Flutlinien

Flutlinien

von Saleem Haddad

Übersetzt aus dem Englischen von Andreas Diesel

Hardcover, 416 Seiten

Veröffentlichung: September 2026

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Flutlinien

Die Schwestern Mediha, Zainab und Ishtar sind gemeinsam im Irak aufgewachsen und leben heute im Exil. Als im Sommer 2014 verschollen geglaubte Gemälde ihres berühmten Vaters wieder auftauchen, drängt mit Macht die Vergangenheit an die Oberfläche. Ein Netz aus Verrat, Verletzungen und politischen Intrigen kommt ans Licht. In der Hitze des Konflikts erkennt Zainabs erwachsener Sohn Nizar, dass nur die Konfrontation mit der verlorenen Heimat eine Versöhnung bringen kann. So lässt er sich auf ein riskantes Vorhaben ein: eine Expedition auf dem Tigris.

Über Kontinente und Generationen hinweg erzählt „Flutlinien“ von Erinnerung und Verlust, Liebe und Begehren – und von den Wunden, die Krieg und koloniale Gewalt hinterlassen.

Biografie

Saleem Haddad wurde in Kuwait-Stadt als Sohn eines palästinensisch-libanesischen Vaters und einer irakisch-deutschen Mutter geboren. Er studierte in Jordanien, Kanada und Großbritannien und arbeitete als Entwicklungshelfer für Ärzte ohne Grenzen im Jemen, dem Irak und Syrien. Sein 2016 erschienener Debütroman „Guapa“ wurde mit dem Stonewall Honor Book Award und dem Polari Prize ausgezeichnet und liegt bei Albino in deutscher Übersetzung vor. Haddads Regiedebüt „Marco“ war 2019 für den Iris Prize als „Bester britischer Kurzfilm“ nominiert. Der Autor lebt und arbeitet in Lissabon.

Leseprobe
Auszug aus „Flutlinien.“ von Saleem Haddad

„Du musst Ishtar besuchen.“

Seine Mutter hatte klar und deutlich gesprochen. Nizar bat sie dennoch, das Gesagte zu wiederholen.

„Du musst ihr die Familiengeschichte entlocken.“

Nizar schaute über den Rand des Balkons. Drei Stockwerke weiter unten wirkte der Beton einladend hart.

„Ich möchte nichts mit ihr zu tun haben.“

„Nizar, ich habe niemanden sonst, an den ich mich wenden kann. Ich würde diese Ausstellung gern organisieren, solange deine Großmutter noch unter uns weilt, und ich weiß nicht, wie viel Zeit – „ Nizar hörte am anderen Ende der Leitung das Klicken eines Feuerzeugs. „Hör mal, ich bitte dich bloß um diese eine Sache. Bring sie einfach dazu, die Familiengeschichte zu erzählen, und schreib alles für mich auf.“

„Warum bezahlst du sie nicht einfach dafür, dass sie es selbst tut?“

Zainab seufzte. „Weil ich meine Schwester kenne. Sie würde das Geld nehmen und dann behaupten, es wäre moralisch verwerflich, die Familiengeschichte in ein vereinfachendes Narrativ zu zwängen, und es nicht tun.“

„Ich habe seit diesem Essen nicht mehr mit ihr gesprochen“, sagte er und nahm es seiner Mutter übel, wie umstandslos sie ihn dazu zwang, verdrängte Erinnerungen wieder hervorzukramen.

„Ich vermute, dass sie gerade in einem labilen Zustand ist.“

„Sie ist immer in einem labilen Zustand.“

„Diese IS-Geschichte hat sie wirklich …“ Zainab unterbrach sich, um einen tiefen Zug von ihrer Zigarette zu nehmen. „Genug davon. Bist du bald wieder beruflich unterwegs, Habibi?“

Er richtete den Blick auf die Wohnungen auf der anderen Seite des Kanals. In einer saß ein alter Mann im Bademantel am Schreibtisch und tippte ohne Unterlass. „Ich hab die Arbeit an den Nagel gehängt – “

