100 Boyfriends

von Brontez Purnell

Klappenbroschur, 232 Seiten
Erscheinungstermin: Oktober 2021

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100 Boyfriends

Überbordend, unverschämt und urkomisch – in „100 Boyfriends“ erzählt Brontez Purnell vom keineswegs perfekten Leben junger Männer in einer Welt, die von ihnen nichts wissen will, weil sie arm, schwarz und schwul sind. Auf der Suche nach Zugehörigkeit taumeln sie halb- bis volltrunken durch die Minenfelder romantischer Missgeschicke. Doch ganz gleich, wohin es sie dabei verschlägt, ob in schmutzige Lagerhallen oder gentrifizierte Bars, in dysfunktionale Wohngemeinschaften oder die Einöden Alabamas: Noch in den trostlosesten Situationen, den dunkelsten Abgründen funkelt hier ein lebensbejahender Witz, der Purnells Protagonisten einen ganz eigenen Glanz verleiht und diese Erzählungen so unverwechselbar macht.

„100 Boyfriends“ ist eine witzige und herrlich obszöne Hymne an die queere Liebe in ihrer schillerndsten, chaotischsten Form. Hin- und hergerissen zwischen One-Night-Stands und alten Liebschaften, verführen Purnells Figuren die Ehemänner ihrer Arbeitskollegen, verschrecken rassistische Nachbarn, bandeln mit Satanisten an und stürzen sich kopfüber in den Rausch, um am nächsten Morgen den Kampf wieder aufzunehmen – gegen den Drang zur Selbstsabotage und für ein freies, selbstbestimmtes Leben.

BIOGRAFIE

Brontez Purnell arbeitet seit über zehn Jahren als Schriftsteller, Performancekünstler und Choreograf in Kalifornien. Er ist Autor des Kult-Zines Fag School, Frontmann der Band The Younger Lover sowie Gründer der Brontez Purnell Dance Company. Für seinen Roman Alabama (im Original: Since I Laid My Burden Down) wurde er 2018 mit dem renommierten Whiting Award für Literatur ausgezeichnet.

LESEPROBE
Auszug aus „100 Boyfriends“ von Brontez Purnell

ZWEI JUNGS AUS DEN BERGEN

Die Stille ist ohrenbetäubend, und das ist hier nicht das einzige Klischee. Da wäre noch die Nebenhandlung „der Playboy und sein Opfer“.

Ich schaue zu meinem Lover und stelle fest, dass er mich beobachtet. Ich liege ausgestreckt in seiner DNA, atme schwer und kann das, was soeben passiert ist, nicht fassen. Eigentlich war ich nämlich nur hergekommen, um seinen verlogenen Arsch zu verfluchen und ihm zu sagen, dass ich ihn nie wieder sehen will. Vor neun Monaten hatte ich ihm beim Umzug geholfen – hatte den ganzen scheißschweren Scheiß in seine neue Wohnung geschleppt: Couch, Sofa, Haushaltskram und Bett. Das Bett war das Fieseste. Er hatte gesagt: „Du und ich, wir werden in dieser Wohnung sehr viel Zeit miteinander verbringen.“ Danach hatte er nicht mehr auf meine Anrufe reagiert.

Kurze Zeit später tauchten die ersten Fotos von ihm und diesem Typen auf; überall gingen sie zusammen hin, der andere war offensichtlich sein Boyfriend. Also, ich meine, warum hat er dann nicht diese Bitch bei seinem Umzug helfen lassen? Ich verstehe ja, das Leben ist ein Konkurrenzkampf – okay, die andere Bitch hat gewonnen, meinetwegen. Aber sich von einem Typen, den man nur ausnutzt, auch noch das Bett tragen zu lassen, in dem man seinen Boyfriend jede Nacht ficken will, das ist echt Salz-in-die-Wunde-Streuen. Diese überhebliche Aktion, dieser Agamemnon-tanzt-auf-dem-roten-Teppich-Moment waren der Auslöser für meinen Hass.

Jetzt lächelt er mich an. Und ich möchte seine hübsche Fresse mit voller Wucht auf eine Motorhaube donnern.

Aber dann ist er da, der Moment, in dem sich der ganze Hass in Luft auflöst und es sich einfach nur gut anfühlt, ihn wieder zu sehen, zu riechen und sein Gewicht auf mir zu spüren. Er fickt gut. Ist das alles, wozu er gut ist? In diesem Augenblick lautet die Antwort Ja. Unser erstes Date ist ein Jahr her – davor hat er mich online ein Jahr lang ignoriert, bis mich ein gemeinsamer Freund (mit dem wir beide fickten) wegen meiner Begabung, Schwänze wegzustecken, wärmstens empfahl. („Der kann echt Schwänze wegstecken“, hatte unser gemeinsamer Freund zu ihm gesagt.)

