Transatlantische Emanzipationen

Herausgegeben von Florian Mildenberger

Hardcover, 432 Seiten

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Transatlantische Emanzipationen

Ein kleines, 1975 erstmals erschienenes Buch hatte eine große Wirkung: James Steakley machte mit The Homosexual Emancipation Movement in Germany seine Landsleute mit einem wichtigen Aspekt deutscher Geschichte bekannt. Als Amerikaner und bestens vertraut mit der deutschen Sprache und Kultur, konnte er seinerzeit in der (alten) BRD und in der DDR forschen und später auch lehren. Steakley wurde, was man im Amerikanischen einen trailblazer nennt: Er ebnete den Weg für die akademische Sexualhistoriographie, wurde zu einem Anreger für die heute so genannten Gender Studies.
Zu seinem 75. Geburtstag grüßen ihn 22 Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Generationen von diesseits und jenseits des Atlantiks mit persönlichen Erinnerungen und neuen Forschungen aus dem Bereich „queerer“ Geschichte.

Mit Beiträgen von: Joachim Bartholomae, Stephen Brockmann, Andreas Brunner, Jens Dobler, Jennifer Evans, Sander L. Gilman, Gert Hekma, Jost Hermand, Dagmar Herzog, Ernest W. B. Hess-Lüttich, Erik Jensen, Marita Keilson-Lauritz, James R. Keller, Hubert Kennedy, Rüdiger Lautmann, Florian Mildenberger, Friedrich H. Moll, Harry Oosterhuis, Helmut Puff, Heiko Stoff, Katie Sutton, Robert Deam Tobin

LESEPROBE
Vorbemerkung zu „Transatlantische Emanzipationen“ von Florian Mildenberger

Meine erste Begegnung mit James „Jim“ Steakley ereignete sich im Jahre 1988. Ich war kurz zuvor von meinen Eltern in ein katholisches Knabeninternat in Oberbayern abgeschoben worden, was sich jedoch sehr positiv auf meine sexuelle Entwicklung auswirken sollte. Im Internat existierte eine kleine Bibliothek, in der es auch englischsprachige Werke gab; sie waren der Schule von einem befreundeten Priester aus Iowa geschenkt worden. Gerüchte waberten durch die Klassen, wonach einige der Bücher „Remota“ gestellt worden seien. Weil sie verbotene Genüsse enthielten? Pornographie vielleicht? Stets saß ein alter Drache in Frauengestalt in der Bibliothek und wachte über die Bücherausgabe, doch eines Tages erkrankte die Moralfeuer verbreitende Alte und wurde durch eine unbedarfte Referendarin ersetzt. Ich stolzierte sogleich in die Bibliothek, verlangte eines der Bücher, ein Schrank öffnete sich wie von Geisterhand und ich blickte auf – völlig bilderlose Werke. Nichts mit Pornographie. Der ersten Enttäuschung folgte das Interesse, ich griff einfach ins Regal und zog per Zufall „The Homosexual Emancipation Movement in Germany“ heraus, erschienen bei Arno Press im fernen New York. Veröffentlicht 1975 und aus der Feder von – James D. Steakley.

Ich verschlang das Buch, las es von vorne bis hinten innerhalb weniger Stunden. Das war auch notwendig, denn gegen Ende der Schülerfreizeit erschien einer der Benediktiner, wurde von der Referendarin über mein Leseinteresse aufgeklärt und rauschte sofort an meinen Tisch, um mir die verbotene Frucht der Erkenntnis wieder zu entreißen. Der Inhalt des Buches würde meiner Seele irreversiblen Schaden zufügen. In der Rückschau kann ich das nur bestätigen! Ab diesem Moment war es um mich geschehen und ich wusste, dass die Sexualgeschichte mich nicht mehr loslassen würde. Auch war mir nun klar, dass ich mit meinen Gefühlen nicht allein war, sondern mich quasi auf historischem Boden bewegte – der sexuelle Verkehr mit Mitschülern avancierte so zu einem rebellischen Akt. Nie wieder würde das Geschwafel um Sünde oder verbotene Wollust mein Ohr erreichen. Der persönliche Kontakt mit Jim ergab sich erst sehr viel später. Wir begegneten uns erstmals im 21. Jahrhundert im Kontext von Feierlichkeiten zur Erinnerung an das Wirken von Karl Heinrich Ulrichs. Es folgte der fachliche Austausch, das gemeinsame Zusammenwirken bei Buchprojekten und schließlich das digitale Freundschaftsbündnis bei Facebook.

