Neuerscheinung

Queer Cinema Now

herausgegeben von Björn Koll, Jan Künemund, Christian Weber

352 Seiten, 240×320 mm, gebunden
ca. 200 Abbildungen in Farbe

Erscheinungstermin: 31. März 2022

Zum Buch im Salzgeber.Shop

Queer Cinema Now

Seit 2009 schreiben einige der besten deutschen Filmkritiker:innen in der sissy über queeres Kino – mal schwärmerisch, mal mitreißend, meist schamlos, immer eigenwillig und unbedingt widerständig. „Queer Cinema Now“ versammelt über 200 Liebes­erklärungen an die zentralen Filme des nicht-heteronormativen Kinos aus zwölf Jahren. Der reich bebilderte Band bietet so einen repräsentativen Überblick über die wichtigsten Werke der jüngeren queeren Film­geschichte.

Unter den vorgestellten Filmen sind moderne queere Klassiker wie „A Single Man“, „Weekend“, „I Killed My Mother“, „Blau ist eine warme Farbe“, „Der Fremde am See“, „Carol“, „Moonlight“, „God’s Own Country“, „120 BPM“, „Call Me by Your Name“, „Girl“, „Love, Simon“, „Bohemian Rhapsody“ und „Rafiki“ ebenso wie die zentralen nicht-heteronormativen deutschen Filme der letzten Jahre wie „Freier Fall“, „Die Mitte der Welt“, „Kokon“ oder „Futur Drei“. „Queer Cinema Now“ lädt aber auch dazu ein, bisher weniger bekannte Filmperlen wie „Rückenwind“, „Jaurès“, „Begegnungen nach Mitternacht“ oder „Gute Manieren“ zu entdecken.

Autor:innen

Mit Texten von Thomas Abeltshauser, Toby Ashraf, Beatrice Behn, Samuel Benke, Biru Binder, Ingrid Boxhammer, Rajko Burchardt, Esther Buss, Martin Büsser, Jörg Buttgereit, Matthias Dell, Michael Eckhardt, Jessica Ellen, Lukas Foerster, Matthias Frings, Gunther Geltinger, Malte Göbel, Fritz Göttler, Thomas Groh, Maike Hank, Patrick Heidmann, Stefan Hochgesand, Hans Hütt, Enrico Ippolito, Frédéric Jaeger, Anne-Katrin Jung, Ekkehard Knörer, Andreas Köhnemann, Nenad Kreizer, Ulrich Kriest, Anja Kümmel, Jan Künemund, Claudia Lenssen, Christian Lütjens, Cosima Lutz, Sebastian Markt, Christoph Meyring, Noemi Y. Molitor, Carsten Moll, Angelika Nguyen, Nikolaus Perneczky, Aileen Pinkert, Bert Rebhandl, Peter Rehberg, Axel Schock, Maike Schultz, Paul Schulz, Micha Schulze, Barbara Schweizerhof, Alexandra Seitz, Philipp Stadelmaier, Dennis Vetter, Christian Weber, André Wendler, Jochen Werner, Sascha Westphal, Natalia Wiedmann, Andreas Wilink und Tania Witte.

Vorwort

ANDERE BLICKE

Sissies were fun!
Vito Russo

„Die sissy steht für eine begehrenswerte Welt aus Raffinesse und purem Vergnügen, weit entfernt vom langweiligen Status quo.“ Dieses Zitat aus einer queeren Enzyklopädie, in der angeblich die stereotype Filmfigur der „sissy“ definiert wurde, stand bereits im Editorial des ersten sissy-Hefts im Frühjahr 2009. Als „sissy“ wird in der Filmgeschichte eine männliche Nebenfigur bezeichnet, die in der Regel als bester Freund einer Hauptfigur fungiert. Sie hat kein eigenes erotisches Interesse, aber ihr Schwulsein bzw. ihre sexuell uneindeutige Orientierung werden kaum übersehbar angedeutet. Im Rahmen eines heteronormativen Erzählmusters festigt die „sissy“ zwar dramaturgisch die Dominanz der heterosexuellen Hauptfiguren, da sie für diese keine Konkurrenz darstellt. Sie hat aber als Repräsentantin einer anderen Männlichkeit einen eigenen Spielraum – und eigene Fans.

