Donbass

ein Film von Sergei Loznitsa

Ukraine 2018, 121 Minuten, ukrainisch-russische Originalfassung mit deutschen Untertiteln

FSK 12

Donbass

Der Donbass in der Ostukraine. Seit 2014 herrscht hier ein blutiger Konflikt zwischen ukrainischen Regierungstruppen und prorussischen Separatisten. In 13 kaleidoskopartigen, absurden Vignetten zeigt Regisseur Sergei Loznitsa ein Land, das zwischen informellen Machtstrukturen, Korruption und Fake News zerrieben wird. Eine Gruppe Schauspieler inszeniert einen TV-Beitrag über einen fingierten feindlichen Anschlag; aus Rache für einen vermeintlichen Rufmord kippt eine Politikerin Fäkalien über den Kopf eines Chefredakteurs; ein Mann führt durch eine weitverzweigte Bunkeranlage, in dem dutzende Menschen Zuflucht vor Feuerbeschuss suchen. Beschlagnahmungen, Kontrollschikanen und Prügelstrafen sind an der Tagesordnung. Der kalte Horror von Angst, Gewalt und Hysterie erfasst mehr und mehr Bereiche des Lebens und nimmt immer groteskere Züge an …

„Donbass“ eröffnete 2018 in Cannes die Sektion „Un Certain Regard“ und wurde von der internationalen Presse als Meisterwerk gefeiert. Sergei Loznitsa erhielt für seine medienkritische und hochpolitische Farce den Sektions-Preis für die Beste Regie.

Trailer

Director’s Statement
Sergei Loznitsa über seinen Film

„Es gibt den banalen Satz: Die Geschichte wiederholt sich zweimal – das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Nein. Es gibt noch eine dritte Spiegelung derselben Ereignisse, desselben Stoffs, eine Spiegelung im Hohlspiegel der unterirdischen Welt. Das Sujet ist unvorstellbar und trotzdem real, es existiert tatsächlich, lebt neben uns.“
(Aus: „Der Schmerz“ von Warlam Schalamow)

Schalamows Worte sind eine präzise Beschreibung dessen, was sich heute in einem Gebiet, das man einst Sowjetunion nannte, als Situation etabliert hat. Sie beschreiben auch, worum es in meinem Film geht: um das verzerrte Spiegelbild einer Unterwelt in einem gekrümmten Spiegel.

Der Film spielt im Donbass, einer Region im Osten der Ukraine, die von verschiedenen Gangs besetzt wurde. Zwischen der ukrainischen Armee, die von Freiwilligen unterstützt wird, und separatistischen Gruppierungen, die von russischen Truppen unterstützt werden, herrscht weiter Krieg. Es ist ein Hybridkrieg, der einhergeht mit einem bewaffneten Konflikt, in dem in ungeheurem Ausmaß gemordet und gestohlen wird, und schlägt sich in der zunehmenden Zerrüttung der Zivilbevölkerung nieder. Überall gibt es nur Angst, Verrat, Hass und Gewalt. Die Gesellschaft bricht zusammen, es herrschen Tod und tödliches Schweigen. Der Kriegszustand erreicht seinen Höhepunkt.

Die absurd, grotesk oder auch komisch und unvorstellbar anmutenden Situationen und Umstände sind dem wahren Leben entnommen. Manchmal können die an den Ereignissen Beteiligten gar nicht glauben, dass ihnen diese Dinge wirklich widerfahren. Und doch geschehen sie. Zu diesen Ereignissen kommt es, weil die unerbittliche Logik der Unterwelt, von der alle Generationen betroffen sind, die in der Katastrophe, die die UdSSR darstellte, geboren und großgezogen wurden, ihre eigenen Regeln diktiert. Meiner Ansicht nach ähnelt der Krieg, der gegenwärtig wütet, dem, der vor 70 Jahren stattgefunden hat: Es ist ein patriotischer Krieg und Bürgerkrieg zugleich.

Einer der Hauptgründe für diesen Krieg, der 2014 begonnen hat, ist der Zusammenbruch der UdSSR und das Scheitern des sowjetischen „Zukunftsprojekts“. Einem solchen Zusammenbruch hätten grundlegende Reformen sowie eine vollständige Umgestaltung der Gesellschaft oder aber ihr allmählicher Niedergang bis hin zu ihrer Zerstörung folgen können. In diesem speziellen Fall war die erste Option nach dem Zusammenbruch der UdSSR eine progressive Reform mit dem Ziel, ein Entwicklungsmodell nach europäischem Vorbild zu schaffen (wobei der Schwerpunkt auf die Rechte des Individuums, Rechtsstaatlichkeit und den Schutz des Privateigentums gelegt wurde); die zweite Möglichkeit wäre die Rückkehr zu einem Leben in einem totalitären Regime sowjetischen Typs gewesen. Diese beiden Möglichkeiten sind in keiner Weise kompatibel bzw. schließen einander aus. Die Ukrainer haben mit überwältigender Mehrheit das europäische Modell gewählt, während sich Russland sehr schnell auf den Weg zurück zu einem sowjetischen Modell gemacht hat.

