Die Frauen seines Lebens

von Ahepka Yves Moïse N’Guessan

Aus dem Französischen übersetzt von Christiane Landgrebe

Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 160 Seiten
Veröffentlichung: Mai 2024

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Die Frauen seines Lebens

Abidjan, Côte d’Ivoire, heute: Als der erfolgreiche Arzt Marco von seiner Frau Linda beim Sex mit einem Mann erwischt wird, stürzt das Lügengebäude seiner Existenz ein. Wie konnte es so weit kommen? Die Antwort liegt nicht nur bei Marco selbst, sondern auch bei den Frauen seines Lebens: seiner Mutter, seiner Tochter und Linda. Sie alle blicken in diesem Roman zurück – entwaffnend, schonungslos, geeint durch die seelischen Narben der Vergangenheit.

Vier Schicksale, vier Stimmen: Ahepka Yves Moïse N’Guessan lässt in „Die Frauen seines Lebens“ nicht nur den geläuterten Marco sprechen, sondern auch dessen Mutter, Ehefrau und Tochter. Der multiperspektivische Ansatz verdeutlicht nicht nur die unterschiedlichen Standpunkte der Hauptfiguren, sondern verfolgt sie in radikal persönlichen Schilderungen zu ihren Ursprüngen zurück. So greift der Roman neben Homosexualität auch die Themen Drogenmissbrauch, Zwangsheirat und Genitalverstümmelung auf. Ein erschütterndes Gleichnis über die zerstörerische Sprengkraft gesellschaftlicher Zwänge.

BIOGRAFIE

AHEPKA YVES MOΪSE N’GUESSAN studierte Mathematik und Informatik an der Universität von Abidjan, Elfenbeinküste. Während seines Studiums las N’Guessan das Buch „Zurück in die Heimat“ des afrokaribisch-französischen Autors Aimé Césaire. Die Lektüre beeindruckte ihn so nachhaltig, dass er beschloss, selbst gegen politische Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Tabus anzuschreiben. „Die Frauen seines Lebens“ ist sein erster Roman. Das französische Original erschien 2019. Im Jahr 2022 wurde N’Guessan mit dem ersten Preis des ivorischen Literaturwettbewerbs La Plume du Jeune Écrivain ausgezeichnet.

LESEPROBE
AUSZUG AUS „DIE FRAUEN SEINES LEBENS“ VON AHEPKA YVES MOΪSE N’GUESSAN

KAPITEL 2: DU SOLLST NICHT LIEBENDIE MUTTER

„Aber Mama, die Zeiten haben sich geändert!“

Das ist der Lieblingssatz meines Sohnes Marco, wenn er mir klarmachen will, dass meine Meinung zu einem bestimmten Thema überholt oder hinfällig ist. Dann sieht er mich mit großen Augen an und schüttelt mit Nachdruck den Kopf, um seine Ablehnung zu unterstreichen. Oft findet er meine Sicht der Dinge altmodisch, archaisch, typisch für die älteren Generationen. Aber Marco vergisst, dass ich länger auf der Welt bin als er, durch verschiedenste Zeiten gegangen bin, Stürme und Unglücke hinter mich gebracht und das Schlimmste kennengelernt habe, das ein Mensch erleben kann. Es ist nicht wahr, was er sagt. Die Zeiten haben sich nicht geändert. Die Sonne geht immer noch im Osten auf und am Abend im Westen unter, und der Mensch ist immer noch unerbittlich, sadistisch und wahnsinnig im Angesicht all der Dinge, die er nicht versteht und nicht im Griff hat.

Anders als die meisten meiner Altersgenossinnen habe ich ein ziemlich langes Leben hinter mir. Wenn der Sensenmann mich nicht vorher meiner Familie raubt, werde ich in drei Monaten achtundsiebzig. Seit zwei Jahrzehnten bin ich Witwe, das Leben hat mir einen Sohn geschenkt, ich habe eine wunderbare Enkelin und eine reizende Schwiegertochter.

Ich habe hart für den Zusammenhalt meiner Familie gekämpft, damit ich dieses Leben unbescholten und ohne Reue verlassen kann. Ich bin sicher, dass ich einen gerechten Kampf gekämpft habe. Aber er ist noch nicht vorbei. Er dauert ewig. Und am Horizont zeichnet sich schon der nächste Krieg ab.

Heute Morgen hat Marco mich angerufen. Seine Stimme war ganz ruhig, zu ruhig in Anbetracht der Stürme, die gestern sein Zuhause verwüstet haben. Er fragte, ob er bei mir vorbeikommen kann.