„Was meinst du damit?“

Er überlegte, wie er seiner Mutter die Entscheidung erklären sollte. Wie beschreiben, dass er nach dem Auszug aus der gemeinsamen Wohnung mit Alfie einen Spaziergang in seinem neuen Viertel in Hackney gemacht hatte und ihm dabei ein CrossFit-Studio in einem der Bahnhofsbögen aufgefallen war. Wie ihn die jungen Trainer mit ihren athletischen Körpern und ihren grellen Tattoos in den Bann gezogen hatten, die durch die weißen Magnesiumwolken in der Luft stolzierten und sich gegenseitig auf die Schultern klopften. Wie er früher auf diejenigen herabgeschaut hatte, die Stunden damit verbrachten, einen Körper zu formen, der unweigerlich verfallen würde, aber in diesem Augenblick war ihm klargeworden, dass seine lang gehegte Überzeugung – dass nur eine Investition in den Geist für immer wäre – ihm jetzt naiv vorkam. Wie er eine Mitgliedschaft abgeschlossen und angefangen hatte, jeden Tag ins Studio zu gehen. Wie ihm das Anti-Intellektuelle dort wie eine Gnade vorgekommen war, weil der Geist beim Training keine Chance hatte abzuschweifen; dort konnte er sich nur auf seine Kondition, seine Atmung, seine Gewichte konzentrieren. Wie er sich durch zermürbende Trainingseinheiten kämpfte, die nach amerikanischen, im Irak und in Afghanistan gefallenen Soldaten benannt waren, und wie er nach jedem Kurs im Studio zusammenbrach, tagelanger Muskelkater, ein erfüllen der Schmerz. Wie seine Schultern breiter, seine Schenkel dicker, seine Brust voluminöser wurden. Wie sich unter seiner Haut Muskeln abzeichneten, von deren Existenz er nicht einmal gewusst hatte. Wie die Disziplinierung seines Körpers ihm ein Gefühl von Kontrolle in einer kollabierenden Welt verschaffte; wie er, wenn die Trainer „Fühlt, wie es brennt“ riefen, nicht an das verbrannte Fleisch bei der Explosion dachte, sondern an die Milchsäure, die in seinen Muskeln brannte. Wie er anfing, Männern in den sozialen Netzwerken zu folgen, die Trainingseinheiten demonstrierten und die Vorteile von Knochenbrühe erörterten, und wie sein Algorithmus Bilder von halbnackten Männern mit solchen von misshandelten palästinensischen Leichen und kriegstraumatisierten Jungen aus Syrien mischte, ihre Körperteile wie Fleischstücke: hier ein Schenkel, dort ein Rumpf. Wie er sich nicht mehr sicher war, ob die Fotos dazu dienten, ihn zu erregen oder zu empören. Wie sein neuer Körper ihm eine andere Art Aufmerksamkeit einbrachte, und wie ihm im Frühling beim Scrollen durch die endlosen Torsi auf Grindr eine Message ins Auge fiel: „90 Mäuse, wenn ich dir einen blasen darf.“ Wie der Mann – korpulent, Mitte fünfzig – zu ihm gekommen war, ihm das Geld gegeben hatte und er selbst nichts weiter hatte tun müssen, als die Hose zu öffnen.

Es war so verdammt einfach, dass er es ein paar Tage später noch mal getan hatte, und noch mal; derweil sich die Leichen türmten und die Grausamkeiten vervielfachten, wandte er sich von jenen ab, die das Loblied des Journalismus sangen und die Medien als heldenhafte Verfechter der Wahrheit verteidigten. Wessen Wahrheit? Mit dem richtigen Dreh konnte eine Regierung ein Massaker aus den Schlagzeilen verschwinden lassen. Wie sollte er seiner Mutter erklären, dass er es für moralischer hielt, seinen Körper gegen Geld anzubieten, als seine Seele für irgendeine Bullshit-Idee von der Wahrheit zu verkaufen? Er glaubte nicht mehr daran, dass Journalisten die Wahrheit suchten. Sie waren Brieftauben der Apokalypse, Aasgeier, die sich auf eine Story stürzten und auf der verzweifelten Suche nach Klicks das weltweite Elend ans Licht zerrten, um sich selbst die Taschen vollzustopfen; sie führten die Massen in einen Mahlstrom aus Clickbaits, als Kuratoren am Fließband des Todes, das die Social-Media-Feeds hinunterströmte, um dann rasch wieder zu verschwinden, bis alle vergessen hatten, was sie so empörte, und nur noch wussten, dass sie einen Feuerball des Zorns in sich trugen, pulsierend und kurz vor der Explosion. In seinem eigenen Feed sah er, wie Nachrichten seine Timeline hinabtrieben wie den Lauf eines Flusses: Tod, Feuersbrünste, Kriege, Fluten, Hungersnöte, Sex. Unterernährte Kinder in Jarmuk, unterernährte Frauen in Beverly Hills. Nach links wischen, nach rechts wischen, Chatrooms, Saunen, ein Meer wechselnder Gesichter als Wichsvorlage, dem einen Mann einen blasen, einen anderen fisten.