Heute ist nicht mehr ganz klar, ob der Satz aus dem Ersteditorial frei erfunden oder zumindest ziemlich kreativ übersetzt wurde. In jedem Fall ging es darum, einen Ton zu setzen: Ein Magazin sollte eingeführt werden, um das in Deutschland stattfindende queere Kino publizistisch zu begleiten. Und diese Vorstellung sollte explizit ohne Wehklage über mangelnde Repräsentation, Ignoranz, Klischeebilder oder fehlende Diversität erfolgen, sondern als Einladung zu einem Projekt, das vor allem Spaß macht: Schaut auf die Sissies, diese überschüssigen Nebenfiguren in den Hetero-Storys, schaut auf die funkelnden Ränder der Filmproduktion, schaut auf die lustigen Widersprüche in straighten Erzählungen, schaut auf die tollen queeren Performances, die anderen gar nicht auffallen, schaut dahin, wo es im Verborgenen leuchtet! Und dass das Magazin einen einstmals als Beleidigung gemeinten Begriff als Namen bekam, zeugt nicht zuletzt von einer eingeübten queeren Kulturpraxis: Indem ein früheres Schimpfwort kämpferisch auf die eigene Person bezogen wird, bewertet man es neu und eignet es sich wieder an – ähnlich wie einst den Begriff „queer“ selbst.

Was war die Ausgangslage der sissy? Wenn man noch Mitte der 2000er Jahre versuchte, für Filme, die vom nicht-heterosexuellen Begehren erzählten, in den deutschen Medien Aufmerksamkeit zu erhalten, sah man sich zwei unterschiedlichen Formen von Ignoranz ausgesetzt: In den meisten „Hetero-Medien“ fehlte es an Diversitätsbewusstsein und in vielen „Queere-Szene-Medien“ oftmals am Interesse für das Kino und seine Sprache. Ersteres lässt sich durch komplexe Sachzwänge, aber auch durch lange Zeit unhinterfragte Formen des beruflichen Selbstverständnisses erklären: Die Kinofilm-Berichterstattung in den klassischen Print- und TV-Feuilletons wurde damals mehr und mehr eingedampft und in vielen Fällen zu Service-Journalismus heruntergebrochen. Voraussetzung für eine Besprechung waren hinreichend große Kinostarts – was freilich eine große Hürde für Filme war, denen man nur ein spezielles Publikum zutraute. Dass sich auch Hetero-Zuschauer:innen für queere Filme interessieren könnten, kam vielen Gatekeepern in der deutschen Filmszene kaum in den Sinn. Diversität war damals noch ein exotisches akademisches Konzept, und das Integrationsethos in Deutschland meinte ja immer: Minderheiten sind erst dann vollständig in der Gesellschaft angekommen, wenn sie nicht mehr über ihre spezifisch anderen Erfahrungen erzählen.

Wenn es, selten genug, zu dieser Zeit mal ein größer produzierter queerer Film auf ausreichend viele deutsche Leinwände schaffte, um in klassischen Medien diskutiert zu werden – wie „Sommersturm“ (2004), „Brokeback Mountain“ (2005), „Shortbus“ (2006) oder „Milk“ (2008) –, wurde entweder über die Intoleranz in früheren Zeiten oder anderen Gesellschaften nachgedacht. Oder der Film war angeblich so toll, gerade weil Homosexualität gar nicht sein wichtigstes Thema gewesen sein soll. Und dass diese Filme überhaupt derart präsent waren, sah man absurderweise als Anzeichen dafür, dass queeres Kino „mittlerweile im Mainstream angekommen“ sei.

