Ab 29. Juni im Kino

Piaffe

ein Film von Ann Oren

Deutschland 2022, 86 Minuten, deutsch-englische Originalfassung, teilweise mit deutschen Untertiteln

FSK 16

Piaffe

Nach dem Nervenzusammenbruch ihrer Schwester Zara muss die introvertierte Eva deren Job als Geräuschmacherin übernehmen. Für einen Werbespot vertont sie das Verhalten eines Pferds – und vertieft sich so leidenschaftlich in die Arbeit, dass ihr ein Schweif aus dem Steißbein wächst. Mit dem Schwanz wird auch Evas sexuelles Begehren immer größer. Sie beginnt eine SM-Affäre mit einem Botaniker, der Farne erforscht, und erlebt ihren Körper auf eine noch nie empfundene Weise.

In „Piaffe“ mischt die aus Tel Aviv stammende und in Berlin lebende Regisseurin und Künstlerin Ann Oren Elemente aus Erotik, Fantasy und Performancekunst zu einer surrealistischen Feier des Andersseins und Andersbegehrens. Ihr auf 16mm gedrehter Film ist „Body Pleasure“ par excellence und zugleich ein taktiler Liebesbrief an die unterschätzten Magier des Kinos. In Locarno wurde „Piaffe“ als sinnliches Meisterwerk gefeiert und mit dem Preis der Jugendjury ausgezeichnet. Ein transgressiver, kaum fassbarer Film voller neuer und faszinierender Reize!

Trailer

Interview
Im Gespräch mit Ann Oren

Was ist Dein Ausgangspunkt und Deine Inspiration für den Film?

Die Kunst des Geräuschemachens beim Film (im Englischen Foley artistry). Ich war immer sehr fasziniert von diesem Beruf und erstaunt darüber, was in den Foley-Studios vor sich geht, wie angeregt die Geräuschemacher:innen sind – wie Schauspieler:innen, die die Schauspieler:innen auf der Leinwand nachahmen, um das Publikum davon zu überzeugen, dass das, was sie dort sehen, real ist. Viele Leute wissen nicht einmal, dass es diesen Beruf gibt, also habe ich überlegt, einen Film über eine Geräuschemacherin zu drehen, aber eine, die keinen Menschen, sondern ein Pferd nachvertont.

Was bedeutet der Filmtitel „Piaffe“?

Piaffe ist der Name einer Pferde-Dressurbewegung (die die Protagonistin Eva nachvertont), wenn das Pferd elegant auf der Stelle trabt, ohne sich vorwärts zu bewegen. Der Begriff kommt aus der Zeit des Pferdekampfs, wenn der Reiter das Pferd im Zustand der Konzentration und Aufregung halten wollte.

Warum hast Du Dich dafür entschieden, auf 16mm zu drehen?

Der körnige 16mm-Film verstärkt die viszerale Stimmung, die ich in „Piaffe“ anstrebe. Er fühlt sich taktiler an und ich bin sehr von der Materialität des Films begeistert. Er funktioniert außerdem auf symbiotische Weise mit dem Sound-Ansatz. Zusammen implizieren sie den Körper des Zuschauenden, der dieser Tage verlorengegangen zu sein scheint – da wir alle vor unseren Bildschirmen zu einer formlosen Masse werden. Das Drehen auf Film bringt auch eine andere Konzentration am Set mit sich, weil wir wissen, dass wir nicht zu viele Takes drehen können, denn Filmmaterial ist teuer. So geht jeder Take, den wir drehen, mit einer unterschwelligen Aufregung des gesamten Teams einher, was das Dreherlebnis und letztlich das Ergebnis von dem eines digitalen Drehs unterscheidet. Ich liebe auch die gelegentlichen Lichtflecken, den ich im Film belassen habe.

Könntest Du den audiovisuellen Aufbau des Films noch etwas erläutern, insbesondere bzgl. der sinnlichen und taktilen Darstellung?

Es war ein ziemlich intuitiver Prozess für mich, die Farne und das Pferd mit dem gleichen sensiblen Blick zu betrachten wie die menschlichen Protagonist:innen, zusammen mit den nachvertonten Geräuschen, Technobeats und, nicht weniger wichtig, der Stille. Da der Ton in diesem Film ein wichtiges Instrument des Geschichtenerzählens war, wurde er sehr sorgfältig gestaltet, denn er hebt Evas innere Reise sowie die ständige Spannung, die der Stimmung zugrunde liegt, hervor.

Deine Arbeiten konzentrieren sich stark auf die Auflösung von Unterschieden zwischen Pflanze, Tier und Mensch. Die Einbeziehung von Nahaufnahmen von Pflanzen verstärken deren Körperlichkeit. Kannst Du zu diesem speziellen Punkt etwas sagen?

