Mann im Bad
MANN IM BAD
Mann im Bad
Demnächst als DVD & VoD

Mann im Bad

ein Film von Christophe Honoré

Frankreich 2010, 72 Minuten, französische Originalfassung und deutsche Fassung

FSK 18

Mann im Bad

Regisseur Omar und Sexworker Emmanuel sind seit Jahren ein Paar, aber sie lieben sich nicht mehr. Als Omar nach New York abreist, um seinen neuen Film vorzustellen, stellt er seinem Ex ein Ultimatum: Wenn er wieder zurückkommt, soll Emmanuel aus der gemeinsamen Wohnung in Gennevilliers, einem Vorort von Paris, ausgezogen sein. Doch der denkt gar nicht daran, das Haus zu verlassen. In den nächsten Tagen tun die beiden, einen Ozean voneinander entfernt, alles dafür um sich zu beweisen, dass es mit ihrer Liebe endgültig vorbei ist.

Für sein explizites Liebesdrama „Mann im Bad“ besetzte Christophe Honoré („Chanson der liebe“, „Sorry Angel“) den französischen Porno-Superstar François Sagat für die Hauptrolle und entwickelt aus dessen beeindruckender Physis eine filmische Studie über Lust, Begehren und tiefe Melancholie. Sagat definiere für ihn den Begriff der Männlichkeit völlig neu, sagte Honoré später in einem Interview. Der Titel des semidokumentarischen Films bezieht sich auf das berühmte gleichnamige Gemälde von Gustave Caillebotte, auf dem sich ein Mann nach einem Bad den Rücken abtrocknet.

Mann im Bad
MANN IM BAD

Trailer

Hintergrund
Die Geschichte des Drehs

Manche Filme passieren unerwartet. Das bedeutet nicht, dass da weniger Begehren ist sie zu machen; nur, dass ihre Produktion in einer Weise getacktet ist, die unvorhersehbar ist, dadurch bedingt, dass der Film aus einer Situation kommt, in der man nur etwas „versuchen“ wollte. So war es mit diesem. Es war eine merkwürdige und erfüllende Erfahrung plötzlich einen Film zu machen, der gleichzeitig intim ist und, wie ich hoffe, für jede:m zugänglich. Die Fähigkeiten, die ich durch frühere Drehs erlangt habe, haben mir definitiv dabei geholfen gelassen zu sein und ich ganz frei schreiben konnte. Wie alle Filmschaffenden weiß ich nur zu gut, wie schwierig es ist, einen Spielfilm zu realisieren, und so konnte ich mich daran erfreuen, wie unverfroren dieser Film zustande kam.

Als Bretone hatte ich immer Schwierigkeiten, mir die Pariser Vorstädte als etwas Anderes vorzustellen als eine Provinz, in der Paris zwar zugänglich, aber unantastbar ist. Ich komme aus einer Provinz, in der Paris ein weit entfernter Sehnsuchtsort ist. Ich hatte die etwas oberflächliche Vorstellung, dass eine Provinz, die so nah an Paris liegt – auf Armeslänge, aber dennoch nicht beachtet wird – nicht zum Träumen einlädt, sondern zu Frustration führt; eine Logik, die auf Demütigung und Misserfolg beruht. Eine Logik, die eher Rache als Sehnsucht hervorruft. Ich wollte die Einladung von Pascal Rambert zu Dreharbeiten in Gennevilliers nutzen, um meine vorgefassten Meinungen über einen Vorort zu überwinden, auf den ich sicherlich neidisch sein würde. Und mit der Wahl des Viertels, das als eines der heißesten der Stadt gilt (Le Luth, wo uns die Stadtverwaltung aus diesem Grund keine Drehgenehmigung erteilte), wollte ich das Wort “heiß” eher im erotischen als im gewalttätigen Sinne verstehen, den es im Französischen haben kann. Ich stellte mir dort eine utopische Umgebung vor, in der Begehren ohne Angst ausgedrückt werden kann.

Ich hatte keine Vorstellung von Gennevilliers, abgesehen vom Theater, dessen eindrucksvollem Saal und den Containern im Hafen, wo ich illegaler Weise einen Freund fotografiert hatte, kurz nachdem ich in Paris angekommen war. Aber allein der Name Gennevilliers ruft den Namen des Künstlers Gustave Caillebotte in Erinnerung, der dort für viele Jahre gelebt hat. Und dann erinnert man sich dieses Bildes, „Mann im Bad“ (Homme au Bain). In diesem sieht man einen Mann von hinten, der sich mit einem grauen Handtuch in einem weißen Badezimmer abtrocknet, indem eine Zinkbadewanne steht. Seine nassen Füße hinterlassen Spuren auf dem Fußboden. Das war damals ein sehr kühnes Gemälde, Ende des 19. Jahrhunderts; diese virile Figur, die in einer privaten Situation ertappt wird, ist normalerweise ein bevorzugtes Sujet für erotische Kunst, die Frauen abbildet. Die männliche Aktmalerei war hauptsächlich der Darstellung von Helden und Göttern vorbehalten. Aber einfach ein nackter Mann, der mit Zärtlichkeit in einem intimen Moment betrachtet wird, zugleich verletzlich und berührend … In meinen Filmen habe ich mich zunehmend der Sprache gewidmet. Dieses Mal jedoch wollte ich einen Film über Körper machen. Die gestählte, misshandelte, übertriebene Körperlichkeit von Emmanuels Figur in den Fokus nehmen. Sowie die lockeren, ethnisch gemischten Körper seiner sukzessiven Liebhaber.

