
von Maurits de Bruijn
Übersetzt aus dem Niederländischen von Lisa Mensing
Hardcover, 272 Seiten
Veröffentlichung: Oktober 2026
Sie kommen jeden Abend – junge Machos, die sich vor der Amsterdamer Wohnung des queeren Künstlers David versammeln und die Nachbarschaft um den Schlaf bringen. Trotz der räumlichen Nähe scheinen ihre Welten getrennt. Doch was zunächst beiläufig in Form von Gesprächsfetzen, feisten Lachern und Marihuana-Dunst in Davids Alltag schwappt, lässt sich immer schwerer ignorieren. Besonders einer der jungen Männer irritiert und fasziniert David. Er nennt ihn Romeo. Er malt ihn. Und irgendwann kommen die beiden einander unerwartet näher. Eine folgenschwere Begegnung, die grundlegende Fragen aufwirft: Gehören sie am Ende doch zusammen? Die Lust und die Angst? Der Macker und der Schöngeist? Romeo und David? Eine schicksalhafte Nacht wird darüber entscheiden.
In „Mann macht kaputt“ verhandelt Maurits de Bruijn die drängenden gesellschaftspolitischen Themen unserer Zeit im Rahmen einer vor Spannung knisternden Erzählung über die verbindenden und spaltenden Konsequenzen von Ausgrenzung. Entsteht dort, wo Menschen marginalisiert werden, zwangsläufig Solidarität? Oder beginnt der wahre Kampf der Kulturen sowieso erst jenseits der Grenzen allgemeiner Akzeptanz? Diesen Fragen stellt sich de Bruijns Roman mit unvergleichlicher Kühnheit. Die Diskursebene bleibt hier nie abstrakt. Stets ist sie ein treibender Bestandteil der Handlung, die zunehmend Thriller-artige Züge annimmt – bis zum verblüffenden Showdown.
Maurits de Bruijn, Jahrgang 1984, ist Schriftsteller, Podcaster und Herausgeber. Sein Debütroman Broer erschien in seiner niederländischen Heimat 2012. Der autobiografische Essay „Wie ich merkte, dass die Shoah nachts an meinem Bett steht“ wurde 2023 ins Deutsche übersetzt. Mit Man maakt stuk, dem niederländischen Original von Mann macht kaputt, stand de Bruijn 2025 auf der Shortlist des renommierten Libris Literaturpreises.
ES MUSS IN derselben Woche gewesen sein, auch wenn ich das nicht mehr mit Gewissheit sagen kann, denn das Unbehagen, das die Ausstellung an der Hausfassade hatte anschwellen lassen, war so undurchdringlich, endlos und opak, dass es die Tage zusammenschrumpfen ließ. Mein dauernder Schlafmangel war auch nicht besonders hilfreich. Der Frühling war damit beschäftigt, sich in den Sommer zu verwandeln, durch die Fenster meines Wintergartens schien mehr Sonne, durch meinen Körper strömte mehr Energie, ich lief nahezu aufrecht und schwitzte in meiner Winterjacke.
Ich war im Supermarkt gewesen, was neben der Wohnung und dem Ausstellungsraum mit dem bescheuerten Namen so ziemlich der einzige Ort war, den ich noch aufsuchte. Ich gehe jeden Tag einkaufen, es ist eine Art Handicap, ich kann überhaupt nicht vorausplanen, was meine Essensbedürfnisse betrifft. Ein Fluch also, der gleichzeitig meine Rettung ist. Denn so sorgt der Lockruf meines Magens dafür, dass ich etwas öfter am sogenannten öffentlichen Leben teilnehme.
Ich war also im Supermarkt gewesen, und zu meiner eigenen Überraschung hatte ich mich für Roggenbrot entschieden. Die Tasche war schwer, vermutlich zu schwer, auch das dürfte mich ins Schwitzen gebracht haben, zum Glück hatte ich morgens geduscht und danach keine dunkelrote, sondern eine schwarze Hose angezogen, zum Glück kann ich mich so sehen lassen, schoss es mir durch den Kopf, als ich über den Platz ging und sah, dass die Jungs sich unter meiner Wohnung versammelt hatten.
