100 Boyfriends

von Brontez Purnell

Klappenbroschur, 232 Seiten

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100 Boyfriends

Überbordend, unverschämt und urkomisch – in „100 Boyfriends“ erzählt Brontez Purnell vom keineswegs perfekten Leben junger Männer in einer Welt, die von ihnen nichts wissen will, weil sie arm, schwarz und schwul sind. Auf der Suche nach Zugehörigkeit taumeln sie halb- bis volltrunken durch die Minenfelder romantischer Missgeschicke. Doch ganz gleich, wohin es sie dabei verschlägt, ob in schmutzige Lagerhallen oder gentrifizierte Bars, in dysfunktionale Wohngemeinschaften oder die Einöden Alabamas: Noch in den trostlosesten Situationen, den dunkelsten Abgründen funkelt hier ein lebensbejahender Witz, der Purnells Protagonisten einen ganz eigenen Glanz verleiht und diese Erzählungen so unverwechselbar macht.

„100 Boyfriends“ ist eine witzige und herrlich obszöne Hymne an die queere Liebe in ihrer schillerndsten, chaotischsten Form. Hin- und hergerissen zwischen One-Night-Stands und alten Liebschaften, verführen Purnells Figuren die Ehemänner ihrer Arbeitskollegen, verschrecken rassistische Nachbarn, bandeln mit Satanisten an und stürzen sich kopfüber in den Rausch, um am nächsten Morgen den Kampf wieder aufzunehmen – gegen den Drang zur Selbstsabotage und für ein freies, selbstbestimmtes Leben.

BIOGRAFIE

Brontez Purnell arbeitet seit über zehn Jahren als Schriftsteller, Performancekünstler und Choreograf in Kalifornien. Er ist Autor des Kult-Zines Fag School, Frontmann der Band The Younger Lover sowie Gründer der Brontez Purnell Dance Company. Für seinen Roman Alabama (im Original: Since I Laid My Burden Down) wurde er 2018 mit dem renommierten Whiting Award für Literatur ausgezeichnet.

LESEPROBE
Auszug aus „100 Boyfriends“ von Brontez Purnell

HEUTE, MORGEN — UND VON VORNE

Ich holte mir gerade zum Sound meines fickenden englischen Mitbewohners einen runter. Seine Dates kommen immer morgens; wenn ich durch die Jalousien an meinem Fenster spähe, sehe ich sie vorne die Treppe hochjoggen.

Bei diesem Typen handelt es sich um einen älteren Schwarzen, etwa Ende fünfzig. Er trägt braune Polyesterhose, langärmeliges Fake-Louis-Vuitton Button-up-Hemd aus Satin, weiße Schlangenleder-Cowboystiefel plus weißen Schlangenleder-Cowboyhut. Die scheißriesige Krone von einem Hut drückt seinen gewaltigen weißen Afro platt. Der Mann wirkt groß, über eins achtzig, hat einen Bauch, ist ansonsten aber muskulös. Er ist hot und sieht aus, als könnte er den Traum eines Bottom wahr werden lassen – man merkt dem alten Arsch an, dass er jede Menge Übung hat.

Mein Mitbewohner fasziniert mich. Er ist im herkömmlichen Sinn attraktiv und könnte nach der allgemeinen Hackordnung um einiges wählerischer sein – das Spektrum seiner Sexpartner ist ja nahezu unfassbar vielfältig. Aber nein, er ist eine Schlampe, eine echte Schlampe und würde praktisch jeden Typen in der Gegend ficken, der nur nett darum bittet; aus diesem Grund ist ihm mein ewiger Respekt sicher. Wenn nicht dreißig Prozent seiner Dates wie Serienmörder aussehen würden, wäre ich vielleicht sogar auf ihn neidisch.

Ich höre, wie er hart rangenommen wird, das Bett quietscht und was nicht noch, und er selbst macht diese hohen offenen Vokallaute; ihm geht es richtig gut. Ich dagegen rubbele meinen Schwanz wie wild, bis mir klar wird, dass mir nicht mehr einfällt, wann ich beim Sex zum letzten Mal Spaß hatte – dieser Ständerkillergedanke killt natürlich sofort meinen Ständer.