Man muss bedenken, dass das Donbass eine Industrieregion ist, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter Einsatz von Arbeitern, die keinen Lohn erhielten, entwickelt hat: den Häftlingen aus dem Gulag. Deren Nachkommen ließen sich in der Region nieder und bauten rund um die Fabriken sowie in den Lagerbaracken eine eigenartige Gemeinschaft auf. In den letzten Jahren, vor allem unter dem ehemaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch, der aus dem Donbass stammt, hat sich ein zunehmend kriminelles Klima in der Region entwickelt.

Und genau deshalb konnten paramilitärische Gruppen mit der militärischen und finanziellen Unterstützung des Nachbarn im Osten das Territorium unter sich aufteilen und nach der Maidan-Revolution die Macht an sich reißen. Der Krieg geht weiter, weil Russland die Separatistenbewegung finanziell und militärisch unterstützt. Sein Ziel ist simpel: Es will verhindern, dass die Ukraine ein unabhängiger Staat wird. Aber das ist eine andere Geschichte …

Was mich in erster Linie interessiert und umtreibt, ist der Menschentyp, der von einer durch Aggressivität, Niedergang und Zerfall geprägten Gesellschaft hervorgebracht wird. Es sind die Menschen, ihre Mentalität, ihre Beziehungen untereinander, die den Boden für historische Katastrophen bereiten. Die menschliche Natur kommt zum Vorschein, wenn die Gesellschaft zusammenbricht, wenn Gesetze nicht mehr gelten, wenn sich die Erde unter unseren Füßen auftut, wenn man sich nicht mehr auf die Institutionen, sondern nur noch auf die eigene geistige Kraft (sofern man über eine solche verfügt) stützen kann, um dem Chaos etwas entgegenzusetzen. Und gerade in diesen Momenten (im Allgemeinen in kriegsbedingt besonders unsicheren Zeiten) wird der Begriff Menschlichkeit auf viele Jahre hinaus definiert.

Der Film ist in 13 Episoden gegliedert. Jede davon erzählt eine Geschichte, die zwischen 2014 und 2015 in den besetzten Gebieten spielt. Der Film ist zwar ein fiktionales Werk, basiert jedoch auf wahren Ereignissen, so unglaublich diese auch scheinen mögen. Ich habe die anschaulichsten Geschichten und die erhellendsten Anekdoten zusammengetragen und ausgewählt. Miteinander verknüpft werden diese Episoden durch verschiedene Figuren, die uns durch die Erzählung und von einer Situation in die nächste führen. Wir geraten von einer absurden Komödie in eine absurde Tragödie. Die ProtagonistInnen sind normale Bürger, die in den besetzten Gebieten leben.

Als ich klein war, hatten wir im Kindergarten Musikunterricht. Wir tanzten und sangen. In der Mitte der Klasse stand ein Klavier, und die Lehrerin spielte Kinderlieder oder patriotische Lieder. Manchmal ließ sie uns die „Reise nach Jerusalem“ spielen, was ich hasste.

Jeder kennt das Spiel „Reise nach Jerusalem“: Unter den letzten beiden Kindern ist dasjenige der Sieger, dem es gelingt, sich auf den letzten Stuhl zu setzen. In gewisser Weise bildet dieses Spiel ein grundlegendes Verhaltensmuster ab und lässt uns über die Begriffe Wettbewerb und natürliche Auslese nachdenken. Was mich aber an diesem Spiel am meisten ärgert, ist, dass man vom Willen anderer abhängig ist, von der Laune der Person, die die Musik spielt und entscheidet, wann sie aufhört. Als ich über diesen Film nachdachte, fiel mir das Spiel „Reise nach Jerusalem“ wieder ein und wie sehr ich es verabscheut hatte. Und plötzlich begriff ich etwas …

Stellen Sie sich einen Kindergarten in Donezk vor. Kinder spielen unschuldig die „Reise nach Jerusalem“. Plötzlich setzt das Granatfeuer ein. Schnell und leicht panisch laufen die Kinder und Lehrerinnen hinunter in den Keller. Die Klasse ist leer. Grünpflanzen stehen auf kleinen Möbeln, überall liegen Stühle herum, Explosionen sind zu hören … Eine Katze maunzt verängstigt. Plötzlich öffnet sich einer der Schränke. Ein kleiner fünfjähriger Junge klettert heraus. Er nimmt einen Stuhl, der von einem der flüchtenden Kinder versehentlich umgestoßen wurde, stellt ihn in die Mitte des Raums und setzt sich.

