
realisiert von Kristian Petersen in Zusammenarbeit mit Jürgen Brüning Filmproduktion und Manuela Kay
Deutschland 2011, 90 Minuten, mehrsprachige Originalfassung, teilweise mit deutschen Untertiteln
Mit Kurzfilmen von Courtney Trouble, Emilie Jouvet, Manuela Kay, Maria Beatty, Bruce LaBruce, Jürgen Brüning, Kristian Petersen, Todd Verow
Jung, wild und sexy – das ist „Fucking Different“. Was 2004 in Deutschland begann, ist ein weltweites Phänomen geworden: Schwul-lesbische Filmschaffende machen Filme über ihre Annahmen von Lust und Liebe beim jeweils anderen Geschlecht. Für den fünften Teil der Kompilationsfilmreihe versammelt sich nun erstmals ein internationales Ensemble queerer Pornograf:innen zum kinematographischen Experiment: egal ob lesbischer Clubtoiletten-Quickie, biblisches SM-Epos, oder romantische Fisting-Session; die acht Kurzfilme zeigen, wie witzig, heiß und immer aufregend unerwartet Sex in New York, Paris, Berlin oder San Francisco sein kann.
In „Fucking Different XXX“ schaut Kristian Petersen mit den queeren Kultfiguren Manuela Kay und Jürgen Brüning über den Tellerrand des eigenen Begehrens und fragt: was liegt dahinter, was dazwischen und was kann ich davon für mich mitnehmen? Gemeinsam mit Bruce LaBruce, Maria Beatty, Courtney Trouble, Todd Verow und Emilie Jouvet erzählen sie von sexuellem Verlangen als Spaß am Experiment – und fordern mit allerlei Verweisen an queere Bewegungsgeschichte und Popkultur die stereotypen Bilder rund um queeren Sex heraus.
Wie kamst du zu dem Projekt?
Ich war schon beim allerersten »Fucking Different« dabei. Damals, vor sechs Jahren hat mich Kristian Petersen gefragt und ich war begeistert und hatte auch gleich eine Idee. Der Film wurde begeistert auf der Berlinale aufgenommen und lief auf vielen Festivals. Der Erfolg hat sich dann fortgesetzt und Nachahmer in anderen Städten gefunden: Tel Aviv, New York, Sao Paulo. »Fucking Different XXX ist so etwas wie die logische Fortsetzung. Hier bin ich ja auch erstmals als Produzent beteiligt. Kristian Petersen wollte – da das Projekt ja auch gewachsen ist – erfahrene Leute mit ins Boot holen – und so kamen Manuela und ich dazu.
Was war anders bei »Fucking Different XXX«?
Es ist ein internationales Projekt und nicht auf eine Stadt bezogen. Es sollte sexuell explizit sein und die einzige Bedingung war, dass die beteiligten Filmemacher schon mal einen pornographischen Film über ihr eigenes Geschlecht gedreht hatten. Es gab keine weiteren Beschränkungen – alle hatten inhaltlich und künstlerisch freie Hand und die Filme sollten nicht länger als 10 Minuten sein. Jeder von uns hat dann die anderen Filmemacher betreut und auch selber einen Film beigesteuert. Durch die große Offenheit und die geringe Einflussnahme sind viele unterschiedliche Filme entstanden, die eine große Unterschiedlichkeit präsentieren.
Neben deinen unabhängigen Filmproduktionen produzierst Du ja viele schwule Pornos für Wurstfilm. Dein eigener Film Martina XXX war Dein erster Film mit lesbischen Darstellerinnen. Was war das für eine Erfahrung und was waren die Unterschiede?
