Im Salzgeber Club

Ein deutsches Leben

ein Film von Christian Krönes, Olaf S. Müller, Roland Schrotthofer, Florian Weigensamer

Österreich/Deutschland 2016, 113 Minuten, deutsche Originalfassung

FSK 12

Kinostart: 6. April 2017

Ein deutsches Leben

Brunhilde Pomsel war von 1942 bis April 1945 Sekretärin von Joseph Goebbels. Noch in den letzten Kriegstagen, nach Goebbels‘ Suizid, tippte sie im Bunker Schriftsätze und wurde unmittelbare Zeugin des „Untergangs“. Obwohl sie einem der größten Verbrecher der Geschichte so nah wie kaum jemand sonst kam, bezeichnet sie sich selbst als Randfigur. In „Ein deutsches Leben“ spricht sie erstmals umfassend über ihre persönlichen Erfahrungen im engsten Zirkel um Hitlers größten Hetzer und Massenverführer, über ihre Zweifel, Ängste und ihr Schuldbewusstsein. Der Film ist zugleich ihr letztes Zeugnis: Im Januar 2017 starb Pomsel im Alter von 106 Jahren.

Die im konzentrierten Schwarz-Weiß gehaltenen Interview-Passagen werden durch neu erschlossenes Archivmaterial aus dem US Holocaust Memorial Museum und dem Steven Spielberg Film and Video Archive ergänzt. Ausschnitte aus Nachrichten- und „Aufklärungs“-Filmen der verschiedenen kriegsführenden Nationen vermitteln ganz bewusst einseitige und subjektive Informationen und reflektieren so die Wirkung von Propaganda auf einer zeitdokumentarischen Ebene.

Die Erinnerungen Pomsels sind in Zeiten, in denen Populisten in aller Welt immer mehr Zuspruch erhalten und rechtes Gedankengut vor allem in Europa wieder um sich greift, von beklemmender Aktualität. Ihre Lebensgeschichte beleuchtet die Banalität des Schreckens, konfrontiert uns mit der brisanten Frage nach der Verantwortung des Einzelnen für das politische Zeitgeschehen und ist eine eindringliche Warnung aus der Vergangenheit an künftige Generationen.

Trailer

Galerie

Hintergrund I
Das Leben der Brunhilde Pomsel

Brundhilde Pomsel wurde am 11.01.1911 in Berlin geboren und erlebte ihre Jugend im Berlin der 20er Jahre. Nach einer Lehre im noblen Konfektionshaus Gläsinger & Co. arbeitete sie zunächst als Sekretärin bei dem jüdischen Rechtsanwalt Dr. Hugo Goldberg. Zur selben Zeit war sie auch für den deutschnationalen Frontkämpfer und frühen Nationalsozialisten Wulf Bley tätig, der ihr seine Kriegserinnerungen diktierte.

Ab 1933 arbeitete sie als Sekretärin in der Abteilung Zeitfunk der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft. Für diese Anstellung musste sie sie in die NSDAP eintreten. 1942 kam sie ins Büro von Reichspropaganda-minister Joseph Goebbels. Sie war keine flammende Anhängerin der Nazis, sie war, wie sie sagt völlig unpolitisch. „Nur eine ansteckende Krankheit hätte mich davor bewahren können“, erklärt Pomsel zu diesem Stellenwechsel. „Und doch fühlte ich mich geschmeichelt, weil es eine Auszeichnung war, die schnellste Stenotypistin des Rundfunks“

Pomsel blieb bis zum Kriegsende bei Goebbels. Die letzten Kriegstage arbeitete sie zunächst in einem provisorischen Büro in Goebbels Stadtvilla, unweit des Brandenburger Tors. Als die Kämpfe heftiger wurden und immer näher kamen, flüchtete sie sich mit ihren Kolleg_innen in den Luftschutzkeller unter dem Propagandaministerium. Dort verbrachte sie die letzten Stunden mit ihrem Chef und seiner Familie – bis zum Suizid von Joseph und Magda Goebbels und dem Mord der gemeinsamen sechs Kinder. Noch im Bunker wurde Pomsel von sowjetischen Truppen aufgegriffen.