Diese vermeintlich wohlwollenden Positionen sind zäh und bis heute an vielen Stellen vernehmbar. Die chronisch unterversorgten queeren Zuschauer:innen wissen natürlich genau, wie wenig Filme – und auch wie wenig deutsche Filme – überhaupt produziert werden, die wirklich von ihren Erfahrungen erzählen. Man kann sich auch gerne nochmal die komplizierten Entstehungsgeschichten von heute gefeierten Klassikern wie „Brokeback Mountain“, „Carol“ (2015) oder „Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll“ (2013) anschauen, um festzustellen, wie oft diese Filme kurz vor dem Abbruch standen. Und dann kann man hochrechnen, wie viele vielversprechende queere Projekte irgendwann tatsächlich gekippt bzw. gar nicht erst entwickelt wurden.

Dass gefeierte Filme und Bücher, die von nicht-heterosexuellen Leidenschaften erzählen, zu „universellen Liebesgeschichten“ erklärt worden sind, und Filme wie „Carol“, „Blau ist eine warme Farbe“ (2013) oder auch „Call Me by Your Name“ (2017) nicht als Filme über lesbische oder schwule Beziehungen beworben und besprochen wurden, gehört zu den Standard-Stilblüten deutscher Feuilletons. Queere Filmemacher:innen wie Ulrike Ottinger, François Ozon, Pedro Almodóvar, Gus Van Sant oder Apichatpong Weerasethakul sind zum Teil seit Jahrzehnten im Arthouse-Kino etabliert, ihre Filme werden dagegen nur selten als dezidiert nicht-heteronormativ kontextualisiert. Man wusste zwar von der Diversität der Filmszene, begriff das aber nicht als Reichtum und Reiz, sondern kam sich quasi tolerant vor, wenn man nicht explizit darüber schrieb.

Die in der Regel prekär finanzierten Medien der queeren Szene hatten andere Gründe, sich nicht oder nur rudimentär auf das queere Kino einzulassen. Schaffte es ein Film, an den Kinokassen erfolgreich von nicht-cis-und-heterosexuellen Erfahrungen zu erzählen, wurde er unter der Last der Repräsentationsansprüche erdrückt: Erzählt er denn auch tatsächlich von uns? Finden wir uns auch alle darin wieder? Darf er überhaupt für uns sprechen? Und warum sieht er eigentlich nicht so gut aus wie ein großer Hollywood-Film?

Nach den Verbesserungen in der hochaktiven retroviralen Therapie gegen HIV ab 1996 und der Einführung der „Eingetragenen Lebenspartnerschaft“ im Jahr 2001 kam bei denen, die vornehmlich inhaltistisch über queeres Kino schrieben, vermehrt die Frage auf, von welchen großen Erfahrungen diese Filme eigentlich noch erzählen könnten, wenn man sie nicht gleich in der siegreich überstandenen Vergangenheit ansiedelte (siehe wieder „Brokeback Mountain“, „Carol“ oder „Milk“). Spaß machte das Nachdenken über Film so nicht. Und für Spaß waren ja ohnehin eher die Partys zuständig, für die schließlich auch die großen Anzeigen geschaltet wurden, über die sich viele Szene-Hefte überhaupt nur finanzierten.

Was fehlte also generell in der Berichterstattung über das queere Kino? Eine Sensibilität, ein Auge für den Reichtum an Formen, Geschichten, flammenden Bildern und brennenden Erfahrungen! Dieser Reichtum war trotz allem immer da, egal wie wenige grandiose queere Filme es bis zur Premiere schafften und unter welchen Radaren sie danach geflogen sind.

Einem Filmverleih wie Salzgeber, der sich unter anderem auf queeres Kino spezialisiert und es sich bereits Mitte der 1980er Jahre zur Aufgabe gemacht hatte, nicht-heterosexuelle Filme und das daran interessierte Publikum zusammenzubringen, waren all diese Befunde freilich besonders bewusst. Und so entstand genau dort Ende 2008 eine Idee: Wenn niemand über die Filme schreibt, denen man von Herzen ein größeres Publikum wünscht, dann schafft man eben selbst einen Raum, um darüber nachzudenken und zu schreiben. Im Jahr 1985 bei der Gründung des Verleihs unter dem Namen „Edition Manfred Salzgeber im Sputnik Kino Berlin“ beruhte diese durchaus aktivistisch gefärbte Grundmotivation noch auf einer geradezu existentiellen Notlage: Weil in ganz Deutschland niemand anderes „Buddies“ von Arthur Bressan Jr. herausbringen wollte – den ersten Film, der offen HIV/Aids thematisierte –, entschloss sich der Festivalmacher und Cineast Manfred Salzgeber kurzerhand, selbst einen Verleih zu gründen. Manfreds Einstellung, konstruktiv zu sein und die Sache einfach selbst in die Hand zu nehmen, inspirierte auch die Entstehungsgeschichte der sissy.