Bei unserem ersten Treffen saßen wir, noch vom Sex verschwitzt, in seinem Bett. „Ich bin aus den Bergen“, sagte er, nahm den Globus aus dem Bücherregal, drehte ihn und zeigte auf einen Punkt. „Aus den Anden.“

„Ich bin auch aus den Bergen.“

Ich nahm ihm den Globus aus den Händen, drehte ihn ebenfalls und hielt ihn mit dem Zeigefinger an. „Aus den Appalachen“, erklärte ich. Er grinste.

„Ahh, zwei Jungs aus den Bergen. Süß.“

„Ich bin umgeben von Kaffeebäumen aufgewachsen. Und Du?“, fragte er.

„Ich auf einem Baumwollfeld – umgeben von Kakerlaken und Ratten. War ganz schön eklig“ , entgegnete ich. Er fing an zu lachen, dann fickten wir wieder und wieder und wieder, bis ich davon überzeugt war, dass er mich mochte und ich ihn wollte. Ich ließ mich noch ein bisschen von ihm bezaubern, ließ zu, dass er mich glauben ließ, ich sei für ihn etwas Besonderes – doch im Inneren wusste ich schon, er wartete nur darauf, sein wahres Gesicht zu zeigen. Wie schnell dann alles ging, wie abrupt er den Stecker seines Telefons zog, damit hatte ich allerdings nicht gerechnet.

Jetzt schaue ich ihn an und muss innerlich lachen. Mein grottenschlechter Männergeschmack ist aber auch zum Schreien. Es platzt aus mir raus: „Warum hast du mich nicht mehr angerufen?“ Noch bevor der ganze Satz draußen ist, ekele ich mich schon vor mir selbst.

„Mir war einfach nicht danach“, antwortet er, und mir ist plötzlich wieder danach, ihm die Fresse einzuschlagen.

„Du, ich weiß selbst, wie das ist, ich hab so was auch schon erlebt“, sagt er mit einer lässigen Geste und schaut hoch zur Decke. Er fängt an zu erzählen, und ich blende ihn aus. Sein Mitgefühl (oder der Mangel daran) bringt mich um. Die emotionale Distanz zwischen uns ist so groß wie die zwischen den beiden Gebirgszügen aus unserer Kindheit – womöglich sogar noch viel, viel größer. Gerade ist er bei einem Typen angekommen, den er vor mir gefickt hat und der ihm dann eine Abfuhr erteilt hat, aber er muss ihm wohl verziehen haben, wenn er die Zurückweisung einfach an mich weitergibt. Er redet ohne Pause, und ich schalte in dem Moment wieder ein, als er sagt: „… und am Ende schlägt sich jeder mit dem Geist eines anderen rum, stimmt’s?“

Das gibt mir zu denken. Wenn es stimmt, dann müssten in diesem Zimmer an die hundert Geister sein, und das ist nur das Gepäck, das ich mit mir rumschleppe. Bei Loverboy sind es bestimmt doppelt so viele. Ich stelle mir hundert Geister im Zimmer vor (und zwar nur hundert – denn seine Geister gehen mir am Arsch vorbei). Das sind viel zu viele Männer, und wie ein sexy Gangbang fühlt es sich nicht an. Nein, das hier ist sehr viel unangenehmer.

„Hundert Boyfriends“, sage ich gedankenverloren.

„Was hast du gesagt?“ Er schaut mich an, als hätte ich ihn unhöflich unterbrochen.

„Nichts“, flüstere ich und drehe ihm den Rücken zu.

Ich versuche, die kleinlichen Gefühle zu überwinden und das Ganze wissenschaftlich zu betrachten. Wie sehen die Mechanismen des Begehrens aus? In gefühlten drei Sekunden liefert mir mein Hirn eine Rückblende meiner früheren Leben – Männer, die ich geliebt und am Ende manchmal auch gehasst habe; sie sind alle noch da, lungern hier irgendwo herum. Ich bezeichne sie als „Boyfriends“, obwohl das nicht auf jeden zutrifft. Doch alle waren wie Kaugummis, auf denen man noch Stunden, nachdem der Geschmack weg ist, rumkaut, bis man sie aus Versehen runterschluckt, und dann hängen sie (angeblich) noch sieben Jahre in den Därmen fest. Wie bei dieser Frau in den 1980ern, die ihre Kaugummis immer runtergeschluckt hatte, bis die Ärzte einen tennisballgroßen Kaugummiklumpen aus ihrem Magen raus operieren mussten – in dieser Größenordnung bewegt sich der Exorzismus, der bei mir nötig gewesen wäre.