Nach fünfjähriger Gefangenschaft in Russland setzte sie ihre Karriere als Chefsekretärin bei der ARD fort. Sie war nie verheiratet und blieb kinderlos.

Am 27. Januar 2017 verstarb Brunhilde Pomsel im Alter von 106 Jahren in einem Altersheim in München.

Hintergrund II
Brunhilde Pomsel über...

IHRE AUSBILDUNG
„Das Leben war viel enger, das könnt ihr alle nicht begreifen. Das fängt an bei der Kindererziehung: Wenn wir ungezogen waren, wurden wir versohlt. Mit Liebe und Verständnis kam man nicht weit. Gehorchen, vielleicht ein bisschen schwindeln und lügen oder die Schuld auf jemand anders schieben – das gehörte dazu.“
„Die Jugendlichen heute sind viel reifer, und das erkenne ich sehr an. Ich wünschte, unsere Erziehung wäre auch so gelaufen, aber wir mussten mehr parieren, und das geht leichter mit Strenge und gelegentlich mal Strafe. Damit funktioniert alles besser, es ist mehr Ordnung da. Ob das erstrebenswert ist, ist eine andere Frage.“

JOSEPH GOEBBELS
„Goebbels war ein gut aussehender Mann. Er war nicht groß, ein bisschen klein, er hätte schon größer sein können, um wirklich was darzustellen. Er war ungemein gepflegt, hatte tolle Anzüge, bester Stoff. Immer leicht gebräunt. Gepflegte Hände, er war bestimmt jeden Tag bei der Maniküre. Alles an ihm war makellos. Er tat mir nur ein wenig leid weil er humpelte, aber er machte das alles wett mit ein bisschen Arroganz und Sicherheit. Er war ein Mann, der Contenance hatte, Haltung.“

DIE JUDENVERFOLGUNG
„Heute versuchen die Menschen darzustellen, dass sie damals mehr für die armen Juden getan hätten. Ich glaube ihnen ihre ehrliche Absicht, aber in Wahrheit hätten sie auch nichts machen können. Das ganze Land war wie unter einer Glocke. Wir waren selber alle in einem riesigen Konzentrationslager. Das alles soll aber nichts entschuldigen.“

DEN SPORTPALAST
„Ich erinnere mich noch an seine berühmte Rede ‚Wollt ihr den totalen Krieg?‘. Wir saßen auf einer Ehrentribüne, ringsum SS-Leute, hinter uns Frau Goebbels mit den Kindern. Kampf, Marschmusik und Gesang setzte ein und dann kam Joseph Goebbels als Redner. Mir fehlen die Worte zu schildern, wie es ihm gelungen ist, hunderte von Menschen so weit zu bringen, dass keiner sitzen blieb, sondern dass alle nur aufsprangen und schrien und jubelten. Es ist ihm gelungen! Und dann haben wir natürlich mitgeklatscht. Es musste sein, natürlich! Man konnte sich nicht ausschließen, es ging nicht anders. Es war ein Naturereignis. Die ganze Menge konnte nichts dafür. Aber die haben nicht geschrien, weil sie schreien mussten, weil man es ihnen gesagt hat. Nein, die haben in dem Moment geschrien, weil da vorn einer ihnen etwas verkündete, was sie bejahten.“

DAS ENDE
„Leutnant Schwägermann, der Assistent von Goebbels, kam zu uns in den Keller und sagte: ‚Hitler hat sich das Leben genommen.‘ Das war das Erste, was wir erfuhren. Jeder wusste, was das zu bedeuten hatte. Krieg zu Ende und verloren. Das war uns allen klar. Ich glaube, es liegt ein ganzer Tag und eine ganze Nacht dazwischen. Dann kam der Schwägermann nochmal und sagte: ‚Der Goebbels hat sich das Leben genommen.‘ Das betraf es uns mehr als die andere Nachricht. ‚Und seine Frau auch.‘ Und die Kinder? ‚Und die Kinder auch!‘ Da konnte man gar nichts mehr sagen.“

Interview
Die Regisseure im Gespräch

Wie haben Sie Brunhilde Pomsel kennengelernt?

