Ab 9. Juni 2022 im Kino

Tics - Mit Tourette nach Lappland

ein Film von Thomas Oswald

Deutschland 2021, 94 Minuten, deutsche Originalfassung

Tics - Mit Tourette nach Lappland

Daniel, Marika und Leo wollen ihr Tourette erforschen. Regisseur Thomas Oswald begleitet die Drei in seinem Dokumentarfilm „Tics – Mit Tourette nach Lappland“ auf ihrer Suche nach neuen Behandlungsformen und einem Ort, an dem sie einfach sie selbst sein dürfen. Auf Anraten des Neurologen Prof. Dr. Alexander Münchau reisen Daniel, Marika und Leo zunächst zu verschiedenen Forschungszentren in Frankreich und Deutschland. Sie befragen Ärzte und Therapeuten zu aktuellen Behandlungsformen und konfrontieren sie mit ganz persönlichen Erfahrungen durch fehlgeleitete Therapien. Zusammen mit Prof. Dr. Münchau und dem Psychiater Dr. Daniel Alvarez-Fischer geht die Reise weiter bis in die Inari-Region im Norden Finnlands. In der Weite der finnischen Wald- und Seenlandschaft können sie frei ticcen, ohne gesellschaftlichem Druck, Argwohn oder gar Sanktionen ausgesetzt zu sein. Sie machen Bekanntschaft mit den Sami und deren Sicht auf das Leben und deren schamanischen Ritualen. Und sie probieren eine neue Behandlungsform aus: Die meta-kognitive Therapie, in der die bewusste Lenkung der eigenen Aufmerksamkeit eine zentrale Rolle spielt. Neue Erfahrungen und Erkenntnisse lassen das Stigma der Tics immer mehr in den Hintergrund rücken. Die Chance auf einen selbstbestimmten Umgang des Trios mit dem Tourette scheint mit jedem Tag in Lappland zu wachsen.

Interview
Im Gespräch mit Thomas Oswald

Wie bist Du auf das Thema Deines Films gestoßen und was hat Dich daran gereizt?

Durch meinen Kollegen Hans-Jörg Kapp lernte ich 2016 Prof. Dr. Alexander Münchau kennen. Ich hatte schon von Hans-Jörg Kapps und Alexander Münchaus gemeinsamen Theaterprojekten mit Tourette-Betroffenen und von ihrer „Agentur für Überschüsse“ gehört. Nun erfuhr ich mehr über Prof. Dr. Münchaus Arbeit und Forschung zum Tourette-Syndrom. Ich war schnell fasziniert von dieser Krankheit, die Menschen zu ungewollten Aktionen, Handlungen und Lauten zwingt. Nur eine kleine Veränderung im Gehirn hat so dramatische Auswirkungen. Neben den Ursachen dieser Krankheit interessierte mich vor allem auch der Umgang unserer Gesellschaft mit diesen doch auf eine gewisse Art devianten Menschen, die nicht in die Norm passen.

Wie hast Du Deine Protagonist*innen gefunden? Musstest Du sie erst davon überzeugen, am Film mitzuwirken? Und wie war die Arbeit mit ihnen?

Zwei unserer Protagonist*innen standen schon zu Beginn der Entwicklung fest. Daniel Weber hatte zuvor mit der „Agentur für Überschüsse“ gearbeitet und kannte somit sowohl Alexander Münchau als auch Hans-Jörg Kapp. Marika Moritz und Hans-Jörg Kapp kannten sich durch seine Tätigkeit als Professor in Hannover. Sie hatte dort bei ihm studiert. Nur die dritte Person mussten wir noch suchen, da uns die Dynamik einer Dreier-Gruppe passender erschien. Hierzu haben wir z.B. über Facebook-Gruppen mit Tourette-Bezug zu einem Casting aufgerufen, aber auch Tourette behandelnde Ärzt*innen gefragt, ob eine*r ihrer Patient*innen vielleicht infrage käme. Mit mehreren Personen haben wir dann intensiv gesprochen und geschaut, wer denn noch am besten in die Gruppe passen könnte. So sind wir zu Leonard Kohlhoff gekommen. Wirklich überzeugen, mit auf die Reise zu kommen, mussten wir zum Glück niemanden. Zu groß war das Interesse an dem Projekt und die Lust auf die lappländische Ruhe.
Ich weiß gar nicht, ob ich wirklich von einer „Arbeit mit den Protagonist*innen“ sprechen kann, da es in erster Linie darum ging, auf eine gemeinsame Reise zu gehen und zu schauen, was sich entwickelt und ob sich unsere Thesen bewahrheiten. Über einen längeren Zeitraum so dicht aufeinander – neben den Protagonist*innen gab es ja auch noch das Team – ergeben sich natürlich auch mal Spannungen. Aber es war toll, Daniel, Marika und Leo als Menschen kennenzulernen und auch von ihnen zu lernen.