„Mutter, ich muss mit dir reden, ich muss dir ein Geheimnis verraten, das ich zu lange gehütet habe“, kündigte er ohne große Vorrede an.

Seitdem ist mir ganz übel vor Angst. Schon lange habe ich den Moment gefürchtet, in dem er mir sein Herz öffnet, um mir Geheimnisse zu erzählen, die in den dunkelsten, intimsten Hinterzimmern seiner Seele kauern. Ich ahne, was er mir erzählen will, all den Horror, den er erlebt, all die abscheulichen, unwürdigen Taten, derer er sich schuldig gemacht hat.

Aber ich will nichts darüber wissen. Jahrelang habe ich mir eingeredet, dass das alles nur in meiner Einbildung stattfindet, dass ich nicht ein Kind dieser Art auf die Welt gebracht habe. Gott kann mir nicht auch noch diese Prüfung auferlegen. Das ist nicht gerecht. Ich habe schon genug für die Missetaten gebüßt, die ich in meiner Jugend verübt habe. Die Bibel sagt, der Herr ist geduldig in seinem Zorn, und dass seine Strafe bis in die dritte und vierte Generation reichen kann. Bei mir und meiner Familie ist das so. Ich habe gesündigt. Ich habe zwei Verbrechen begangen. An meinen Händen klebt das Blut zweier Menschen. Der eine ist unschuldig, ich beweine ihn jede Nacht, der andere ein sadistisches Scheusal, das sein Schicksal verdient hat.

Ich habe meine Kräfte in den Kämpfen, die ich im Lauf meines Lebens ausgefochten habe, erschöpft. In meiner Jugend wollte ich eine freie, emanzipierte Frau sein, die Hauptdarstellerin meiner eigenen Geschichte, doch ich musste bald begreifen, dass Freiheit etwas für westliche Länder ist, in denen die Frauen frei geboren werden und den Männern gleichgestellt sind. Zuletzt war ich feige, habe die Augen verschlossen, kapituliert und Marco in dem schrecklichen Kampf gegen sich selbst und das unbekannte Böse, das in ihm wuchs und ihn ins Unglück stürzte, im Stich gelassen. Es ist nicht so, dass ich sie nicht wahrgenommen hätte, die verzweifelten Momente, in denen er in seinem Zimmer inbrünstig betete, bis er mit achtzehn Jahren schließlich der Sünde anheimfiel.

Marco muss in mir eine Mutter sehen, die ihn bei seinen Schwierigkeiten nicht unterstützt hat, die hätte versuchen müssen, ihm zuzuhören, ihn zu verstehen. Aber hatte ich eine Wahl? Hatte ich das Recht zuzulassen, dass er einem Niedergang anheimfällt, der ihn zu einem Paria macht, zu einem Verdammten, der die ganze Welt gegen sich hat? Ich bin sicher, dieses Leben würde ihn töten. Mein Mutterherz könnte es nicht ertragen, ihn auf diese Weise leiden zu sehen.

Marco hat nie das Gefühl haben müssen, ausgestoßen zu sein, isoliert und verleugnet, ein Unberührbarer. Ich dagegen habe das Leid in seiner härtesten, reinsten, ursprünglichsten Form kennengelernt. Ich weiß, zu welcher Grausamkeit Menschen fähig sind, wenn sie sich bedroht fühlen und wenn sie ihren niedersten Instinkten freien Lauf lassen. Die Schrecken dieser Barbarei, ich werde sie niemals vergessen.

Mit sechzehn gehörte ich zu den schönsten und anmutigsten Mädchen der Gemeinschaft von Oukpa, dem Dorf, in dem ich meine gesamte Kindheit verbracht habe. Ich war der Inbegriff des rebellischen Mädchens, das bestimmte Sitten abschaffen wollte, die es als demütigend empfand. Diesen Wesenszug hat Marco von mir. Trotz aller Warnungen und Belehrungen meiner Eltern beharrte ich auf meinen Standpunkten. Besonders unerträglich war für mich die Tradition, nach der sich die Frauen ihren künftigen Ehemann nicht selbst aussuchen durften, dass sie auf dem Heiratsmarkt präsentiert wurden wie eine Ware, die dem zugesprochen wird, der am meisten bietet.

Der freie Wille von Frauen war in meinem Dorf weniger wert als nichts und gegen diese rückständige Sitte wollte ich mich wehren. Denn ich war verliebt. Mein Herz hatte sich einen Mann erwählt und schlug nur für ihn: Eloya.