Frau Pomsel sind wir zum ersten Mal bei der Recherche zu einem anderen Projekt begegnet. Joseph Goebbels war ja für seine vielen Affären bekannt, angeblich hat er u.a. einem seiner Offiziere die Verlobte ausgespannt. Dieser soll Goebbels geohrfeigt haben, woraufhin er in ein Strafkommando versetzt und kurz darauf getötet wurde. Im Zuge dieser Recherche stießen wir auf Brunhilde Pomsel, Goebbels Sekretärin, und es war sofort klar, dass sie das Potenzial für eine eigene Geschichte hat.
Ihr Alter stellte uns natürlich vor die Frage, ob es überhaupt noch möglich sein würde, mit ihr einen Film zu drehen. In Vorgesprächen stellte sich aber schnell heraus, dass sie sehr klar und wach war und dazu noch eine gute Erzählerin. Es hat uns auch beeindruckt, an wie viele Details sie sich noch erinnern konnte. Verblüfft hat uns aber auch ihr Humor. Beim Einrichten des Drehs hat sie ausgelassen gescherzt. Umso konzentrierter und ernsthafter war sie dann im Gespräch. Sie hat nie etwas erzählt, das sie aus zweiter Hand erfahren hat, wie Ereignisse, die man aus der Geschichtsschreibung kennt. Sie hat immer nur über Dinge gesprochen, die sie selbst erlebt hat, bei denen sie selbst dabei war.

War es schwer, Frau Pomsel zu überzeugen, bei dem Film mitzumachen?

In den Vorgesprächen mussten wir tatsächlich etwas Überzeugungsarbeit leisten. Nach einigen Gesprächen hat sie aber Vertrauen zu uns gefasst. Sie fand es dann wohl selbst interessant, ihre Geschichte noch einmal im Erzählen zu durchleben. Es wurde im Laufe der Gespräche aber auch immer spürbarer, wie sehr es sie auch emotional mitnimmt, sich alles nochmals zu vergegenwärtigen. Reflektiert hat sie ihr Handeln sicher auch schon zuvor. Öffentlich hat sie das unseres Wissens aber nie getan. Sie selbst war eine sehr reflektierte Person. Sie hatte zu allem eine Haltung und versteckte diese auch nicht. Sie stand zu ihrer Position, dass sie keine Schuld trifft. In unseren Gesprächen nahm sie auch noch erstaunlich intensiv am gegenwärtigen Geschehen teil, stellte Bezüge zwischen der Vergangenheit und Gegenwart her.

Wie haben Sie die Fragen an sie strukturiert?

Unser Fokus lag auf jenen Jahrzehnten, in denen die damalige Gesellschaft völlig aus den Fugen geraten war, von der Zeit der Weltwirtschaftskrise über das Erstarken der Nationalsozialisten bis zum Ausbruch und Verlauf des Zweiten Weltkriegs. Auch mit Blick auf heute hielten wir das für interessant, da wir hier erschreckende Analogie zur Gegenwart erkennen. Die globale Finanzkrise hat tiefe Spuren hinterlassen, die Menschen fürchten um ihren Wohlstand. Spätestens seitdem immer mehr Flüchtlinge nach Europa kommen, erstarken in vielen Ländern rechte Parteien. Der Ruf nach einem starken Mann wird laut, Zäune wachsen aus dem Boden. Heute ist es nicht nur ein Land, sondern ein ganzer Kontinent, der nach rechts zu driften droht. Es scheint uns erschreckend, wie wenig wir aus jener Geschichte gelernt haben, die noch kein Menschenleben zurückliegt.
Interessant sind aber natürlich auch Kindheit und Jugend von Brunhilde Pomsel: der blinde Gehorsam und das strenge Unterbinden einer eigenen Meinung, wie es in der damaligen Erziehung üblich war. Eine derartig strikte Sozialisation konnte natürlich später von den Nazis ausgenutzt werden.
Wir haben Frau Pomsel auch über ihre Gefangenschaft und ihre spätere Karriere befragt, hatten aber den Eindruck, dass dies von unserem Fokus weggeführt, ihn aufgeweicht hätte. Frau Pomsel hat später wieder beim Rundfunk gearbeitet und kam als Chefsekretärin bis in die obersten Etagen der ARD. Das kann man natürlich auch kritisch hinterfragen. Dass viele vorbelastete Personen nach dem Krieg in verantwortungsvolle Positionen kamen und es zahllose bedenklichere Karrieren gab, ist bekannt.