Wenn ein Filmverleih ein Magazin herausgibt, bietet sich damit natürlich auch die Möglichkeit, für die eigenen Produkte zu werben. Doch die Kund:innen, die vorher vielleicht einen Katalog oder Newsletter bezogen, bekamen plötzlich ein Heft, das das gesamte Spektrum des queeren Kinos in Deutschland abdeckte, nicht nur die Filme von Salzgeber. Es ging nicht allein darum, neue Filme anzukündigen. Es ging auch nicht darum, dass diese irgendwo besprochen werden – irgendwo wurden sie ja alle besprochen, wenn auch vielleicht nur in Briefmarkengröße, mit Daumen-hoch- oder Daumen-runter-Symbol. Es ging darum, queeres Kino jenseits von homopolitischen und allgemein filmjournalistischen Rahmungen an sich zum Thema zu machen: als einen Bereich, der cinephil, analytisch, empfindsam, mitfühlend, emotional, nachvollziehend und herausfordernd mit neuen Gedanken und Formulierungen zu füllen war. Eben: als eine Welt aus Raffinesse und purem Vergnügen, weit entfernt vom langweiligen Status quo!

Die Anfänge waren experimentell. Die Blaupause war ein schmales Heft, das 2008 den Teddy Award der Berlinale begleitete, gestaltet vom Salzgeber- und späteren ersten sissy-Team Johann Peter Werth (Grafik) und Jan Künemund (Redaktion) und herausgegeben von Salzgeber-Chef Björn Koll. Darin befand sich ein Text, der die Frage stellte, was Queer Cinema eigentlich ist oder sein könnte, wenn man darunter nicht nur die Filme subsummiert, die LGBTQIA-Konstellationen abbildeten. Reicht es, wenn queere Figuren in heteronormativen Erzählformeln auftauchten? Oder ergibt sich aus der queeren Normativitätskritik auch eine Suche nach einer innovativen Filmsprache, die sich nach einem anderen Erzählen sehnt? In diesem Jahr wurde u.a. Tilda Swinton mit einem Special Teddy ausgezeichnet, die kurz da-rauf in der schottischen Provinz zusammen mit dem Filmkritiker Mark Cousins ein kleines Filmfestival organisierte, das „Cinema of Dreams“. Toby Ashraf, Salzgeber-Praktikant im Teddy-Jahr, begleitete die beiden und schrieb in der ersten sissy einen Festivalbericht. Tilda und Mark landeten auf dem ersten sissy-Cover: auf der Straße, bei den Festivalvorbereitungen, in schottischen Röcken – hart für die Kinomagie arbeitende Menschen, Leitfiguren für das, was die sissy im Sinn hatte. Toby Ashraf erhielt übrigens sechs Jahre später für einen sissy-Text den Siegfried-Kracauer-Preis für die beste Filmkritik, aber dazu noch später.

