
ein Film von Gustavo Vinagre & Vinícius Couto
Brasilien 2026, 75 Minuten, portugiesische Originalfassung mit deutschen Untertiteln
In einer Wohnung in São Paulo treffen sich Matias und Ricardo zum One-Night-Stand. Später kommen weitere Menschen dazu. Sie haben Sex, philosophieren und tauschen Erfahrungen aus, nehmen Drogen. Während dieser queeren Schlafzimmer-Odyssee schwelgt Matias in Erinnerungen an vergangene Liebschaften und fantasiert über die Zukunft, während er sich mit einer fiktiven Figur aus der brasilianischen Literatur unterhält.
Als orgiastisches Kammerspiel in einer Welt des magischen Realismus inszenieren Gustavo Vinagre und Vinícius Couto einen kompromisslos queeren Körper-Reigen zwischen Lust am Rausch und gelebter Grenzerfahrung. „Die Passion nach G.H.B.“ erzählt dabei die vielschichtige Realität von Chemsex mit all ihren inneren Widersprüchen. Ein Film der Körper und des Geistes, so kinky wie komplex.
„Die Passion nach G.H.B.“ entspringt dem dringenden Bedürfnis, das Schweigen rund um Chemsex in unserer Community zu durchbrechen. Wir wollten eine Party nachstellen – nicht als Spektakel, sondern als Erinnerungsort und Sinneserlebnis, in dem sich Begierde, Intimität und Rausch miteinander verflechten. Der Film bewegt sich in einem fragilen Spannungsfeld zwischen Gesundheit und Entscheidungsfreiheit, Fürsorge und Lust, Schadensminderung und einer kapitalistischen Logik, die Körper zu endlosem Konsum treibt. Verbergen Drogen eine Form langsamer Gewalt gegen queere Leben?
Die Filmstruktur spiegelt diese Spannung wider: die erste Hälfte ist getrieben von Leidenschaft und Exzess; die zweite geprägt von Rückfällen, Wiederholung und Zusammenbruch – der vertraute Kreislauf zwischen „nie wieder“ und dem Verlangen nach mehr. Sex zeigen wir direkt und unzensiert, während der Drogenkonsum abstrakt bleibt. Der Rausch wird zur Performance: Unsichtbare Drogen, nachgebildet durch Körper, Gesten und Vorstellung, bringen den Film dem Ritual näher als der Beobachtung.
Während sich der Film nach innen wendet, öffnet das Verlangen Raum für Angst, Trauer, Einsamkeit und Liebe. Für uns ist die Reduzierung von Risikos untrennbar mit Zuneigung, Anwesenheit und Aufmerksamkeit verbunden. Chemsex offenbart eine Fantasie möglicher Liebe – intensiv, leuchtend und vergänglich. Dieser Film ist kein moralisches Urteil, sondern ein Versuch, uns unseren Widersprüchen zu stellen und zu fragen, wie Begierde, Ausbruch und Überleben in einer Welt koexistieren, die einer queeren Existenz nach wie vor zutiefst feindlich gegenübersteht.
Der Titel entstand zunächst fast zufällig als Scherz – Clarice Lispectors Literaturklassiker „Die Passion nach G.H.“ in eine schwule Orgie zu versetzen. Doch mit der Zeit erwies sich dieser Bezug als wesentlich. Clarices G.H. kann die Realität nicht ertragen, nimmt etwas Unbekanntes zu sich und verliert die Sprache. Ihre Erfahrung von Dissoziation, Fragmentierung und Stille findet in unserem Film ein starkes Echo.
GUSTAVO VINAGRE (Regie, Drehbuch, Produzent), 1985 geboren, ist ein brasilianischer Filmemacher, der sowohl im Bereich Dokumentarfilm und Fiktion arbeitet. Er schloss ein Studium an der Internationalen Hochschule für Film und Fernsehen Kuba ab und studierte Literatur an der Universität von São Paulo. Seine Kurzfilme „Film for a Blind Poet“ (2012) und „Nova Dubai“ (2014) liefen beide im Programm des Internationalen Filmfestivals Rotterdam. Sein erster Langfilm, „I Remember the Crows“ (2018), wurde beim Cinéma Du Réel mit dem Joris-Ivens-Preis und dem Preis der Jugendjury ausgezeichnet. Sein Folgewerk, in Zusammenarbeit mit Rodrigo Carneiro, „The Blue Flower of Novalis“ (2019), feierte im Panorama der Berlinale Premiere, und „Divinely Evil“ (2020) im Forum. „Three Tidy Tigers Tied a Tie Tighter“ gewann 2022 den Teddy Award. Sein neuester Spielfilm „Die Passion nach G.H.B.“ feierte seine Weltpremiere in Rotterdam.
Filmografie als Regisseur (Auswahl)
2012
„Film for a Blind Poet“ (KF, Dok.)
2014
„New Dubai“ (KF)
2014
„La llamada“ (KF)
2016
„The Care One Takes of the Care Others Must Take Themselves“ (KF)
2018
„I Remember the Crows“ (Dok.)
2019
„The Blue Flowers of Novalis“
2020
„Vil, Má“
2021
„Desaprender a Dormir“
2021
„Adentro“ (KF)
2021
„„Deus tem AIDS“ (Dok.)
2024
„Three Tidy Tigers Tied a Tie Tighter“
2026
„Privadas de Suas Vidas“
2026
„Die Passion nach G.H.B.“
VINICIUS COUTO (Regie, Drehbuch, Darsteller; Matias/Er selbst) wurde 1988 geboren. Er ist ein brasilianischer Künstler und Creative Director und lebt in Portugal. Seine künstlerische Arbeit findet statt an der Schnittstelle von Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Sexualität, sozialer Schicht und der Territorialität queerer Migrant:innen mit dem Ziel ihre Reflexion in zeitgenössischen soziokulturellen Dynamiken zu ermöglichen. 2016 entschloss er sich seinen Status als HIV-Positiv öffentlich zu machen. 2017 schuf er „Libertar-ser“ (2017) und im darauffolgenden Jahr das Kunstwerk „Undetectable = Untransmissible“, das auf der Cairo Biennale Premiere feierte und 2019 im Museu de Arte Moderna de São Paulo ausgestellt wurde sowie und im Hélio Oiticica Kulturzentrum Rio de Janeiro.
Regie & Buch
Gustavo Vinagre, Vinícius Couto
Kamera
Matheus da Rocha Pereira, André Sicuro
Schnitt
Gabriel Fausztino
Farbkorrektur
João Marcos de Almeida
Ton
Rodney Blanco
Tonmischung
Lázaro Uilgner
Musik
João Marcos de Almeida
Ausführende Produzenten
Gustavo Vinagre, Rodrigo Carneiro
Produktionsassistenz
Caio H. Gava
Produzent
Gustavo Vinagre
Matias / Er selbst
Vinícius Couto
Ricardo / Er selbst
Igor Mo
Free Wolf / Er selbst
Rodrigo Campos
Lucas / Er selbst
Luciano Falcão
G.H.
Christiane Tricerri
Er Selbst
Jessé Jorge
Eine Produktion von carneiro-verde Filmes
in Koproduktion mit Filmes do Caixote
mit Unterstützung von Visual Aids, Confraria de Sons & Charutos, Projeto Paradiso, Spcine
im Verleih von Salzgeber