Ging es Ihnen darum herauszufinden, wie sehr in einem Menschen mit solch einer Lebensgeschichte auch ein Prozess der Selbstreflexion stattfindet?

Gereizt hat uns vor allem die einmalige Gelegenheit, einen Menschen zu portraitieren, der diese historische Dimension – Erster Weltkrieg, Nationalsozialismus, Mitarbeit bei Goebbels, russische Gefangenschaft, die Nachkriegszeit bis zur Gegenwart – in sich vereint. Auch wenn sie durch ihre berufliche Position einerseits eine besondere Lebensgeschichte hat, steht Frau Pomsel anderseits doch auch für die Millionen Menschen, die durch ihre Ignoranz und ihren Egoismus das NS-System mitgetragen haben, ja es eigentlich erst möglich gemacht haben.
Sie war sehr intelligent, sie macht einen sympathischen Eindruck, man folgt ihren Erzählungen zunächst gern. Bis man unweigerlich an den Punkt gerät, an dem man sich fragen muss: Wie hätte ich an ihrer Stelle gehandelt?
Uns faszinierte gerade Frau Pomsels Offenheit und Glaubwürdigkeit. Sie behauptete ja keineswegs, ein moralisch vollkommen integrer Mensch gewesen zu sein. Sie sagt: „Natürlich habe ich auf mich geschaut. Natürlich war ich bei der Partei. Aber ich war kein Nazi und ich habe nichts Unrechtes getan.“ Es ist ihr klar, dass sie anders hätte handeln sollen. Sie hegt auch große Bewunderung für Leute, die im Widerstand waren; und gleichzeitig sagt sie, wie dumm es von ihnen gewesen sei, ihr Leben zu riskieren, sie könnten doch heute noch leben.
Es ging uns aber nie darum, eine persönliche Schuld von Frau Pomsel aufzudecken, sie als Nationalsozialistin zu entlarven, sie zu verurteilen. Das wäre zu einfach gewesen. Es ging uns darum, die Zuschauer damit zu konfrontieren, wie schnell man zur Mitläuferin werden kann. Die Geisteshaltung des Mitläufertums greift auch heute in Europa leider wieder stark um sich: die Gleichgültigkeit anderen gegenüber, das Fehlen von Empathie. Der Film verlangt dem Zuschauer ab, sich die Frage zu stellen, welche moralischen Positionen man selbst vielleicht für ein schnelleres Weiterkommen oder ein höheres Gehalt aufgegeben hätte. Der Film fragt, wie funktionstüchtig unser eigener moralischer Kompass wäre.

Spielten bei den Gesprächen mit einer derart betagten Gesprächspartnerin auch Tagesverfassung und Ermüdung eine Rolle?

Wir haben das ganze Interview – insgesamt 30 Stunden Material – an 13 Drehtagen im Studio gedreht. Dazu holten wir sie früh morgens ab, was für sie natürlich anstrengend war. Aber da trat auch eine Art Pflichtbewusstsein bei ihr zutage: Sie hatte uns zugesagt, also zog sie die Sache auch durch, selbst wenn es eine körperliche Belastung für sie war. Wir drehten an den Vormittagen drei bis vier Stunden, dann gab es eine Pause, und am Nachmittag arbeiteten wir nochmals zwei Stunden. Natürlich konnte man ihr anmerken, wenn sie müde wurde. Insgesamt hat sie die Dreharbeiten aber mit einer für ihr Alter unglaublichen Konzentration und Ausdauer gemeistert.
Den Dreh erlebte sie nach unserer Wahrnehmung als positive Erfahrung – sie genoss nicht nur die Aufmerksamkeit, die sich auf sie richtete; sie verstand unseren Dreh auch als Gelegenheit, noch einmal das ganzes Leben im eigenen Kopf durchzugehen. Sie hatte sich auch schon zuvor sehr intensiv mit sich selbst auseinander gesetzt. Die eigene Geschichte verfolgte sie nach eigenen Angaben sogar bis in ihre Träume.

