
ein Film von Lutz Pehnert und Ferdinand Hübner
Deutschland 2026, 100 Minuten, deutsche Originalfassung
„Scherbenland“ erzählt von einer Band, deren erstes Album mit der Frage begann: „Warum geht es mir so dreckig?“ – und von einer Stadt, die durch ihre Lieder verändert wurde. Anfang der 1970er Jahre wird Kreuzberg zum Experimentierfeld einer Gegenkultur. Mit Songs wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, „Alles verändert sich“ und „Der Traum ist aus“ geben Ton Steine Scherben einer Generation eine Stimme. Ihre Musik begleitet Hausbesetzungen, politische Kämpfe und die Suche nach einem anderen Leben.
Der Film folgt den Spuren dieser Zeit und fragt: Was ist von diesem Aufbruch geblieben? Und was passiert, wenn die Hymnen der Scherben auf die Songs der Gegenwart treffen? Im Berlin von heute begegnet „Scherbenland“ Musiker:innen, deren Lieder vom Leben im Kiez erzählen – darunter das Rap-Trio RAPK und die Songwriterin Maike Rosa Vogel. Ihre Musik entsteht aus dem Alltag eines Bezirks, der sich zwischen Mythos, Gentrifizierung und neuer kultureller Energie bewegt. Ein Film über Musik und Poesie als Widerstand – damals und heute. Und über die Frage, ob beides noch immer die Kraft hat, eine Stadt zu verändern.
Warum dieser Film? Der Urgrund ist identisch mit der Laudatio, die Herbert Grönemeyer 2001 auf das Lebenswerk von Rio Reiser hielt: „Er hat die schönsten deutschen Kampf- und Liebeslieder geschrieben. Er war ein wahrer Romantiker. Und er hat aus der deutschen Sprache gesungen, was rauszuholen ist.“ Rio Reiser starb 1996, vor 30 Jahren. Seine Songs sind die Untoten von Kreuzberg. Anfang 2025, um seinen 75. Geburtstag herum, wurde die Lieder der “Scherben“ und von Rio Reiser allenthalben wieder in Erinnerung gerufen. Mich brachte das auf die Idee, mich nach den „Rios“, den „Scherben“ von heute umzuhören. Ich suchte keine Rebellen, keine Protestsänger, sondern danach, wie Musik in der heutigen Zeit funktioniert, was sie erzählt, was sie bewirkt. Ich suchte nach Musikern und Bands, die mehr oder weniger in Kreuzberg, im „Scherbenland“, aufgewachsen sind und zu deren Heimat- und Erfahrungs-Inventar auch die Lieder von „Ton, Steine, Scherben“ gehören. So kam ich auf Maike Rosa Vogel und RAPK. Mehr brauchte ich nicht. Ich war auch sehr angetan von den Musikclips dieser Protagonisten, in denen das „Scherbenland“ eine jeweils ganz eigene Ästhetik findet. Diese Ästhetik in einen Dokumentarfilm zu integrieren und zugleich deren eigene Kraft und Visualität hervorzuheben, fand ich spannend.
RAPK sind eine dreiköpfige Rap-Crew aus Kreuzberg. Victor und Tariq rappen, Gustav ist für das Visuelle zuständig und dreht die Musikvideos. Sie sind in Kreuzberg aufgewachsen und kennen sich seit dem Kindergarten, besuchten dieselbe Schule und machten ihr Fachabitur gemeinsam. Rap war ihr Wegegleiter und Soundtrack. Ihre ersten Sessions machten sie in Jugendzentren am Halleschen und Schlesischen Tor. Anfangs verteilten sie ihre Tapes auf der Straße. 2017 erschien mit „Lauf“ ihr erster Song auf Spotify. Im August 2022 spielte RAPK eine kleine Show im Hole44 in Neukölln, ein Jahr später schon in der größeren Location „Huxleys Welt“. Im Oktober 2023 füllten sie bereits die Columbiahalle. Legendär sind inzwischen ihre Gratis-Konzerte am 1. Mai. 2024 traten sie vor über 10 000 Leute auf dem Rio-Reiser-Platz auf. Ihre Musik lebt von Liebe zum Detail, von realen Emotionen und Erfahrungen. Die Songs von RAPK erzählen vom Kreuzberger Alltag. Es geht um Verelendung durch Drogen, Racial Profiling im Görlitzer Park, die Polizeiwache am Kottbusser Tor, um Gentrifizierung. Sie entstehen nicht vorsätzlich aus einem sozialkritischen oder politischen Impuls, sondern aus der Wahrnehmung ihrer Umgebung und Nachbarschaft: Kreuzberg 361. Und aus der Liebe zu Ihrem Kiez. „Seit ich denken kann, beschützt mich diese Gegend“, heißt es in einem ihrer Songs.