Eloya stammte aus einer Fischerfamilie, auf die alle Dorfbewohner herabsahen, weil sie arm war. Er war einen Meter achtzig groß, hatte einen athletischen Körper, ein schmales Gesicht und große Augen, deren Weiß so rein war, dass ich mich ganz darin verlieren konnte. Ich fand, er war ein schöner Mann. Seine gesamte Erscheinung weckte meine Zuversicht und mein Vertrauen, und seine Gesellschaft war so angenehm, dass ich mich heimlich von zu Hause wegschlich, um meine freie Zeit mit ihm zu verbringen. Oft nahm er mich am Nachmittag, wenn die Sonne schon niedrig stand, in seiner Piroge mit auf den Fluss Goué, der an unserem Dorf vorbeiführte. Dann versuchte er, mir die Kunst des Ruderns und den perfekten Paddelschlag beizubringen. Ich liebte es, zwischen seinen Beinen zu sitzen und die Reibung seiner starken Arme an meinen zu spüren, während er mir die korrekte Haltung und die technischen Kniffe erklärte.

Der Fluss war stets ruhig und friedlich. Sanft und scheinbar geräuschlos floss er dahin, doch denen, die richtig zuzuhören wussten, schenkte er die Musik seiner Seele. Wenn wir uns weit genug vom Ufer entfernt hatten, nahm mir Eloya das Paddel aus der Hand, forderte mich auf, die Augen zu schließen und der Stimme des Wassers zu lauschen. Anfangs hörte ich sie nicht. Ich lachte sogar über Eloya, wenn er sagte, der Goué erzähle ihm von der Vergangenheit und der Zukunft, denn der Punkt, an dem wir uns befänden, sei der Ort, an dem der Fluss einst entsprungen war. Dennoch hörte ich gerne zu, wenn er von den großen Schlachten erzählte, die im Lauf der Jahrhunderte in der Umgebung stattgefunden hatten, und von den Millionen vergossener Tränen, aus denen der Fluss entstanden sei. Ich fand, das waren schöne Geschichten. Dass ich sie für wenig glaubhaft hielt, sagte ich nicht, zu sehr genoss ich es, Eloyas Stimme zu hören und in seinen Armen zu liegen.

Dann erlebte ich eines Nachmittags ohne jede Vorwarnung etwas, das mir noch heute die Tränen in die Augen treibt. Während ich wie immer in Eloyas Armen lag, streichelte er mir sanft die Hände, den Bauch und die Beine. Ich hatte die Augen geschlossen, als plötzlich eine noch zartere, leichtere Berührung meine Wangen, meine Schultern und schließlich meinen ganzen Körper streifte. Es war der Wind, der mich umwehte und meine Haut flüchtig mit seiner unsichtbaren Hand berührte. Als ich tief einatmete, kam mir die Luft viel reiner und klarer vor als sonst, sie war eine Wohltat für die Lungen. Und dann vernahm ich ihn plötzlich, den Gesang des Flusses. Schön und melodisch wie keine andere Musik, die ich je in meinem Leben gehört hatte, stieg er aus der Stille empor. Ich hatte das Gefühl, die Stimme jedes einzelnen Wassertropfens zu hören, aus denen sich der riesige Strom zusammensetzte. Eine demütige Ergriffenheit über das Wunderwerk der Schöpfung erfasste mich und ich hatte das Gefühl zu verschmelzen mit dem Moment, der Melodie und dem Universum. Ich hätte weinen können vor Glück und Dankbarkeit über diesen Moment der Offenbarung, doch als ich die Augen aufschlug und mich umwandte, war da er: Eloya.

An diesem Nachmittag auf der Piroge, die so ruhig auf der Wasseroberfläche lag, als wären wir auf dem Festland, kamen wir uns ganz nahe. Unsere Körper und Sinne vereinigten sich und wir gehörten einander zum ersten Mal voll und ganz.