So habe ich dieses Mal mein Thema gefunden: eine Geschichte im frühen 21. Jahrhundert als Antwort auf diesen Mann im Bad vom Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Geschichte über alltägliche Virilität die selten betrachtet wird, abseits dieser großspurigen Idee von Virilität.

Glücklicherweise sind Filme keine Subjekte. Sie verändern sich durch die Gegebenheiten ihrer Produktion. Als ich also damit angefangen habe Drehorte in Gennevilliers zu scouten, ergab sich für mich die Gelegenheit mit Chiara Mastroianni nach New York zu reisen. Ich nahm einen kleinen DV-Camcorder mit und, weil ich zu ungeduldig war meinen Film erst in Gennevilliers zu realisieren, begann ich ein persönlicheres, sentimentales Echo der Geschichte zu machen. Wie für ein Notizbuch vor Drehbeginn, erfand ich Sequenzen basierend auf unseren Erfahrungen im Big Apple. Und graduell begann ich damit das Drehbuch der Gennevilliers Geschichte um das Gegengewicht New York zu erweitern. Das Projekt „Mann im Bad“ wurde komplexer durch das vorher ungeahnte Bedürfnis dieses Filmtagebuch in das fiktionale Material zu integrieren, sowie den Wunsch eine Schauspielerin durch dokumentarische Elemente einzubinden.

Am Ende stehen also zwei Städte; Genevilliers und New York: Zwei Figuren; François Sagat
und Chiara Mastroianni: zwei Formen; Drama und Dokumentation.

Biografie

CHRISTOPHE HONORÉ (Regie & Buch) wurde 1970 im bretonischen Carhaix geboren und wuchs in Rostrenen auf. Nach dem Studium der modernen Literatur und dem Besuch der Filmschule von Rennes zog er 1995 nach Paris und wurde Kolumnist bei verschiedenen Zeitschriften, darunter auch für die Cahiers du Cinéma.

In den 90er-Jahren veröffentlichte er mehrere Bücher für Jugendliche. Darin beschäftigte er sich oft mit eher schwierigen und „erwachsenen“ Themen. „Tout contre Léo“ (1995) etwa verhandelte den Umgang von Homosexualität und HIV/Aids in der Familie. Später folgten vier Romane in dem renommierten französischen Verlag Les Éditions de l’Olivier. Im Herbst 2017 veröffentlichte er seinen bislang letzten Roman „Ton père“ bei Le Mercure de France.

Honoré war zunächst Co-Autor diverser Drehbücher anderer Regisseure, ehe er 2001 seinen ersten eigenen Spielfilm drehte. „Dix sept fois Cécile Cassard“ wurde in Cannes in der Sektion Un Certain Regard gezeigt. Für seinen zweiten Film „Mein Bruder Leo“ (2002) nahm Honoré sein erstes Jugendbuch „Tout contre Léo“ als Vorlage. Es folgten „Meine Mutter“ (2004, mit Isabelle Huppert und Louis Garrel) und „Dans Paris“ (2006, abermals mit Garrel sowie Romain Duris), die ihm den Ruf einbrachten, einer der aufregendsten Auteurs des jüngeren französischen Kinos zu sein.

Mit dem starbesetzten Musical „Chanson der Liebe“ (u.a. mit Garrel, Ludivine Sagnier und Chiara Mastroianni), eine Hommage an das Kino des früh an Aids verstorbenen Regisseurs Jacques Demys („Die Regenschirme von Cherbourg“, 1964), wurde Honoré das erste Mal in den Wettbewerb von Cannes eingeladen; der Film wurde später für vier Césars nominiert und erhielt den Preis für die Beste Musik. Auf die Literaturverfilmung „Das schöne Mädchen“ (2008), für den Honoré eine César-Nominierung für das Beste adaptierte Drehbuch erhielt, und das Familiendrama „Non, ma fille, tu n’iras pas danser“ (2009) folgte die explizite Körper- und Liebesstudie „Mann im Bad – Tagebuch einer schwulen Liebe“ mit Pornostar François Sagat in der Hauptrolle, die im Wettbewerb von Locarno gezeigt wurde. Mit „Die Liebenden – Von der Last, glücklich zu sein“ – u.a. mit Catherine Deneuve, Garrel und Sagnier – drehte Honoré sein zweites Filmdrama mit Musical-Elementen. Auf seine freie Ovid-Adaption „Métamorphoses“ (2014), die im Wettbewerb von Venedig gezeigt wurde, folgte mit „Les Malheurs de Sophie“ (2016) die Verfilmung eines in Frankreich sehr populären Kinderbuchs. Mit „Sorry Angel“ (2018) kehrte Honoré zehn Jahre nach „Chanson der Liebe“ in den Wettbewerb von Cannes zurück. 2019 lief sein Film „Zimmer 212 – In einer magischen Nacht“ ebenfalls in der Sektion Un Certain Regard in Cannes. Honorés jüngster Film „Der Gymnasiast“ feierte im September 2022 Weltpremiere in Toronto und lief wenige Tage später im Wettbewerb von San Sebastian.