James „Jim“ David Steakley wurde am 21. Oktober 1946 als zweiter von drei Söhnen des Ehepaars Ralph Douglas Steakley und Helen Grace (geb. Williams) in Miami/Florida geboren. Sein Vater war zunächst Pilot für PanAm, ehe er zur US Air Force wechselte. Die Militärlaufbahn des Vaters bedeutete für Jim Schul- und Ortswechsel im Vierjahresrhythmus. So lernte er früh unterschiedliche Lebenswelten kennen und kam auch mit Deutschland in Berührung, da der Vater von 1956 bis 1960 in Wiesbaden stationiert war. 1964 schloss Jim die Schule ab und immatrikulierte sich an der renommierten University of Chicago, wo er Germanistik und Geschichte studierte. Dank eines Stipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) konnte er im Sommer 1967 am Goethe Institut in Radolfzell am Bodensee einen Sprachkurs besuchen. Im Juni 1968 schloss Jim das Studium mit dem Bachelor ab und ging anschließend, erneut als DAAD-Stipendiat, ins revolutionär gestimmte Frankfurt am Main. Zwei Semester blieb er hier und sah die Studentenrevolte triumphieren und sich selbst zerfleischen. Er kehrte in die USA zurück und setzte sein Studium an der Cornell University in Ithaca fort, wo er 1973 den Master machte. Nachdem sich die USA und die DDR auf ein Abkommen zum wissenschaftlichen Austausch verständigt hatten, ging Steakley 1975 als Stipendiat des International Research and Exchange Board an die Humboldt-Universität in Ostberlin. Hier recherchierte er für seine Dissertation über Erich Mühsam, die er 1986 einreichte und verteidigte: „Anarchism and Culture. The Political and Cultural Theories of Erich Mühsam“. Bereits 1977 war er an die University of Wisconsin in Madison als Lektor für Germanistik berufen worden. Zwei Jahre später erhielt er eine Assistenzprofessur, die 1986 in eine Stelle auf Lebenszeit umgewandelt wurde. 1995 schließlich erhielt er einen eigenen Lehrstuhl. Immer wieder unterrichtete Jim Steakley im Ausland, so 1987/88 an der FU Berlin, 1991 in Hannover und 2001/02 sowie 2007/08 erneut in Berlin. Zu Vorträgen und Seminaren reiste er durch die ganze Welt. Die deutsche Geschichte faszinierte ihn stets, wie auch das Land selbst. Im Rahmen einer Tätigkeit als Koordinator des Studienprogramms »Junior Year« kam er 1996 nach Freiburg im Breisgau und verliebte sich in die Stadt und ihre Menschen; 2003 und 2010 kehrte er hierher zurück. Seine Emeritierung stand an und Jim entschied sich 2012, in den Südwesten Deutschlands umzuziehen. Zunächst ließ er sich in Gutach nieder, um dann 2013 nach Waldkirch umzuziehen.

Offiziell „ledig“ ist Jim vielen Menschen eng verbunden. Er beeinflusste nachhaltig ganze Generationen von Historikern des Sexuellen. Seine Monographie „The Homosexual Emancipation Movement in Germany“ von 1975, die nicht weniger als fünf Auflagen erlebte, eröffnete angloamerikanischen und deutschen Lesern einen Einblick in die untergegangene Welt der Sexualreformbewegung Magnus Hirschfelds. Eine Bibliographie von Hirschfelds Veröffentlichungen („The Writings of Dr. Magnus Hirschfeld“) folgte 1985 (eine stark erweiterte deutsche Fassung erscheint parallel zu diesem Freundschaftsgruß). Daneben publizierte er zahlreiche Aufsätze an jenen Orten, die akademische Kollegen naserümpfend »abseitig« zu nennen pfleg(t)en: schwule Magazine, außeruniversitäre Zeitschriften oder im damals noch scheel betrachteten Journal The Body Politic (Toronto), dessen Redaktion er angehörte. Steakley brachte die Geschichte der Sexualitäten und der sexuellen Revolutionen zu einer Zeit Studenten näher, als in den Vorlesungen für Ethik noch vor den katastrophalen Folgen von Masturbation und vorehelichem Geschlechtsverkehr gewarnt wurde.