Alles, was lebt, sehe ich als potenzielle Protagonistin oder als potenziellen Protagonisten, es muss nicht menschlich sein. Ich wollte die Protagonist:innen sowohl visuell als auch konzeptionell verbinden. Das ist ein wichtiger Teil meiner filmischen Sprache. Zum Beispiel erinnerte mich das Dressurpferd, das seinen Hals nach unten krümmt, an Farne (die Pflanzen, die Dr. Novak erforscht), wie sie sich im Wachstumsprozess aus Windungen bewegen. Und Farne sind auch Hermaphroditen, was eine merkwürdige Parallele zu Eva ist, wenn ihr ein zusätzliches Organ wächst.

Indem sie beruflich darin eintaucht, Geräusche für ein Pferd zu erzeugen, verwandelt sich Eva in das Tier. In welchem Verhältnis steht die viszerale Nachahmung zu Evas Introvertiertheit und ihren neuen Job als Geräuschemacherin?

Eva kommuniziert nicht auf eine offene Art und Weise. Zunächst wird ihr Handeln von ihren Rückschlägen bestimmt. Aber als sie anfängt, das Pferd als Geräuschemacherin zu imitieren, wird sie obsessiv; es „übernimmt“ sie und erzeugt neue Intuitionen in ihr. Bei meinen frühen Recherchen sagte mir einer der Geräuschemacher, dass Leute in dem Beruf, wenn sie zum ersten Mal loslegen, eine psychotische Episode erleben können. Denn nachdem man den ganzen Tag in einem ruhigen Studio verbracht hat, in dem jede Tonschicht, die man hört, sorgfältig von einem selbst konstruiert wurde, kann es ziemlich schockierend sein, auf die laute Straße hinauszugehen, wo die Geräusche keinen Sinn ergeben.

Kannst Du etwas über das Pferd als zentrales Motiv und die Verbindung zu frühen Filmexperimenten der Bewegungsstudien erzählen?

Das Pferd lässt an Eadweard Muybridges Experimente mit Pferden in Bewegung denken. Und das ist auch einer der Gründe, weshalb 16mm-Film als Material wichtig war. Muybridge wurde beauftragt zu dokumentieren und zu prüfen, ob ein Pferd im Galopp alle vier Hufe vom Boden abhebt. Heute wissen wir natürlich, dass es das tut, aber vor den bewegten Bildern konnte das menschliche Auge die schnellen Gänge des Pferdes nicht vollständig entschlüsseln, und bis zu Muybridges Zeit malten die meisten Künstler:innen trabende Pferde immer mit einem Fuß auf dem Boden. Muybridge erstellte 1878 also eine Fotoserie, die ein Pferd im Galopp auf einer Straße mit zwölf Standbildkameras einfing. Wenn diese Bilder animiert werden, erhalten wir „Das Pferd in Bewegung“, das zu den frühen Beispielen für Arbeiten mit bewegten Bildern gehört. Daher ist das Pferd das Tier, das am meisten mit den Ursprüngen des Kinos in Verbindung gebracht wird.

Der Botaniker lebt zwischen den Pflanzen, er beobachtet sie konzentriert. Welche Rolle spielt der Beruf des Botanikers im Spiel der Unterwerfung?

Ein Botaniker versucht, die natürlichen Lebensläufe wilder Pflanzen zu kontrollieren, zu hybridisieren und zu morphen, für die Wissenschaft und für den menschlichen Gebrauch. Aber können Pflanzen wirklich kontrolliert werden, oder kontrollieren sie uns? Sie verändern die Welt bereits durch ihre Existenz, ohne sich überhaupt zu bewegen oder zu handeln. Als Eva sich dem Botaniker nähert, erschafft sie aus einer scheinbar unterwürfigen Position ein Verführungsspiel, aber dann merken wir, dass sie ihn in ihre eigene Selbstfindungsreise gelockt hat.

Wie wirkt sich Zaras Not und Rückzug auf Evas charakterliche Entwicklung aus?

Zara ist Evas wilde und leidenschaftliche Schwester, die von ihr bewundert wird. Sie hat nach einem intensiven Foley-Prozess einen Nervenzusammenbruch erlitten, weshalb Eva übernehmen muss. Das erzeugt bei Eva eine anfängliche Dringlichkeit. Während sich die Handlung verdichtet, verbindet sich Zaras Persönlichkeit sowohl mit der Pferdewerbung für den Equili-Stimmungsstabilisator als auch mit Evas Persönlichkeit. Die Beziehung der beiden ist mit der Arbeit als Geräuschemacherinnen verknüpft; die beiden Figuren lassen sich nur schwer voneinander trennen. Ich konnte Eva nicht ohne Zara sehen. Zara wird von Simon(e) Jaikiriuma Paetau verkörpert. Simon(e) hat auch in meinem Kurzfilm „Passage“ (2020) mitgespielt. Darin ist Simon(e) bei einem Foley-Prozess mit Pferdeaufnahmen zu sehen. Der Figur wächst ein Schweif, ehe sie sich schließlich in einem Kino in Luft auflöst und das Pferd allein auf der Kinoleinwand zurücklässt. „Passage“ funktioniert also als Prequel zu „Piaffe“.