Wie kamen Sie auf die ästhetische Idee, den Film in einem reduzierten Setting zu drehen und dem Gesicht von Frau Pomsel mit der Kamera derart nahe zu kommen, es in Close-ups immer wieder zu akzentuieren?

Wir wollten, dass das Setting etwas Über-Örtliches und -Zeitliches bekam. Um Frau Pomsels Geschichte begreifen zu können, muss man bereit sein ihr zuzuhören, sich auf Zwischentöne und Widersprüche einlassen. Daher haben wir versucht einen filmischen Raum zu schaffen, in dem der Zuschauer von Pomsels Geschichte in keinerlei Weise abgelenkt wird. Den Aufnahmen ihres Gesichts und damit ihrer Erzählung kann sich auf der Kinoleinwand niemand entziehen. Sie zwingen den Zuschauer förmlich zur Aufmerksamkeit.

Eine von Frau Pomsels Kernaussagen ist: „Auch das Schöne hat Flecken, auch das Schreckliche hat Sonnenstellen. Es ist immer ein bisschen Grau drin in beidem.“ Pomsels Bemühen, sich in der Grauzone des totalitären Regimes zu arrangieren, erscheint exemplarisch für viele deutsche Leben. Ist das kontrastreiche Schwarzweiss der Filmbilder auch der Versuch, dieser inhaltlichen Ebene des Films ein visuelles Gegengewicht zu verleihen?

Das Schwarzweiß gibt dem Film eine unverwechselbare Ästhetik. Durch diese ganz bewusste Reduktion wird der Inhalt in den Vordergrund gestellt, Aufmerksamkeit verdichtet und konzentriert. Wir wollten alles weglassen, was irgendwie ablenken könnte, damit man sich voll und ganz auf die Erzählung konzentrieren kann. Die Stilistik sollte zudem fließende Übergänge zu den historischen Filmdokumenten schaffen. Pomsels Geschichte ist für uns eine zeitlose, immer gültige.

Brunhilde Pomsel sagt an einer Stelle „Gehorchen, lügen, die Schuld auf jemand anderen schieben. Es wurden Dinge in den Kindern wach, die nicht in ihnen waren.“ Dieser Satz scheint eine unmittelbare Verbindung zu Michael Hanekes „Das weiße Band“ (2009) herzustellen.

Ja, „Das weiße Band“ zeigt sehr gut, wie tief die Suche nach Ursachen für das Erstarken des Nationalsozialismus gehen muss. Hitlers Machtübernahme hatte seine Ursachen im ganz Kleinen, in der Familie. In gewisser Weise führt unser Film die Zeitachse von Haneke fort: Frau Pomsel könnte in „Das weiße Band“ eins der kleinen Mädchen gewesen sein. An jenem Punkt, an dem Haneke fiktive Ebene endet, beginnen Pomsels Erinnerungen.

„Ein deutsches Leben“ ist kein reiner Interviewfilm, sondern wird zusätzlich durch den Einsatz von Archivmaterial strukturiert…

Von Beginn an stand fest, dass wir keinen reinen Interview-Film machen, sondern auch mit Filmdokumenten arbeiten wollten. Die Herausforderung dabei bestand darin, die richtige Auswahl zu treffen. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass beinahe alles Archivmaterial, das aus dieser Zeit stammt, irgendwie Propagandamaterial war. Die Nachrichten, Aufklärungs- oder Propaganda¬filme der unterschiedlichen kriegsführenden Nationen vermitteln höchst einseitige, subjektive Informationen. Filme dieser Zeit wurden immer subtil inszeniert, Ereignisse für die Kamera regelrecht orchestriert. Viele dieser historischen Aufnahmen wurden in den vergangenen Jahrzehnten sowohl auf der Bildebene (Umschnitt /Kolorierung) als auch auf der Tonebene (Musik/Kommentar) bearbeitet und damit für die jeweilige Nutzung verfälscht.
Uns war es aber wichtig, unverfälschtes Bildmaterial einzusetzen und zudem genau darauf auszuweisen, woher unser Material kommt. Wir wollen unser Publikum auch auf dieser Ebene des Films für die Wirkung von Propaganda zu sensibilisieren und durch einen künstlerisch freien, unkommentierten Einsatz die objektive Beurteilung dem Zuschauer überlassen. Es war dabei ein Glücksfall, mit dem Steven Spielbergs Archive und dem US Holocaust Memorial Museum zusammenarbeiten zu können, da in beiden Archiven Materialien in ihrer ursprünglichen Form verfügbar waren. Wir erhielten Zugriff auf einzigartige Filmbeiträge und nie zuvor veröffentlichte Rohmaterialien, die in unbearbeiteter Form eigenständige Erzählstränge im Film bilden.