MAIKE ROSA VOGEL hat Lieder geschrieben, die wie aus der Zeit gefallen wirken – weil sie so persönlich, so geradlinig, so berührend sind. Sie ist in einem Achtundsechziger-Elternhaus aufgewachsen, ihren zweiten Vornamen hat sie nach Rosa Luxemburg bekommen. Mit 14 gründete sie eine Schulband und begann, sich auszuprobieren: von Klippen springen, verbotenerweise Auto fahren, Drogen nehmen. Es folgten Aushilfsjobs, Reisen, jahrelanges Geldverdienen bei der Post und als Fahrradkurier. Mit 26 Jahren bewirbt sie sich an der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim. 2007 zieht sie mit ihrem Freund, einem irischen Musiker, nach Berlin. Gemeinsam haben sie eine Tochter. Als Popakademikerin, Neu-Berlinerin, Jungmutter und Hartz-IV-Empfängerin wird sie bei einem Auftritt in einem Kreuzberger Kellerlokal von Element of Crime-Sänger Sven Regener entdeckt. Dass sie die Lieder, die sie schreibt, auch auf einer Bühne singen muss, ist für sie ein Widerspruch geblieben – denn trotz ihres Erfolges hat sie sich dort nie wohl gefühlt. Doch sie hat weiter gesungen und Lieder geschrieben. Bis zu dem Punkt, an dem sie merkte, dass sie sich wiederholt. Die Konsequenz: Sie schreibt keine Lieder mehr, sie tritt nicht mehr auf. Jetzt verkauft sie Klamotten in einem Second-Hand-Laden. Aber es ist nicht ausgemacht, dass es dabei bleibt. Denn der Impuls zu schreiben, was sie bewegt oder wütend macht, steckt noch immer in ihr.
LUTZ PEHNERT (Regie & Buch) wurde 1961 in Berlin geboren. Nach seiner Ausbildung zum Schriftsetzer, arbeitete er von 1982 bis 1995 bei der Tageszeitung „Junge Welt“ und schrieb außerdem für verschiedene Zeitschriften. Seit 1995 ist er als freiberuflicher Autor und Regisseur für das Fernsehen tätig. Er realisiert Künstlerporträts, Geschichtsdokumentationen, Reise-Reportagen. Der Film „Brand“ über eine Alkoholiker-Brigade im Stahlwerk Brandenburg lief 1996 im Forum der Berlinale. Für seine mehrteilige Dokumentation über die Geschichte der ostdeutschen Seefahrt „DDR Ahoi!“ erhielt er 2011 den Grimme-Preis. Sein Film „Partisan“ über die Castorf-Ära an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gewann den 2. Panorama Publikumspreis auf der 68. Berlinale und wurde für den Deutschen Filmpreis 2019 in der Kategorie Bester Dokumentarfilm vorausgewählt.
Filmographie als Regisseur:
1996
„Brand“ (Dok., 43 Min.)
2006
„Ma vie: Wolfgang Kohlhaase“ (Dok., 45 Min.)
2008
„Deutschland, deine Künstler – Katharina Thalbach“ (Dok. 45 Min.)
2010/11
„DDR ahoi!“ (3×45 Min.)
2014
„Die Ostdeutschen“ (Dok., 5×80 Min.)
2015
„Ostrock – Zwischen Liebe und Zorn“ (Dok., 90 Min.)
2016
„Grenzland: Vom Baltikum bis zur Akropolis“ (Dok., 45 Min.), „Immer bereit! Junge Pioniere in der DDR“ (Dok., 45 Min.), „Deutschland, deine Künstler – Katrin Sass“ (Dok., 45 Min.)
2018
„Partisan“ (Dok., 130 Min.)
2018-20
„Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt“ (diverse Folgen, Dok., je 90 Min.)
2019
„Ostfrauen“ (Dok., 2×45 Min.)
2020
„Wir Ostdeutsche“ (Dok., 90 Min.), „Wer wir sind – Die DANN des Ostens“ (Dok., 90 Min.), „Die Fahrradfahrerin von Sanssouci – Jutta Hoffmann“ (Dok., 45 Min.)
2022
„Bettina“ (Dok., 107 Min.)
2026
„Kommunist“ (Dok., 123 Min.)
2026
„Scherbenland“ (Dok., 100 Min.)
FERDINAND HÜBNER (Co-Regie) wurde 2003 in Berlin geboren und studiert Filmwissenschaft und Publizistik an der Freien Universität Berlin. Erste praktische Erfahrungen sammelte er bei der Berliner Produktionsfirma solo:film. Dort arbeitete er an dem Dokumentarfilm „Scherbenland“ und war als Koregisseur maßgeblich für die Dreharbeiten mit dem Berliner Rap-Trio RapK verantwortlich. „Scherbenland“ ist seine erste größere Arbeit im Bereich Dokumentarfilm.
Regie & Buch
Lutz Pehnert
Koregie
Ferdinand Hübner
Bildgestaltung
Thomas Lütz, Thomas Hering, Florian Geyer
Ton
Michael Thäle, Rainer Hochmuth
Schnitt
Thomas Kleinwächter
Titeldesign
Daniel Rund
Farbkorrektur
Christoph Sturm
Mischung
Jörg Höhne
Archivrecherche
Peter Kolano
Produktionsassistenz
Stella M. Markert, Olgy Putsykina, Antonia Fichtmann
Produktionsleitung, rbb
Dennis Münch
Redaktion, rbb
Rolf Bergmann
Produzentin
Susann Schimk
Eine Produktion der solo:film GmbH
in Koproduktion mit Rundfunk Berlin-Brandenburg
im Verleih von Salzgeber