Jim fungierte als das, was man im Amerikanischen so schön „trailblazer“ nennt. Er ebnete den Weg für die akademische Sexualhistoriographie an einer renommierten Universität, die sich geographisch in der Mitte der USA befindet: Madison in Wisconsin. Die Kollegenschaft in Madison, aber auch in Chicago, Harvard oder Berkeley musste erkennen, dass Jim historische Zusammenhänge und Entwicklungen beobachtete, erforschte und darüber publizierte, die ihnen über Jahrzehnte entgangen waren. Dennoch waren einige frühere Kollegen (und jetzt Emeriti wie Jim) sofort bereit, an der vorliegenden Freundschaftsgabe mitzuarbeiten. Ihre Beiträge zeigen auch, wie fruchtbar die Zusammenarbeit mit Jim war. Sander L. Gilman, Jims „Doktorvater“, macht dies mit seinem Aufsatz über „Queer Posture“ deutlich, in dem er aufzeigt, wie fließend die Grenzen zwischen akzeptierter Körperkultur und als degeneriert angesehener Körperverehrung sein konnten. Marita Keilson-Lauritz schildert, wie sich Steakleys Idee einer gemeinsamen deutsch-amerikanischen Geschichte der Homosexualitäten bei ihm selbst verwirklichte: Ein Gedicht Stefan Georges beflügelte Jim einst, das eigene Coming-out zu verwirklichen und die deutsche Geschichte zu studieren, wie er der Autorin 1987 in einem Interview verriet. Jost Hermand, Steakleys vormaliger Kollege in Madison, nimmt den Leser mit auf eine Reise in die Gedankenwelt des Schriftstellers Arnold Zweig. Rüdiger Lautmann folgt Keilson-Lauritz in der Verbindung von Geschichte und Literatur, indem er den Dichter und sozialdemokratischen Politiker Johann Baptist von Schweitzer aus dem Dunkel der Geschichte hervorholt und zugleich schildert, warum dieser Weggefährte Lasalles und Bebels von den eigenen Genossen über mehr als ein Jahrhundert totgeschwiegen wurde. Es war, wie sollte es anders sein, das Sexualverhalten, das über erinnerungswürdig und vergessenswert entschied. Hubert Kennedy, bekannt als Biograph von Karl Heinrich Ulrichs, dem „ersten Schwulen der Weltgeschichte“, beschreibt, wie seine Forschungen sich mit denen von Steakley kreuzten und wie sich zwei Gelehrte, die sich bis dahin nicht einmal persönlich kannten, gemeinsam auf Quellensuche begaben. Wie eng akademische Forschung, gesellschaftliche Reformprozesse und individuelles Coming-out zusammenhängen und zusammenwirken können, verdeutlicht Ernest Hess-Lüttich in seinem Beitrag. Der niederländische Historiker und Soziologe Gert Hekma widmet sich einem Problemfeld, das in den 1970er Jahren von eminenter Bedeutung für die Selbstverortung schwuler Gelehrter war: der Frage nämlich, ob die Knabenliebhaber zur eigenen Gruppe dazu zählten oder man sich von ihnen tunlichst fernhalten sollte.

Es ist gar nicht so selten, dass die Wegbereiter eines Faches von den nachfolgenden Generationen aus der facheigenen Geschichte getilgt werden, strahlt doch so der eigene Nimbus umso heller. Hinzu treten häufig Konflikte zwischen akademischen Lehrern und rebellischen Schülern. Ganz anders verhält es sich jedoch im Fall von James Steakley. Er pflegt(e) einen guten Kontakt zur heutigen Forschergeneration, und auch umgekehrt ist das Verhältnis weitgehend spannungsfrei.

