum, als Karin in die Küche kommt. „Sie sind weg. Du kannst wieder vorkommen.“ „Der war ganz schön versifft, der Kühlschrank.“ „Der war schon vor ’ner Viertelstunde sauber, der Kühlschrank.“ Karin winkt ab. „Finde ich nicht korrekt von Felix, dich hier so sitzenzulassen. Schließlich ist Weihnachten.“ „Felix kann machen, was er will.“ „Klar, aber fühlt sich scheiße an, oder?“ „Ja, fühlt sich scheiße an.“ „Musst du ihm sagen. Ich finde, auch Felix kann sich nicht alles erlauben.“ Am Tresen sitzen nur noch Roger und Angelika. Wolfgang fegt Kippen und leere Bierdosen zusammen. Sabine hat die Tür schon abgeschlossen. „Komm, wir trinken noch ein Bier und dann gehen wir alle nach Hause.“ Wenn Weihnachten das Fest der Familie ist, dann ist das hier meine Familie.

Felix ruft nicht an am nächsten Tag. Er kommt vorbei. Ich schlafe bis zum frühen Nachmittag, da ist der Frühstückstisch in der Küche schon abgeräumt. Ich koche Tee, schmiere mir Brote, nehme alles mit in mein Zimmer und gehe wieder ins Bett. Irgendwann schlafe ich noch mal ein. Es ist dunkel, als ich aufwache und Felix auf der Bettkannte sitzt. „Ich wollte dir nur dein Weihnachtsgeschenk vorbeibringen.“ Habe ich mit einer Entschuldigung gerechnet? Für ihn gibt es nichts zu entschuldigen. Er ist mit Katja gegangen, hat vielleicht mit ihr geschlafen, das ändert nichts an dem, was wir zusammen haben. Eifersucht ist eine bürgerliche Erfindung.

Ich mache die Klemmlampe neben meinem Bett an. Auf dem Tisch, an die Schreibmaschine gelehnt, steht die neue Platte von Bronski Beat. Ich hatte mir Sätze zurechtgelegt, die ich Felix sagen wollte. Von einem Augenblick auf den anderen stimmen sie alle nicht mehr. Es gibt nichts zu besprechen. Mit seinem Geschenk bringt er mich in Verlegenheit. Ich habe nichts für ihn. „Magst du sie auflegen?“ Felix schaltet die Anlage an, legt sich neben mich aufs Bett. Als die erste Seite vorbei ist, stützt er den Kopf in beide Hände. „Ich dreh dir jetzt die Platte noch um, dann gehe ich nach Hause.“ „Wann sehen wir uns?“ „Morgen muss ich zu meinen Eltern. Weihnachtsessen. Das wird schrecklich, aber ich habe es versprochen.“ „Danach?“ „Ich glaub nicht. Aber übermorgen. Wir könnten aufs Land fahren, ein bisschen spazieren gehen.“ „Wenn es nicht regnet.“ „Vielleicht schneit es ja, das wäre doch toll.“

„You and me together
fighting for our love
Can you tell me why?“