Welche Erkenntnisse haben Dich im Laufe der Dreharbeiten besonders überrascht?

Besonders überrascht hat mich, wie wenig die Tics mich doch irgendwann gestört haben. Die waren einfach wie ein Hintergrundrauschen. Das ging nicht allen so. Insbesondere Marika wurde sehr durch die Tics der anderen gefordert. Dies behandeln wir ja auch im Film. Mich hat es aber dazu veranlasst, noch einmal genau zu hinterfragen, wie Vorurteile unser Denken oftmals bestimmen. Wenn wir uns, auch in anderen Bereichen, davon freimachen könnten, wären vielen und auch unserem Miteinander sehr geholfen. Aber darum geht es ja auch schlussendlich im Film: nicht, dass wir Menschen, die einer bestimmten Norm nicht entsprechen, ins Nirgendwo verbannen oder ihnen das Gefühl geben, sich am besten zu verstecken, sondern dass wir ihnen als Gesellschaft ermöglichen, so zu sein, wie sie sind, ohne sich deshalb schlecht zu fühlen.

Du dankst im Abspann Deines Films unter anderem dem Institut für Systemische Motorikforschung sowie einigen Unis, Hochschulen und Kliniken. Welche wichtigen Anlaufstellen für Tourette-Betroffene gibt es in Deutschland und Europa?

Im Rahmen des Filmprojekts gab es eine große Unterstützung einiger Institutionen und Personen, die sich der Tourette-Forschung widmen. Wichtig war uns eine medizinisch korrekte Sicht auf Tourette und die möglichen Therapien, da in den Medien und auch sozialen Medien oftmals nur sehr spektakuläre Formen präsentiert werden. Dies verunsichert oft Betroffene oder Eltern von betroffenen Kindern. Als Anlaufstellen würden ich darum erst einmal die Tourette-Gesellschaft Deutschland und den Interessenverband Tic empfehlen, die dann auch ganz individuelle Hilfsangebote vermitteln können.

Biografie

THOMAS OSWALD wurde 1980 in Seesen, Niedersachsen, geboren. Er studierte Film an der HfbK Hamburg bei Wim Wenders. Seit seinem Abschluss 2008 arbeitet er als freier Kameramann und Regisseur. Er war Bildgestalter bei einer Vielzahl von Projekten, von Dokumentarfilmen über kommerzielle Projekte bis hin zu experimentellen Arbeiten. Neben seiner Tätigkeit als Kameramann entwickelt und produziert er auch eigene Dokumentarfilme. „Tics – Mit Tourette nach Lappland“ ist sein zweiter abendfüllender Dokumentarfilm.

  • 2007

    „Les Temps Qui Changent“ (KF), Regie & Kamera

  • 2010

    „Nicht mein Ding“ (KF), Kamera; Regie: Hans Helle

  • 2011

    „Ein Mädchen namens Yssabeau“ (KF), Kamera; Regie: Rosanna Cuellar

  • 2012

    „Caves of the Dead“ (Dok., 3D), Kamera; Regie: Norbert Vander

  • 2016

    „Warum lacht Herr W.?“ (Dok.), Kamera; Regie: Jana Papenbroock

  • 2016

    „Im Mittelpunkt der Welt“ (Dok.), Regie & Kamera

  • 2017

    „La Llorona“ (KF, 3D), Kamera; Regie: Rosana Cuellar

  • 2021

    „Tics – Mit Tourette nach Lappland“, Regie & Kamera

Credits

Crew

Buch & Regie

Thomas Oswald

Idee

Agentur für Überschüsse, Alexander Münchau, Hans-Jörg Kapp

Mitarbeit

Sarah Miklody

Dramaturgie

Hans-Jörg Kapp

Bildgestaltung

Thomas Oswald

Ton

Patrick Dadaczynski

Montage

Ulf Groote, Thomas Oswald

Sounddesign

Simone Weber

Titelgestaltung

Michael Bremner

Farbkorrektur

Ulf Groote, Bine Jankowski

Tonmischung

Stefan Konken (Konken Studios)

Musikaufnahme & Mix

Marcus Herzog (Syrinx Productions)

Produzenten

Thomas Oswald, Alexander Münchau

eine Produktion von Rainville & Oswald GbR

im Verleih von Salzgeber