Die Autor:innen der ersten Hefte waren Kolleg:innen aus queeren Medien, die sich ansonsten vielleicht eine Seite im Kulturteil der Szenemagazine mit den für Popmusik zuständigen Kolleg:innen teilten. Wenig später kamen aber schon andere Stimmen dazu: cinephile Filmnerds mit grundsätzlicher Sehnsucht nach einem transgressiven, besonderen Kino, Filmwissenschaftler:innen mit analytischem Blick für filmsprachliche Details, politische Journalist:innen mit Sensibilität für wichtige Themen. Es gab manchmal vier Seiten Platz für eine Besprechung, die Texte mussten den Atem dafür haben. Literat:innen beschrieben in einer festen sissy-Rubrik einen besonderen Moment aus der queeren Filmgeschichte und wurden manchmal danach zu regelmäßigen Filmkritiker:innen. Auch Filmemacher:innen kamen zu Wort. Ein vielstimmiges Spektrum der Auseinandersetzung mit dem queeren Kino entstand, das deutlich machte, wie unterschiedlich man über Film schreiben kann, und das so auch die Vielstimmigkeit der Filme selbst widerspiegelte: Fiktion und Dokumentarisches, Trans*-Cine-ma, lesbische Romanze, schwule Genre-Appropriation, Avantgarde, Arthouse, Superheld:innen – alles war gleichermaßen besprechungswürdig. Natürlich kamen auch die Almodóvar-Filme in der sissy vor, die keine schwulen oder lesbischen Figuren hatten. Aber auch der schöne Cruising-Film „Orly“ (2010) von Angela Schanelec, dessen Queerness keinem Szenemagazin und auch keinem klassischen Filmkritik-Medium aufgefallen war.

Verrisse gab es in der sissy von Beginn an kaum. Daran mag man den Werbecharakter ablesen, den sie natürlich hatte und hat. Aber tatsächlich war und ist das auch Ausdruck einer Haltung: Jeder Film besitzt etwas, was man an ihm lieben kann, es braucht nur die richtige Autorin oder den richtigen Autor, um das herauszuarbeiten. Es kann nicht sein, dass etwas, das mindestens zwei Jahre Produktionszeit braucht und Ergebnis kollektiver Anstrengung von Menschen ist, die sich mit ihrer Arbeit identifizieren, nicht an irgendeiner Ecke funkelt. Und auch die Leser:innen der sissy wollen mitunter gar nicht wissen, ob ein Film nach irgendwelchen Maßstäben gut oder schlecht ist, sondern vielleicht, ob er etwas enthält, was sie interessiert oder was mit ihnen zu tun hat. Die sissy wollte nie vorgeben, wie man einen Film zu finden hat, sondern machte von Beginn an offene Angebote an ihre Leser:innen: Geht ins Kino und schaut selbst hin, bildet euch eure eigene Meinung!

Ab März 2009 erschien die sissy als Printmagazin alle drei Monate. Sie wurde kostenlos an Abonent:innen verschickt und lag in Kinos, Buchhandlungen, Institutionen und sogar DVD-Abteilungen führender Elektronikfachmärkte aus. Aus Produktionsperspektive war sie natürlich von Beginn an großer Luxus. Möglich war das überhaupt nur, weil bei Salzgeber der ganze Betrieb mit anpackte, um die Herstellungs- und Versandkosten so gering wie möglich zu halten. Gemeinsam wurden die Hefte eingetütet, frankiert und verfrachtet. Bald hatte die sissy über 5.000 Abonnent:innen, von denen oftmals gar nicht so viel bekannt war außer einem Namen und einer Adresse. Nur manchmal gab es Anrufe wie: „Was schicken Sie denn da eigentlich immer meiner Frau?“ Im September 2015 erschien mit der Nummer 27 die letzte Print-Ausgabe. Nach sechs Jahren war klar, dass das Magazin neu gedacht werden musste – zum einen aus Kostengründen, zum anderen weil mit Jan Künemund der Gründungsredakteur bei Salzgeber aufhörte.

Doch mit dem Ende des Hefts stand bereits der Launch der Online-sissy fest. Und auch der folgte wieder einem kühnen Plan: Die sissy sollte nun nicht mehr „nur“ alle drei Monate erscheinen, sondern mehrfach wöchentlich neue Texte zum queeren Kino liefern. Sie sollte spontaner sein und audiovisuelle Inhalte wie Interviews, Trailer oder direkt Vidos on Demand einbinden und verknüpfen. Nach einem sissy-freien Jahr startete im November 2016 sissymag.de unter der redaktionellen Leitung von Christian Weber – und lieferte gleich mal Besprechungen zu allen queer-relevanten Filmen nach, die in den vergangenen 13 Monaten herausgekommen waren.