Seit drei Tagen habe ich das Bett nicht verlassen. In Reichweite steht eine Flasche Whiskey. Aber ich feiere nicht. Allmählich müffelt das Bett, aber das ist mir egal, ich mache einfach das Fenster auf und schalte den Deckenventilator ein. Ich liebe mein Bett, hier kann mir niemand wehtun. Das offene Fenster erinnert mich an den Spruch: „Wenn Gott eine Tür schließt, öffnet er ein Fenster.“ Doch ich denke nur, Moment mal, das Fenster ist im vierten Stock, und das Haus steht in Flammen. Worauf der Allmächtige erwidert: „Das ist nur eine Laune Gottes – viel Glück!“

Ich höre, wie der Nachbar, der mich hasst, unseren Müll durchsucht; mein Vermieter hat ihn eingestellt, damit er „im Block nach dem Rechten sieht“. Er fegt aus, holt für ein paar Pennys bei allen Nachbarn die Müllbeutel ab und hat es sich angewöhnt, mich überall als „diese aufgeblasene schwarze Schwuchtel“ zu bezeichnen. Als ich davon erfuhr, wollte ich ihn umbringen, musste gleichzeitig aber auch lachen; „aufgeblasene schwarze Schwuchtel» – welcher Teil davon war bitte gelogen?

Einmal kam ich, eine Scheißtonne Koks intus und einen Liter Wodka unterm Arm, früh morgens nach Hause – da sah ich, wie er die Mülltonnen durchwühlte, und stellte ihn zur Rede: „SIE. HABEN. MICH. SCHWUCHTEL. GENANNT», brüllte ich und hockte mich, in Tränen aufgelöst, mitten auf den Weg, wobei mir die fast volle Wodkaflasche runterfiel und zerbrach. Ihm war das so schrecklich peinlich, dass er sich bei mir entschuldigte. Seine Entschuldigung, so unaufrichtig sie auch klang, fühlte sich gut an, doch jedes Mal, wenn er jetzt in den Hof kommt, habe ich das dringende Bedürfnis, mir ein Regenbogenfahnen-Cape plus Schal und Socken (mehr nicht) überzustreifen und voller Wut in seine Richtung abzuspritzen. Das ist natürlich nur ein Wunschtraum – denn, wenn ich mir nicht mal auf die Geräusche meines fickenden Mitbewohners einen runterholen kann, wie soll ich ihn dann für so was hart kriegen?

Die Flasche Whiskey ist halb leer, und es ist gerade mal 10 Uhr. Ich versuche, auszurechnen, wo die Zeit geblieben ist. Um 8 Uhr kam das Date meines Mitbewohners; um 9 ging er. Um 9.30 Uhr kam und ging mein Arschlochnachbar, eine Viertelstunde später haute auch mein Mitbewohner ab. Jetzt bin ich endlich ganz allein. Um 7.30 Uhr bin ich aus diesem wiederkehrenden Albtraum aufgewacht, bei dem ich im Auto sitze und den Sicherheitsgurt löse, um in eine Flasche zu pinkeln. Das Auto macht eine Vollbremsung, und ich fliege in Zeitlupe durch die Windschutzscheibe. Wenn man im Traum durch eine Windschutzscheibe geht, würde man danach ja eigentlich eine poetische Wende erwarten, etwa, dass man sich in eine Taube verwandelt oder dass sich die Taube in, sagen wir, Oprah verwandelt und die lädt einen dann zu einem Eis oder In-N-Out-Burger ein. Doch in diesem Albtraum fehlt der poetische Teil, ich erinnere mich nämlich nur daran, dass ich in einer Pfütze aus kaltem Schweiß hochschrak.