Eloya öffnete eine Tür in meinem Herzen. Sie blieb noch eine ganze Weile offen. Wenn auch leider viel zu kurz. Eloya und ich waren unsterblich ineinander verliebt. Ein Leben ohne ihn konnte ich mir schon bald nicht mehr vorstellen. Ich brauchte seine Geschichten und seine Lebensfreude wie die Luft zum Atmen. Das Gleiche galt für unsere Gespräche über die in der Zeit verloren gegangene Ehrfurcht vor der Schöpfung und all die tief in der Erde verborgenen Erinnerungen an unsere Ursprünge, die nur darauf warteten, entdeckt und geborgen zu werden. An Eloyas Seite fühlte ich mich geborgen, verstanden und komplett. Er war die Freude meines Lebens, die mein ganzes Dasein erhellte.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Eloya zu meinen Eltern gehen und um meine Hand anhalten würde. Eines Abends war es so weit. Er versammelte seine Vorfahren und einige Ältere des Dorfes und ging zu meinem Vater. Während sie an jenem Abend im Appatam, der überdachten Halle, saßen und Bandji, Palmwein, tranken, war ich in der Küche und half meiner Mutter, das Abendessen vorzubereiten. Immer wieder spitzte ich die Ohren. Sie tranken den Bandji in bester Stimmung, doch als Eloya seinen Antrag vorbrachte, lehnte mein Vater kategorisch ab und weigerte sich, ihm meine Hand zu übergeben. Als ich das hörte, glitt mir die Platte mit dem Abendessen aus der Hand und fiel krachend zu Boden. Dafür schlug mich mein Vater ohne Zurückhaltung und Erbarmen.

Aber es kam noch schlimmer. Nachdem die Gäste gegangen waren, teilte er mir mit, er habe mich schon Motobé versprochen, dem großen, mächtigen Motobé. Er war der reichste Bauer der Gegend, in seinen Sechzigern und hatte bereits sechs Ehefrauen, die ihm insgesamt neunundzwanzig Kinder geschenkt hatten. Man sagte über ihn, er sei ein echter Despot und im Bett ein Sadist. Ich war fassungslos, dass meine Eltern bereit waren, mich diesem unersättlichen Wolf in den Rachen zu werfen.

So beschloss ich, mit Eloya zu fliehen. Mir war klar, dass ich durch eine Flucht meine Familie in Verruf bringen würde. Meine Angehörigen würden mich verfluchen und für immer aus dem Kreis ihrer Gemeinschaft verstoßen, aber das war mir gleichgültig. Lieber lebte ich fernab der Familie mein Glück, als mich für den Rest meiner Tage Unterdrückung und Leid unterzuordnen.

Eloya und ich planten unsere Flucht bis ins kleinste Detail. Sie sollte eine Woche, nachdem mein Vater ihm meine Hand verweigert hatte, stattfinden. Vor dem Morgengrauen wollten wir uns am Flussufer treffen und dann den größten Teil unserer Reise auf dem Wasser zurücklegen. Es war ein Aufbruch in eine ferne, unbekannte Welt, von der wir uns Zuflucht erhofften.

Bevor der heißersehnte Tag anbrach, machte ich die ganze Nacht kein Auge zu. Schon vor dem ersten Hahnenschrei erreichte ich den Fluss. Stundenlang wartete ich in quälender Angst und morgendlicher Kälte auf Eloya, den Blick in die Ferne gerichtet und stille Tränen vergießend. Denn ich ahnte schon, dass er nicht kommen würde. Die Stimmen des Flusses verrieten es mir. Sie erzählten die Geschichte eines jungen Fischers, der im Morgengrauen mit seiner Liebsten fliehen wollte, jedoch auf dem Weg zu ihr blutig zusammengeschlagen, geknebelt und mit einem schweren Stein am Fuß ins Wasser geworfen wurde. Doch die Seele des jungen Mannes flüsterte seiner Liebsten zu, sie solle nicht um ihn weinen, denn in der Stunde seines Todes habe er nur an sie gedacht, die er mehr geliebt habe als sein eigenes Leben.

Mein Schmerz war unbeschreiblich. Er zerriss mich innerlich. Für einen Moment glaubte ich, mein Herz würde aufhören zu schlagen, so stark schien es von der Last der Trauer zusammengedrückt zu werden. Meine Eingeweide und mein Magen verkrampften sich. Ich dachte, ich würde sterben und meinem Liebsten nachfolgen.

Nach diesem Tag hörte man nie wieder etwas von Eloya. Weder wurde er von irgendwem erwähnt noch offiziell für tot erklärt. Ich beschloss, Nachforschungen anzustellen. Dabei merkte ich, dass Motobé mich von zwei Kolossen beschatten ließ, die als brutale Grobiane verschrien waren. Eines Abends belauschte ich sie, während sie Bandji tranken und sich damit rühmten, Eloya wie einen Stein versenkt zu haben. Als ich das hörte, schwor ich mir, meinen Liebsten, den ich nicht hatte lieben dürfen, zu rächen …