In der Ferne hört man Explosionen …

Biografie

Sergei Loznitsa wurde 1964 geboren und wuchs in Kiev auf. 1987 schloss er sein Studium der Angewandten Mathematik am „Polytechnischen Institut“ der Nationalen Technische Universität Kiew ab. Von 1987 bis 1991 arbeitete er am „Institut für Kybernetik“ und spezialisierte sich auf das Gebiet der Künstlichen Intelligenz. Nebenbei arbeitete Loznitsa als Übersetzer aus dem Japanischen. 1991 zog er nach Moskau und begann ein Regiestudium an der staatlichen russischen Filmhochschule WGIK, das er 1997 abschloss. 2000 war Loznitsa Stipendiat des Nipkow-Programms. 2001 zug er mit seiner Familie nach Deutschland. Loznitsa hat 19 Dokumentarfilme gedreht, die auf Festivals auf der ganzen Welt gezeigt und mit Preisen ausgezeichnet wurden. Seine drei ersten Spielfilme – „Mein Glück“ (2010), „Im Nebel“ (2012) und „Die Sanfte“ (2016) – wurden allesamt für den Wettbewerb nach Cannes eingeladen, wo „Im Nebel“ mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet wurde. Auch sein Dokumentarfilm „Maidan“ (2014), der sich der Ukrainischen Revolution widmet, wurde in Cannes uraufgeführt. Sein vierter Spielfilm „Donbass“ hat im Mai die Sektion „Un Certain Regard“ eröffnet und wurde mit dem Sektionspreis für die Beste Regie ausgezeichnet.

Filmografie & Preise (Auswahl)

  • 1996

    „Segodnya my postroim dom“ (Dok-KF) · Dok. Leipzig – Goldene Taube & MDR-Film-Preis · Internationales Filmfestival Krakau – Bronzener Drache

  • 1999

    „Leben, Herbst“ (Dok-KF) · Jurypreis, Filmfest Hamburg

  • 2000

    „Haltepunkt“ (Dok-KF) · Dok. Leipzig – Silberne Taube · Internationales Filmfestival Krakau – Lobende Erwähnung

  • 2002

    „Porträt“ (Dok-KF) · Dok. Leipzig – Silberne Taube · Internationales Filmfestival Karlovy Vary – Lobende Erwähnung · Internationale Kurzfilmtage Oberhausen – Großer Preis

  • 2002

    „Der Ort“ (Dok) · Dok. Leipzig – Silberne Taube

  • 2003

    „Landschaft“ (Dok)

  • 2004

    „Die Fabrik“ (Dok-KF)

  • 2006

    „Blokada“ (Dok) · Internationales Filmfestival Krakau – Goldener Drache

  • 2006

    „Artel“ (Dok-KF) · Internationales Filmfestival Karlovy Vary – Bester Dokumentarfilm (unter 30 Minuten)

  • 2008

    „Predstavlenie“ (Dok) · Internationales Filmfestival Krakau – Goldenes Horn

  • 2008

    „Nordlicht“ (Dok-KF)

  • 2010

    „Lumière du Nord“ (Video-Dok)

  • 2010

    „Mein Glück“ · Tallinn Black Nights Film Festival – Bester Film · Internationales Filmfestival Jerewan – Silberne Aprikose

  • 2012

    „Im Nebel“ · Internationales Filmfestival Cannes – FIPRESCI-Preis · Internationales Filmfestival Jerewan – Goldene Aprikose

  • 2012

    „O Milagre de Santo Antonio“ (Dok-KF)

  • 2013

    „Pismo“ (Dok-KF) · Internationales Filmfestival Krakau – Goldener Drache

  • 2014

    „Maidan“ (Dok) · Internationaler Nürnberger Filmpreis der Menschenrechte 2015

  • 2014

    „Ponts de Sarajevo“ (Episode)

  • 2015

    „The Old Jewish Cemetery“ (Dok-KF)

  • 2015

    „The Event“ (Dok)

  • 2016

    „Austerlitz“ (Dok)

  • 2016

    „Die Sanfte“

  • 2018

    „Tag des Sieges“ (Dok)

  • 2018

    „Donbass“ · Internationales Filmfestival Cannes – Preis für die Beste Regie (Un Certain Regard)


Credits

Crew

Regie & Buch

Sergei Loznitsa

Kamera

Oleg Mutu

Montage

Danielius Kokanauskis

Ausstattung

Kirill Shuvalov

Kostüme

Dorota Roqueplo

Ton

Vladimir Golovnitski

eine Produktion von Ma.ja.de. Fiction (Deutschland), Arthouse Traffic (Ukraine), JBA Production (Frankreich), Graniet Film (Niederlande), Wild at Art (Niederlande), Digital Cube (Rumänien)

in Koproduktion mit Atoms & Void (Netherlands)

gefördert durch Die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, Eurimages, Council of Europe/Conseil de l’Europe, MDM Mitteldeutsche Medienförderung, Medienboard Berlin-Brandenburg, Stichting Nederlands Fonds Voor De Film, Deutscher Filmförderfonds DFFF
CNC Centre national du cinéma et de l’image animée, Aide aux cinémas du monde, Institut Français · Co-funded by the European Union/Creative Europe/Media

im Verleih der Edition Salzgeber