
ein Film von Kukla
Slowenien/Nordmazedonien 2025, 98 Minuten, Originalfassung in Slowenisch, Albanisch, Serbisch, Bosnisch, Makedonisch mit deutschen Untertiteln
Eigentlich will Mihrije ganz weit weg, nach Westeuropa, wo sie sich ein freies Leben vorstellt. Stattdessen sitzt sie fest zwischen den Plattenbauten ihrer kleinen slowenischen Heimatsstadt. Sie versucht sich mit ihren besten Freundinnen Jasna und Sina gegenüber den Männern zu beweisen, die hier das Sagen haben – wenn es sein muss auch mit Gewalt. Die Möglichkeit auszubrechen, erscheint ganz plötzlich: Fantasy, eine selbstbewusste trans Frau verzaubert Mihrije mit ihrer schamlosen Weiblichkeit in dem Moment, als sich ihre Blicke auf der Tanzfläche kreuzen. Doch auch Fantasy ist nicht so frei, wie sie die Freundinnen zuerst glauben lässt.
Was bedeutet es, heute als Frau zu leben? Als urbanes Balkan-Märchen erzählt „Fantasy“ von Freundinnenschaft, Identität und weiblichem Widerstand gegen eine Welt des Anpassungszwangs. Regie-Entdeckung Kukla inszeniert ihre Protagonistinnen dabei als eine selbstbewusste Truppe, die sich das historischen Konzept der eingeschworenen Jungfrauen nach ihren Vorstellungen aneignet. Ein Film, der Diversität als Stärke feiert – und die gelebte Realität einer neuen Generation abbildet.
Wie sind Sie auf diese Geschichte gekommen?
Die Idee kam mir vor etwa 10 Jahren, als ich ein Musikvideo drehte, in dem die Protagonistinnen Tomboys in grauen Sweatshirts waren, die Motorrad fuhren und zusammen trainierten. Dieses Bild der „Vergessenen” mit ihren weiten Klamotten und tiefsitzenden Pferdeschwänzen, die irgendwie Gefangene ihrer Familie und ihrer Umgebung waren, blieb hängen. Sie entsprachen nicht dem strengen Anspruch an Weiblichkeit im patriarchalen Balkan. Es erinnerte an die eingeschworenen Jungfrauen (virdžinas), die einen komplexen Teil der Geschichte des Balkans ausmachen, bis hin zur heutigen Turbo-Folk-Kultur.
Je näher ich dem Ende des Films kam, desto klarer wurde mir, dass die Geschichte in vielerlei Hinsicht meine eigenen Erfahrungen widerspiegelte, die ich durch mein Leben auf dem Balkan machte. Vor einigen Jahren kursierte ein vermeintlich dokumentarischer Propagandafilm, der fragte „Was ist eine Frau?“ und diejenigen, die keine eindeutige Antwort darauf hatten, als gehirngewaschene Idioten darstellte. Ich glaube aber nicht, dass es eine definitive Antwort auf diese Frage gibt, genauso wenig wie auf die Frage „Was ist ein Mann?“. Es interessiert mich nicht. Was ich herausfinden wollte, war: „Wie ist es, eine Frau zu sein?“ Heute und hier.
Im Film wollte ich, dass Frauen sich selbst erkennen, aber auch die Alchemie der Geschlechtlichkeit, die Vielfalt, die Spannungen, die Gewalt und die Widersprüche zeigen, die nicht nur die Region, sondern Gesellschaften überall prägen.
Der Film basiert auf Ihrem Kurzfilm „Sisters“ (2021). Wie hat sich die Geschichte weiterentwickelt?
Nach dem bereits genannten Musikvideo wollte ich „Fantasy“ direkt umsetzen. Ich hatte an dem Punkt aber keine Erfahrung mit Langfilmen, weshalb ich zuerst einen Kurzfilm, sozusagen als Fallstudie drehen wollte. Bei der Umsetzung von „Sisters“ fanden wir die Hauptdarstellerinnen. Wir entwickelten daraufhin gemeinsam die Figuren und Geschichte weiter, vertieften die angesprochenen Themen. Als ich merkte, dass Schwesternschaft das Kernthema des Films sein würde, war ich bereits tief im „Fantasy“-Kosmos. Ich recherchierte viel zur Gendertheorie, besonders femininer Männlichkeit.
Ich beobachtete und sprach mit vielen Menschen, die ähnliche Erfahrungen wie die Figuren gemacht hatten, und bot allen Schauspielerinnen und Schauspielern Raum, ihre eigene Version der Geschichte mitzugestalten.
Während dieses ganzen Prozesses bin ich Mutter geworden, meiner Meinung nach genau zum richtigen Zeitpunkt. Es half mir, die Position der Frau in der Welt noch besser zu verstehen.