Noch immer schreiben Autor:innen der ersten Stunde für die sissy. Im Laufe der letzten Jahre sind aber auch viele neue Stimmen dazugekommen, vor allem aus der jungen Filmkritik. Nicht selten gibt es gerade von diesen die Rückmeldung: So wie für die sissy können wir nirgendwo anders schreiben! Und manchmal gibt es von Autor:innen dann auch zwei Texte zu einem Film zu lesen, wobei der in der sissy über jene Grenzen gehen darf, die anderswo noch gesetzt sind. Diese Kompromisslosigkeit konnte auch schon Jurys für sich einnehmen: Toby Ashraf wurde für seine Besprechung von Bruce LaBruces „Geron“ 2014 mit dem Siegfried-Kracauer-Preis für die Beste Filmkritik ausgezeichnet. Philipp Stadelmaier schaffte es mit seiner Rezension von Nadav Lapids „Synonymes“ 2019 unter die fünf Nominierten des Preises.

Während das Heft zunächst den Untertitel „Homosexual’s Film Quarterly“ trug und sich ab 2013 als „Magazin für den nicht-heterosexuellen Film“ verstand, prankte auf der Homepage erst der ebenso schlichte wie unmissverständliche Zusatz „nicht-heterosexuell“. Mittlerweile steht der programmatisch schärfere und inklusivere Begriff „nicht-heteronormativ“ unter sissy. Zu diesem breiteren Verständnis passend, gab es kurz vor dem zehnten Geburtstag der sissy Ende 2018 eine Erweiterung, die wie gewohnt gegen den Trend ging: Ab jetzt wurde auch queere Literatur vorgestellt, die ebenso von den Feuilletons allzu oft stiefmütterlich behandelt oder in Servicetexten abgefertigt wird.

In Anbetracht der schieren Masse an monatlichen Buchpublikationen, die man mit Gewinn (auch) queer lesen kann, muss die Literatur-Redaktion eine engere Auswahl für die Besprechungen treffen. Im Filmressort hält die sissy an ihrer ursprünglichen Programmatik fest: Jeder Film, der als queer-relevant angesehen wird und im Kino, auf BluRay oder DVD startet, wird vorgestellt.

Mit diesem umfassenden Fokus ist ein Blick zurück auf die ersten zwölf sissy-Jahre automatisch auch ein Blick zurück auf 12 Jahre queeres Kino. In dieser guten Dekade ist das nicht-heteronormative Kino, das auf deutschen Leinwänden und auf dem BluRay/DVD-Markt stattfindet, vielstimmiger und differenzierter geworden: Es gibt immer mehr interessante und großartige queere Filme, das diverse Spektrum ist breiter geworden, einige Aspekte queeren Lebens sind heute filmisch deutlich sichtbarer als zuvor. Bei dieser Vielfalt ist es für die sissy höchste Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Und das macht sie natürlich im ganz großen Stil …

Der vorliegende Band versammelt 211 sissy-Texte zu den wichtigsten queeren Filmen der Jahre 2009 bis 2020. Die Auswahl darf als repräsentativ angesehen werden, sie enthält die zentralen queer-relevanten Filme, die in den letzten Jahren die Diskurse bestimmt haben, und stellt damit den aktuellen Stand des nicht-heteronormativen Kinos fest: Queer Cinema Now! Um den Überblickscharakter zu schärfen und Entwicklungen nachvollziehbarer zu machen, sind die Texte chronologisch nach den deutschen Veröffentlichungsjahren der Filme geordnet.

Im Buch finden sich Rezensionen zu modernen queeren Filmklassikern wie „A Single Man“ (2010), „Blau ist eine warme Farbe“, „Carol“, „Moonlight“ (2017), „Call Me by Your Name“ oder „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ (2019). Natürlich sind Texte zu den großen queeren Auteurs der letzten Jahre vertreten: Von Xavier Dolan werden gleich sechs Filme besprochen, von Pedro Almodóvar, Christoph Honoré und Ira Sachs immerhin jeweils drei. Und es gibt Rezensionen der wichtigsten nicht-heteronormativen Filme aus Deutschland wie „Freier Fall“ (2013), „Die Mitte der Welt“ (2016) und „Futur Drei“ (2020).