Als drittes strukturierendes Element kommen die Zitate von Joseph Goebbels dazu…

Wir wollten Goebbels filmisch mitwirken lassen, aber in einer distanzierten Form. Dafür eigneten sich die Zitate hervorragend. Die meisten seiner Aussagen stammen aus seinem Tagebuch, das erst vor wenigen Jahren veröffentlicht wurde – eine sehr aufschlussreiche und höchst beklemmende Lektüre, die Pomsels Ausführungen über seine Eitelkeit voll bestätigt. Im Bild sieht man ihn nur ein einziges Mal – in einem völlig ungewohnten Umfeld, wo er weder in Uniform noch in seiner Funktion zu sehen ist, sondern als „Feingeist“ im Café Florian in Venedig.

Hat Frau Pomsel mehr oder weniger über Goebbels preisgegeben, als Sie erwartet hatten?

Pomsel hat von ihren ganz persönlichen Begegnungen und Erlebnissen berichtet. Genau deswegen waren ihre Erzählungen für uns aber auch problematisch. Wir sahen die Gefahr, dass man sich weniger Frau Pomsel, sondern eher Joseph Goebbels nähern könnte, und das auf eine voyeuristische Art, was wir unbedingt vermeiden wollten. Einen posthumen Propagandaauftritt wollten wir ihm mit diesem Film auf keinen Fall ermöglichen. Es war eine der großen Herausforderungen in diesem Projekt, Goebbels mitschwingen zu lassen, ohne ihm zu viel Raum zu geben. Der eigentliche Raum war für Brunhilde Pomsel vorgesehen.

Wie hat die Zusammenarbeit von vier Regisseuren funktioniert?

Vier klingt erstmal nach ungewohnt viel Regie-Personal. Es war aber gerade bei diesem Thema ausgesprochen gut, ein vielstimmiges Korrektiv zu haben, um nicht in gängige Denkmuster zu verfallen. Wir haben bei diesem Projekt erlebt, dass man Film auch in einem demokratischen Prozess gestalten kann. Zum Regie-Team kam übrigens auch noch unser Schnittmeister Christian Kermer, der den Look des Films wesentlich mitgeprägt hat. Er hat uns oft motiviert, schon abgeschlossen betrachtete Sequenzen nochmals zu überdenken und querzubürsten.

Was hat die Arbeit an dem Film in Ihnen ganz persönlich ausgelöst?

Das Schlimmste war die Sichtung des Archivmaterials. Das zieht sich bis in die Träume hinein, einige Bilder wird man nicht mehr los. Für uns, die wir alle nach dem Krieg geboren wurden, drängt sich immer wieder die Frage auf, wie man wohl selbst in einer vergleichbaren Situation gehandelt hätte. Nach einer derart intensiven Auseinandersetzung, die dieser Film für uns bedeutete, fällt uns die Antwort nicht mehr so leicht.

Das Blackbox-Regie-Kollektiv

Die Blackbox Film und Medienproduktion GmbH ist eine international tätige Filmproduktionsfirma und repräsentiert eine Gemeinschaft von Medien-Unternehmen und Filmschaffenden unterschiedlicher Disziplinen. Ihr Fokus liegt auf der Produktion qualitativ hochwertiger Dokumentarfilme. Basierend auf der langjährigen Erfahrung entwickelt das Team Filme und Fernsehproduktionen zu geschichtlichen, kulturellen und gesellschaftspolitischen Themen.