Auf der Bühne hat Honoré drei seiner eigenen Stücke inszeniert: „Les Débutantes“ (1998), „Beautiful Guys“ (2004) und „Dionysos Impuissant“ (2005). Zudem inszenierte er Victor Hugos „Angelo, Tyran de Padoue“ für das Festival von Avignon im Jahr 2009. Honorés Stücke „La Faculté“ und „Un jeune se tue” wurden im Jahr 2012 von anderen Regisseuren auf die Bühne gebracht. Seitdem hat Honoré sein Stück „Nouveau Roman“, das sich mit den Schlüsselfiguren der gleichnamigen Literaturbewegung beschäftigt, und „Fin de l‘Histoire“ über das Werk des polnischen Schriftstellers Witold Gombrowicz inszeniert. Derzeit arbeitet er an „Les Idoles“, einem neuen Bühnenstück, das im Januar 2019 am Théâtre de l’Odéon uraufgeführt wurde. Honoré hat zudem eine Reihe von Opern inszeniert: Poulencs „Dialogues des carmélites“ (2013), Debussys „Pelléas et Mélisande“ (2015) und Verdis „Don Carlos“ (2018) in Lyon und Mozarts „Cosi Fan Tutte“ (2016) sowie Puccinis „Tosca“ (2019) beim Festival Aix-en-Provence. Die Proben für seine Produktion „Le Côté de Guermantes“, basierend auf dem dritten Band von Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, an der Comédie-Française mussten 2020 wegen Corona abgebrochen werden. Stattdessen realisierte Honoré mit der Truppe einen Film über die Produktion selbst und deren Schwierigkeiten, „Guermantes“ (2021).

Filmografie als Regisseur:

  • 2001

    „Nous deux“ (KF)

  • 2001

    „Dix sept fois Cécile Cassard“

  • 2002

    „Mein Bruder Leo“ („Tout contre Léo“)

  • 2004

    „Meine Mutter“ („Ma mère“)

  • 2006

    „Dans Paris“

  • 2007

    „Chanson der Liebe“ („Les chansons d’amour“)

  • 2008

    „Das schöne Mädchen“ („La belle personne“)

  • 2009

    „Non, ma fille, tu n’iras pas danser“

  • 2010

    „Mann im Bad – Tagebuch einer schwulen Liebe“ („Homme au bain“)

  • 2011

    „Die Liebenden – Von der Last, glücklich zu sein“ („Les bien-aimés“)

  • 2014

    „Métamorphoses“

  • 2016

    „Les Malheurs de Sophie“

  • 2018

    „Sorry Angel“ („Plaire, aimer et courir vite“)

  • 2019

    „Zimmer 212 – In einer magischen Nacht“ („Chambre 212“)

  • 2021

    „Guermantes“

  • 2022

    „Der Gymnasiast“ („Le lycéen“)

Credits

Crew

Regie

Christophe Honoré

Kamera

Stephane Vallee

Schnitt

Chantal Hymans

Ton

Nicolas Waschkovski

Szenenbild

Samuel Deshors

Maske

Thomas Majorosi

Tonmischung

Valérie Deloof

Casting

Sebastien Levy

Regieassistenz

Franck Morand

Produzent

Justin Taurand

Produktionsleiter

Franck Morand

Cast

Emmanuel

François Sagat

Die Schauspielerin

Chiara Mastroianni

Dustin

Dustin Segura-Suarez

Omar

Omar Ben Sellem

Rabah

Rabah Zahi

Kate

Kate Moran

Hicham

Lahcen El Mazouzi

Andreas

Andreas Leflamand

Ronald

Ronald Piwele

Junge mit Schnurrbart

Sebastian D'Azeglio

Kates Verlobter

Sébastien Pouderoux

Robin

Dennis Cooper

Eine Les Films du Bélier Produktion.
In Koproduktion mit dem Théâtre de Gennevilliers.
Mit Förderung vom Centre national des arts plastiques (Image/Mouvement)
Ministère de la culture et de la communication
Mit Unterstützung durch Procirep und Angoa

im Verleih von Salzgeber

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