Mit der Figur Fantasy wird das Leben der anderen Protagonistinnen durcheinandergebracht. Welche Konflikte haben ihr Leben vorher geprägt?
Den inneren Konflikt und die starren Regeln, die ihr Leben prägen, sind sie sich vorher gar nicht bewusst gewesen, so wenig wie wir alle die meiste Zeit über. Wir passen uns unhinterfragt den Strukturen unseres primären Ökosystems an, die so tief in unserer Erziehung, unserem Geschlecht oder unserer Kultur verankert sind. Fantasys Ankunft eröffnet ihnen die Möglichkeit zur Selbstreflexion und Selbstfindung. Sanft stört sie ihre Welt und offenbart ihnen, in was für Käfigen sie bis dahin gelebt haben. Der stärkste Impuls, den sie in ihnen weckt ist Begehren, ein Gefühl, dass bei Frauen nicht immer willkommen ist.
Von Frauen wird oft erwartet, begehrenswert zu sein, und nur selten werden sie dazu ermutigt, ihr eigenes Begehren zu formulieren. Nicht nur in Bezug auf Sexualität, sondern auch im Leben, ihren Ambitionen oder Handlungen.
Spiegeln diese individuellen Herausforderungen die Gesellschaft im Allgemeinen wider?
Letztendlich sind ihre Herausforderungen sehr universell: die Probleme von Migrant:innen der zweiten Generation, Identitätsfragen, Zugehörigkeit und Integration. Und da der weibliche Körper nach wie vor ein politisches Schlachtfeld ist, muss der weibliche Blick beansprucht und erkämpft werden. Wie Dr. Martin Luther King sagte: „Niemand ist frei, solange nicht alle frei sind.“
Wofür steht Fantasy?
Fantasy ist als erstes ihr selbstgewählter Name. Ich wollte aber auch mit dem Wort und alles, was es hervorruft, spielen. Unsere Fantasien sind oft Portale zu unserm wahren Selbst. Ich wollte, dass ihre Figur die drei anderen Protagonistinnen herausfordert und etwas in ihnen weckt. Gleichzeitig steckt in dem Namen auch etwas Ironie, denn von Frauen wird oft erwartet, Fantasien ihrer selbst zu sein. Sie basiert auch auf einer realen Person; ich kannte einmal eine Fantasy.
Können Sie erklären, wie Fantasy das Leben der drei beeinflusst?
Ihre Präsenz und Selbstakzeptanz bringt das zum Vorschein, was die drei lange unterdrückt haben, und verändert ihr Verständnis von Identität. Sie denken neu darüber nach, was es bedeutet, eine Frau, aber auch einfach nur Mensch zu sein. Ich liebe es, wie sie die festgefahrenen Ideale von Identität überwindet und mit deren Fluidität spielt. Es ist sehr inspirierend, eine Blume aus Beton wachsen zu sehen, und das ist Fantasy: stark genug, um ihre eigene Wahrheit in der brutalen postpatriarchalen Realität zu leben, aber dennoch verletzlich zu bleiben.
Die Präsenz von jemandem, die so unverfälscht sie selbst ist, kann meiner Meinung nach nur transformativ sein.
Auffällig an „Fantasy“ ist ebenfalls die visuelle Gestaltung.
Ich verarbeite meiner Erfahrungen in der Welt über Bilder. Die zentrale Frage war, wie man den Übergang von Grau zu Lila, von den kargen brutalistischen jugoslawischen Wohnblocks zur sanften Welt von Fantasy gestalten könnte. Da der Film eine Gratwanderung zwischen Realität und Fantasie ist, haben wir einen magischen Realismus bedient und visuelle Metaphern als Symbole für Werden und Verwandlung verwendet.
Ich wollte mit den Spezialeffekten der Lichtelemente die Hoffnung auf einen möglichen Ausweg aus dem Beton zeigen. Es könnte sich dabei nur um Mihrijes innere Fantasie oder einen Wunsch handeln, aber es ist ein Symbol für Hoffnung und Veränderung. Da Musik in meiner Kunst und meinem Leben eine große Rolle spielt, haben wir Elemente aus der Welt der Musikvideos übernommen, um die Innenwelten der Figuren darzustellen.
Lazar Bogdanović und ich haben uns bemüht, ein Gleichgewicht zwischen starken visuellen Gesten wie perspektivischen Aufnahmen und verspielten Kamerabewegungen und einer Filmsprache zu finden, die der Geschichte dient. Während der jahrelangen Arbeit an „Fantasy“ haben wir viel ausprobiert, hunderte Fotos und Videos aufgenommen und umfangreich Drehorte besichtigt, um die richtigen Blickwinkel zu finden, um die gewünschte Atmosphäre zu schaffen.