Mir kam es vor, als würde ich mein Leben ablehnen; immer auf äußere Reize reagieren zu müssen, machte mich verdammt müde. Natürlich gab es noch ein paar Dinge, die mir nicht am Arsch vorbeigehen würden, nur eben nicht in dieser Woche und vielleicht auch nicht in der nächsten. Mit Sicherheit würde es sich noch etwas hinziehen.

Anfang der Woche hatte ich das Bett einmal verlassen, und es hatte mit Streit geendet. Ich war mit meinem Freund Mitch im Kino. Wir schauten uns einen französischen Film an, über zwei Teenagerjungs, die sich gegenseitig halbtot prügeln, bis sie irgendwann feststellen, dass sie „insgeheim“ homosexuell und ineinander verliebt sind. In einer Szene entjungfern sie sich gegenseitig. Es wird zum nächsten Morgen übergeblendet, die Jungs liegen eng umschlungen im Bett, die nackten Körper auf makellos weißen Laken, von der Sonne geküsst. Beide Jungs sind echte Prachtexemplare – die Pubertät ist sehr gnädig zu ihnen. Sie sind dünn, haben keine Akne und, den sauberen, weißen Bettlaken nach, auch noch perfekt funktionierende Fickdärme.

Als ich zum ersten Mal gefickt wurde, sahen die weißen Laken danach aus, als hätte jemand eine Kuh abgeschlachtet. Leider machte ich den Fehler und sagte zu meinem Freund Mitch, dass wer auch immer den Film gedreht hatte, mich verarschen wollte (ja, ganz gezielt mich). Mitch, wie immer das Verständnis in Person, sagte, ich sei eine (wie er es freundlich formulierte) „fette, verlebte NUTTE!“ und solle mich lieber für die beiden fiktiven, französischen Supermodels freuen, die sich trotz der verschwindend geringen Chance (und noch dazu auf dem französischen Land) gefunden hatten. Wurde ich jetzt von der gesamten Scheißwelt getrollt?

Bei meinem letzten Fick war mir ein älterer Gentleman eines Nachts sieben Blocks bis zu meiner Wohnung gefolgt. Vor der Bar, wo er in einem parkenden Auto wartete, hatte ich seine Annäherungsversuche noch abgewehrt. Erst nachdem ich betrunken nach Hause getorkelt war, merkte ich, dass er mir gefolgt war. Ich wollte ihn zur Rede stellen. Als ich zum Auto ging, zog er seinen fetten Alter-Mann-Schwanz aus der Hose und fing an, sich einen abzurubbeln, und mir fiel wieder ein, wie einsam ich war. Ich ließ mich von ihm in einer Seitenstraße in seinem Auto ficken. Hinterher bat er mich, zu unserem nächsten Treffen in Drag zu kommen. Das alles erzählte ich Mitch.

„Deshalb regt mich der Film so auf“, sagte ich. Mitch meinte, ich sollte es mal mit Meditieren versuchen, doch allein bei dem Wort „meditieren“ rastete ich aus. Ich warf ihm seine reichen Eltern vor und habe seitdem nicht mehr mit ihm geredet. Auf äußere Reize reagiere ich immer langsamer, aber zur Sicherheit werfe ich noch einen halben Riegel Xanax ein – es ist nicht mal Mittag und schon jetzt wird mir der Tag zu viel.

Ich sitze im Bett und warte auf den Drop, es ist wie in dem Sekundenbruchteil, wenn dir beim Hochschauen klar wird, dass du wahnsinnig müde bist. Ich sitze da, chemisch friedlich gestimmt, und in meinem Kopf sind alle Gedanken wie mit Tinte auf fancy Papier geschrieben. Je heftiger der Drop fällt, umso mehr verwischen die Buchstaben, sie laufen von der Seite, als hätte jemand Wasser auf die Tinte gekippt. Ich schlafe wie ausgeknipst ein.

Ich werde wach, weil es höllisch laut ist und mich jemand aus dem Schlaf rüttelt. Ich bin total groggy, vor meinen Augen verschwimmt alles – nur mit Mühe kann ich die Uhr auf meinem Nachttisch lesen: 2:13. Ich habe vierzehn Stunden geschlafen.