Es war so merkwürdig, dass ich sie in meinem ersten Jahr hier nie gesehen hatte und dass sie seit zwei Monaten nicht mehr von dem Gehsteig vor meinem Haus wegzubekommen waren, dass sie es innerhalb kürzester Zeit geschafft hatten, sich so zu benehmen, als gehörten sie hierher. Als ich sie zum ersten Mal bei Tageslicht und zum ersten Mal auf gleicher Höhe, auf der Straße, sah, erkannte ich sofort, wie attraktiv dieses Stück Gehweg war, da mein Erker ein Vordach bildete, aber der Flecken trotzdem von der späten Nachmittagssonne erreicht wurde. Ich habe doch schon gesagt, Tom, dass die Architektur unserer Umgebung wichtig ist, dass sie einen nicht zu unterschätzenden Einfluss hat.
An jenem Vormittag bestand die Gruppe aus vier Männern. Romeo hatte mal wieder eine Trainingshose an, aber diesmal war sie pistazienfarben und mindestens eine Nummer zu klein. Verrückterweise machte ihn das nicht weniger attraktiv. Er hatte den Arm lässig auf die Mauer neben der Haustür gelegt. An seinem Zeigefinger prangte ein Siegelring. Er schaute nach oben, zu meiner Wohnung. Anscheinend war er ein echter Fan meines Balkons, der kein Balkon war. Ich stellte mir vor, wie die Nähte seiner Hose kämpften, um alles zusammenzuhalten.
Der Junge neben ihm hatte die Hand tief in die Hosentasche seiner Jeans gesteckt, während er das Wort führte. Seine haarigen, beigen, knochigen Knie waren zu sehen, weil die Hose in einem Sweatshop genau an dieser Stelle zerrissen worden war. Sein Arm wanderte tiefer in die Hosentasche, steckte fast bis zum Ellenbogen in der Skinny Jeans. Ich fand, auch er sollte einen Namen bekommen. Weil er dünn war, einen dramatischen Augenaufschlag hatte, sich federleicht bewegte und ein zerknittertes, kleidartiges T-Shirt trug, taufte ich ihn Jesus.
Ich habe noch nie verstanden, wieso ein beachtlicher Teil der männlichen Population in der Öffentlichkeit ganz selbstverständlich das eigene Geschlechtsteil anfasst. Ich führe das auf die ständigen Machtspiele zurück, in die Männer verwickelt sind. Solche Männer wollen ohne Worte klarstellen, dass sie der Boss sind, dass ein Raum ihnen gehört, genau wie ein Wohnzimmer, ein Badezimmer oder ein Schlafzimmer. Sie müssen keine Gardinen aufhängen oder sich jemandem anpassen, hier gelten ihre Regeln und sie müssen sich für nichts schämen. Vielleicht ist es auch ein Test, dachte ich, denn nur die Männer, die nicht auf die Schwänze anderer Männer stehen, können es ertragen, dabei zuzusehen, wie ein Mann an seinem Penis rumfummelt. Ja, es musste ein Test sein, und ich hatte ihn nicht bestanden, denn ich starrte hin. Gruppenzugehörigkeiten bei heterosexuellen Männern dieses Alters existieren unter der Bedingung der Abwesenheit von Homosexualität.
Ja, sie sind ein berühmtes, viel erforschtes Gebiet, die Bande im Zuchtteich der Maskulinität. Das Schmieden eines freundschaftlichen Bandes zwischen Personen des gleichen Geschlechts wird Homosozialität genannt – damit sind Bande gemeint, die nicht romantischer oder sexueller Natur sind.
Meistens wird der Begriff auf Männergruppen angewendet – vermutlich, weil die Kultur, die aus dieser Verbindung hervorgeht, in unserer Gesellschaft dominant ist und außergewöhnlich viel Einfluss hat. Männerfreundschaften kultivieren Solidarität, und wir alle wissen, dass diese Solidarität zur Brutstätte für toxische Männlichkeit werden kann, für jene Männlichkeit, die für den Großteil der Gewalt verantwortlich ist, von der die Welt überschwemmt wird.