Es war eine spannende Herausforderung und für uns alle eine tolle Erfahrung. Ich habe mit den Darstellerinnen den Film gemeinsam entwickelt und wir hatten viel Spaß bei der Umsetzung. Kommerzielle Pornos geben nicht diese Freiräume. Da Fucking Different XXX einen anderen Anspruch hatte, sind wir viel spielerischer an die Sache herangegangen. Es sollte authentisch, locker, offen und lustvoll sein. Mir war wichtig, zu zeigen, dass Sex in erster Linie Spaß macht und sehr humorvoll sein kann. Mich hatte Rita Mae Browns Buch »Ruby Fruit Jungle« fasziniert und so kam die Idee mit den exotischen Früchten ins Spiel, mit denen sich die Darstellerinnen bewerfen. Das Sexualität anders gezeigt werden kann, beweisen die vielfältigen Filmproduktionen, die jedes Jahr im Oktober beim Pornfilmfestival Berlin im Moviemento gezeigt werden.
»Fucking Different XXX« hatte auf dem Pornfilmfestival Berlin ja dann auch seine Weltpremiere.
Wir waren alle sehr aufgeregt, da der Film drei Tage vorher fertig wurde. Überrascht wurden wir vom riesigen Interesse, da alle vier Vorstellungen ausverkauft waren und die Zuschauer:nnen begeistert waren.
Wie bist Du auf die »Fucking Different« Idee gekommen?
Im schwulen Welt des Pornos hörte ich oft Gespräche, in denen es immer nur um Gyms, Workouts, Drogen Sexparties usw. ging und da das so außerhalb meines eigenen Lebens war, habe mich irgendwann gefragt, ob ich vielleicht gar nicht schwul sondern lesbisch bin. Ich habe mich dann darüber mit vielen schwulen und lesbischen Freund/Innen unterhalten und war sehr erstaunt über die vielen Stereotype und Klischees über das andere Geschlecht, die da zum Vorschein kamen. Da war dann die Idee geboren, einen Film über das Thema zu machen. Ich kannte viele schwullesbische Berliner Filmemacher, deren Talente gerade ungenutzt waren, weil sie auf die Finanzierung von geplanten Projekten warteten. »Fucking Different« gab uns die Möglichkeit, schnell und kreativ einen Film zu machen, der, da er unabhängig produziert wurde, auch schnell das Licht der Leinwand erblickte.
Der Film war dann auch sehr erfolgreich.
Ja, ich war selber geschockt, dass »Fucking Different« auf der Berlinale lief… Der Film wurde dann auf vielen Festivals weltweit eingeladen. Dies war dann auch der Anstoss weiterzumachen, denn das Ganze war ursprünglich nicht als Serie geplant. Als ich in New York zu Gast war beim »MIX NYC« kam ich auf die Idee, das Ganze in New York zu verwirklichen. Mit den anderen Städten war es ähnlich: Den Anstoß gab jeweils ein Festival, bei dem »Fucking Different « lief und dazu kamen Städte wie Tel Aviv, Sao Paulo. Herausgekommen ist ein Querschnitt der schullesbischen Szene in den verschiedenen Städten.
Wie kam es nun zu der expliziten Variante?
Es ging mir bei meiner Idee von Anfang an um Sexualität und in den vorigen »Fucking Different« Filmen ging es oft um Liebe und Zusammenleben was auch gut war, aber eben nicht ganz das worauf ich hinauswollte. Ich wollte gerne noch etwas machen, das sich konkreter mit querer Sexualität beschäftigt. Auch Transgender wollte ich mehr in den Vordergrund rücken. Um das zu gewährleisten war die Bedingung, dass alle Regisseure schon einmal einen Porno gedreht haben sollten über ihr eigenes Geschlecht. Die Herausforderung war dann, sich vorzustellen, was das andere Geschlecht so “treibt” und worauf es abfährt…
Wenn du dir den fertigen Film ansiehst, was empfindest Du?
Ich bin sehr glücklich mit dem Ergebnis. Es gibt so viele unterschiedliche Blickweisen, Orte und Geschichten, es gibt dokumentarische Filme und experimentelle, es gibt einfach eine sehr große Bandbreite, die das ganze sehr spannend macht…
Was siehst du, wenn Du deinen ersten Beitrag mit dem jetzigen vergleichst.