In der sissy ging und geht es aber auch stets darum, den Blick an die Ränder zu lenken – hin zu den Filmen, die von vielen anderen übersehen wurden, weil sie angeblich zu klein oder zu speziell sind. So finden sich im Buch z.B. auch Texte zu Jan Krügers Coming-of-Age-Fragment „Rückenwind“ (2009), Yann Gonzalez’ Kammerspiel-Orgie „Begegnungen nach Mitternacht“ (2014) oder Juliana Rojas’ & Marco Dutras Werwölf:innen-Drama „Gute Manieren“ (2018).

Die sissy ist aber auch dabei, wenn gelegentlich doch queere Figuren in die Mitte großer Hollywood-Produktionen treten. Im Buch ist nachzulesen, wie das z.B. bei „Liberace“ mit den Hollywood-Stars Michael Douglas und Matt Damon, bei „Stonewall“ (2016) von Blockbuster-Spezialist Roland Emmerich oder dem Elton-John-Biopic „Rocketman“ (2018) geklappt hat. Eigenwillig blickt die sissy aber auch auf großformatige Filme, die in der Filmkritik ansonsten straight rezipiert wurden, wie das Hollywood-Trashspektakel „Cats“ (2019) oder das russische Soldatinnen-Drama „Bohnenstange“ (2020).

Im Buch vertreten sind Texte zu Spiel- und Dokumentarfilmen, zu eher konventionellen Erzählungen und Filmen mit experimenteller Formsprache, zu Liebesdramen, Coming-of-Age-Filmen, Komödien, Musicals, Horrorfilmen und sogar zu einem echten Weihnachtsfilm. Mit den versammelten Texten kann man mehrfach um die ganze Welt reisen, z.B. von Hongkong nach Island, von Argentinien nach Korea, von Kanada nach Israel, von Venezuela nach Finnland, von Spanien nach Kuba, von Thailand in die Dominikanische Republik – und immer wieder in die USA, nach Frankreich und Spanien.

Ohne diese queere Vielfältigkeit relativieren zu wollen, lässt ein Blick auf das Verzeichnis der besprochenen Filme immerhin einige Tendenzen des queeren Kinos in diesen zwölf Jahren erkennen. Auffällig ist, wie sehr das in der sissy besprochene queere Kino am Anfang vor allem ein „Gay Cinema“ war, mit einer Vielzahl von interessanten Filmen über schwules Begehren und einer schmerzlichen Lücke von lesbischen und trans* Geschichten. Die mittlerweile statistisch bewiesene Geschlechterungleichheit hat seine Spuren auch im queeren Kino hinterlassen. Das zunehmende Bewusstsein dafür schlägt sich allerdings in immer mehr, immer diverseren und immer spannenderen Filmen von Frauen und über lesbisches Begehren jenseits einer cis-männlichen Perspektive nieder. Insbesondere das Trans*-Cinema hat an Sichtbarkeit gewonnen und hat interessante Fragen ausgelöst über die Beweglichkeit von Geschlechterkonzepten, die sich so gut in einem Bewegtbildmedium wie dem Film erzählen lässt, die aber in heteronormativen Standard-Geschichten in der Regel auf feste Identitäten und Rollenbilder zurechtgezurrt wird. Die Texte z.B. über „Something Must Break“ (2015) oder „Girl“ (2018) betonen den Reiz, der an neuen filmischen trans* Repräsentationen liegt.

Der im Kino oft impliziten Verknüpfung des Filmemachens mit dem weißen Blick arbeiten im Buch zahlreiche Besprechungen zu Filmen entgegen, die aus der Perspektive von queeren Persons of Color erzählt sind. „Die Wunde“ (2017) aus Südafrika, „Moonlight“ und „Saturday Church“ (2018) aus den USA, „Body Electric“ (2017) und „Sócrates“ (2018) aus Brasilien, „Rafiki“ (2019) aus Kenia oder „Futur Drei“ aus Deutschland beweisen, dass das internationale queere Kino in den letzten Jahren auch in dieser Hinsicht diverser geworden ist.