Das mit der Gewalt war vielleicht auch der Grund dafür, dass meine Nachbarn dermaßen alarmiert waren. Es lag nicht nur daran, dass einige der Jungs nicht weiß waren, sondern vor allem daran, dass es sich um eine Gruppe handelte, die ausschließlich aus Männern bestand. Das machte uns paranoid, wachsam. Und das ist in Anbetracht der Statistiken gar nicht so verwunderlich.
Während ich Romeo, Jesus und ihre beiden Freunde beobachtete und versuchte, so zu tun, als täte ich das nicht, stellte ich mir vor, wie sie meine Bilder aus dem Müllbeutel zogen und sie herumgehen ließen. Ich konnte diesen Vorgang nicht mit diesen Männern in Einklang bringen und fragte mich zum ersten Mal, ob sie das überhaupt gewesen waren. War es möglich, dass das Gackern, das ich nachts in der Küche gehört hatte, nichts mit dem Aufhängen der Bilder zu tun gehabt hatte, dass es eine völlig fremde Person gewesen war, die meine Arbeiten im Stillen aufgehängt hatte, und dass für die Geräusche wirklich ein paar Füchse verantwortlich gewesen waren? Angenommen, Bild und Ton gehörten nicht zueinander, so wie bei dem Balkonvideo, das ich vor Jahren gemacht hatte. Angenommen … angenommen, sie waren unschuldig.
Hinter ihnen sah ich das Schlafzimmerfenster von Ines, der Nachbarin von unten mit der Teilzeittochter und den zu groß geratenen Wangen. Seit die Gruppe hier aufgetaucht war, hatte ich sie nicht mehr gesehen – als hätten die Jungs sie und ihr Kind ersetzt. Der Geruch von Marihuana schlug mir entgegen, ein Motorroller stand gefährlich nahe an einem geparkten Auto, ich sah eine Dose Red Bull.
„Das hier ist dein Haus“, sagte ich mir, „und nicht ihres, das hier ist der Platz, an dem du wohnst, du bist kein Kind mehr, Angst ist eine Entscheidung, wovor fürchtest du dich, du zeigst ihnen jetzt von Anfang an – na ja vielleicht ist das hier nicht der Anfang, aber auf jeden Fall das erste Mal, dass du ihnen auf Augenhöhe begegnest, auf der Straße und unter neutralen Bedingungen, ihr seid einfach nur Körper auf einem Gehweg, also zeigst du ihnen jetzt, dass ihr ebenbürtig seid, gleichberechtigt.“
Ich war jetzt so nahe, dass ich Hallo sagen musste, weil noch längeres Zögern meine Unsicherheit zusätzlich unterstrichen hätte. Sobald ich die Haustür öffnete, wäre es zu spät. Ich musste es jetzt machen, aber erst fragte ich mich noch, warum es das Wort Heterophobie nicht gab, denn darunter litt ich gerade. Dann könnten wir Homophobie auch gleich in Homohass umtaufen. Irgendwie schaffte ich es, ein „Hi“ hervorzubringen, während ich versuchte, meine Stimmlage in tiefere Gefilde zu lenken. Romeo, Jesus und ihre beiden namenlosen Freunde hörten auf zu reden. Jesus’ Pimmel wurde immer noch angefasst, Romeos Hand lag immer noch an der Mauer.
„Hey“, sagte einer der beiden Namenlosen, wie ein Teenager, der von seiner Mutter erwischt wurde.
„Alles klar?“, fragte ich, woraufhin – auch wenn ich mich danach tagelang fragte, ob ich mir das nur eingebildet habe – ein kurzes, scharfes Geräusch einer Zunge erklang, die gegen die Zähne schnalzte. Weißt du, was ich meine? Ein Zahnkuss. Ein Tchip. Ein Geräusch, das Verärgerung oder Verachtung ausdrückt. Ich sah auf den vier Gesichtern das identische, vage Grinsen, und weil ich spürte, dass keine Antwort kommen würde, steckte ich den Schlüssel ins Schloss.
Einer von ihnen – ich weiß nicht, wer, denn ich hatte das Gesicht abgewandt, um weitere Peinlichkeiten zu verhindern – zerdrückte eine Getränkedose, als wäre sie mein Körper.
Auszug aus „Mann macht kapuut“ von Maurits de Bruijn. Deutsche Übersetzung: Lisa Mensing