Damals wollte ich gerne diese Stereotype und Klischees aufgreifen, auf die ich gestoßen bin. Mein Film fängt deswegen sehr stereotyp an. Zwei Frauen haben Sex, so wie sich viele schwule Männer, die ich gesprochen habe, vorstellen. Dieses Klischee wird dann abrupt gebrochen und etwas Unerwartetes passiert. Diesmal war das gar nicht mehr nötig. Ich wollte gerne etwas Dokumentarisches zeigen und so zeige ich zwei Frauen beim einem Quicke in einem Berliner Szeneclub so wie es auch passieren könnte. Ein paar der Szenen um die Sexszene rum, wurden in einem Club während einer Party gedreht. Der Film hat also dokumentarische Elemente und eine mehr oder weniger inszenierte Sex Szene.
Gab es bei den Dreharbeiten irgendwelchen besonderen Vorkommnisse?
Ich habe bei Manuelas Film Kamera gemacht und wir haben in dem Garten von Bekannten gedreht. Wir haben extra einen Wochentag ausgesucht, damit nicht so viele Leute in den umliegenden Gärten anwesend waren. Genau an diesem Tag fand aber nebenan eine Geburtstagsparty statt mit ganz vielen Leuten. Wir waren aber sehr diskret, keiner von denen hat etwas mitbekommen. Später gab es dann noch eine lustige Begebenheit im Berliner Club Südblock, wo ich ja bei den Männer Pissoirs die Sexszene für meinen Film gedreht habe. Vor Kurzem war ich mal wieder dort und kriegte beim Pissen mit, wie sich sich zwei Typen neben mir darüber unterhielten, dass sie dieses Klo doch kürzlich in ‘nem Porno gesehen hatten…
LILITH
ein Film von Maria Beatty
Lilith, die Herrscherin über Träume und Visionen, der schlimmste Albtraum der Männer, wird von ihren eigenen Söhnen bezwungen und überwältigt im Himmel und auf der Erde. Eine andere Sicht auf die Geschichte von Kain und Abel.
MARTINA XXX
ein Film von Jürgen Brüning
Ein spielerischer Nachmittag mit Tennisbällen, großen Bällen, Orangen und anderen Früchten.
NEW KID ON THE BLOCK
ein Film von Emilie Jouvet
Ein Sommer in den 90ern in einer Wohnung in Deutschland. Das Leben des Teenagers Tobias wird kräftig durcheinandergewirbelt von der Ankunft eines jungen Austauschstudenten aus Schweden.
USE. DESTROY. REPEAT
ein Film von Todd Verow
Judy Minx cruist durch die Pariser Tuillerien auf der Suche nach Sex. Sie trifft auf *James. Haben Sie sich schon mal getroffen? Werden Sie sich wiedersehen? *James unterdrückt ein wissendes Lächeln…
BLÜMCHENSEX
ein Film von Manuela Kay
Zwei Männer treffen in der Natur aufeinander und fisten sich. Fisting hat normalerweise einen sehr gewalttätigen Anschein. Aber hier ist es romantisch und sehr intim. Männer werden oft auf ihren Penis reduziert, aber auch Männer haben andere erogene Zonen. Fisting ist außerdem die einzige Sextechnik, die genderneutral ist – jeder hat Hände und einen Hintern.
OFFING JACK
ein Film von Bruce LaBruce
In einem dunklen Raum trifft ein Paar aufeinander, kämpft, liebt sich und kämpft erneut.
DYKE FIGHT
ein Film von Kristian Petersen
Ein sexpositiver Quickie in einer Toilette. Wer ist als Nächste dran?
ANCHOR ANATOMIC
ein Film von Courtney Trouble
Zwei Körper verschmelzen in großer Lust.
MANUELA KAY ist Berlinerin, Journalistin, Verlegerin der SIEGESSÄULE und des L-MAG und Mitarbeiterin beim Pornfilmfestival Berlin. Machte in den 90er-Jahren erste Schritte mit lesbischem Porno („Airport“) und befasst sich seither mit Sexualität aller Art. »Blümchensex« ist ihr erster schwuler Porno.