Ich knipse die Lampe an, und es ist mein anderer Mitbewohner Steven. Ich hasse Steven, weil er ein besonders widerwärtiges Stück Scheiße ist. Das letzte Jahr hat er von Arbeitslosengeld gelebt und schafft es trotzdem, noch mehr zu trinken als ich. Ich bin mir sicher, seine geistige Verfassung ist noch maroder als meine. Seit dreieinhalb Jahren droht er nun schon, sich umzubringen, weil irgend so ein Kerl, an dessen Namen ich mich nicht erinnere, seine Liebe nicht erwidert. Eine Zeitlang hat der einseitig Geliebte sogar bei uns gewohnt, jede Nacht gab es Streit, Steven rannte dem Typen schreiend und heulend in Unterhose bis auf die Straße nach und hockte dann in Tränen aufgelöst auf dem Gehweg, bis der englische Mitbewohner oder ich ihn reinholte. Er ist ein schrecklicher Weißer, und ich wünsche ihm den Tod – und wie es aussieht, könnte mein Wunsch nun in Erfüllung gehen.

Beim Blick nach unten stelle ich fest, dass seine Unterarme aufgeschlitzt sind und Blut auf meinen vintage Hello-Kitty-Teppich tropft. Hass und Rachegelüste verpassen mir einen Koffeinkick. Vermutlich weiß er nicht, dass mir der Teppich mehr bedeutet als sein Scheißleben. Halb überlege ich, einfach weiterzuschlafen und den miesen Arsch krepieren zu lassen, doch stattdessen rufe ich natürlich: „OH MY GOD!!!!! BABY, BIST DU OKAY?!“
„ICH HAB VERSUCHT MICH UMZUBRINGEN – HOL MEINEN FREUND!!!“

Halb schreit, halb schluchzt er. Trotz der vielen äußeren Reize gelingt es mir, meine Augen in Zeitlupe zu verdrehen. Ich meine, Hol meinen Freund? Ernsthaft, Bitch? Nicht eher so was wie den Krankenwagen? Weil ich den ganzen Tag im Bett gelegen habe und es leicht amüsant finde, dass ein anderer noch mehr Probleme hat als ich, stehe ich tatsächlich auf und schaue mir die Bescherung an. Die Schnitte über den Pulsadern sind nicht tief – er braucht nur etwas Anteilnahme. Ich koche ihm eine Kanne Tee, verbinde ihm die Arme und setze meine beste Mutti-Stimme auf. „Also, Honey, du willst wirklich, dass ich Wie-auch-immer-er-heißt hole? Der holt doch sowieso nur die Polizei, und dann sitzt du morgen den ganzen Tag in der Geschlossenen“, sage ich im Flüsterton, während ich Tee eingieße.

„HOL. ERIC. VERDAMMTESCHEISSE!!!!“, schreit er und schleudert die Tasse quer durchs Zimmer. Ich rufe bei dem Typen an, der daraufhin bei den Cops anruft, die daraufhin zu uns kommen und meinen Mitbewohner verhaften, weil er Widerstand leistet. Ich lege mich wieder schlafen, wache auf und sehe, dass Steven mir ein Dutzend Nachrichten geschickt hat. „Eric hat mich ins Gefängnis gebracht“ und „wir müssen beim Fernsehen anrufen und denen erzählen, dass die Polizei mich ohne Grund festhält“, regt er sich auf.

Ich seufze und halte den Atem so lange an, bis ich merke, dass die Sonne aufgegangen ist und draußen im Müll etwas raschelt. Der Nachbar ist zurück und durchwühlt unsere Recyclingtonne, und ich kämpfe gegen das Verlangen an, mit meinem Schwanz vor ihm rumzuwedeln. Stattdessen schenke ich mir einen bescheidenen Drink ein und stelle die Cartoon-Sendung an. Auch das wird vorübergehen, obwohl ich das Bett heute nicht noch mal verlassen werde und morgen womöglich auch nicht.