Bereits während seines Regiestudiums sammelte Christian Krönes erste Erfahrungen bei internationalen Spielfilmproduktionen und hospitiert bei den legendären Kameramännern Vittorio Storaro und Sven Nykvist. Nach mehrjähriger Tätigkeit als Redakteur beim ORF arbeitete Krönes ab 1990 auch für deutsche Fernsehanstalten als internationaler Korrespondent und baute eine Medienagentur in Wien auf. Zu dieser Zeit entstanden vielbeachtete gesellschaftspolitische TV-Repor-tagen. Bei einem dieser Filmprojekte lernte er Sir Peter Ustinov kennen, was der Beginn einer Freundschaft und mehrjährigen künstlerische Zusammenarbeit war. Ustinovs Wunsch folgend, engagiert sich Krönes in der Ustinov Foundation. Bis Ustinovs Tod im Jahr 2004 war er als dessen Berater und Manager verbunden und war auch entscheidend am Aufbau des Sir-Peter-Ustinov-Lehrstuhls für Vorurteils¬forschung an der Uni Wien beteiligt. 2006 gründete Krönes die Blackbox Film- & Medienproduktion.

Olaf S. Müller studierte Geschichte und Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und an der Georg-August-Universität Göttingen. Er ist seit 1997 als freier Autor, Regisseur und Redakteur tätig und arbeitete unter anderem für die Deutsche Welle, den MDR und 3SAT. Er war Korrespondent bei den olympischen Spielen und zeichnet seit 2004 auch als sendeverantwortlicher Redakteur für verschiedenste Fernsehformate verantwortlich. Müller lebt in Berlin und ist seit 2011 Teil von Blackbox.

Roland Schrotthofer studierte in Wien Theater- Film- und Medienwissenschaft, Betriebswirtschaftslehre und Psychologie. Während seines Studiums entwickelte und realisierte er unterschiedliche Film- und Theaterprojekte. 2007 wurde sein Film „Grenzgänger“ mit dem ORF-Kurzfilmpreis Shorts on Screen ausgezeichnet. Seit 2011 ist Schrotthofer als Produzent und Autor für Blackbox Film & Medienproduktion tätig.

Nach dem Studium der Politikwissenschaft und Kommunikationswissenschaft in Wien sammelte Florian Weigensamer erste journalistische Erfahrungen beim renommierten österreichischen Wochenmagazin profil. Als Gestalter für Vienna News International realisierte er zahlreiche politische Beiträge fürs deutsche Fernsehen. Zusammen mit Christian Krönes produzierte er exklusiv für arte sozialkritische Reportagen und Dokumentarfilme aus aller Welt. Zudem gestaltete er multimediale Präsentationen für Museen und Ausstellungen. Im Zuge eines längeren USA-Aufenthaltes arbeitete Weigensamer über ein Jahr lang mit bildenden Künstlern in San Francisco. Er ist Gründungsmitglied des Blackbox-Kollektivs.

  • 2010

    „Gola Zareen – Die goldene Kugel“, Dokumentation, 82/52 Minuten

  • 2011

    „Zeitreise – 50 Jahre türkische Gastarbeiter in Deutschland“, Dokumentation, 45/30 Minuten

  • 2021

    „Ich bin immer gut weggekommen…“, Dokumentation, 30 Minuten

  • 2016

    „Ein deutsches Leben“, Kino-Dokumentarfilm, 113 Minuten

Credits

Crew

Regie

Christian Krönes, Olaf S. Müller, Roland Schrotthofer, Florian Weigensamer

Visual Director

Christian Kermer

Buch

Florian Weigensamer

Kamera

Frank van Vught, Davor Marinkovic

Zweite Kamera

Davor Marinkovic

Zusätzliche Kamera

Christian Krönes, Olaf S. Müller

Schnitt

Christian Kermer

Ton

Micha Müller, Franziska Pallaske

Sound Design

heimwerk.audio (Jürgen Kloihofer, Felix Sturmberger)

Mastering

Martin Löcker

Archive

Steven Spielberg Film and Video Archive, United States Holocaust Memorial Museum, Library of Congress, National Archive and Records Administration, Das Deutsche Rundfunk Archiv

eine Produktion der Blackbox Film & Medienproduktion GmbH

Im Verleih von Salzgeber