Erik Jensen beschreibt, wie wirkmächtig Jim Steakley die schwule Presse nutzte, um ein Bewußtsein für die eigene Geschichte zu schaffen, da er dies als Voraussetzung für eine erfolgreiche sexuelle Emanzipation begriff. Der Germanist Robert Tobin schildert anschaulich, wie Steakley durch seine Arbeiten und Vorträge die Formierung von „Queer German Studies“ stimulierte. Die New Yorker Historikerin Dagmar Herzog beschreibt anhand der wissenschaftstheoretisch unterschiedlichen Konzepte der Psychoanalytiker Robert Stoller und Fritz Morgenthaler, wie sich die Psychoanalyse aus der selbst verschuldeten Pathologisierung der Homosexualität in den 1970er Jahren löste. Ihre kanadische Kollegin Jennifer Evans widmet sich der vielfach diskutierten Frage, ob man queere Kulturen vielleicht besser mit einem kunsttheoretischen Ansatz untersuchen sollte als „nur“ mit den Methoden der Geschichtswissenschaften. James R. Keller untersucht die Konstruktion sexueller Identität in Zeiten von und mit Klaus Mann. Den Sprung in die Gegenwart wagt Stephen Brockmann mit der Beleuchtung der buddhistischen Tendenzen im Werk der Schriftstellerin Sibylle Berg. Der Historiker Jens Dobler schöpft aus dem Fundus der Polizeihistorischen Sammlung in Berlin und stellt die Frage, wie sich Polizeibehörden im 19./20. Jahrhundert den „typischen Homosexuellen“ vorstellten und auf welche fachärztliche Expertise sich ihr Wissen stützte. Der holländische Wissenschaftshistoriker Harry Oosterhuis verweist darauf, dass die amerikanische Sichtweise auf die deutsche (sexuelle) Geschichte bisweilen etwas einseitig war und ist. Der Germanist Helmut Puff widmet sich dem Komplex des Wartens als immanentem, aber vielfach unterschlagenem Teil einer jeden schwulen Biographie. Der Wissenschaftshistoriker Heiko Stoff entwirft eine Geschichte der Pubertät, die australische Historikerin Katie Sutton schildert die Popularisierung der Sexualforschung in den 1920er Jahren anhand des damals neuen Mediums Film. Andreas Brunner präsentiert die Auseinandersetzung zwischen Karl Kraus und Maximilian Harden. Joachim Bartholomae zeigt auf, dass „Zensur“ von schwuler Literatur und Kunst vor Jahren ein wichtiges Thema war und auch heute noch für Verlage sein kann. Der Urologe und Medizinhistoriker Fritz Moll wirft einen Blick auf die unterleibsbezogenen Aufklärungsschriften des 19. Jahrhunderts, in der Zeit, bevor der Begriff „Homosexualität“ geprägt wurde. Auch meine Wenigkeit ist vertreten mit einem Blick auf das schwierige Verhältnis zwischen Sexualreformbewegung und katholischer Moraltheologie im 20. Jahrhundert.

Es wären wohl noch mehr Autoren geworden, wenn nicht die Covid19-Pandemie vielen einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte: Archive und Bibliotheken waren geschlossen, der wissenschaftliche Austausch wurde erschwert, während gleichzeitig die Anforderungen an die universitäre Lehre bzw. die klinische Arbeit ungeahnte Ausmaße annahmen. Gleichwohl ist es gelungen, einen thematisch vielfältigen Sammelband auf die Beine zu stellen.

Jim selbst hat auch beigetragen zu dieser ‚Festschrift‘: Er gewährte mir Informationen über sein Leben und stellte die Bibliographie seiner Veröffentlichungen zur Verfügung. Was viele nicht wissen werden, ist, dass viele Artikel aus seiner Feder als solche gar nicht zu erkennen sind: Jim begeistert sich schon seit Jahren für das Projekt einer allgemein zugänglichen digitalen Enzyklopädie, die unter dem Namen „Wikipedia“ jedem bekannt ist. Zwar gibt es über ihn selbst dort keinen Eintrag, doch redaktionell begleitete er über mehr als ein Jahrzehnt die Rubriken Gender, Sexualgeschichte und Germanistik.