Ein Lackmustest für das queere Kino sind nach wie vor die filmischen Biografien. In den letzten Jahren gab es unter anderem filmische Annäherungen an das Leben von Yves Saint Laurent, Alan Turing, Liberace, Audre Lorde, Sergej Eisenstein, Emily Dickinson, Robert Mapplethorpe, Tom of Finland, Freddie Mercury und Elton John. In den zugehörigen Texten ist nachzulesen, welchen Filmen das gelingt, was als zentraler Anspruch queerer Kulturgeschichtsschreibung gilt: sich die eigenen Geschichten, die in der Vergangenheit allzu oft ausgelassen oder in heteronormative Narrative gepresst wurden, (wieder-)anzueignen, ohne den heteronormativen Standards von Figuren zu entsprechen, die durch ihr Geschlecht und ihr Begehren in ihrer Identität festgelegt werden. Noch zentraler erscheint dieser aktivistische Impuls für die historischen Dokumentar- und Spielfilme, in denen es um konkrete soziale oder politische Zustandsbeschreibungen geht, wie etwa „Unter Männern – Schwul in der DDR“ (2012) oder „Mein wunderbares West-Berlin“ (2016), die vom schwulen Leben in der DDR bzw. der BRD erzählen, „Stonewall“ (2015) oder „Pride“ (2015), in denen es um die Befreiungskämpfe in den USA und UK geht, und „Holding the Man“ (2016), „120 BPM“ (2018) oder „1985“ (2019), die von der zerstörerischen Kraft und der Überwindung von HIV/Aids erzählen. Die Texte zu diesen Filmen reflektieren die dezidiert queeren Erfahrungen des Ausgegrenztseins, des Aufbegehrens, der Gemeinschaft.

Eine Tendenz, die in den sissy-Texten sehr neugierig ausgelotet wurde, betrifft die filmischen Annäherungen an queeres Begehren, das nicht mehr nur von den großen Gefahren für Selbstbestimmung geprägt ist, also von staatlicher, religiöser oder sozialer Diskriminierung, von Krankheit und Armut und Ausgrenzung in der Familie. Was der Filmkritiker Ben Walters 2012 als New Wave Queer Cinema bezeichnet hat, öffnet den Blick für die Erfahrungen mit struktureller Diskriminierung, in denen sich Homophobie, Sexismus, Rassismus und Klassismus verschränken und die sich in kleinen, alltäglichen Verletzungen und Hindernissen äußern, die der Hetero-Cis-Mehrheit oft nicht auffallen. Viele, auf den ersten Blick unspektakuläre, Alltagserzählungen, von „Weekend“ (2011) über „Dual“ (2013) und „Concussion“ (2015) bis „Kater“ (2016), sind viel politischer und widerständiger als so manche große Hollywood-Erzählung über Stonewall oder große Künstler:innen, an deren Beispiel sich Mehrheitsgesellschaften hin und wieder mal über ihre Toleranz gegenüber Minderheiten verständigen.

Die meisten Filme in diesem Buch wurden hier noch gar nicht genannt. Und das ist auch ganz gut so, weil es immerhin auch ein entscheidendes Wesensmerkmal des queeren Kinos ist, sich gerade nicht klar einordnen zu lassen. „Queer Cinema Now“ lädt deswegen auch unbedingt zum sprunghaften Lesen, Stöbern und wilden Blättern ein. Das Buch soll eine Expedition durch den wunderbaren Reichtum, die Raffinesse und das pure Vergnügen des queeren Kinos sein, jenseits eines langweiligen Status quo.

Die sissy wünscht viel Spaß beim lustvollen Erkunden, beim Wiederfinden, Neuentdecken und Verlieben! Und empfiehlt allen, die mehr Liebeserklärungen an das aktuelle queere Kino lesen möchten, einfach ab und zu auf sissymag.de vorbeizuschauen.

Jan Künemund & Christian Weber