Was blieb ihm in dieser unkontrollierbaren Welt anderes übrig, als Kontrolle über seinen eigenen Körper auszuüben? Was für eine Leistung! Die Gletscher schmolzen, aber er konnte fünfzig doppelte Seilsprünge absolvieren, ohne abzusetzen. Palästina wurde ausgelöscht, aber er verdoppelte die Gewichte bei seinen Snatches in nur einem Monat. Der Islamische Staat zerstörte die Konzepte von Syrien und Irak, aber seine Quadrizepse waren unzerstörbar. Das Assad-Regime ließ Hunderttausende hungern, aber wenn er drei Tage lang nichts als gekochtes Hühnchen aß, konnte er bei der richtigen Beleuchtung die Umrisse seiner Bauchmuskeln sehen.

Wie sollte er seiner Mutter erklären, dass Sex die Erlösung war? Dass man sein Loch, aber niemals seinen Geist kolonisieren konnte. Dass er Sex hatte, weil die Welt immer wärmer wurde, immer heißer, so richtig heiß, Baby. Dass er nichts gegen Ölbohrungen unternehmen konnte, aber yeah, Bruder, bohr richtig tief. Dass er danach in einem fremden Bett lag, in einer euphorischen Ruhe, die ein paar Minuten vorhielt, bis die Welt wieder heranrückte und er einen Neuen finden musste, er musste immer weiter, denn sich binden hieß sich anketten, jemanden zu lieben hieß versklavt zu werden. Dann doch besser die Leiber dem Fließband überlassen, immer weiterziehen, bis eines Tages im Sommer, ganz plötzlich und ohne Vorwarnung, ein Twink „Hey, Daddy!“ rufen würde, woraufhin er sich umdrehen und merken würde, dass der Twink ihn meinte, dass die Zeit so beharrlich wie gnadenlos verstrichen war, und er würde sich auf die Zähne beißen müssen, um nicht zu schreien.

„Ich war schon das ganze Jahr nicht mehr als Kriegsberichterstatter unterwegs“, sagte er. „Hatte ich dir das nicht erzählt?“

Er blickte hinaus zum Horizont. „Ich muss jetzt los. Ich hab zu tun.“

„Warte noch“, sagte Zainab. „Der Hauptgrund, warum ich anrufe – und das übrigens zum dritten Mal –, ist, dir alles Gute zum Geburtstag zu wünschen.“

„Genau. Danke. Dir auch.“

„Wie meinst du das?“

„Keine Ahnung. An diesem Tag hast du mich auf die Welt gebracht, also ist es wohl auch irgendwie dein Tag.“

„Ist das so?“

Schweigen sickerte durch die Risse des Gesprächs.

„Zweiunddreißig?“

„Dreiunddreißig.“

„Solltest du trotzdem Gelegenheit haben, mit Ishtar zu sprechen …“

„Ich mische mich nicht in eure Familienstreitigkeiten ein. Bitte ruf mich nicht noch mal deswegen an.“

Nizar legte auf und trat vom Balkongeländer zurück. Dunkelgraue Wolken hingen tief am Himmel und hielten die schwüle Hitze in der Luft fest, ganz wie an jenem Tag vor fünf Jahren, als er Alfie begegnet war.

Auszug aus „Flutlinien.“ von Saleem Haddad