_Fünf gesprochene Sprachen und Personen aus verschiedenen Ländern der Region. Der Film zeichnet die Balkanregion sehr divers. _
Von außen wirkt Slowenien oft wie ein alpines Märchenland, unter der Oberfläche ist es aber überraschend multikulturell, eine Art Schmelztiegel verschiedener Kulturen und das wollte ich unbedingt einfangen. Diese Geschichte spiegelt meine eigene Realität wider, da ich in einem mehrsprachigen Umfeld in einer kleinen, multikulturellen Industriestadt aufgewachsen bin. Jeden Tag tauschten wir uns über unsere unterschiedlichen Kulturen und Sichtweisen aus.
Dieser Geist hat die Geschichte geprägt, da alle Figuren einen gemischten Hintergrund haben. Migrant:innen der zweiten Generation tragen etwas tief in sich, das sie prägt. Sie haben gleichzeitig die Möglichkeit, ihre eigene Geschichte neu zu schreiben. Da die meisten Darsteller:innen zum ersten Mal vor der Kamera standen, suchte ich nach Menschen, die ihre eigene Erfahrung in den Figuren verkörpern würden. Und dann weitete sich der Schaffensprozess ganz natürlich auf die gesamte Region aus und zog Mitwirkende aus fast allen Ländern der Region an.
Ich empfinde nicht dieselbe Nostalgie für Jugoslawien wie viele ältere Menschen, aber ich finde es toll, dass wir dank gemeinsamer Wurzeln immer noch zusammenarbeiten und unsere Unterschiede respektieren und feiern können. Das erschien mir angesichts der Komplexität unserer Geschichte unerlässlich, da es um Identität, Spannungen und letztendlich um Verbundenheit geht. Diese Verbundenheit vertieft sich ganz natürlich, wenn man über Kulturen, Sprachen und Grenzen hinweg zusammenarbeitet.
Ihr Film zeigt ein komplexeres Bild des oft als traditionell dargestellten Balkans zwischen strengen Regeln und Moment gesellschaftlicher Akzeptanz.
Der Balkan ist ein vielfältiger und widersprüchlicher Ort. Viele Nationen, Sprachen, Religionen und unterschiedliche Traditionen existieren nebeneinander, verbunden durch ihre „slawische Identität“ und eine gemeinsame, komplexe, oft schmerzhafte Geschichte. Traditionelle Werte und Rollenbilder sind nach wie vor präsent, aber es gibt immer auch den Wunsch, die Fantasie, nach Befreiung. Gleichzeitig haben das Internet und die moderne Welt ihre Spuren hinterlassen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass der Westen vergisst, dass die Zeit auch hier voranschreitet.
Auf dem Balkan herrscht eine ständige innere Spannung, ein Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen radikaler Angst vor dem Anderen und einer radikalen, aber oft stillen Sehnsucht nach Akzeptanz. Ich glaube auch, dass ein Großteil der Homophobie und Transphobie, innerhalb der Region, von innen kommt, also von Menschen, die etwas in sich selbst unterdrücken.
Es war mir wichtig das zu erforschen und aufzudecken, nicht um zu urteilen, sondern um zu verstehen und Raum für eine Veränderung zu schaffen.
KUKLA (Buch & Regie), 1991 in Brežice geboren, ist eine slowenische Filmregisseurin und Musikerin. Bis 2014 studierte sie Film- und Fernsehregie an der Akademie für Theater, Radio, Film und Fernsehen in Ljubljana. Sie hat mehrere Kurzfilme und Musikvideos gedreht, die international auf Festivals gezeigt wurden. Insbesondere „Sisters“ (2021) fand große Aufmerksamkeit und wurde mehrfach ausgezeichnet. „Fantasy“ ist ihr erster Spielfilm. Der Film feierte seine Premiere 2025 in Locarno. Beim Festival des Slowenischen Films in Portorož wurde er mit fünf Auszeichnungen bedacht.
Regie & Buch
Kukla
Kamera
Lazar Bogdanović
Schnitt
Lukas Miheljak
Musik
Relja Ćupić
Szenenbild
Maja Šavc
Ton
Julij Zornik
Kostüm
Damir Raković
Maske
Tinka Prpar
Produktion
Barbara Daljavec, Lija Pogačnik, Vlado Bulajić
Koproduzenten
Dejan Krajčevski
Beteiligte Produzent:innen
Peter H. Perunović, Kukla
Fantasy
Alina Juhart
Mihrije
Sara Al Saleh
Jasna
Mia Skrbinac
Sina
Mina Milovanović
Eine Produktion von December
in Koproduktion mit Krug Film, Gliser, Gustav Film, 001, MB Grip, SNDKT, Instant
mit Unterstützung von Slovenian Film Centre, RTV Slovenija, VIBA Film Studio, North Macedonian Film Agency, Creative Europe Media
im Verleih von Salzgeber