Kannst Du etwas zur Arbeit mit Simone Bucio (Eva) sagen?

Sie war eine unglaublich inspirierende Hauptdarstellerin, die sich der Rolle völlig hingab, bis zum Äußersten, jenseits meiner wildesten Vorstellungen. Ihr Vertrauen in mich war ihr größtes Geschenk.

Bigrafien

ANN OREN (Buch & Regie) ist Künstlerin und Filmemacherin. Sie wurde 1979 in Tel Aviv geboren und studierte Film und Bildende Kunst an der The School of Visual Arts in New York. Seit ihrem Abschluss 2007 konzentriert sie sich auf das Erschaffen von bewegten Bildern im Rahmen der Kunstwelt. Sie erschafft Videos, zugeschnitten auf bestimmte Apparaturen, oder Mehrkanal-Video-Installation, in denen Figuren auftreten, die im Übergangsraum zwischen Performance und Publikum existieren. Ihre Arbeit wurde u.a. auf der Moskau-Biennale für junge Kunst gezeigt, dem Hammer Museum, dem Museum Tel Aviv, dem Anthology Film Archive, Apexart und im Kindl – Zentrum für zeitgenössische Kunst.

2015 zog sie für ein Stipendium am Künstlerhaus Bethanien nach Berlin. Zur gleichen Zeit wandte sie sich in ihrer Arbeit dem Kino zu. Sie inszenierte und performte „The World is Mine“ (2017), eine experimentelle dokumentarische Eigensatire, für die sie zur Cos-Playerin der Cyber-Diva Hatsune Miku wurde. Der Film ist ihr neugieriger Versuch, die in Tokyo beheimatete Otaku-Subkultur zu verstehen.

2020 drehte sie den Kurzfilm „Passage“, der als Prequel zu „Piaffe“ dient. „Passage“ feierte seine Premiere in Oberhausen und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Preis für den Besten experimentellen Kurzfilm beim Slamdance Festival.

Ann Oren lebt und arbeitet in Berlin, führt weiterhin ihre Video-Journale als eine Art audiovisuelles Workout und entwickelt gerade ihren nächsten Spielfilm.

Filmografie (Auswahl):

  • 2017

    „The World Is Mine“ Digital, 68 Min. New Horizons, DOK. Leipzig u.a.

  • 2020

    „Passage” Super 16mm, 13 Min. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen, BFI London, PÖFF Shorts, Slamdance u.a.

  • 2022

    „Piaffe” Super 16mm, 86 Min. Locarno, BFI London, Filmfest Hamburg u.a.


Credits

Crew

Regie

Ann Oren

Buch

Ann Oren, Thais Guisasola

Kamera

Carlos Vasquez

Schnitt

Ann Oren, Haim Tabakman

Schnittberatung

Benjamin Mirguet

Tonkonzept & -mix

Robert Hefter

Sound Design

Danylo Okulov

Setdesign

Ilaria Di Carlo

Hair & SFX-Make-up

Sada Leigh Sherrin

Kostüme

Anna Philippa Müller

Musik

Daniela Lunelli aka Munsha, äbvsd, VTSS

Produzent:innen

Kristof Gerega, Sophie Ahrens, Fabian Altenried

Cast

Ewa

Simone Bucio

Novak

Sebastian Rudolph

Pferd

Don Alonso

Reiterin

Catherine Mayer

Piotr

Bjørn Melhus

Voice

Sarah Nevada Grether

Die Zwillinge

Dini & Isi Komolka

Gretchen

Lea Draeger

Barkeeperin

Hannah Müller

Zara

Simon(e) Jaikiriuma Paetau

Röntgenärztin

Ruth Rosenfeld

Mann im Stall

Samuel Eschmann

Pferde im Double

Bon Charmeur

Veterinär

Kristof Gerega

Psychiater

Josef Ostendorf

Hausmeister

Daniel Matis

Morris

Nico Ehrenteit

DJ

Sophie Ruston

Eine Produktion von Schuldenberg Films
In Kollaboration mit Mimesis Films
Gefördert von Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien
Mit Unterstützung von WeFadeToGrey

Im Verleih von Salzgeber