TODD VEROW wurde 1966 in Bangor, Maine geboren. Er schuf mehrere experimentelle Kurzfilme und arbeitete als DoP unter anderem für Gregg Araki und Jon Moritsugu, bevor er mit der Dennis-Cooper-Adaption „Frisk“ 1996 seinen ersten eigenen Spielfilm realisierte. Mit seiner eigenen Produktionsfirma Bangor Films produzierte er seitdem 35 preisgekrönte Spielfilme und unzählige Kurzfilme, wodurch sein Werk zu den größten eines Auteurs des New Queer Cinema gehört.
BRUCE LABRUCE ist ein kanadischer Filmemacher und gilt als wichtigster Vertreter des nordamerikanisches Queercore-Movements. Sein Film „No Skin Off My Ass“ (1991) gilt als ein Hauptwerk des New Queer Cinema. Es folgten weitere Filme, die seinen Status zementierten: Super 8 ½ (1994) „Hustler White“ (1996), „Skin Flick“ (1998). Anfang der Zweitausender kommt er nach Berlin und findet seine zweite Heimat. Er dreht Filme, wie „The Raspberry Reich“ (2004) und „Otto; or, Up with Dead People“ (2008).
COURTNEY TROUBLE arbeitet seit 2002 als Fotografin, Pornografin und Pornostar und prägte den Begriff des Queer Porn. Ihre Filme zeichnen sich durch ihre Authentizität aus und wurden mit mehreren feministischen Porn Awards ausgezeichnet. Zu ihren bekannten Filmen gehören „Seven Minutes In Heaven: Coming Out!“, „Billy Castro Does The Mission“ und die „Roulette“ Serie.
EMILIE JOUVET ist eine Pariser Regisseurin, Produzentin und Fotografin. Ihre persönlichen, künstlerischen und politischen Arbeiten zeigen einen Blick weg von den üblichen Klischees. „One Night Stand“, ein Meilenstein im queer DIY Porn, gewann den ersten Preis beim Pornfilmfestival 2007. Ihr sex-positives Roadmovie „Too much Pussy!“ wurde 2010 beim Cinémarges Festival Bordeaux uraufgeführt.
KRISTIAN PETERSEN ist Filmemacher, Produzent, Hochschuldozent und Filmkurator. Seit 2009 ist er als Moderator bei der Berlinale (Panorama) tätig. Er ist Programmgestalter für mehrere internationale Filmfestivals (Pornfilm Festival Berlin) und seit 2015 für verschiedene Musikfestivals. (Sziget, Melt!, Lollapalooza, Berlin Festival). In seinen Konzepten hinterfragt er Geschlechterbinarität. Seine Kurzfilmsammlungen „Fucking Different“ wurden auf vielen Filmfestivals weltweit gezeigt. Er wurde zu mehreren Podiumsdiskussionen eingeladen und war als Jurymitglied bei verschiedenen Filmfestivals tätig.
JÜRGEN BRÜNING lebt und arbeitet in Berlin. Seit Anfang der 80er Jahre Kinoarbeit in Berlin und in den USA. Programmauswahl in Leipzig, Ljubljana, DokumentArt und Berlinale. Zusammenarbeit mit Bruce LaBruce, Ela Troyano, Nan Goldin, Thunska Pansittivorakul, Maria Beatty, Richard Kern, Cheryl Dunye, Kristian Petersen, Manuela Kay, Claus Matthes, Tatiana Saphir, Jochen Werner, Niels Bormann, Jörn Hartmann, Susanne Sachsse u. a. 2006 hat er das Pornfilmfestival Berlin ins Leben gerufen. Möchte gerne Rentier werden.
MARIA BEATTYS Filme setzen neue Standards bezüglich der Darstellung von BDSM Filmen. Ihre einmalige Vision ist inspiriert von Andy Warhol, Rainer Werner Fassbinder, Irving Klaw und Betty Page – aber sie präsentiert sich expliziter und gewagter. Zu ihren legendären Filmen gehören „Der schwarze Handschuh“, „Strap-on-Motel“ und „The Post Apocalyptic Cowgirls“. Maria Beatty lebt in Paris und New York.