Ich betrachte das Foto von seinem Freund, das auf dem Nachttisch steht. Er ist jung. Sieht aus wie ein fleißiger Student. Wie ein junger Schwarzer mit Selbstachtung. Allein dafür muss ich ihn lieben, denn mir wäre das in seinem Alter zu anstrengend gewesen. Außerdem sieht er irgendwie unschuldig aus; vielleicht trifft es „zerbrechlich“ besser. Ich selbst bin vieles – kleinlich, eifersüchtig, gefährlich, wenn man mich provoziert, und mit Sicherheit sensibel – aber zerbrechlich bin ich nicht. Ich könnte ein Krokodil ficken und eine Atombombe überleben. Der Junge auf dem Foto – eher nicht. Er sieht aus wie ein Kind, das eine Kuscheldecke braucht. Vielleicht hat er sich den Jungen nur ausgesucht, damit er ihn verderben kann – ist es das, was ihm Spaß macht? Ich sehe dem Jungen an, dass er keine Ahnung hat, was für eine Schlampe sein Freund eigentlich ist. Nur aus Langeweile hat er mich herbestellt. Denn nach neun Monaten scheint es ihn zu langweilen, den zerbrechlichen Jungen zu ficken.

Mein sechster Sinn sagt mir, dass sein Freund sich in die Hose machen würde, wenn er die ganze Wahrheit erführe. Wahrscheinlich hat es dieses Kind nie miterlebt, wenn sich sein Boyfriend komplett zugedröhnt von fünf Typen ficken lässt – ich schon. Welche Seiten von sich zeigt er dem Jungen, die er mir niemals zeigen würde? Sowie der Gedanke aufpoppt, verdränge ich ihn. Wenn ich es wüsste, würde mir das kaum weiterhelfen, außerdem will ich hier nur noch weg.

Ich schaue zu Betrüger-Boy hin, der Koks-Lines von einem Handspiegel zieht und sich auf dem Computer Pornos der Kategorie „Black & Latino“ anschaut. Er hat einen Ständer und schaut zu mir rüber, als wäre es Zeit, dass ich wieder das Bückstück gebe. Ich seufze innerlich und spüre etwas, das Selbstachtung sein könnte – aber wohl eher Weisheit ist. Ich habe auf alle Fragen, die mich interessieren, eine Antwort bekommen.

Sein Boyfriend kommt heute früher von der Arbeit nach Hause – er hat vergessen, es mir zu sagen, und ich höre, wie die Eingangstür aufgeht. Mir kommt der Verdacht, dass er mich absichtlich nicht vorgewarnt hat; seine beiden Hündchen sollen sich mal beschnüffeln. Wieder möchte ich ihm Gewalt antun, aber ich fühle mich verletzlich, weil ich immer noch nackt im Bett sitze und keine Lust habe, mich hastig anzuziehen.

Sein Boyfriend kommt zur Tür rein, sieht das Koks auf dem Spiegel, den Porno auf dem Computer und seinen Freund und mich nackt herumsitzen. Er verdreht die Augen auf eine Art, die mir sagen soll, dass er nicht zum ersten Mal in eine solche Szene reingestolpert ist. Vielleicht ist der Junge doch nicht so zerbrechlich, wie ich dachte. Er zieht sich neben dem Bett aus und sagt zu mir: „Du musst auf der Couch schlafen.“ In dem Moment fällt mir wieder ein, dass ich derjenige war, der die Couch hochgeschleppt hat. Zuerst hatte ich noch Mitleid mit dem Jungen, nun wird mir klar, dass ich den Boyfriend meines „Lovers“ nicht ausstehen kann. Und wer den Gegner kennt, hat das Spiel schon halb gewonnen.

Ich ziehe mich an und trippele, weil ich weder das Spiel noch den Spieler hasse, leise in meinen karierten Vans zur Tür. „Schon okay, junger Mann, er gehört ganz dir“, sage ich im Vorbeigehen zu dem Jungen.

Als ich die Tür hinter mir schließe und weggehe, fühle ich mich insgeheim wie ein Scheinheiliger. Ich würde mich selbst belügen, wenn ich für eine Sekunde glauben würde, dass ich nie wieder mit ihm ficken werde; das werde ich nämlich ganz sicher. Doch beim nächsten Mal wäre meine Rolle klarer definiert. Dann wäre ich nämlich der Geist, der hinter seinem Schwanz her ist, statt hinter seinem Herzen.